Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- Seite 123 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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123 „Zwischen zwei Revolutionen? Au Ernst Heilborns gleichnamigem Werk. — Von Ernst Liffauer. Zwei Bücher voller Deutung; doch während die Schinkel-ZeiU), eine Epoche ohne Masse, ohne Eile, ohne Mesenmaße, fern liegt, weit, weit dahinten in der Geschichte, ist die Bismarck-Zeit uns so nah wie Großväter, die wir gekannt, wie Väter, die uns erzogen haben; und wie viel Schinkel in der Bismarck-, ist viel Bismarck in. unserer Zeit. Zahlreiche kleine, behutsam gesetzte, sparsam aus einer spürbar weit größeren Fülle erlesene Züge setzen das Gemälde zusammen: ein breitausladendes Fresko, auf dem Pastellwege erzielt. Heilborn sieht sinnbildlich und schreibt sinnbildlich. Gedenkt man in zeitlichem Abstand der Bücher, so hat man vergessen, wieviel Heilborn dreinspricht und auslegt; sie scheinen nur aus Sachen, Geschichten, Anekdoten, vor allem aus Zahlen gefügt. Diese Heilbornschen Statistiken sind besonders reizvoll und wichtig: nüchtern, konkret, und doch von einem behutsam abstimmenden Stilisten dargeboten, sinnbildliche Statistik. Sinnbildlich farbig schon manche Ueberschriften: „Das Ethos der Plüschgarnitur", „Cuivre poli“; oder die Redensart, mit der 'man „zu einem Löffel Suppe" einlud, wird glossiert. Und solche Blicke und Griffe aus allen Seiten: der Reichtum dieser Bücher kann in einer kurzen Anzeige nicht ausgeschöpft werden. Von allem die Bismarck-Zeit geht, uns an, die wir Zwischen 70 und 90 geboren sind. An ihr hängt die Wilhelminische letzten Endes nur als Ausklang, kleiner, verdünnter, wie das Rokoko am Barock. Heilborns Ergebnis bestätigt die Meinung unserer Gegenwart über jene nahe Vergangenheit: bei Macht und Reichtum Mangel an Stil, an Geist, an Kultur. Warum nach tiefem, weltgeschichtlichem Gesetz diese Zeit sich solchermaßen prägen mußte — als Ausläufer der bürgerlich-individualistischen Epoche — erkennen wir jedoch bei Heilborn nicht: sein Ziel ist nur, das Gemälde zu geben, die Züge zu sehen und auHusagen. Heilborn reiht sich, als einer der gewichtigsten, unter, jene unzünst) „Der Geist der Schinkel-Zeit (1789 bis 1848)", „Der Geist der Bismarck-Zeit (1848 bis 1918)"; zwei einzeln käufliche Bände. Otto Elsner, Berlin 1929. tigen Geschichtsschreiber, die unsere an Gestaltung arme, an Betrachtung und Deutung reiche Zeit mannigfaltig hervorbringt. Dieser stille, sacht und silbern zeichnende Beobachter stellt sich mit diesen Zeitgemälden neben jene elanreicheren Bildhauer und Maler, denen wir große Biographien verdanken. Die Leser dieser Blätter geht vor allein an, wie Heilborn die deutschen Juden innerhalb dieser Epochen erblickt. Wieder überkommt den Nachgeborenen ein Gefühl des Staunens: wie lange ist es her, daß diese Juden noch im sichtbaren oder unsichtbaren Ghetto lebten, und bereits wirken sie als wesentliche Kräfte der Zeit. Salons jüdischer. Familien beherrschen das gesellige Leben der Schinkel-Zeit; man muß einschränkend sagen: in Berlin. Heilborn zeichnet drei Berliner Häuser, und alle eignen Juden: das Herz-, das Varnhagen-, dasMendelsohnsche. Wohlwollen und Duldsamkeit ist die Atmosphäre, die Henriette Herz ausstrahlte: ältere Schriftsteller wie Ramler und Moritz trafen hier die Brüder Humboldt und junge Führer der Romantik, wie Friedrich Schlegel, Gentz, Jean Paul; Börne begegnete jungen Adligen, wie Gras Christian Bern st o r f f. Hier lernte V a r n h a g e n R a h e l kennen, Rahel, welche wie die Inkarnation jener Geselligkeit anmutet. Heilborn nennt Rahel „ein Geselligkeitsgenie": „Sie war wesentlich. Ihre Unterhaltung konnte auch Schweigen sein;" er zitiert Goethes Wort: „Rahel urteilt nicht, sie hat den Gegenstand." Man gedenkt, wie oft Gegner oder selbst wohlwollend Mißverstehende dem jüdischen Geist nachsagen, er sei ausschließlich auf das Abstrakte gerichtet; und nun, der neben Luther gegenständlichste Deutsche sagt von dieser Jüdin: „Sie hat den Gegenstand." Kennt, man den Goetheschen Sprachschatz, so weiß man, daß hiermit ein Höchstes ausgesagt, ein Adel des Geistes verliehen ist. Auch, in der „Bismarck- Zeit" steht ein Kapitel „Geselligkeit"; es erzählt vom Kuglervom Olfersschen Hause, und auch wiederum von zlvei jüdischen: Lassalle und Rodenberg. Lassalles „zeitloses Dandytum" liegt Heilborn nicht sonderlich: Heilborn hat ein besonders feines Organ für Echt und Unecht, und er empfindet die posierenden Elemente in seinem Wesen besonders stark. In der Tat, Lass alle hat an jenen: Schauspieler-- tum, das Heilbvrn als ein entscheidendes Kennzeichen der Zeit herausarbeitet, in hohem Maße Anteil. Aber die eigentlich, schöpserischen Gaben dieses genialischen Feuerkopfes kommen darüber zu kurz: neben Heine und Marx ist Lassalle der dritte Jude, der im deutschen Volke, oder doch in weiten Bareichen, populär geworden ist. Lassalle war ein Tandy wie Fürst P ü ck l e r, - Muskau, den auch Heilborn nennt, oder wie jener Engländer Brumel, und zugleich ein Visionär sozialer Zukunft: im Widerspiel dieser Gegensätze flimmert sein Bild, und in einer der Ironie nicht ermangelnden Tragik ist er, der Arbeiterführer, in einem Gentlemanduell wegen einer Liebesaffäre zu Grunde gegangen. Von dem Rodenbergschen Salon erzählt Heilborn ans persönlicher Erinnerung. Hier, sagt er sehr hübsch, bedeutete „die Mitarbeiterschaft an der ,Deutschen Rundschau'eine Geheimratswürde neben und über der staatlich verliehenen". Und weiter: „Zu letzter Blüte geistiger Geselligkeit fand man sich hierin den: gemeinsamen Interesse an einer Zeitschrift zusannnen, die in den siebziger und achtziger Jahren wie keine andere zuvor, oder nachher die Kultur Deutschlands spiegelte." Damit ist etwas durchaus Entscheidendes ausgesagt: Rodenberg, dessen eigene Werke hellte nachgeblaßt sind, war als Herausgeber ein schöpsei II! Illl!llil!l!llilllliltlillllil!lll 1111 Willi IUI 1111II |[!ll III ||||lllllHlllillllllll!lillilllllllü!!llll! Demnächst erscheint im Verlag Walter Rothschild, Berlin-Gmnewald, der „Prozess des Hauptmanns Dreyfus“ von Dr, Bruno Weil, dargestellt nach den deutschen und französischen Akten. Der Philo-Verlag, Berlin SW OS, Diiidenstrasse 13, nimmt bis zum 15. März Vorausbestellungen zum Subskriptionspreis, broschiert 3,60 M. (statt 4,— M.), gebunden 4,80 M. (statt 5,50 M.) entgegen. 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