Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277677--05729-2286493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 Ursprung 1835 Lebens-, Aussteuer- und Mitarbeiter gesudit. aufzutragen, dann müssen wir uns bewußt bleiben, daß von dieser Ungunst der Konjunktur der jüdische Kaufmann v i e l f a ch stärker betroffen wird als alle anderen. Denn neben den wirtschaftlichen, sind es auch Politische Momente, die diese schwierige Lage heraufbeschworen haben. Die Erleichterungen, die der Joung-Plan gegenüber dem Dawes- Plan bringt, und die sehnsüchtig von der ganzen Wirtschaft herbeigewünscht wurden, haben sich bisher noch nicht auswirken können. Die Verhetzung, die von Hugenberg und Hitler seit Monaten im ganzen Reiche gegen den Joung-Plan betrieben wurde, konnte ihre Wirkungen nicht verfehlen. Sie mußte im Lande draußen den jüdischen Kaufmann besonders schwer treffen, da sie alle Gefahren des Antisemitismus mit heraufbeschwor. Die Niederlage des Volksentscheides wird hoffentlich ebenso befreiend wirken wie die endgültigen Abmachungen, die man von der Haager Konferenz erwartet. Erst wenn das ganze deutsche Volk einsieht, daß der Uoung- Plan ihm Vorteile bringt, daß dieser Vertrag, wie böswillig behauptet wird, nicht nur „im Interesse der jüdischen Wirtschaft", sondern in dem der Allgemeinheit abgeschlossen worden ist, wird es wieder mit mehr Mut an den Ausbau seiner Wirtschaft gehen können. Ueberblickt man die Liste aller jener Firmen, die im letzten Jahr durch die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse zusammengebrochen sind, dann wird man mit Erschrecken wahrnehmen, daß sich unter ihnen vielejüdische Häuser von altem Klang befinden. Die letzten Monate brachten besonders eine Häufung der Insolvenzen von Privatbanken. Gerade unter ihnen sind viele Firmen von jüdischen Inhabern betroffen worden. Die verringerte Kapitalkraft macht es heute dem Privatbankier unmöglich, alle Kreditbedürsnisfe seiner Kunden zu erfüllen. Altansässige Häuser, die trotzdem allzuleicht geneigt waren, dem Drängen ihrer Geschäftsfreunde auf Gewährung von Krediten nachzugeben, haben ihre große Vertrauensseligkeit mit dem eigenen Zusammenbruch bezahlen müssen. Die immer stärkere Konzentration, die auch im Bankgewerbe. sortschreitet, und im letzten Jahre in dem Zusammenschluß der Deutschen Bank und der Diskonto-Gesellschaft ihren Triumph feierte, hat dem Privatbankier vielfach den Kundenkreis und damit die Kapitalreserven entzogen. Die gleichen Momente sind es: der Mangel an Betriebskapital und die Zusammenschlüsse, in der Industrie und dem Handel, die dem kleineren Händler das Betätigungsfeld immer mehr entziehen. Kein Wunder, daß wir auch u n t e r den zusammengebrochenen Handelsfirmen der verschiedensten Wirtschaftsgebiete, besonders auch des Getreidehandels, führende jüdische Häuser erblicken. In der Textilwirtschaft, die von allen Wirtschaftszweigen noch immer am meisten mit Juden durchsetzt ist, spielen neben der Ungunst der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse noch andere Momente, so auch die ungünstige Witterung des letzten Jahres, eine große Rolle. Ein Spaziergang rund um den Berliner Hausvoigleiplatz zeigt uns deutlich das Bild der traurigen Lage. An diesem einst so stolzen Mittelpunkt des Berliner Wirtschaftslebens stehen viele Lausend Quadratmeter Geschäftsräume leer. Die größten Firmen der Konfektion und der Textilindustrie haben sich nicht nur verkleinern, gar manches stolze Haus hat seine Pforten für immer schließen müssen. In Leipzig am Brühl dasselbe Schauspiel: Pelz Häuser, deren Ruf sich weit über Deutschland erstreckte, haben ihre Zahlungen eingestellt. Wenn man bedenkt, daß in diesem Wirtschaftszweige, in dem viele Juden beteiligt sind, bisher mehr als 400V Insolvenzen miteinemGesamtverlustvon 200 Millionen Mark zu verzeichnen waren, dann erst läßt sich ermessen, wie stark das jüdische Unternehmertum von der Ungunst der wirtschaftlichen Konjunktur betroffen worden ist. Die unerfreuliche Gestaltung der Kreditverhältnisse, die hohen Steuern, die Milliardenlasten der Reparationsverpflichtungen, alle diese Momente haben dazu beigetragen, im letzten Jahr die Lage der deutschen Wirtschaft erheblich zu verschlechtern. Sie mußten aber ganz besonders diejenigen Kreise des Mittelstandes treffen, die geschwächt durch die Verluste während der Jnflations- und Deflationszeit des nötigen Kapitals entbehrten, um sich den völlig veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen anpaffen zu können. So sind die jüdischen Kaufleute und Unternehmer, die einst Pioniere der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland sein konnten, bar der nötigen Hilfsmittel, heute stark ins Hintertreffen geraten. Dr. Kurt Zielenziger. Mehr Kleinarbeit! Keine großen Worte! Aus dem um 15. Dezember 1929 erftallelm GeichiMbmchl> Bon Dr. Alfred Wiener. I. Aufklärung durch die Schrift. In dem Bericht, den Ludwig Holländer der Hauptvorstandssitzung am 15. Dezember 1929 erstattet hat, steht die Warnung vor der „Fassadenpolitik". Keine großen Worte, keine glänzenden Reden werden letztlich dem Nationalsozialismus wirklichen Abbruch tun können. Nur die sorgfältig überlegte, auf die Gesinnungsart unserer deutschen Volksgenossen eingestellte, nicht zu über reden, sondern zu über zeugen versuchende Kleinarbeit wird in der Lage sein, Licht in den Köpfen derer zu entzünden, die den nationalsozialistischen Phrasen zu erliegen drohen. Solche Kleinarbeit wird aber vor allem dem weiteren Umsichgreifen nationalsozialistischer Gedanken einen Damm entgegenwerfen. Mag ihre Wirkung oft nicht unmittelbar abzulesen sein — sie ist dennoch, wenn sie sorgfältig und gewissenhaft geleistet wird, Zukunftsarbeit im besten Sinne des Wortes, und sie wird sich, da sie wahrheitsliebend und ehrlich bis zum letzten ausgebaut ist, schließlich doch durchsetzen. Nach wie vor bleibt die Monatsausgabe der „C. V.-Zeitrmg" für nichtjüdische Leser ein Aufklärungsinstrument allerersten Ranges. Leider hat sie auch heute nur eine Auflageziffer von etwa 55 000. Ihre Bezieherzahl sollte auf 500 000 gesteigert werden! Aber immer noch fehlt es dazu an den nötigen Geldmitteln. Immerhin besagt es schon viel, daß allmonatlich 55 000 nichtjüdische Haushaltungen mit der Monatsausgabe beliefert werden können. Zahlreiche Zuschriften aus ihrem Leserkreise beweisen, wie der Inhalt der Monatsausgabe die Empfänger bewegt. Anregungen, Danksagungen, Ergänzungen zu Aufsätzen kommen auf diesem Wege fast täglich an die Schriftleitung. Die Schriftleitung ist .bemüht, in jeder Nummer zu wichtigen Fragen des Tageskampfes ruhig und sachlich Stellung zu nehmen. Sie bringt fast in jeder Nummer Material aus dem jüdischen Schrifttum, um an Hand der Originalquellen den Lesern der Monatsansgabe, die sich ein Urteil über das wirkliche Wesen des Judentums bilden wollen, den nötigen - Wissensstoff vorzulegen. Neben der Monatsausgabe sind verschiedene Broschüren in der Berichtszeit von der Zentrale hergestellt worden, die zum Teil eine sehr große Verbreitung gefunden haben. Im Anschluß an die Ermordung eines Knaben in Manau bei Bamberg wurde von nationalsozialistischer Seite wieder einmal das Märchen eines jüdischen Ritualmordes in die fränkische Bevölkerung getragen. Unsere Ortsgruppe B a m b e r g hat unter Leitung ihres Vorsitzenden Dr. Michael Wassermann energisch und vorbildlich alle geeigneten Schritte gegen die Verhetzung der Bevölkerung unternommen. Unser Landesverband Bayern hat ebenfalls alles getan, was erforderlich war. Wir haben in Würzburg eine von fast 2000 Personen besuchte öffentliche Versammlung gegen d as R itualmord Märchen trotz der Anwesenheit einiger hundert Nationalsozialisten fast bis zum Schlüsse durchzusühren vermocht. Unter den vielen Aufklärungsarbeiten, die die Zentrale im Zusammenhänge mit Manau durchgeführt hat, sei hier nur aus die Herstellung und Verbreitung unserer Broschüre „Blutlügen" hingewiesen. Knapp und klar und durch einwandfreies historisches Material wurde in dieser Broschüre dargetan, daß das Ritualmordmärchen weder vor der Geschichte noch vor der Wissenschaft bestehen kann. Die Broschüre wurde in einen Auflagenhöhe von 40 000 Exemplaren in Franken und anderswo verbreitet. Da das Gerücht sich nicht auf Bayern allein beschränkte, versandte unsex Landesverband Württemberg die Bro? schüre unter Streifband an annähernd 9000 nichtjüdische Lehrer, Geistliche, Amtspersonen und dergleichen und fügte eine Postkarte süx die Leser bei, mit der Aufforderung, sich weiteres Material' über die Judenfrage voll uns zu fordern. Eine sehr große Anzahl diesen Postkarten ging bei der Zentrale einso daß einer stattlichen Anzahl von Nichtjuden (Fortsetzung des Textes St ite 4.)