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Central-Verein-Zeitung · 1929-12-13 · 50 (13.12.1929) · p. Seite 666

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
Seite 666 (sequence 6)
Language
German
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m Der altneue Cou-enhove über J>ß0 Lvefen ües Antisemitismus". Zwei Grasen Coudenhove-Kalergi über den Antisemitismus sprechen zu hören — Vater und Sohn über Vorkriegs- bzw. Nachkriegs-Antisemitismns — dazu bietet uns jetzt die Möglichkeit ein Buch, das im Pan-Europn-Verlag in Wien erscheint. Richard Coudenhove, der große Pan-Enropäer, gibt die philosophische Doktordissertation seines Vaters, der damals schon 42 Jahre alt loar \mb einer der reichsten Großgrundbesitzer Böhmens, Diplomat, ckoetor juris und ehemaliger Osiizier, über „Das Wesen des Antisemitismus" heraus, weil „durch das Anschwellen der antisemitischen Flut das Werk Heinrich Coudenhoves heute leider aktueller geworden ist, als es bei seinem Erscheinen war". So interessant für bte Gedankengänge eines wissenschaftlich denkenden Großgrundbesitzers der Inhalt jener Streitschrist-Dissertation ist, so scheint uns doch bedeutsamer, natürlich aktueller und geistig wertvoller die Einleitungsstudie Richard Coudenhoves, der sich mit dem Antisemitismus nach dem Weltkriege auseinandersetzt. Hier erhalten wir Analysen, Prägungen, Formulierungen, wie sie bei der starken, positiven Geistigkeit des führenden Paneuropäers zu erwarten sind. Hier mcrft man nichts von übernommenen Phrasen, nichts von traditionellen Gedankengängen, nichts von Schlagworten und „modernen" Rassentheoremen — hier spricht ein selbständig Denkender und Analytiker, ein eigenartig formulierender Geist, ein positiv denkender Kopf, ein eigenwillig-westlicher Kulturmensch, dessen geistiges Gebiet die ganze Welt ist, den: eine glückliche und durch des Vaters gesegnete Klugheit weit gewordene Jugend einen großen Horizont gegeben hat. Daß wir die Schrift mit besonders bewegter Freude von Seite zu Seite lesen, darf ja nicht weiter mundernehmen; aber auch für den politischen Gegner, der die Wahrheit hören will, bietet sie so zahlreiche Offenbarungen und Problemlösungen, und für den, der Freude hat an einer politischen Schrift voll Geist, Kultur und Geschmack, gibt sie eine so genußreiche Lektüre, daß man wünschen möchte, sie in einer Massenauflage, den! deutschen Volke gewidmet, zu sehen. Ein gewähltes Deutsch in seingeschlifsener Sprache von vornehmer, origineller Geistesart — das haben wir nicht oft in einer politischen ^Schrift zu bewundern. Interessant, wie er die Persönlichkeit feines Vaters mit wenigen strichen umreißt: „Politisch bekannte er sich zu keiner Partei; als Freund der Ordnung und Tradition dachte er konservativ; als Vorkämpfer der Toleranz liberal; als Feind der Ungerechtigkeit sozialistisch. Er nahm aktiven Anteil an der Friedensbewegung und dachte pazifistisch bis zu dem Grade, daß er seinen Kindern das Spielen mit Bleisoldaten untersagte, nur in ihre Herzen nicht den Keim militärischer Gesinnung zu pflanzen . . Stets und überall stellte er sich aus die Seite der Religion in ihrem Kampfe gegen die Jrreligion. Er verkehrte gern und freundschaftlich mit gelehrten Jesuiten und Rabbinern, mit frommen Christen und Juden, Mohammedanern und Buddhisten (so nennt er sich im Vorwort seines letzten Werkes einen Mann, der die religiösen > Fragen in vier Kontinenten während eines Vierteljahrhunderts eifrig verfolgt und beobachtet und unter der Leitung christlicher, jüdischer, mohammedanischer und buddhistischer Lehrer studiert hat), dagegen waren ihm Fanatismus, Intoleranz und Klerikalismus verhaßt." Wenn wir die Stellung des jungen Coudenhove zum Antisemitismus betrachten, so finden wir zahlreiche Gedankengünge wiedergegeben, die an dieser Stelle schon wiederholt ausgedrückt worden sind und den Lesern daher nichts Unbekanntes bieten. „Die Politische Einstellung des Judentums in den verschiedenen Staaten ist nichts weiter als ein Echo der Behandlung, die ihn: Zuteil wird. Während die jüdische Intelligenz im zaristischen Rußland revolutionär eingestellt war — war sie in England ebenso konservativ oder liberal lvie die nichtjüdische Intelligenz. Disraeli der größte Führer der englischen Konservativen, war Jude. Auch heute steht in England eine Reihe hervorragender Juden mit an der Spitze der Konservativen und Liberalen. Denn die englischen Juden mußten und müssen ihr Vaterland lieben, das den Antisemitismus ablehnt und ihnen volle und wahre Potitisch-soziale Gleichberechtigung gibt ... Es ist aber sicher, daß die - mitteleuropäischen Juden, deren überwältigende Mehrheit gute Patrioten waren und den ^taat nicht verantwortlich machten für die unwürdige soziale Lage, in der sie sich befanden, ebenso konservativ wären wie die britischen, wenn ihre Stellung in Mitteleuropa die gleiche wäre lvie in England, und daß darum der Antisemitismus hier kein Schrchwall gegen die soziale Revolution, sondern ein Nährboden für sie ist . . . Für Demagogen und denkfaule Menschen ist diese Identifizierung des Judentums mit Liberalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, Rationalismus, Materialismus, Freimaurertum, Parlamentarismus, Zersetzung — zu bequem, um nicht Anwendung zu finden. Der Antisemitiums wird so in der Politik zu einem Universalmittel; er findet stets ein Echo, weil er einem tief wurzelnden Vorurteil der Massen entgegenkommt. Die mitteleuropäische Reaktion versteht es meisterhaft, sich dieses Vorurteils zu bedienen und es dadurch automatisch zu verstärken . . . Der hervorragendste Kriegs- und Jnflationsgewinnler Deutschlands war bekanntlich ein Nichtjude. Die deutsche Industrie befand sich nur zum geringsten Teile in jüdischen Händen. Der mitteleuropäische Großgrundbesitz lag fast ausschließlich in den Händen von Nichtjuden. Jur ganzen hatten die Inden durch ben Krieg viel mehr verloren als gewonnen. Kein ernst 31t nehmender Politiker konnte es wagen, den Juden einer! Anteil der Kriegsschuld zuzusprechen; ebenso absurd waren aber die Pauschalvorwürse gegen die Juden, den Kriegsausgang verschuldet zu haben. f Alle diese Tatsachen Helsen nichts. Die öffentliche Meinung wird durch Phrasen gelenkt, nicht durch Logik. Den Juden wurde die Schuld am Kriege, am Zusammenbruch, an der Revolution, an der Inflation zugeschoben. Die Massen, die stets geneigt sind, das zu glauben, rvas sie gerne glauben wollen, waren froh, einen Sündenbock gesunden zu haben für die furchtbaren Schicksalsschlüge, die' sie nacheinander ohne ihre Schuld getroffen hatten. In einem mitteleuropäischen Staat legte mir kurz nach denn Umsturz ein Parteiführer den Entwurf feinet neuen Parteiprogramms vor. Um meine Kritik befragt, machte ich ihn aus den Widerspruch aufmerksam, der Zwischen einem Paragraphen lag, der die volle Gleichberechtigung aller Konfessionen, und einem anderen, der die Zurückdrüngung des jüdischen Einflusses forderte. Daraus antwortete er: .Ich bin kein Antisemit, int Gegenteil. Aber wenn wir diesen antisemitischen Paragraphen nicht aufnehmen, dann schnappen uns die.(hier nannte er den Namen einer Koukurrenzpartei) unsere Wähler weg.^ Das Judentum hat „durch Jahrhunderte aus Scheiterhaufen und in Folterkammern bewiesen, daß es dort, wo es sich um seine eigenen Ideale handelt, keinem Volk der Erde an Tapferkeit nachsteht. Es hat um seines Glaubens willen einen zweitausendjährigen Weltkrieg gegen ganz Europa geführt. Dadurch hat es ein Recht, sich als Heldenvolk ersten Ranges zu fühlen. Wer gerecht ist, muß das anerkennen. Denn Krieg und Kampf ist zweierlei Und Kriege sind nicht die einzigen Prüfsteine der Tapferkeit. Den meisten Menschen wird es leichter scheinen, in den Krieg zu ziehen, als angesichts des Scheiterhaufens ihre Neberzeugung nicht preiszugeben. VordernKriegewarRußlanddas Wellzentrum des A n t i s e m i t i s m u s. Heute ist es Deutschland. Außerhalb Deutschlands ist der Antisemitismus in Europa nur noch lebendig in einigen Mittel- und Kleinstaaten Osteuropas. Diese Tatsache sollte den deutschen Judenfeinden zu denken geben. Sie werden sich dann wahrscheinlich in der Gesellschaft, in der sie sich befinden, nicht sehr wohl fühlen. Denn die drei anderen europäischen Großmächte lehnen den Antisemitismus kategorisch ab . . . Der Haß gegen das Judentum und gegen das Deutschtuur sind verwandt. Beide Völker wurden gehaßt, verfolgt und verleumdet, weniger um ihrer Fehler willen, als um ihrer Vorzüge . . . Denn Soeben erschien bei uns: Juden und Araber in Mdstina Zur Erkenntnis der jüngsten Vorgänge Von Dr. ALFRED WIENER Subskriptionspreis bis 18. Dezember d. J. IV!. 1,20, broschiert PftiSoVeriagu.BuchhändiungQ.m.b.H., Berlin SW68,Lindenstr.13 die Juden sind ein begnadeter Menschheitszweig. Durch ein zweitausendjähriges Martyrium sind sie zu ihrer heutigen Größe emporgestiegen. Von den meisten Berufen ausgeschlossen, unter vielfach erschwerten Lebensbedingungen mußten sie ihren Gerst zehnfach schärfen, um ihre nackte Existenz durch das Mittelalter hindurch zu retten. Nur die Tüchtigen konnten sich erhalten und sortpslanzen. Wer willensschwach und feige war, ließ sich angesichts der Scheiterhaufen und Folterwerkzeuge taufen und schied aus der jüdischen Gemeinschaft aus: nur die tapfersten und willensstärksten hielten das Wunder dieses zweitausendjährigen Kampfes durch. So fließen in jedem modernen Juden Ströme von Märtyrerblut — von Menschen, die sich lieber verbrennen ließen, als sich von ihrem Gott, ihrem Glauben, ihrem Ideal loszusagen. Wer an Vererbung glaubt, muß in den Juden einen besonders wertvollen Zweig der Menschheit sehen. Ein Zweig der Menschheit, der gestählt ist vom Leiden und voin Denken. Denn während die meisten Europäer erst vor wenigen Generationen aus dem Analphabetentum hervorgegangen sind, haben die Vorfahren der Juden seit Jahrtausenden gelesen, geschrieben und sich mit geistigen Problemen auseinandergesetzt. Wer, statt aus Schlagwörter zu hören, diese Tatsachen bedenkt, gewännt ein anderes Bild voin Judentum als das Zerrbild, das der Antisemitismus schafft. Wenn die Größe eines Volkes sich niesten läßt an der relativen Zahl seiner hervorragenden und bedeutenden Kinder, steht das Judentum heute zweifellos an erster Stelle. So betrachtet, erscheint das Judentum nicht als minderwertige, sondern als hochwertige Menschengruppe — und der Antisemitismus als ebenso schweres Unrecht gegen die Juden wie der Deutschenhaß gegen die Deutschen. Heute ist die Mißachtung gegen die Deutschen in der Welt mindestens so stark verbreitet wie der Antisemitismus". Fritz Goetz.

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