Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Berliner Kundgebung der jüdischen Jugend. Auf Einladung des Landesausschusses Berlin der jüdischen Jugendverbände bekundete im Berliner Stadthaus die Jugend aller Richtungen und Parteien einmütig die Forderung auf Schaffung eines Jugend- und Gemeindehauses. Der Aufmarsch von mehr als zweitausend Jugendlichen hinterliess einen deutlichen Eindruck von dem tiefen Ernst, mit dem eine neue Jugend sich das Erbe ihrer Väter zu erwerben sucht. Der Vorsitzende des Landesausschusses, Martin Sobotker, führte in seinen Begrüssnngsworten — denen Chorgesang der „Deutsch-jüdischen Jugendgemeinschaft“ und besonders für diese Veranstaltung komponierte Lagermusik der „Kadimali“ vorausging — aus, dass die Idee der Schaffung eines Jugend- und Gemeindehauses nicht allein von der Jugend in Anspruch genommen werde. Sie habe sich aber über alle Parteigruppen hinweg zu gemeinsamer Arbeit zusammengeschlossen und schon dadurch einen Mittelpunkt jüdischen Jugendlebens geschaffen. Verantwortungsbewusstsein und Wille der Jugend werden auch dieses Zentrum jüdischen Gemeindelebens entstehen lassen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Direktor Kareski, begriisste die Versammlung namens der Berliner Gemeinde und gab die Zusicherung, dass der Vorstand, bemüht sei, trotz der schwierigen finanziellen Lage die Forderung der Jugend zu erfüllen. Dr. Georg Lubinski begründete in klaren, temperamentvollen Ausführungen die Notwendigkeit, ein grosses, zentrales Jugendheim für die Berliner jüdische Jugend zu schaffen. Vertreter aller Fraktionen der Repräsentantenversammlung gaben einmütig ihre Zustimmung zu der Forderung der Jugend. Zum Schluss fasste Dr. Ludwig T i e t z als Vorsitzender des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände die Forderungen der jüdischen Jugend im jüdischen Leben der Gegenwart noch einmal zusammen und sprach die Hoffnung aus, dass die Versammlung der letzte Anstoss zur Verwirklichung des Baus gewesen sein möge, von dem es einst heissen soll: Alle haben es gewollt — alle haben es getan! D. J. J. G. Ein Jugend-Kalender. Die Deutsch - jüdische Jugendgemeinschaft gibt für ihre Freunde einen ausgezeichnet aufgemachten Kalender heraus, der einen guten Ueberblick über die Organisationen der Deutsch-jüdischen Jugendgemeinschaft und die sie tragenden Ideen sowie auch über die anderen jüdischen Jugendbünde gewährt. Daneben enthält der Kalender eine vollständige Uebersicht über die jüdischen Parteien, die jüdischen Jugendzeitschriften und die wichtigsten jüdischen Zeitungen. Mit Rücksicht auf die zunehmende Politisierung der Schuljugend, insbesondere im nationalsozialistischen Sinne, ist eine knappe Zusammenstellung der Grundtatsachen, deren Kenntnis für den deutschen Juden zur Verteidigung seines Standpunktes wichtig ist, dem Kalender eingefügt. Wir wünschen diesem mit viel Liebe und Sorgfalt zusammengestellt-en Heft weiteste Verbreitung auch in Kreisen, die noch nicht organisatorisch zur DJJG. gehören. Elternabende. Zwei grosse Elternabende, die im April stattfanden, legten Zeugnis von der ausgezeichneten Erziehungsarbeit ab, die der Bund an seinen Menschen leistet. Sie gaben auch den zahlreich erschienenen Eltern einen Begriff davon, was das Leben in der Jugendbewegung für die Jugend bedeutet. Sicherlich wird sich die Wirkung dieser Veranstaltungen nach beiden Reiten, der der Eltern wie der Jugendlichen, zum Wohle der Gesamtheit erweisen. Der Düsseldorfer Spreehchor. Zum Tage des Buches veranstaltete der Düsseldorfer Stadtausschuss für Jugendpflege eine Jugendkundgebung, bei der der Spreehchor des Jüdischen Jugend Vereins Düsseldorf als einzige hündische Organisation mitwirkte und in wirkungsvoller Weise (unter Leitung von Herbert Felsenthal) die Schöpfungsgeschichte in der Ucbersetzung von Martin Buber zum Vortrag brachte. Wirtschaft, Zukunft und Die Wirtsdiaftssituation der deutschen Juden. S. Adler -Rudel veröffentlicht nunmehr in einem im Maiheft (S. 161 ff.) der Zeitschrift „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik“ (herausgegeben von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und Arbeitsnachweise, Berlin, das irth&fts- und aufschlussreiche Referat, das er vor kurzem auf einem vom Landesausschuss Berlin der jüdischen Jugendverbände veranstalteten Ausspracheabend hielt. Die Wirtschaftslage der deutschen Juden ist eng verknüpft mit der Wirtschaftssituation ihrer nicht jüdischen Umwelt. Die ökonomische Entwicklung der Gegenwart, gekennzeichnet durch Kapitalkonzentration, Versachlichung der Unternehmung, zunehmende Bedeutung der Öffentlichen Hand und der Konsumgenossenschaften, erschweren dem jüdischen Menschen das Dasein im Wirtschaftsleben der Gegenwart besonders stark. Dazu kommt, dass Krieg und Inflation das Mittel- und Kleinbürgertum, den sog. Mittelstand, dem infolge ihrer eigenartigen Berufsschichtung weit mehr als die Hälfte aller deutschen Juden angehört, am meisten getroffen haben. Dies um so mehr, als den Juden, wie uns die tägliche Erfahrung lehrt, der Uebergang in das Heer der Angestellten erschwert, in vielen Fällen sogar gänzlich unmöglich gemacht wird. „Die Verengung des Arbeitsmarktes für die gesteigerte Zahl der jüdischen Arbeitnehmer ist eine der traurigsten Erscheinungen der gegenwärtigen Wirtschaftssituation und eines der wichtigsten Probleme, die heute die jüdische Oeffentlichkeit beschäftigen.“ Von dieser Verengung des Arbeitsmarktes werden die Menschen, die im Alter von 40 bis 60 Jahren stehen und ihre selbständige Existenz verloren oder als Angestellte abgebaut wuirden, in erheblicherem Masse in Mitleidenschaft gezogen als die junge Generation. Ihr dürfte eher zu helfen sein. Adler- Rudel gab sodann eine Prognose der Wirtschaftsentwicklung der nächsten Zeit. In derselben Nummer der genannten Zeitschrift schreibt Dr. Alfred Marcus über „D i e Juden im deutschen Metallhand e 1“, eine Arbeit, die einen Auszug aus einer demnächst erscheinenden grösseren Monographie „Die Proletarisierung der deutschen Juden“ darstellt. Schriften wie die von Adler-Rudel und Dr. Marcus sind Die Schule als Arbeitsfeld. An einem hiesigen Realgymnasium besteht für die Unter- und Oberprimaner seit einem Jahr eine Arbeitsgemeinschaft für Staatsbürgerkunde, deren Mitglieder aktuelle Fragen arbeitsteilig behandeln und diskutieren. — Innerhalb eines Vortragszyklus über die politischen Parteien im heutigen Deutschland, bei der die einzelnen Schüler über ihre Partei sprachen, kam es bei Verhandlung der Nationalsozialistischen Partei zu einer höchst gespannten Auseinandersetzung zwischen dem Vortragenden und einem Juden. Durch die Geschicklichkeit des Lehrers wurde die Diskussion so sachlich geführt, dass jeder Anwesende durch sie lernte. Es zeigte sich, dass die bestehenden grossen Gegensätze oft nur die Folgen von Missverständnissen sind. Solche Missverständnisse können durch derartige Diskussionen geklärt werden; denn nur der wird die Entfernungen und Spannungen zwischen den Parteien richtig beurteilen können, der sich — wenigstens zur Orientierung — über die Parteien stellt. — Der heutigen Schule bleibt noch die Aufgabe, durch derartige Arbeitsgemeinschaften, von einem grosszügigen Lehrer geleitet, Vorurteile, die die Schüler durch Elternhaus und Umgebung anerzogen bekommen, zu überwunden. Kurt Berge! (Frankfurt a. M.). Ben-Schemen. Im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht sprach im Rahmen von Vorträgen zur vergleichenden Erziehungskunde am 5. März Dr. Siegfried Lehmann über seine Gründung, das Waisendorf Ben-Schemen in Palästina. Nach Kriegsende wurde das litauische Beruf geeignet, als Unterlagen für Arbeitsgemeinschaften, Aussprachen u. dgl. zu dienen, wie überhaupt die „Jüdische Wohlfahrtspflege. und Sozialpolitik“, die sich häufig und ausgiebig mit aktuellen Berufsproblemen beschäftigt, den jüdischen Jugendvereinen zur Beachtung empfohlen wird. — th — Die Berufsmöglichkeiten der Schüler höherer Lehranstalten. Auf noch nicht 100 Seiten gibt der Verfasser, ein Düsseldorfer jüdischer Studienrat, einen umfassenden Ueberblick über „die Berechtigungen der höheren Schulen“1)- Nur die Berufe werden aufgezählt, für die im allgemeinen höhere Schulbildung von Obersekunda, an in Frage kommt. Der Verfasser unterscheidet dabei -drei grosse Gruppen: Berufe mit Hochschulbildung, die Kenntnisse der lateinischen Sprache erfordern und das Reifezeugnis voraussetzen, Berufe mit Hochschulbildung, die kein Latein, aber das Reifezeugnis erfordern, und Berufe ohne Hochschulbildung, die nur zum kleinsten Teil die Ablegung des Abiturientenexamens bedingen. Bei den akademischen, den „höheren“ Berufen werden Studiengang, Studiendauer,. Prüfungen. und Vorbcrcitungszeit in den nötigsten Umrissen, übersichtlich skizziert. Auf gewisse Unterschiedlichkeiten in den einschlägigen Bestimmungen der deutschen Einzelstaaten wird weitestgehend Rücksicht genommen. Das Buch verdient nicht zuletzt auch die Beachtung der namentlich vor einem Abschluss stehenden Schuljugend. Die gehobenen nichtakademischen („mittleren“) Berufe, die nur oder vorzugsweise Schülern höherer Lehranstalten zugänglich sind, werden in entsprechend knapper und anschaulicher Form behandelt. Einen wesentlichen Bestandteil dieses Abschnittes bildet die Fachschulausbildung. Im Anhang befinden sieh u. a. ein Auszug aus den Zulassungsbestimmungen zum Hochschulstudium, Uebersichten über die deutschen Hochschulen (aller Art) und, wes besonders begrüssenswert ist, der Auskunftstellen für nichtakademische und akademische Berufe sowie für dauernden oder vorübergehenden Aufenthalt im Ausland. E. G. E. D Dr. M. Katz: Die Berufsmöglichkeiten der Schüler höherer Lehranstalten. Leipzig 1930. Quelle & Meyer. Judentum durch das Hereinströmen von Scharen vagabundierender Pogromwaisen, aus Russland vor schwere Aufgaben gestellt, die zur Gründung des berühmten Kownoer Kinderhauses unter Lehmanns Leitung führten. 1926 siedelte eine kleine Gruppe aus dem Kovcnoer Heim nach Palästina über. Heute leben im Kinderdorf Ben-Schemen 107 Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren. Sie stammen aus aller Welt: aus Osteuropa, Yemen, dem vorderen Orient und aus Palästina selbst . . . und werden dort durch und zu gemeinsamer Arbeit erzogen, die hier nicht pädagogische Spielerei, sondern wesentliche Existenzgrundlage des Heimes, ist. Neben dem vorbildlichen Verhältnis des Kinderdorfes zur arabischen Bevölkerung interessiert uns vielleicht besonders an der Verbundenheit der land- und hauswirtschaftlichen Arbeit und des an sie anknüpfenden Unterrichtes mit der humanistischen und religiösen Erziehung, die sich in der Ausgestaltung der Abende und der Freizeiten auswirkt, das Ziel der Ben-Schcmen- Erzieliung: Es ist der mit der Scholle verbundene Bauer, der durch eine enge Beziehung gerade auch zur westeuropäischen Kultur einen neuen jüdischen Menschentyp in Palästina schaffen will. Das Heim wird im wesentlichen von der Jüdischen Waisenhilfe, Berlin - Charlottenburg, Knesebeckstrasse 86/87 , unterhalten. Dr. H. G. Das Jacobsohn-Heim in Seesen a. Harz, das dem Reichausschuss der jüdischen Jugendverbände gehört, hat am 1. Mai d. J. den diesjährigen Betrieb eröffnet. Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass Anmeldungen rechtzeitig, d. h. möglichst vier Wochen vorher, an das Bureau des Reichsausscliusses, Berlin N 24, Oranienburger Strasse 13/14, zu richten sind. Es wird besonders darauf hingewiesen, dass für die Schulferien Juli'August im wesentlichen nur Anmeldungen von Schülern der hündischen Jugend berücksichtigt werden können. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend“: Dr. Alfred Hirschberg (Berlin- Cliarl.b Druck von Rudolf Mosse, Berlin SW 100.