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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-23 · 21 (23.5.1930) · p. Seite 273

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
21 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
Seite 273 (sequence 1)
Language
German
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Ser ttn, 2Z. Mai 1-3- IX. Jahrgang * Ar. 21 Einzelnummer 20 Pfennig [etifro! Imin Blätter füröeutsektum uv- Judentum Bierteljahrsabonnement 2,SV RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und SchrifLleiLung: Berlin SW 68, ßinbenftr. 13. stube O, Berlin SW 68, Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche '-ryan -es tentrai-Vereius-eutfeke^ istaatsdüryerMviMen Klaubens ev. Uss Ouüsritums . Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel» Lindenstraße 7, und von Goldschmidt ° Rothschild & Co., Berlin W 8. - Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 31<M für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JML Haßgebete. von pforrer W. Nithack-Stahn. „Gott strafe England!" war ein Gruß in der Kriegszeit, damals, als, Lissauer seinen „Haßgesang gegen England" dichtete. Heute sind wohl nur wenige Deutsche geneigt, dergleichen in den Mund zu nehmen. Die Nachkriegszeit hat, trotz manchem Anlaß zu internationaler Gereiztheit, nicht nur jene Worte, sondern auch die darin geformte Empfindung weggespült. Was ist das sür eine Religion, die heute noch den Zorn Gottes aus nationale Feinde mit gutem Gewissen herabruft? Im Staate Thüringen werden von der Be- . Hörde Schulgebete empfohlen, in denen folgende Sätze stehen: „Drum mach' uns frei von Betrug und Verrat, Mach' uns stark zu befreiender Tat, Gib uns des Heilands heldischen Mut, Ehre und Freiheit sei höchstes Gut." oder: „Ich weiß, daß Gottlosigkeit und Vaterlandsverrat unser Volk Zerriß und vernichtete." Man hat im Thüringer Haushaltsausschuß gefragt, gegen wen oder was sich diese Gebete richteten, und der verantwortliche Minister hat erklärt: „Die Entsittlichung des deutschen Volkes geht aus von rassensremden Elementen, nämlich von den Juden." Auch die Schulkinder, wenn sie nicht ihre Gebete gedankenlos sprechen sollen, müssen ihren Lehrer fragen, wer mit den „Betrügern", „Gottlosen" und „Verrätern" g e - meint sei. Und wenn sie nicht fragen, ist der Lehrer verpflichtet, den Sinn dieser Gebete klarzulegen. So werden Kinder durch Gebet zrr Haß und Verachtung erzogen gegen Mitmenschen, mit deren Kindern sie auf einer Schulbank sitzen, und gegen diese selbst. Schulandachten sind leicht eine Gefahr sür die Religion. Wir Aelteren erinnern uns wohl an eine erzwungene und oft langweilige Viertelstunde in der Aula. Wenn in der Schule gebetet wird, so sollte das der natürliche Ausdruck gemeinsamen Glaubens sein, in den sich aus den Höhepunkten des Schullebens in Persönlichster Form heilige Stimmung ergießt. Aber Haßgebete.? Das Gebet ist nach biblischer Definition ein Gespräch des Herzens mit Gott, also intimste, innerlichste Hinwendung auf ihn. Wie aber soll der Gott aussehen, den ein betendes Kind mit gehässigem Seitenblick auf die Juden anruft? Und dieses thüringische Gebet wendet sich nicht einmal nur gegen die Juden, sondern meint auch alle, die an der „Entsittlichung des deutschen Volkes" mitschuldig sein sollen^ also gegen die Anhänger des jetzigen deutschen Staates, schließlich gegen alle, die nicht rnithassen. Die Gebetsanrede „Vater im Himmel" läßt darauf schließen, daß die Kinder in Thüringen den Ehristengott anrufen sollen. Aber das ist eine sachliche Unmöglichkeit uni) I r r es ührung der Jugend. Rachegebete haben in dieser Religion keinen Raum, Der Reichsinnenminister hat im Haushaltungsausschuß.des Reichstags bei der Beratung seines Etats einen Brief verlesen, den er an Staatsminister Baum, den Chef der thüringischen Negierung, gerichtet hatte. In diesem Schreiben wandte er sich zunächst gegen die Ernennung eines als Angehöriger der nationalsozialistischen Partei bekannten Beamten zum Polizeidirektor in Thüringen. Sodann wandte er sich in scharf ablehnender Form gegen F r i ck s H a ß g e b e t e. Er schreibt: . . In diesen Gebeten ist nicht ohne Grund eine betont parteipolitische Tendenz erblickt worden, die um so peinlicher empfunden wird, als Herr Minister Frick in der 'Sitzung des Haushaltsausschusses des Landtags erklärt haben soll, daß die Gebete sich gegen ,rassenfremde Elemente, nämlich die Juden', richten soll. Ich darf gestehen, sehr verehrter Herr Staatsminister, daß dieser Vorgang den Reichsminister des Innern, der über Sinn und Geist der Weimarer Verfassung pflichtmäßig zu wachen hat, schmerzlich berühren muß. Die Betonung politischer Dinge in einem Teil der empfohlenen Gebete und die von Herrn Minister Dr. Frick ihnen im Ausschuß * * * Judenfeindliche Ausschreitungen in Rumänien. S. 275 Hellmut von Gerlach: Wird auch er Professor in Jena? 8. 275 Dr.MaxGrunwald,Wien: Zu Oswald Spenglers 50.Geburtstag. 8. 277 Julius Bab: Max Reinhardt. 8. 278 Beilage : Von deutsch - jüdischer Jugend Nr. 2. auch in keiner anderen irgendeines Kulturvolkes. Allerdings soll auch der Christ hassen. Aber nicht Menschen, sondern das Niedrige und Gemeine an ihnen. Da er dergleichen zuerst an sich selber findet, kommt er gar nicht dazu, den Splitter im Auge des Nächsten zu sehen, geschweige ihn zu hassen. Wenn Gebete, wie diese erwähnten, deutsche Jugend vergiften, was für ein Volk soll dann in deutschen Landen heranwachsen, zerrissen in tiefster Seele, gottlos und verräterisch an den h ei l i g ste n Gütern! beigelegte Tendenz werfen von selbst die Frage nach der Verfassungsmäßigkeit auf. Erlauben Sie mir noch, sehr verehrter Herr Staatsminister, mit allem Freimut als Mensch und Christ die Bemerkung hinzuzufügen, daß politische Hinweise in solchen Gebeten nach meiner persönlichen Auffassung dem Sinn des Religiösen widersprechen." Protest der thüringischen Lehrer. Der Vorstand des Thüringischen Lehrervereins hat in einer Eingabe vom 5. Mai beim Volksbildungsministerium eine Erklärung abgegeben, in der es heißt: „Das Thüringer Ministerium für Volksbildung hat Deutsche Gebete für den Gebrauch in den Schulen des Landes herausgegeben und zum Gebrauch ,empfohlen'. Es ist dies geschehen gegen den dringenden mündlich und schriftlich vorgebrachten Rat von Vertretern des Thüringer Lehrervereins nnd unseres Wissens auch gegen den Rat der Thüringer evangelischen Kirche. Bei Der Reichrinnenminifter wirth gegen £ri&$ yatzgebete

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