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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-30 · 22 (30.5.1930) · p. Seite 290

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
Seite 290 (sequence 6)
Language
German
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2-0 in kurzer Zeit bessern werden. Denn der moralische Niedergang ist ja in vielen, vielleicht in den meisten Fällen durch wrrtschastliche Nöte hervorgerufen. Not hat ja noch immer demoralisierend gewirkt. Wird aber nun wohl dieser Zersetzungsprozetz im Judentum der Gegenwart weiter vorwärtsschreiten, zumal keine Aussichten bestehen, daß wir wirtschaftlich so bald wieder hochkommen werden? Wir möchten diesem Pessimismus nicht das Wort reden. Merkwürdigerweise hat gerade heute, da so vielen die sittlichen Werte aus den Händen zu gleiten scheinen, die Menschen die Sehnsucht nach de m Göttlichen, der Hang zum Metaphysischen stark ergrissen. Rückkehr zur Gläubigkeit entspricht dem Wesen unserer Zeit. Und auch im Judentum hat man den Wert des religiösen Erlebens wieder neu entdeckt. Besonders in unseren Grotzgemeinden, die heute den überwiegend größten Teil der deutschen Judenheit darstellen, sehen wir, daß auch die bisher Lauen und Gleichgültigen wieder häufiger und regelmäßiger als früher unsere Synagogen aussuchen. Ein reges Interesse können wir auch für unsere Religionsguellen, für die ruhmvolle Vergangenheit unserer Glaubensgemeinschaft, überhaupt für alle Fragen, die mit dem Judentum in irgendeinem Zusammenhänge stehen, feststellen. Denen, die darüber im Bilde find. was im Centralverein mit seinen vielen Landesverbänden und Ortsgruppen das Jahr hindurch geleistet wird, sagen wir hinsichtlich des Letztgenannten nichts neues. Gerade hier sehen wir, wie so viele, denen ihr Berus kaum eine Stunde der Muße übrig läßt, nre versagen, wenn der Centralverein sie ruft. Diese Erneuerung, diese Rückkehr wird gewiß auch der sittlichen Aufrichtung förderlich sein. Hoffnungsvoll stimmt uns auch ein Blick auf die vielen jungen jüdischen Menschen, die sich heute in Jugendbünden und Jugendgemeinden zusammengesunden haben und als die wichtigste Aufgabe ihrer Bestrebungen betrachten, sich zu tadellosen, körperlich und seelisch gesunden Menschen, zu wertvollen Staatsbürgern und charaktervollen Juden heranzubilden. In diesem Zusammenhänge seien auch die Wohlfahrtsvereine,insbesondere die Frauenvereine, die C. V. - Frauengruppen, die Schwesternvereinigungen der Logen und der Jüdische Frauenbund erwähnt. Sie haben in neuerer Zeit in richtiger Erkenntnis dessen, was die Stunde fordert, in ihr Arbeitsgebiet auch Milderung der sittlichen Not miteingeschlossen und betätigen sich auch hier erfolgreich gemeinsam mit Rabbinern und Lehrern der Gemeinden. Sie haben schon viele junge gefährdete Menschen vor sittlichem Untergang bewahrt. Ist dies alles, was wir hier angeführt haben, zu dem wir noch viel hinzufügen könnten, nicht sehr verheißungsvoll? Wichtig erscyeint uns auch besonders im Hinblick auf unsere Centralvereins-Arbeit, im Hinblick auf unsere Arbeit am jüdischen Menschen, damit es ihm gelinge, Deutschtum und Judentum in ihren edelsten und reinsten Auswirkungen zur Entfaltung zu bringen: Bringen wir den Mut auf, gerade in diesen Zeiten sittlichen Niedergangs, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Beschönigen wir nichts und übersehen wir nichts, was an Menschlichem, Allzumenschlichem uns entgegentritt. Mit Verdrängung — im Sinne Freud scher Terminologie — kommen wir nicht weiter. Klären wir aus in Schule und Haus, bevor es zu spät ist.' Auch davon geht heilende Wirkung aus. Wer in die Untiefen einmal einen Blick getan, wird sich erst von ihnen abwenden wollen und sein Leben nach anderen Grundsätzen formen, als sie dort — in den Niederungen — Norm sind. Für ihn wird Richtschnur das Wort des Talmud sein: Wer kein Schamgefühl besitzt, von dem wissen wir, daß seine Väter nicht am Sinai gestanden. (Talm. babl. 20a.) 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