Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 15 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- Seite 185 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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erern intral Serlin, 11. Mpktt 19S0 IX. Jahrgang * Ar. 15 Einzelnummer rs Pfennig Blätter für Oeutfth tum ««- Judentum “ Viertel 2,50 RÄ Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. ... «mi -^«^11 wo-*, ... ^vnn. ... stube G, Berlin SW 68, Lindenstratze 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Moffe, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JUL für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 JUL, die 62 mm breite Reklamezeils 3,50 JUL Organ öes tentralVereinsöeutfcKe^ totaatsbüryer Möifciren Glaubens e v. Allgemeine Zeitung desDudentums Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel- Der Streit um Oie „wahre Runff im preußischen Lanötag. Gibt es eine „negroide jüdische Kultur"? Aussprache mit Völkischen in Stralsund. s. ist Freiheit, die ich meine. Eine Pessachbetrachtung. Von Fabius Schach. S. iss Rembrandts Verhältnis zum Judentum. Von Lydia Stöcker. S. 194 Die historische Vierteljahrsschrift. Von Dr. Ludwig Feuchtwanger, München. 5. 195 Der Bericht -er Palästina-BommWon. In der zweiten Augusthälfte des vorigen Jahres spielten sich die bekannten .pogromartigen Unruhen in Palästina ab. Am 3. September gab das britische Kolonialarnt bekannt, daß es auf Ersuchen des Oberkommissars von Palästina eine Untersuchungskornmission ernannt habe. Präsident der Kommission wurde 8ir Walter Sha w; die drei Mitglieder gehörten den drei großen englischen Parteien an, und zwar 81r Henry Letterton den Konservativen, R. Hopkin Morris den Liberalen und H. Sn eil der Arbeiterpartei. Sekretär der Kommission war ein Herr Rio yd. Die Kommission begab sich , sofort an den Tatort und beendete gegen Jahresschluß ihre Feststellungen in Palästina. Am 4.Januar d. I. traf sie wieder in London ein, und am 31. März unterbreitete das britische Kolonialamt in Form eines Blaubuches dem englischen Parlament den Bericht, den die Untersuchungskommission ihm erstattet hatte. Die Denkschrift umfaßt 202 Seiten nebst mehreren Kartenbeilagen und graphischen Darstellungen. Wir geben einen Ueberblick über ihren Inhalts und eine kurze Zusammenfassung der S)chtußfolgerungen auf Seite 190 ff. dieser Nummer. Bei der Debatte um den Kulturetat im Preußischen Landtag sprach der dentschnationale Abgeordnete Koch von der Ueberschwemmung der deutschen Theater mit einer „jüdisch-negroiden" Kultur. Die Schristleitung. Der etwas merkwürdige Ausdruck „negroide jüdische Kultur" siel, nicht zum erstenmal, in der vergangenen Woche im Preußischen Landtag. Es lohnt sich nicht festzustellen, wer diesen Wortzwitter in die „Welt" gesetzt hat, jedenfalls war es kein Meister der deutschen Sprache, deren erste Forderungen Klarheit und Logik sind. Angewandt wurde der Ausdruck diesmal, wie immer, von einem deutschnatioualen Abgeordneten während der Beratung des Kultnsetats. Der Mann heißt Koch. Was soll nun dieses Wortgeschöpf bedeuten? Es gehören einige Kilo Phantasie dazu, den Sinn auszukundschasten. Kultur, denn zur Debatte stand die Kultur, bzw. die .dafür zu bewilligenden Gelder, Kultur ist bekanntlich — und angeblich selbst für Herrn Koch und die anderen nationalistischen Köche, die schon nnmchen Brei verdorben haben — etwas Gutes, etwas Erwünschtes. „Jüdische Kultur" dagegen ist für ihn schon eher so etwas wie ein Schimpfwort. (Warum i das ist wieder einmal eine Frage, für die Herr Koch die Antwort schuldig bleiben dürste.) „Negroide jüdische Kultur" vollends scheint bei diesen Herren eine Art Todesurteil zu sein. Wie kommen diese Leute aus das Wort negroid? Negroid, zu deutsch: negerhaft, ist in der Auffassung dieser Kreise beispielsweise die neue Musik, vor allem der Jazz. Tatsache ist dagegen, daß der Jazz von einem Weißen „erfunden" wurde, der kürzlich in seiner amerikanischen Heimat gestorben ist. Negroid — Koch meint wahrscheinlich: jazzartig — wären dann auch die Theaterstücke, die man neuerdings in den deutschen Theatern zu sehen bekonnnt. Aber welche meint er eigentlich? Die Schwänke und Reißer, die man von den Pariser Boulevards importiert? Die stammen meist von reinrassigen Franzosen. Die negroideste Bezugsquelle für uns wäre allenfalls der New Uorker Broadway. Tatsächlich werden da aber. Stücke von Negern boykottiert, wie alles von so „dunkler" Herkunft. Also auch da kann Herr Koch nichts Negroides herschnüffeln. Dann meint er doch nicht etwa unsere einheimischen deutschen Dramatiker? Die neuesten Erfolgreichen, der nationale Tiroler A n g e r m a y c r und der nationale Norddeutsche G o e r i n g, sind gewiß mit keinem Nigger verwandt, und die Neger, die kürzlich hier aufgetreten sind, das, Bariötö- Wnuderkind Litt l e E st her, der Tenor. H a y e s und der Schauspieler Robeson, haben auf die deutsche Kultur garantiert nicht den mindesten Einfluß gehabt. Die nicht reinrassigen deutschen Schauspieler? Auch K o r t n e r zum Beispiel hat nichts NegerhasteS, selbst wenn erden Othello spielt wie der so sehr deutsche Ostprenße Paul W e g e n e r oder noch besser. Aber wer es auch sei; was hat irgendein deutsche r Künstler mit den Kafsern und Hottentotten gemein, ganz abgesehen davon, daß Kafsern und Hottentotten anständige Leute sind oder doch sicherlich waren, bis europäische „Pioniere" und Schnapshändler ihnen die „negroide Kultur" beibrachten? Man nrag sich mm drehen und wenden wie man will, man wird eine Berechtigung zu diesem Schlagwort der „anderen Seite" nicht ausfindig machen können. Auf die Auslassungen des deutschnationalen Herrn K o ch antwortete im Landtag der Demokrat Bohner. Er präsentierte die Gegenrechnung. Die Inden — wer denn sonst? —- negroisieren die deutsche Kultur? Es gibt hier ein Museum für deutsche Volkskunde. Vielleicht ist diese Institution bei denen, die in Deutschland die Kultur angeblich gepachtet haben, noch nicht recht bekannt geworden. Tatsache ist jedenfalls, daß die deutschnatioualen Herrschaften sich herzlich wenig darum kümmern. Tatsache ist jedenfalls, das; die Rechten bei der Ausgestaltung dieses Museums gründlich versagt haben. Tatsache ist jedenfalls, daß jedes vierte Stück, mindestens jedes vierte Stück in diesem Museum für deutsche. Bolkskunde, aus Spenden deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens stammt. Ein Beispiel für viele. Denn die Rechnung, die Gegenrechnung, läßt sich erweitern, läßt sich so weit ansdehnen, daß sämtliche Seiten dieses Heftes nicht ausreichen würden, um bloß die sachlichen Angaben in