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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-25 · 43 (25.10.1929) · p. Seite 573

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
43 (25.10.1929)
Date
1929-10-25
Page
Seite 573 (sequence 1)
Language
German
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R Nüller für-eolscktuMWj «nvDweawm Serlin, SS. Oktober 1424 VIH. Jahrgang ♦ Nr. 43 Einzelnummer 20 Pfennig Vrylln des CaiSrdVersias öeolscbsr Allgemeine Z.eirun<£ des Judentums VLerteliaürsavonnemenL 2,50 NM. (ZUZügl. Bestellgeld). m , cnAM Verlag und SchrifLleiLung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 8594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel- " J /~i o-s...r:.. o-rer eo 0:,.Sa.,^ ,i >7 n».S unv. (1SnTXfAmiS+ _ CV?i-.< A;TS X. ffrt ARurTtr» ~W 8 Mostes 50 JIJiL Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen- Normalzeilemnesfer Nr. 4, Familienanzeigen DasWahlergebnis in Apolda. Eine Warnung an aUe Wähler. In Apolda waren am 20. Oktober Stadtratswahlen. Die Nationalsozialisten haben ihre Stimmenzahl vervierfacht und sechs Sitze (gegen einen) errungen. Sie scheinen diese Stimmen auf Kosten der verschiedenen bürgerlichen Parteien gewonnen Zu haben; denn diese haben drei Sitze verloren, so daß sie jetzt nur noch neun (gegen zwölf) Plätze haben. Auch die Sozialdemokraten mußten einen Platz abgeben. Sie verfügen jetzt noch über acht Sitze, während die Kommunisten mit zwei Mitgliedern (gegen eins) in den neuen Stadtrat einziehen werden. Dieser Wahlerfolg der Nationalsozialisten zeigt, daß die Apoldaer Bürgerschaft aus den sogenannten „Arbeitsleistungen" des Koburger Stadtrats, wo die Nationalsozialisten in der Mehrheit sind, noch allzu wenig gelernt hat. Denn nicht einmal das Abrücken der Deutschnationalen von der „Katastrophenpolitik" der Nationalsozialisten in Koburg hat den Apoldaern die Augen geöffnet. Immerhin werden in dem neuen Parlament die Apoldaer Nationalsozialisten noch nicht in der Mehrheit sein. Sie werden also für ihr verantwortungsloses Treiben nicht selbst die Verantwortung zu tragen brauchen. An der Wahl beteiligten sich bedauerlicherweise nur 65 vom Hundert der Stimmberechtigten. Da die radikalen Wähler bei den Wahlen vollzählig zur Stelle zu sein pflegen, dürfte der politisch gemäßigte Teil der Bevölkerung an diesem Wahlergebnis nicht unschuldig sein. Am kommenden Sonntag fallen erneut wichtige politische Entscheidungen. Die Parole kann dafür nur lauten:!Bei den!Badmec £andta$swaMen xtm 27, OkMet iede Stimme fäc die joecs fassun&stteuen Hacteien! Zum Prozeß Halsmann. von Lanüesrabbiner Dr. Link (Innsbruck). Philip Halsmann wurde am 19. Oktober d. I. wegen Totschlages an seinem Vater zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt. Wir haben über diesen Prozeß bisher nicht berichtet, um nicht über ein schwebendes Verfahren zu kritisieren. Wir wissen auch heute nicht, ob Mord oder UnglückssaA vorliegt. Aber nachdem das Urteil gesprochen worden ist, geben wir nachstehender bedeutsamer Stimme aus Innsbruck Gehör, zumal der Prozeß die Presse aller Länder beschäftigte und zum Spielball bekannter politischer Leidenschaften gemacht wurde. Die Schriftleitung. I n n s b r u ck, 21. Oktober 1929. Jndizienurteile befriedigen nicht, schon gar nicht, wenn sie unter dem Drucke der öffentlichen Meinung entstehen. Die Justiz kommt immer zu kurz, wenn in ihren geheiligten Bereich die Stimme der Straße hineintönt, wenn nicht bloß Recht und Gerechtigkeit in Frage stehen, sondern auch andere Faktoren in Betracht gezogen werden. Während der vielen Tage des oft dramatisch verlaufenen Prozesses hatte man wiederholt die Empfindung, daß dieses auf breitester Grundlage geführte, hochnotpeinliche Verfahren nur den Rahmen abgäbe für den Kampf der Meinungen und Weltanschauungen, der außerhalb des Gerichtssaales zur Austragung gelangte. Der Prozeß ist, wie der Verteidiger die Situation am vorletzten Verhandlungstage treffend charakterisierte, in die Gefahrenzone der Politik geraten, deren schrilles Nebengeräusch bis an die Geschworenenbank drang und die Entscheidung der Volksrichter, gelinde gesagt, sehr erschwerte. Das soll kein Vorwurf gegen die Geschworenen sein. Diese schlichten Menschen haben gewiß, treu ihrem Eide, Recht sprechen wollen. In einer einfachen, von keinen Imponderabilien beschwerten Verhandlung, wäre ihnen das sicherlich gelungen. Denn der gesunde Instinkt dieser Leute Hütte ihnen den rechten Weg gewiesen. Kann man aber einem Tiroler Bergbauern zumuten, daß er Wochen hindurch den oft verschlungenen Pfaden der Justiz folge, den Wert medizinischer, psychiatrischer Gutachten ermesse, kann man von ihm verlangen, daß er in das komplizierte Seelenleben eines Philip Halsmann, von dem das psychiatrische Gutachten behauptet, daß er „kein ohne weiteres durchschaubarer Mensch sei", eindringe? Ist aber ein größerer psychologischer Unterschied, eine weitere Spannung in Lebensweise, vielleicht auch in Lebensauffassung denkbar, als zwischen Tiroler Bauern, die hier Zeugen und auch Richter sind, und dem ostjüdischen Milieu, aus dem der Tote und der angebliche Mörder stammen? Es muß Zwischen Richtern, mögen sie gelehrte Richter oder solche aus dem Volke sein, und dem Angeklagten die Möglichkeit eines gewissen Kontaktes, eines gegenseitigen Sichverstehens gegeben sein. Dieser Kontakt, diese Brücke von Geschworenenzur Anklagebank fehlte gänzlich und ist dem jungen Studenten Zum Verhängnis geworden. Gewiß hat die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Philip Halsmann nicht leichtfertig erhoben. Es lagen Verdachtsmomente vor, über die man nicht einfach hinwegsehen konnte. Aber selbst bei rigorosester Wertung aller, von der Anklagebehörde ins Treffen geführten Schuldbeweise hat das Beweisversahren nichts ergeben, was mit zwingender Kraft die Schuld des Angeklagten erwiesen hätte. Auch im Vorleben des jungen Halsmann ist nicht das Geringste zu finden, das die grausige Tat erklären könnte. Bei Halsmanns führte man ein normales Familienleben. Die Mutter versicherte, daß er der denkbar beste Sohn sei, daß der Vater immer mit Stolz auf ihn geblickt hätte, ja, daß Philip nicht einmal imstande gewesen wäre, Blut zu sehen. Auch die Schwester setzte sich für den unter so grauenvollem Verdacht stehenden Bruder mit Temperament ein. Niemals würde sie ihn einer Lüge für fähig halten, niemals ihm Zutrauen wollen, daß er Komödie spiele. Eine Schweizerin, die Philip Halsmann seelisch nahestand, versicherte mit Bestimmtheit, daß er viel Familiensinn besitze, daß er nie Spuren von Egoismus offenbart hätte, ja, daß man ihn als den ehrlichsten, aufrichtigsten Menschen bezeichnen müsse. So äußerten sich verschiedeneZeugen, so lauteten spontane Kundgebungen, die beim Innsbrucker Gericht ein-

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