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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1930-02-14 · 1 (14.2.1930) · p. Seite 4

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
6 (1930)
Issue
1 (14.2.1930)
Date
1930-02-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gemeinschaftsarbeit jüdischer Jugend Wintertagung des Reichsausschusses jüdischer Jugendyerbände in Seesen Die historische Verbundenheit des deutschen Judentums mit der kleinen Harzstadt Seesen ist nicht jungen Datums. In der Tat, eine merkwürdige Entwicklung: ursprünglich eine der ersten Stätten, in denen die Eindeutschung des Juden und seine Fühlungnahme mit dem Nichtjuden durch Gründung der Jacob- Bohn-Schule einem pädagogischen Programm zugrunde gelegt wurde, später vielfach Internat für Kinder, mit denen die Eltern nicht fertig wurden, und jetzt das Heim des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände. Kaum drei Jahre dient das Haus seinem jetzigen Zweck, und doch ist es aus dem Leben der jüdischen Jugendbewegung nicht mehr wegzudenken. Es herrscht hier eine Atmosphäre des Vertrauens und der Gemeinschaftlichkeit, durch die alle, die hier ihre kurzen Ferientage verbringen, auch noch dann verbunden bleiben, wenn sie .wieder in ihre einzelnen Bünde und Kreise zurückgekehrt sind. Waren die äusseren Voraussetzungen für das Heimleben in jeder Beziehung günstige, so sollte auch die sachliche Arbeit eine äusserst positive werden. Als erstes Thema wurde die Frage behandelt, wie man die nicht in jüdischen Bünden Organisierten erfassen und der jüdischen Gemeinschaft erhalten könne. Dr. Moritz Schweizer (Essen) behandelte besonders die soziologische Seite des Problems, so zum Beispiel den wirtschaftlichen und beruflichen Umschichtungsprozess innerhalb des deutschen Judentums. Die bestehenden Bünde der jüdischen Jugendbewegung kämen vielfach durch ihre milieumässige Zusammensetzung und die Konzentriertheit ihres Bundeslebens der Situation der proletarisierten Schichten nicht genügend entgegen. Auf der anderen Seite aber müsse man neben den Bünden losere Farmen des Gemeinschaftslebens durch Schaffung von Klubs und Jugendheimen ermöglichen. Mehr von der psychologischen Seite aus behandelte Edith Cohn das Problem, indem sie die Situation des einzelnen jungen Menschen in Familie und Schule schilderte und auf die Möglichkeiten einging, gerade denjenigen, deren seelische Konstitution eine weniger gefestigte ist, den Weg aus ihrer Vereinzelung heraus in die Gemeinschaft der Gruppe zu erleichtern. Als zweites Thema wurde die Frage der Verwirklichung von Jugendförderungen in der sozialen Arbeit besprochen. Siegfried Hirsch zeigte unter anderem die Betätigungsmöglichkeiten, die einer Gruppe offenstünden. Referat und Diskussion beschäftigten sich dann eingehend mit der Frage der „Jugendpflegegruppe n“. Derartige Gruppen sind vor etwa zwei Jahren in der Berliner Jüdischen Gemeinde geschaffen worden. Sie dienen der Erfassung solcher Menschen, die für die Mitarbeit in den bestehenden Jugendbünden nicht in Frage kommen, sei es, weil sie sich nur schwer einer konzentrierten Gemeinschaft, wie sie die Jugendbewegung von ihren Anhängern fordern muss, eingliedern können, sei es, weil irgendwelche sonstigen besonders komplizierten sozialen und psychologischen Schwierigkeiten einer Erfassung für die Jugendbewegung hindernd entgegenstehen. Die Führung derartiger Gruppen liegt vielfach in Händen von Menschen, die aus der Jugendbewegung her vorgegangen sind. Die Diskussion ergab die überwiegende Meinung, dass diese Jugendpflegegruppen, soweit sie eigentliche pädagogische Aufgaben nicht erfüllen können, vor allem den Wert haben, dass sie die Jugendlichen bewahren und pflegerisch betreuen. In besonders eindringlicher Weise wies Hanna Eisfelder auf die Nöte innerhalb der Jugendfürsorge hin und gab Beispiele, wie der einzelne zu deren Linderung beitragen könne. — Im Anschluss an dieses Referat wurde in Verfolg der auf der sozialen Woche in Seesen 1928 gefassten Resolutionen der Zusammenschluss der beruflichen und nichtberuflichen Sozialarbeiter, die der jüdischen Jugendbewegung entweder angehören oder sich mit ihren Bestrebungen zur Erneuerung der jüdischen Wohlfahrtspflege solidarisch erklären, beschlossen. Mit sozialen jüdischen Problemen ausserhalb Deutschlands beschäftigen sich die Referate von Dr. Friedrich B r o d n i t z und Dr. Ernst Bloch. Friedrich Brodnitz berichtete eingehend und unter Heranziehung der gesamten Literatur über die Situation in den östlichen Ländern Russland und Polen. Er zeigte, wie man dort von rein philanthropischer Unterstützung zu produktiver Hilfeleistung durch Verschaffung von Arbeitsgeräten und Arbeitsmaterial übergegangen ist. Einzelne Probleme des Palästina-Aufbaus in sozialpolitischer (Zusammenleben mit den Arabern) und allgemein sozialer Beziehung behandelte Ernst Bloch in seinem Referat Er ging auf die Formen des dortigen jüdischen Gemeinschaftslebens ein und schilderte die Schwierigkeiten, die durch den Zusammenstoss von europäischen jüdischen Arbeitern mit den gänzlich anders strukturierten orientalischen Arabern (verschiedener Lebensstandard usw.) entstünden. Der letzte Tag war der Erörterung des jüdischen Bildungsproblems gewidmet. Dr. Eli Munk stellte das Bildungsziel und die Bildungsforderungen der Orthodoxie dar. Von einem subjektiven, nicht näher definierbaren Erlebnis als Grundvoraussetzung für eine Bindung des einzelnen an das Judentum ausgehend, ging Hermann G e r s o n auf die jüdische Heranbildung in Bund und Schule ein. Der Bund könne nur die innere Bereitschaft wecken, eigentliche jüdische Bildungsarbeit könne er mit seinen hierfür unzulänglichen Kräften nicht leisten. In Berlin sei es durch Schaffung der „Schule der Jugend“ möglich geworden, die jüdische Arbeit zu systematisieren. Die Diskussion war insofern eine interessante und notwendige Ergänzung zu den vorangegangenen, als sie die gleichen Probleme von einer anderenSeite her behandelte. War man vorher gewissermassen von aussen nach innen gegangen, so ging man jetzt umgekehrt vor, das heisst man ging nicht von "der „objektiven“ jüdischen Gesamtnot aus, sondern von der subjektiven, individuellen, die dem einzelnen dadurch erwächst, dass er sich eine Stellung zu seinem Judentum erringen muss. Wichtig aber ist, dass man sich nicht durch eine ausschliessliche einseitige Beschäftigung mit den eigenen Fragen den Aufgaben der jüdischen Gesamtheit entzieht. Denn wie schwierig gerade deren Lösung ist, zeigte unter anderem besonders krass eine Sonderarbeitsgemeinschaft über die Proletarisierung des deutschen Judentums. Was die Zusammensetzung der Tagung betrifft, so waren neben jüngeren Sozialarbeitern, Mitgliedern des Jungjüdischen Wanderbundes und der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft, die übrigen Bünde zum Teil zahlenmässig geringer, zum Teil auch gar nicht vertreten, was davon zeugt, dass zur Stärkung der Reichsausschussarbeit noch So mancher Bundesegoismus zu überwinden ist. Die Gegenüberstellung Deutschjudentum-—Zionismus spielte — wenigstens bei den gemeinsamen Debatten — keine grosse Rolle. Wohl aber ist es von Bedeutung, dass man — so verschieden die Grundeinstellung auch sein mag — die behandelten Fragen als gemeinsame erörtern konnte. Die Motive, aus denen heraus beide Partner die „Galuth“ bejahen, sind verschieden, und dass der Zionismus heute in der Einstellung zur Galuth nicht mehr den Standpunkt einer V erelendungst h e o r i e vertritt, ist keine Neuigkeit mehr. Nur zeigte sich in Seesen mit grosser Deutlichkeit, wie man — bei aller gesamtjüdischen Verbundenheit — auf beiden Seiten die Nöte der deutschen Judeniheit als in Deutschland zu lösende behandelte. Soweit ideologische Auseinandersetzungen getrieben wurden, zeigte sich das alte Uebel des jüdischen Gegenwartslebens: die Unfähigkeit, gewisse Grundvoraussetzungen als gegeben anzusehen. Jeder fühlt sich dann verpflichtet, von sich aus die Welt neu zu entdecken und vom Elementarsten ausgehend die eigene jüdische Einstellung darzulegen. Gewiss, der Weg, der den einzelnen zu seinem Judentum führt, ist ein komplizierter und auch niemals abgeschlossener. Aber wenn man mit anders Eingestellten über eine gemeinsam bewegende Teilfrage sprechen will, so braucht man nicht immer wieder und wieder in die Generaldebatte zu treten. Man stelle sich doch einmal im Parlamentarismus vor, dass bei jeder Teilfrage vorerst die grundsätzliche Weltanschauung vorgetragen werden würde. Nicht der inner jüdischen Auseinandersetzung als solcher soll hier das Wort geredet werden. Sie ist notwendig und fruchtbar, will man Erstarrung vermeiden. Aber sie darf nicht dadurch paralysiert werden, dass man, ohne auf gewonnenen Erkenntnissen zu fussen, ihren Ausgangspunkt immer wieder in die primitivsten Regionen zurückverlegt (etwa Volk oder Religionsgemeinschaft), sich dann in endlose Allgemeinbetrachtungen verliert, und dabei gar leicht die praktische Frage vergisst, die man eigentlich klären wollte. „Es wird Zeit, das Morgengebet zu sprechen.“ Freilich, dass man vor einer Fülle konkreter Fragen und Aufgaben stand, war vielleicht der beste Beweis für den Gesundheitszustand des deutschen Judentums: durch die Einbeziehung von immer mehr Lebensbezirken in die jüdische Arbeit hat sich das jüdische Leben verdichtet und die Lebensfähigkeit des jüdischen Organismus gesteigert. Undenkbar wäre der Erfolg der Tagung, wenn nicht der Kontakt der Teilnehmer untereinander ein so enger gewesen wäre. Man lernte den andern nicht nur als Vertreter seiner Organisation oder Weltanschauung kennen, sondern gewissermassen „in seiner Eigenschaft als Mensch“. Menschen der verschiedensten Herkunft wuchsen zu einer Gemeinschaft zusammen und jeder, der nach achttägigem Beisammensein wieder nach Hause fuhr, spürte, dass er 'an Erlebnissen, Einblicken und Anregungen reicher geworden war. Werner Rosensteck. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend**: Dr. Alfred Hirschberg (Berlin-ChaTlottenburg). Druck von Budoli Mosse, Berlin SW 100.

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