Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Ittitrai lirdn >V-4ölätttt' für -eutfklitum und Judentum Serlin, S. Januar 1-SS IX. Jahrgang * Ar. I Einselnummei! 2» Pfennig ' dryan -es tentralVereins -eutfekecT Staatsbürger M-ifeken ölaubens e.V. Allgemeine Zeifung desDudenfums DiertelSaKrsabonnemenL 2,50 NM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel« stube 6, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JUL für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moste» Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 ML, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JUL öilanz -er Wirtschaft. Große Arbeitslosigkeit. — Das Gnöe alter Zirmen. — Danken unö Textilhan-el leiöen am schwersten. - Der jü-ifche Naufmannssianö hart betroffen. Arie-Hofsschändung in Gunzenhausen. Wer sin- -ie Täter! In der Zeit Zwischen dem 20. und 23. Dezember wurden auf dem israelitischen Friedhof in Günzenhausen (Bayern) 18 Grabsteine böswillig nmgeworfen und dadurch teilweise zertrümmert. Die Ortspolizeibehörde hat die Verfolgung sofort ausgenommen. In der Bekanntmachung des 1. Bürgermeisters heißt es: „Die Tat ist für jeden, der nur noch 'einen Funken von Moral besitzt, gemein und niederträchtig. Die israelitische Kultusgemeinde hat für die Ermittlung der Täter eine Belohnung von 500 Reichsmark ausgesetzt. Auch die Stadt Gunzenhausen als solche hat ein sehr lebhaftes Interesse daran, die nichts-würdigen Täter baldmöglichst festgestellt zu wissen." Leider war es bis heute noch nicht möglich, -der Täter habhaft zu werden. H i t l e r ist vor wenigen Tagen in seiner Zeugenaussage vor dem Schweidnitzer Gericht von Roheitsverbrechen wie Friedhofsschändungen energisch abgerückt. Wie wir hören, versuchen die Nationalsozialisten in Gunzenhausen, die Schuld auf ihre Gegner abzuwälzen. Es liegt uns fern, irgendeine Partei zu verdächtigen, aber die Annahme, daß die Tat zum mindesten ungewollt eine Frucht nationalsozialistischer Hetzpropaganda, wie sie in Günzenhausen von Mund zu Mund stark betrieben wird, ist, liegt natürlich sehrnahe. Es liegt also tatsächlich im Interesse alleranständigen Menschen, gleichgültig, ob Juden oder Christen, daß die Uebeltüter gefaßt werden. 'AUS DEM INHALT: Paul Kampffmeyer: Eduard Bernstein, 8. 6. Dr. Siegfried Weinberg: Persönlidikeit über Partei; der deutsche Jude Franz Rosenzweig, S. 7. Wilhelm Michel (Darmstadt): Kritik muss frei von Hass sein! Bemerkungen zu Wilhelm Stapels „Literatenwäsche“, S. 8. Ludwig Holländer: Zeitgemässe Geschichtsschreibung, S. 9. Wenn wir jetzt am Beginn des neuen Jahres auf die Entwicklung derWirt - schaft in Deutschland im letzten Jahr zurückblicken, zeigt sich uns ein t r ü b e s Bi ld. Die Ziffern der Arbeitslosen haben die Millionengrenze mehrfach überschritten, die Konkurse und Zusammenbrüche häufen sich in erschreckender Zahl, der Absatz aller Wirtschaftszweige scheint Zurückzugehen, und aus allen Lagern ertönen die bittersten Klagen. Die Bilanz des Jahres 1929, die wir jetzt an der Jahreswende ziehen können, spiegelt uns die Situation der deutschen Wirtschaft in einem Zustand tiefer Niedergeschlagenheit. Kein Wunder, daß eine Körperschaft von der Bedeutung der Jndustrie- und Handelskammer zu Berlin in der Einleitung ihres soeben veröffentlichten Jahresberichtes .die Lage mit folgenden Worten schildert: „Seitdem mit der Stabilisierung der Währung gegen Ende 1923 der deutschen Wirtschaft die Voraussetzungen einer geordneten Betätigung wiedergegeben waren, hat sie noch kein Jahr von gleicher N n g u n st erlebt, wie das nun ablaufende. Daß trotz Einsatz aller Mittel und Kräfte in hingehender Arbeit von Industrie und Handel nur durchaus unbefriedigende Ergebnisse erzielt wurden, darüber besteht eine nur allzu große Einmütigkeit der Klage. Verschiedenheiten treten zutage hinsichtlich des Grades, der Erscheinungsformen, der Ursachen der Mißerfolge; diese selbst aber werden so gut wie allgemein gemeldet." Dabei muß aber die Berliner Handelskammer zugebendaß die . wirtschaftlichen Vorgänge, die man als objektive Anhaltspunkte für das Ergehen der Wirtschaft zu benutzen pflegt, durchaus nicht auf einen derartigen Tiefstand Hinweisen, wie er sich im Urteil des rückblickenden Kaufmanns oder Industriellen spiegelt. Der Pessimismus, der zurzeit fast alle Schichten des deutschen Volkes beherrscht, trübt den Blick vielfach. Man übersieht dabei, daß sich die deutsche Produktion, und zwar gerade die Erzeugung der wichtigsten Rohstoffe, der Kohle und des Eisens, aus einem bemerkend wert hohen Stande hält. Man vergißt, daß der Kohlenbergbau mehr Kohle gefördert hat als im vorigen Jahre, daß auch die Eisen- und Stahlgewinnung eine höhere war als 1928. Man beachtet auch nicht, daß der Export in den letzten Monaten einen starken Aufschwung genommen hat und vorläufig mit einem Aktivsaldo für Deutschland abschließt. Bis Ende November hatte die Ausfuhr aus Deutschland die Einfuhr übertroffen. Auch eine Nebersicht über die Steuereingänge ergibt bisher befriedigende Ergebnisse. Es wäre also falsch, von einer Wirtschafts k r i s i s zu sprechen. Die vielen Insolvenzen haben mit Recht stark zur Entmutigung beigetragen, besonders durch den Umstand, daß altangesehene Firmen vernichtet sind, und daß es sich um Zusammenbrüche von oft stärkstem Ausmaße handelt. Denn wenn man nur die Zahlen der Konkurse und Vergleichsverfahren mit denen der früheren Jahre vergleicht, dann wird man feststellen, daß das Jahr 1929 auch in dieser Hinsicht nicht das schlimmste war. Bis Ende November zählte man 8963 Konkurse, 1928, also in einem Jahre mit günstigerer Konjunktur, bezifferten sich die Konkurse auf 10 595, und die Vergleichsverfahren oder Geschäftsaufsichten auf 3147. Selbst wenn man also für den Monat Dezember 1929 noch die monatliche Durchschnittsziffer der bisherigen Konkurse hinzurechnet, würde ihre Zahl die des Jahres 1928 nicht erreichen. Sie bleibt bestimmt tief unter den Ziffern der Jahre 1925 und 1926, denn damals gab es ' 14 805 bezw. 15 829 Konkurse. Aber das waren vielfach Zusammenbrüche von Jnflationserscheinungen. Jetzt handelt es sich oft u m dasFallissementjahrzehntealter Häuser! Wenn wir es aber trotz allen Ernstes der wirtschaftlichen , Verhältnisse nicht für angebracht halten, auf das düstere Bild von der deutschen Wirtschaft noch schwärzere Farben