Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 23 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- Seite 297 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ser lin, H. Juni 193$ IX. Jahrgang ♦ Ar. 23 Einzelnummer 20 Pfennig lintml Worein Blatter für ^eutfcktum und Juventum Bierteljahrsabonnement SS» RM. (zuzügl. Bestellgeld). 'tzryan öes tentml VereiasAeutfestex^ ötaatsdüryer Züöifctten Maudens e.V. AUtzsmsins IsikunH des Dudeatums Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 18. Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Cxpedition Rudolf Mosse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JtM für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moste; Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 Mi, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JIM. „Ansen Geduld ist ru GM MteiamMe Pogromhetze der" ' ": (Sonder bericht für * Hameln, 2. Juni 1930. Die Stadtist in ungeheuerer Erregung. Die jüdische Bevölkerung, mit ihr aber alle Bürger, soweit sie dem nationalsozialistischen Gifte noch nicht erlegen sind, fragen voller Empörung, ob wir noch in einem Nechtsstaate leben! Am Sonnabend, dem 31. Mai, ging ein Sturzregen roter Handzettel über Hameln nieder. -Mordversuch an dem Nationalsozialisten W. in Hameln" ist die schreiende Ueberschrift. Unterzeichnet: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, H. Schmidt, Bezirksleiter. Im Text wird gesagt, daß ein Nationalsozialist von einem jüdischen Viehhändler im Beisein anderer Juden in der Nacht vom 29. zum 30. Mai beim Verlassen eines Kaffees hinterrücks überfallen und zu Boden geschlagen worden sei. Messerstiche, Blutergüsse zeugten von der „Heldentat" des „auserwählten Volkes". Der Nationalsozialist liege schwerverletzt darnieder; sein Leben sei in Gefahr! Und dann heißt es wörtlich: „. . . Wir stellen fest, daß von uns bisher in Hameln kein Jude tätlich angegriffen wurde! Wer läßt sich solche Taten aber gefallen. Unsere Geduld ist zu Ende! Schlagt die Juden, wo ihr sie trefft! Da der Wirt des Kaffee Kropp sein Telephon für die Benachrichtigung der Polizei nicht zur Verfügung stellen wollte, verbieten wir hiermit unseren Mitgliedern, noch weiter dort zu verkehren. Jeder Freund unserer Bewegung meidet das Lokal. Ein anständiger Mensch verkehrt dort nicht mehr. . .!" Unverhohlene Aufforderung zu Gewalttätigkeiten gegen die Hamelner Juden, gegen alle Juden, deutliche Aufforderung zum strafbaren Boykott! — Das ist der Inhalt des nationalsozialistischen Handzettels. Die Polizei beschlagnahmt ihn sofort. Er wird trotzdem weiter verbreitet. Tags darauf erscheint die nationalsozialistische „Niederdeutsche Zeitung", Ausgabe Hameln. In riesigen Lettern ist zu lesen: Mord und Raubmord! Die viehische Tat eines Viehhändlers." die V(L V.-Zeitung ".) Die Szene vor dem Kaffeehaus wird in blutrünstiger Weise geschildert. Am 2. Juni bringt die volksparteil i ch e „Deisteru n d W e s e r z e i t u n 9* eine Sachdarstellung an Hand polizeilichen Materials. Wir entnehmen ihr folgende Tatsachen: „. . . Der Viehhändler £. aus Hess.- Oldendorf wurde, so wird uns berichtet, in dem Kaffee, wo er allein satz, von dem hiesigen Bankbeamten W. angepöbelt. Nachdem infolge des Eintritts der Polizeistunde das Lokal geschlossen worden war, setzten sich die Auseinandersetzungen vor der Tür fort. Als L.' von W. wieder beleidigt worden war, versetzte er dem W. eine schallende Ohrfeige. Bald darauf war eine heftige Schlägerei im Gange, in deren Verlaus auch eine Scheibe des vor der Tür haltenden Autos des L. zertrümmert wurde. . . . Nachrichten, die durch die Presse gehen und nach denen der Nationalsozialist W. überfallen und durch Messerstiche schwerverletzt worden sein soll, so datz er ins Krankenhaus gebracht werden mutzte, entsprechen nicht d e n T a t s a ch e n. W. und L. haben sich bei der Schlägerei auf der Erde in den Glasscherben der zertrümmerten Autosensterscheibe gewälzt, wobei die Splitter wohl die Risse in der Kleidung und auch die Verletzungen des W. zur Folge hatten, die zur Legende der „Messerstiche" Anlaß gaben. Der Vorfall ist überhaupt stark aufgebaufcht worden. Die hiesige Kriminalpolizei hat die Schlägerei für so geringfügig erachtet, daß sie uns keine Nachricht davon gegeben hat." Ein Jude hat also das in den Augen der Nationalsozialisten straffällige Verbrechen begangen, sich gegen die Beleidigungen eines Nationalsozialisten zur Wehr zu setzen, und, was noch fluchwürdiger ist, er war stärker als der Nationalsozialist und versetzte ihm eine kräftige Tracht Prügel. Und die Nationalsozialisten, deren Sturmabteilungen täglich mit Knüppeln und Messern losgehen, sind plötzlich die Bedrohten und rufen, als ob der Staat versagt hätte, zur Selbsthilfe, zu Pogromen auf! Der für Hameln zuständige Syndikus des C. V. begab sich auf die Nachricht von den Vorgängen hin sofort nach Hameln. Eine Reihe von. Maßnahmen juristischer Art wurden mit den Hamelner Freunden des C. V. besprochen, Thüringen. Um das Schächtverbot. - Die Nationalsozialistenvernichlenden Fremdenverkehr Sonderbericht für die „C. B.- Zeitung". Weimar, den 3. Juni 1930. Der thüringische Landtag behandelte am Dienstag den Gesetzentwurf der nationalsozialistischen Landtagsfraktion . über ein Schächtverb 0 t. Da es sich um die erste Lesung handelte, wurden Abstimmungen nicht durchgeführt. Der Antrag wurde vielmehr dem Gesetzgebungsausschuß überwiesen. Hier wird der Antrag aber vorläufig nicht bearbeitet werden, weil die Negierung erklären ließ, daß ihr ein vom Wirtschastsministerium ausgearbeiteter Gesetzentwurf über den Tiers ch u tz vorliege. Wenn dieser Entwurf vom Kabinett erledigt sei, werde er dem Landtag ugehen. Es hat aber den Anschein, datz dies obald nicht geschehen wird, denn bei einzelnen Parteien machen sich gewisse Schwierigkeiten bemerkbar, da sie es nicht werden verantworten können, sich über die von dem thüringischen F l e i s ch e r v e r b a n d in einer Eingabe an den Landtag vorgebrachten Bedenken über die .wirtschaftlichen Nachteile eines solchen Verbots für Thüringen hinwegzusetzen. Aus der Verhandlung selbst ist folgendes sestzustellen: Zu dem nationalsozialistischen Anträge nahmen nur die Antragsteller in zustimmendem Sinne Stellung. Deu tschna ti0nale und Landbund 'enthielten sich jeder Aeußerung. Wirtfchaftspartei und Deutsche Volks- Partei wollten sich erst bei den Ausschußverhandlungen festlegen; die Volkspartei wies auf gewisse Bedenken hin, die dieser Antrag schon dadurch Hervorrufen müsse, daß er von den Nationalsozialisten gestellt wurde. Der demokratische Abgeordnete hielt eine Nachprüfung der aufgeworfenen Frage für durchaus erwägenswert, weil selbst die berufenen Sachverständigen über das Schächten zu keiner einheitlichen Beurteilung gekommen feien, er schob aber die wirtschaftlichen Gesichtspunkte für Thüringen in den Vordergrund, die gegen den Antrag sprächen. Die Sozialdemokraten verneinten die Zuständigkeit des Landes für den Erlaß eines Schächtverbots, und sie verwiesen außerdem auf das Gutachten des l!?!Ii!!Il!'!I'!lII!?II!!iIl!!III!!!I!!!!I!III!IiIIIII!>!!II!!!!I!!!IlI!!!!l!!l!!!!!!I!!!!lI!lI>!!!!i!iI>iIl!!!!i Aus dem Inhalt: Privatdozent Dr. Albert S i m o n s (Berlin): Ferdinand Blumenthal. Seite 300. -— Ludwig Holländer: Streifzüge. Seite 301.— Leo Hirsch: Sündenpfuhl Berlin. Seite302 43485