Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 28 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- Seite 375 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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375 verschwindender Ghetto. Unter den: Hügel des Kapitols, rund um das Theater Marcells, hat die ewige Stadt bis heute ihr Ghetto. Es ist der älteste Stadtteil Noms; durch die Schminke eines mittelalterlichen Städtebaues schauen die Neste der Antike und in die Höhlen der Erdgeschosse wuchten die Quadern, die einst Bausteine zu Tempeln und Palästen waren. Hier leben die Inden 9L o m s. Fast bis an den Tiber geht ihr Gebiet, und hier schließt die romantische Insel mit ihren hochgeschachtelten, übertürmten Bauten das Bild. In den kaum wenige Meter breiten Gassen steht die Luft, gesättigt von den Dünsten der offenen Küchen, durchlärmt von den Geräuschen der Werkstätten; vor den Türen sitzen die Mütter, arbeitend, plaudernd und überwachen die Kinder, die eine Partie Fußball spielen, da, wo nicht einmal der kleinste Wagen Platz zum Passieren hat. Laden schließt sich an Werkstatt, Werkstatt an Laden; hier wohnen bekannte Schuhmacher, die sich noch mit ihrem Gewerbefleiß mühsam gegen die Industrie verteidigen, auch Schreiner und ein paar Schmiede haben sich noch erhalten können. Trotzdem die Juden in Italien wie in anderen Ländern vom Gewerbe ausgeschlossen, -aus den Innungen verdrängt und auf den Paradies des nördlichen Scbwarzwaldes. Weltberühmter Hers¬ und Nervenkurort. Bevorzugte Sommerfrische. Ideales Luft- und Sonnenbad. 12000 Kurfrenide, Bildiiihrer durch den Kur verein. reinen Handel, meist einen regelrechten Trödel- und Altkramhandel, Zurückgedrängt wurden. Wenn sie bei diesem Gewerbe nicht im gleichen Maße verarmten wie die russischen Brüder, so deshalb, weil die reiche Kultur und alte Zivilisation gerade im Althandel den römischen Juden Werte in die Hand spielte, die sachgemäß ausgewertet einen blühenden Antiquariatshandel erwachsen ließen. Freilich: Unkenntnis, Armut und Unbildung hinderten auch hier meist ein Vorwärtskommen; die Trödler des Ghetto wußten meist nicht, welche Werte sie in der Hand hatten; so waren die wirklich Verdienenden immer wieder diejenigen, die dank besserer Vermögensverhültnisse aus dem Ghetto herausgewachsen waren. Erst' nach dem Kriege, als eine Hausse in den Renaissance- und Barockbrokaten und -samten einsetzte, bemerkten die Händler, daß sie dank der immer noch unerschöpflichen Quellen an Vorräten den Markt in Händen hatten, und aus dem Wochenmarkt von Campo dei Fiori, einem bisher verachteten Sammelpunkt sämtlicher Trödler, wurde ein wichtiger Platz, auf dem Köstlichkeiten auch als Köstlichkeiten gehandelt wurden, und dessen Bedeutung so wuchs, daß die Antiquare der ganzen Welt ihn zum Einkauf aufsuchten. Campo dei Fiori, für alle Reisenden ein letztes Stück echtesten Folklore; hier wird noch jene Abart des römischen Dialekts gesprochen, geschrien, gelacht und geweint, welche die Juden Noms durch Jahrhunderte im Ghetto ausgebildet haben. Hier strömen aus all den Höhlen und Löchern der frühmittelalterlichen Häuser und Palastreste die Ghettofamilien zusammen, Väter, Mütter, Söhne, Töchter: alle arbeiten in schöner patriarchalischer Art zusammen; sie bauen ihre Stände mit künstlerischem Geschmack, sie sorgen an jedem Mittwoch für eine neue Auslese von köstlichen Stoffen, von antikem Silber, von Kunstschmiedewaren, alten Büchern und manchem schönen Möbel. Wenn die Sonne auf Campo dei Fiori glüht, wenn Zwischen den langen Budenreihen die Menge der Römer und Fremden kaufend, handelnd, gaffend aus- und abwogt, wenn die Händler mit großen Gobelins über dem Arm preisend den Kunden verfolgen und die Preise von einer phantastischen Höhe bis auf ein normales Maß heruntergehen, dann ist ein päpstliches, mittelalterliches Rom noch einmal aufgestanden, das nur zu bald verschwinden wird. Elend sind die Wohnungen; jene finsteren Verließe, unter deren gewölbter Decke ganze Familien hausen, gleichen Höhlen. Jeder Winkel birgt eine Lagerstatt, in allen Ecken gibt es Verschlüge, hinter denen die Vorräte aufbewahrt sind. Die vielen Kinder, die Verwandten, alte Mütterchen, der arbeitende Mann, die schon tätigen Söhne, alle hausen sie in dem einzigen Raum. Wenn die Menschen trotz dieser unwürdigen Unterkunft gesund blieben, so verdanken sie es dem italienischen Klima, das einen ständigen Aufenthalt auf der Straße oder zum mindesten vor der Tür ermöglicht. Dieses ebenso kleine wie bevölkerte Viertel bewirkt aber, daß die Juden Roms eine starke Gemeinschaft wurden, fest Umrissen in ihren guten und schlechten Eigenschaften, zäh und tüchtig: sie blieben gute Juden, auch wenn sie, da sie unter den Architraven mit den Herrenall) das historische Bad mit neuzeitlichsten Einrichtungen antiken Inschriften aufwuchsen, gute Römer geworden sind. Aber das Ghetto verschwindet. Das römische Governaturat hat einen Stadtbauplan ausgearbeitet, der eine vollkommene Regulierung der alten Zone vorsieht. Ganze Straßenzüge sollen beseitigt werden; Viele Häuserblocks sielen schon, und das Rom des 11. und 12. Jahrhunderts, in das die Juden einst verbannt worden, wird in wenigen Jahren nicht mehr existieren. Diejenigen, die ihre alten Häuser bereits verlassen" müßten, werden in guten und gefunden Neubauten untergebracht. Die neu entstehenden Stadtviertel, in denen naturgemäß Mangel an Geschäften, Werkstätten usw. ist, bieten neue Erwerbsmöglichkeiten, und man hofft, so endlich die ersten Stufen zu einem sozialen Aufstieg, der bisher so gut wie unmöglich war, erreicht zu haben. g. r. Arbeit für Frieden und Recht. Am Tage der Rheinlandräumung hielt Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin), der stellvertretende Vorsitzende des Centralvereins, auf Einladung der französischen Liga für Menschenrechte einen Vortrag über die Dreyfus-Affäre in Paris, der so stark besucht war, daß Tausende keinen Einlaß in den Vortragssaal fanden. — Der Vortrag endete in einem Ruf nach Frieden, in den die Versammlung begeistert einstimmte. Die Gattin des Obersten Drehsus sowie eine Reihe der an der berühmten „Affäre" als Vorkämpfer des Rechts beteiligten Persönlichkeiten wohnten dem Vortrage bei. Im Anschluß an den Vortrag beschloß die französische Liga für Menschenrechte, die französische Regierung dringend zu ersuchen, die Geheimakten über den Fall zu veröffentlichen und damit auch ihrerseits das Letzte zur Klärung dieses historischen Prozesses beizutragen. — Dr. Weil und Gattin waren Tischgäste der Dreyfusschen Familie und wurden auch sonst mannigfach in Paris durch Aufmerksamkeiten geehrt. SONETT dem Nichtraucher gewidmet. Du weisst ja nicht, was Zigaretten geben, Du, der Du, Freund, grundsätzlich niemals rauchest. Du sagst, dass Zigaretten Du nicht brauchest. Was hast Du, Freund, denn dann von Deinem Leben? Es werden blaue Tabakswolken eben. Wenn nie Du Kringel in die Lüfte hauchest Weil Du in ihnen niemals untertauchest —, Auch nie Dich über alles Ird’sche heben. Denn das Geheimnis einer Zigarette Ist, dass sie nicht mit einem Peitschenschlage Wie Alkohol Dich antreibt — und die Kette Bereit schon hält zu sich’rer Niederlage. Nein! — Wähle „Dritte Sorte“ — und ich wette, Sie gibt Dir neue Kraft an jedem Tage. w. H. Wo!ff