Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-07-11 · 28 (11.7.1930) · p. Seite 367

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
28 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
Seite 367 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277676-2277704--06124-2286923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

NSDAP,-Geist heisst Zersetzung. „Die Zustände an der Jenaer Universität sind unhaltbar** — Vorstoss gegen die Reidtswehr — Hitlers Führerautorität im Wanken — Nationalsozialisten bedrohen sith mit Gewalttaten. Heule würde wohl Reuters Pastor Hanne Nüte nicht mehr den Rat geben: „Ein Wurd noch, Sühn: Ich würde hoch nach Jena gehen!" Heute müßte oer würdige Herr Pastor dem Mulus abraten, die Universität Zu beziehen, auf deren historischem Lehrstuhl einst Schiller sich mit dem Problem auseinandersetzte „Was heißt und Zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" Universalgeschichte interessiert die jungen Akademiker, die als Hitler-Reaktionäre das dritte Reich erhoffen, recht wenig. Ihr Gesichtskreis ist eng, mit Absicht eng begrenzt. Sie beginnen die völkische Erneuerung, indem sie mit Günthers Rassenlehren Deutschland dezimieren. Sie beginnen den Aufbau der Diktatur, indem sie die Grundlage jeder Diktatur, den Autoritätsglauben, vernichten. Bisher galt im akademischen Staat wenigstens für den Studenten der Glaube an die Autorität der geistigen Führer. Jetzt sagt man sich von ihn: los und die Jenenser Studenten frondieren gegen ihren Rektor. Adolf Hitlers Gebot gilt ihnen höher als der einstimmige Protest der wissenschaftlichen Welt gegen die Qualitäten des neuen Rassenprofessors. Mit Recht klagt der Rektor der Universität über den einzigartigen Vorgang: Studenten, die gegen Rektor und Professorenschaft rebellieren, werden vom Kultusminister in ihrer Fronde bestärkt. Herr Frick attestiert ihnen, die Herrn Dr. Günther bejubeln, daß sie „mehr Verständnis für die Schaffung notwendiger Voraussetzungen zu Deutschlands Erneuerung haben als die Vertreter zünftiger Wissenschaft". „Die Zustände an der Jenaer Universität sind," so schreibt ihr Rektor, „schlechterdings u n h a l t b a r." Und Hanne Nüte würde, suchte er sich 1930 eine alma mater, gut daran tun, den völkischen Tummelplatz zu meiden. Man mns; sich wundern, daß den Nationalsozialisten, deren organisatorische Stärke ans dem Glauben an die Autorität Hitlers beruht, nicht Bedenken bei dieser Unterminierung des Autoritätsglaubens kommen. Sie reißen alles n i e d e r und stürzen heute die Götter, die sie n o cf) gestern angebetet habe n. Es ist bekannt, wie sie den früher von ihnen als Nationalhelden verehrten Reichspräsidenten begeifern. Es wird erst allmählich einer breiteren Oeffentlichkeit bekannt, daß diese Partei der Wehrhaftigkeit nun auch gegen das Symbol und die Pflanzstätte des Wehrgedankens, die Reichswehr, eifert. Daß der Reichswehrminister, demokratischer Gedankengänge verdächtig, keine Autorität bei ihnen gelließt, mag hingenommen werden. Daß aber „Der deutsche Frontsoldat" (Beilage zunr „Völkischen Beobachter") gegen die „Generalclique" \m Reichswehrministerium zu Felde zieht, die militärische Tüchtigkeit führender Reichswehrgenerale bezweifelt, unter Namensnennung einige Generäle als besonders gesinnungstüchtige Streber brandmarkt, muß wundernehmen. Wird so die Zucht des Heeres und der Einordnungswille der Mannschaft gefördert? Der Reichstagsabgeordnete Hauptmann Goehring, der die Zugkraft seines Namens durch das schmückende Beiwort „der letzte Held der Fliegerstaffel Nichthofen" zu erhöhen sucht, spottet im Berliner Sportpalast über das vergebliche Bemühen des Reichswehrministers und seiner Generäle, die Reichswehr vor nationalsozialistischer Zersetzung zu bewahren. D i e R e i ch s io e h r, meint Herr G o e h r i n g. braucht von den Nationalsozial i st e n n i ch t nr e h r z e r s e tz t z u w e r d e n. Sie steht bereits im nationalsozia l i st i s ch e n L a g e r. Dieses Renommistentum gehört zum nationalsozialistischen Parteigeschäft. Der Wunsch ist hier Vater des Gedankens. Aus solchen Wünschen werden die Angriffe verständlich, die man gegen die höchsten Vorgesetzten der Reichswehr erhebt. Man will die Mannschaft von ihren verantwortungsbewußten Führern trennen und greift bei dieser Taktik selbst zu persönlicher Verunglimpfung der militärischen Vorgesetzten. In einem vertraulichen Rundschreiben einer rechtsradikalen Wehrorganisation äußerten kürzlich einmal die Führer dieses Verbandes Bedenken gegen eine allzu krasse Agitation. Man dürfe die Autorität nicht allzu tief untergraben, w olle mannichtGefahrlaufen, daß d i e A n h ä n g e r jeden Autoritätsglauben verlieren. Sonst könne man im Falle der Machtergreifung gewärtigen, daß auch die eigene Führerautorität angezweifelt werde und man seine Freunde nicht mehr in der Hand behielte. Herr Hitler, der sich auf höchstem Piedestal anbeten läßt und in politischen Dingen nach Dinker sogar „Unfehlbarkeit" für sich in Anspruch nimmt, scheint bisher nicht zu merken, daß auch einige Stein chen des Sockels, auf dem sein Thron aufgebaut ist, abzubröckeln beginnen. Dr. Otto Straffer, früherer linker Sozialdemokrat, Mitglied des republikanischen Führerbundes, gegenwärtig nationalsozialistischer Mystiker und Herausgeber der Berliner Tageszeitung „Der nationale Sozialist" hält die Politik Hitlers nicht mehr für unfehlbar. Er ist aus der Partei ausgetreten und ihm ist eine ganze Anzahl führender Nationalsozialisten, wie Buchrucker, der Führer des Küstriner Putsches, Schriftsteller wie Herbert Blank, Agitatoren wie Mossakowsky gefolgt. Grund für die Sezession: die um Straffer sind revolutionäre Sozialisten, die mit Rußland und Gandhi sympathisieren. Hitler aber begnügt sich, so meinen die revolutionären Nationalsozialisten, mit Stimmenfang der Kleinbürger, mit parlamentarischem Paktieren, er begönnert die „Bonzen" und drosselt den revolutionären Elan der Bewegung ab. Die Vorwürfe werden in dem Jargon, der bei den Nationalsozialisten üblich ist, kräftig zurückgegeben. Die Sezessionisten seien „Salonbolschewisten", „politische Wandervögel" und „wurzellose Literaten"; daß sie ihre Tageszeitung erhalten können, verdanken sie, so wird verschämt angedeutet, ihrer Vorliebe für das bolschewistische Rußland. Es splittert kräftig im Gebälk der Hitler-Partei. In Plauen rebelliert man gegen den Kadavergehorsmn, in Prenzlau sind die Stadtverordnete der NSDAP, zu ben revolutionären Sozialisten gestoßen, in Schleswig-Holstein haben sich ganze Gruppen, die sich die Partei im Sturm des Winters 1928/29 erobert hatte, abgespalten. Das Beispiel Oesterreichs, wo zwei nationalsozialistische Parteien in heftiger Fehde miteinander stehen, macht in Deutschland Schule. Noch ist es nicht so weit, daß der „Krach im Hitler-Lager" die gesamte Wählerschaft aufhorchen ließe und sie bewegte, die Partei, der sie aus Verlegenheit ihre Stimme gab, wieder zu verlassen. Aber mit der Zeit wird die Wählerschaft, jetzt, wo man gegenseitig „enthüllt", die Führer und die „einheitliche sittenreine Bewegung" in der Brüchigkeit kennenlernen, die zu schildern bisher der „jüdisch-marxistischen" Presse Vorbehalten war. Dem deutschen Bürger, der aus wirtschaftlicher Depression etwa in Gotha oder in Sachsen für die Nationalsozia-. listen gestimmt hat, find Parolen wie „Knüppelt sie nieder!" nicht sonderlich angenehm. Werden sie gegen Reichsbanner, Kommunisten oder Juden erhoben, so läßt er sie noch durchgehen. Jetzt aber muß er erleben, daß Nationalsozialisten folgende Warnung im „Nationalen Sozialist" zu veröffentlichen gezwungen sind: „Knüppelt sie nieder!" Mit diesen Worten hat der Berliner Gauführer Dr. Goebbels der NSDAP, mangels geistiger Waffen den Kampf gegen die revolutionären Nationalsozialisten eingeleitet. In Befolgung dieser Mordparole hat eine Gewalthetze gegen unsere Zeitungshändler und gegen unsere als revolutionäre Nationalsozialisten bekannten Freunde eingesetzt. Wir wachen Herrn Dr. Goebbels menschlich und juristisch fiir jede einzelne derartige Gewalttat persönlich verantwortlich. Buchrucker. Otto Stratzer. Und Herr Mossakowsky muß sich gegen die „Hetzreden" des gleichen Dr. Goebbels wie dagegen wehren, „daß im Umkreis des Herrn D r. Goebbels die Verbreitung bewuß -- ter Unwahrheiten sich zur nieolichen Methode zu entw t cf eln b e - ginn t". Das sind Protestrufe von Kampfgenossen, die noch vor wenigen Tagen gemeinsam um die Gunst der Wähler warben. Also logen die bösen Juden doch nicht, wenn sie von Gewaltanwendung und Verleumdung als nationalsozialistischer Methodik sprachen. Vielleicht beginnt jetzt jener bislang gläubige bürgerliche Wähler endlich aufzubegehren gegen Führer, die Bluttat und Verleumdung in verantwortungslosem Größenwahn als Kampfmittel sauktionieren. An diesen Auseinandersetzungen werden die bürgerlichen Freunde aus der Industrie wenig Freude haben. Der Vorstoß in das marxistische Lager ist mißlungen. Die bürgerlichen Elemente, die sich Hitler angeschlossen haben, werden gewiß nicht zu den bürgerlichen Parteien zurückgehen, die ihnen in nationalsozialistischen Versammlungen als „korrupt", „feige" und „schlapp" charakterisiert wurden. Ob die Herren Geldgeber nicht wenigstens jetzt, spä t, aber nicht zu spät, e r k e n n e n, daß ihre Rechnung falsch war? Ob nicht endlich auch die bürgerlichen Parteien in Thüringer: und in Sachsen sich von den Nationalsozialisten lösen wollen, deren Prestige sie nur durch Koalition oder Koalitionsbereitschaft auf Kosten des eigenen Wahlerfolges erhöht haben? Die Deutsche Volkspartei hat in Thüringen den ersten Schritt getan, sich von Herrn Frick zu lösen. Sie hat zwar nicht, wie es notwendig gewesen wäre, für den Mißtrauensantrag der Demokraten und Sozialisten gestimmt; sie hat sich aber wenigstens der Stimme enthalten und so Herrn Frick zu erkennen gegeben, daß er und seine Partei nicht mehr das Vertrauen der Volksparteiler besitzen. Eine Partei mit lib^ raler Tradition, die sich zun: Geist der Freiheit, der Wahrheit und der Sittlichkeit bekennt, von dem Schiller in seiner Jenaer akademischen Antrittsrede spricht, sollte endgülitg brechen mit einer Bewegung, in der Blut- und Gewalttat, Verleumdung und ungeistige Kampfesweise zur politischen Methode geworden sind. Dr. Hans Reichmann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.