Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- Seite 621 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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löntvaL iSfeln VMter für-eulsclUmn^j mrvDiornwm Serlin, 22. November 192- VIII. Jahrgang * Nr. 47 Einzelnummer 20 Pfennig 'vryan des LalralVereins deutscker Etaatsvüryer iüdilcdenvlauvens ^I1^eri^ein»s Z.eirunj£ des Judenrums VierteLiakrSabonnement 2,50 RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. .:. Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel« stube G, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 100. un d deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JZM für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moffe« Nvrmalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzergen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JZJL Das LVahlevaebttis Der Staat ist gewarnt! Die Ursache der Studentenkrawalle. Die Tageszeitungen melden schwere Ueberfälle deutschvölkischer Studenten auf jüdische Kommilitonen in Prag. Der Grund für diese Exzesse, die leider blutige Opfer gefordert haben, soll in den völlig unzulänglichen Raumverhältnissen an den Prager Hochschulen liegen. Uns scheint aber, daß dieser Raummangel nur der Vorwand ist; die wahren Ursachen liegen sowohl bei den Studentenunruhen in Wien, Prag wie Berlin tiefer. Der nachstehende Aufsatz geht auf die Kernfrage ein, die in allen drei Ländern die gleiche ist. Die Schriftleitung. Dieser Berliner Studentenkrawall der vergangenen Woche ist mehr als eine flüchtige Lagessensation. Es wäre unrecht, ihn vorschnell zu vergessen. Er ist ein erschütterndes Symptom. Und eine sehr ernste Warnung — nicht an die brüllenden Studentenhaufen, sondern an den deutschen Volksstaat. Es scheint, daß die öffentliche Meinung sich über diesen Ernst hinwegtäuschen läßt, weil der Anlaß zu dem Aufruhr so lächerlich geringfügig ist. Die Sondergruppe der Deutschen Studentenschaft veranstaltet einen Ball. Der Rektor stellt eine Reihe von Bedingungen. Als die Plakate, die für den Ball werben sollen, in der Universität angeschlagen werden, stellt der Rektor fest, daß seine Bedingungen bei der drucktechnischen Anordnung der Plakate nicht innegehalten sind. Er ordnet Entfernung der Plakate an. Erregung, Protestversammlung, die der Rektor genehmigt. Während der Protestversammlung im Freien steigert sich die Erregung, die destruktiven Gesetze der Massenpsyche fangen an zu herrschen, ein Haufen rechtsradikaler Studenten dringt in die Universität ein, brüllend, schimpfend, störend, eine blinde Masse von Studenten fanatisierend und nach sich ziehend. Sie glauben sich im Recht. In welche Massenrufe kleidet sich ihr Rechtsbewußtsein? Rufen sie: „Es lebe die akademische- Freiheit?" Oder: „Nieder mit dem bureaukra tischen Terror"? Oder: „Her mit dem Recht"? Nun, sie rufen nur: „Nieder mit dem Rektor!" Das ist zwar albern, es steht auf der Stufe des Diese Nummer enthält die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend“ Nr. 8 - eine LNahmtng Ä. H. Die Ergebnisse der Wahlen des letzten Sonntags liegen im großen und ganzen vor, und allgemein beginnt man, die Bilanz Zu Ziehen, oder besser, die Bilanz zu frisieren. Es ist begreiflich, daß jede Partei sich bemüht, ihrer Anhängerschaft nachzuweisen, daß sie lebenskräftig sei, und daß entweder der erreichte Erfolg über Erwarten groß, oder die Erhaltung des bisherigen Zustandes das einzig Erstrebenswerte ist, oder die mit Sicherheit erwarteten Verluste weit geringer als befürchtet ausgefallen seien. Mit dieser Methode gewinnt man aber nicht die Uebersicht über die tatsächliche Krüfteverschiebung, über die man sich klar werden muß, wenn man aus der Wahl für die zukünftige Politik lernen will. Betrachtet man von diesem Gesichtspunkt aus die Wahlergebnisse, so ist der wesentlichste Eindruck die erneute Radikalisierung der großen Massen. Untersuchungen über die Gründe dieser Erscheinung anzustellen, ist in diesem Augenblick verfrüht. Aber bei nüchterner Wertung der Tatsachen muß doch gerade an dieser Stelle mit der Offenheit, die allein in ernsten Lagen am Platze ist, ausgesprochen werden, daß uns der nationalsozialistische Erfolg das hervorstechendste Merkmal der Kräfteverschiebung zu sein scheint. In ganz Preußen ziehen die Nationalsozialisten erstmalig in die Stadtparlamente ein; sie haben z. B. in Berlin auf Anhieb dreizehn und mehr Mandate gewonnen. Wenn auch ihre Stimmenziffern gegenüber den letzten ReichsoderLandtugs- Rechtsbewußtseins von Obertertianern, die gern, wenn sie dabei erwischt wurden, daß sie ihre Schulaufgaben nicht gemacht haben, sich aus einer Pennälerbude Zusammentun zu dem kernhaften Gelöbnis: Nieder mit allen Schulen! Nieder mit allen Paukern Europas! Sonst schwärmen sie, genau wie die Studenten, für Diktatur und stramme Ordnung — aber wenn sie selber Ordnung halten sollen, schwärmen sie plötzlich, wieder genau wie unsere Studenten, für die heilige Freiheit; es scheint ein Gesetz der politischen Kindhaftigkeit zu sein, daß man aus voller Kehle den Diktator — für die anderen erschreien möchte. Sehr bald ging der kernige Ruf: „Nieder mit dem Rektor!" unter in einem anderen, der mit verzehnfachter Massenlust ertönte, und der also wohl dem verletzten Rechtsbewußtsein der an die vavteienr Wahlen nicht im gleichen Niaße gewachsen sind, so hat doch keine andere Partei eine derartige Vervielfachung ihrer Wählerschaft erzielen können. Es wäre falsch,denStimmenzuwachslediglichdurch die Abwanderung der Radikalen des rechten Flügels der Deutschnationalen und die Einwirkung des Volksbegehrens zu erklären. Denn auch andere sehr große Parteien haben trotz der stärkeren Wahlbeteiligung erhebliche Verluste erlitten, so daß man annehmen muß, daß die Nationalsozialisten ihre Erben geworden sind. Aber selbst wenn diese Vermutung nicht zutrüfe, wenn lediglich die erstmalig zur Wahl berechtigte Jung« Wählerschaft sich für den Nationalsozialismus entschieden hätte, so müßte das ausreichen, um die großen Parteien zu e r n st e st e n Erwägungen zu Veranlassern wie sie dem nationalsozialistischen Vormarsch, der jetzt bereits seit vier Jahren unaufhörlich fortbauert, entgegen- Zuarbeiten haben. Wir im C e n t r a l v e r e i n haben lange im wesentlichen allein dem nationalsozialistischen Ansturm gegenübergestanden. So brauchten w i r uns keine Versäumnisse vorzuwerfen. Die Parteien aber haben, wie sie jetzt wohl selbst werden zugeben müssen, unseren Voraussagen und Warnungen nicht genügend Achtung geschenkt. Sie werden durch die nicht mehr zu übersehende nationalsozialistische Wnhlerkurve zu energischen Entschlüssen gelangen müssen, um ihrer Verantwortung gegenüber dein deutschen Wiederaufbau gerecht zu werden. Eine Zusammenstellung der Wahlergebnisse in den Grossstädten finden unsere Leser umstehend. Studentenschaft als der einleuchtendste, als der treffendste in ihrem Rechtsstreit erscheinen mußte: „Juden raus!". Man schämt sich, daß es wahr ist: Eine Differenz zwischen Rektor und Studenten über eine drucktechnische Angelegenheit wird beantwortet mit dem Schrei: Juden heraus! Nie hat es ein groteskeres Zerschneiden jeder sachlichen, logischen, rechtlichen Beziehung Zwischen Frage und Antwort, Ursache und Wirkung gegeben. Wenn das bei Tertianern geschehen wäre — Jnfantilismus wäre kein hinreichender Erklürungsgrund mehr gewesen. Wenn es bei Akademikern geschieht, die sich überwiegend auf entscheidungsvolle Aemter im Staatsdienst vorbereiten, gibt es überhaupt keinen Entschuldigungsgrund mehr. Hier muß ganz eindeutig gesehen und bekannt werden: Diese Menschen