Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 41 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- Seite 556 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SSb beruhigende Moment, fast völlig unbeteiligt. Immerhin gab es auch hier nicht nur verantwortungslose Hetzreden bestimmter innerzionistischer Gruppen, die zmn Zwecke der Beeinflussung der inneren Politik gehalten, grausamen Schaden angerichtet haben. Es gab auch ähnliche Reden Verantwortlicher Führer, die aufreizende Haltung bestimmter Tageszeitungen, anonyme Plakate in Tel Awüv, die ,die nationalgesinnte Jugend" zu Demonstrationen aufriesen und vor denen noch die letzte vor dem Sturm erschienene Nummer des Arbeiterblattes ,Dawar' warnte, es gab schließlich die Demonstration des revisionistischeil Bnith Trumpeldor mW der sephardischen Jugendorganisation an der Klagemauer, aus die die Araber mit der Gegendemonstration antworteten, die das Zeichen zum Ausstand war. Allerdings hätte die Regierung vorhersehen müssen, daß zwar die Demonstration der Juden friedlich verlaufen würde, daß aber die von außerhalb herangeholten Fellachen unmöglich wissen können, daß eine Demonstration in zivilisierten Ländern ein rein politischer Akt ist. . . . In einer unsinnigen Verblendung, in unverständlicher Verwirrung jüdischer Gefühle hat ein Teil von uns unabsichtlich das Spiel der arabischen Hintermänner gespielt — und gern gespielt. Wir anderen aber, und das trifft zuerst die verantwortlichen Stellen, sind dem nicht entgegengetreten, haben der Palästinensischen Oessentlkchkeit nicht gezeigt, daß es sich um die Entgleisungen einzelner Verantwortungsloser handelt. Der „Israelit", Centralorgan für das ortho- ' doxe Judentum, schreibt in Nr. 39, „Nach der zweiten Kenessio Gedaulo" u. a.: „Das Gebot der Besiedlung des heiligen Bodens in Palästina ist eines der 613 Gebote der Thora und kann durch keinen Araberdolch vernichtet werden. Darum Arbeit, getragen von der alten Liebe und Treue, auch, unb erst recht, nach den fürchterlichen Ereignissen der letzten Tage. Die Liebe zu Erez Jifroel als dem Lande der Thora zwingt den Blick auch nach den Parallelwegen, die nach Palästina führen, zwingt zum Erwägen und Ueberlegen, ob und in welchem Maße eine g e - m e i n s a me Arbeit für die gleiche heilige Ausgabe gegeben sei. Man wäre herzensgern bereit, für den materiellen Ausbau mitzuarbeiten, wenn nur die andern sich dazu entschließen wollten, ihre Hand von den Dingen, in denen cs um der Wahrheit willen keinen Ausgleich geben kann, zu lassen. Solange aber dieses Verständnis auf der anderen Seite nicht aufgebracht wird, ist, vom gleichen zentralen Gesichtswinkel gesehen, von demalle Arbeit ausgeht, ein gemeinsames Arbeiten nicht gegeben. Die Welt weiß nun genau, wer die Schuld an der Brückenzerstörnng hat." Die „Jüdisch-liberale Zeitung" veröffentlicht in Nr. 39 einen Aufsatz „Entscheidung" aus der Feder ihres Vorsitzenden, Heinrich Stern, der die Trennungsmomente zwischen Jewish Agency und religiös-liberaler Politik in klarer Weise darlegt. Stern sieht den Punkt, an dem sich die Geister scheiden, an der zionistischen Forderung nach einem neuen politischen „jüdischen Zentrum". Er schreibt: „. . . Wäre es wirklich richtig, daß das Judentum für seine Weltgeltung, für die Durchsetzung seiner Idee unter den Völkern eines sichtbaren Zentrums bedürfe, so würde auch ich aus ganzem Herzen an der Schaffung eines derartigen Zentrums Mitarbeiten . . . Ich achte in tiefster Seele den ehrlichen Glauben derjenigen Zionisten, welche glauben, dieses Zentrum schaffen zu müssen, und ich verstehe ganz wohl, daß für solche Menschen die Palästinaarbeit den absoluten Vorrang vor jeder anderen jüdischen Arbeit einnehmen muß. Aber ich glaube, das Judentum der Zentralisierung ist in der Tat, wie es auch kein geringerer als 43. Grosser Spe?jkilhsu8 für feine tzerren-Mäsche, Triiilltagrn ufw. BERLIN W FERNSPRECHER: CHARLOTTENSTRASSE65 MERKUR 6330 daß die friedliche Absicht des nach Erez Jproel kommenden Judenvolkes nnerschüttert ist . . . Alles, was vorgekommen ist, ist juristisch einwandfrei: in keinem geordneten Staatswesen darf die Antwort aus vereinzelte heftige Reden und Politische Demonstrationen in Aufruhr, Mord und Brand bestehen. Vor unserem eigenen Gewissen aber müssen wir bekennen, daß wir dieses Treiben zu lange geduldet haben. Es ist ein wahrer Dolchstoß in die außenpolitische Front der Jewish Agency und es versetzt Teile der Jugend in einen Rauschzustand, der noch weiter das erschwert, was heute schon so unsagbar schwer geworden ist: die Verständigung mit dem arabischen Volk in Palästina. Soweit der Streit der Meinungen innerhalb des Zionismus. Chaim Weizmann ausgesprochen hat, ein .neues Judentum". Kämpft der Zionismus für diese Schaffung eines jüdischen Zentrums, so hat er in der Tat, wie Weizmann in seiner Eröffnungsrede richtig sagt, den Willen, ein neues Judentum zu schassen. Und er muß es schaffen, zur — um wieder die Worte von Weizmann zu gebrauchen — Wiederausrichtung der Seelen. Vor aller Welt erhebe ich nun die Frage: Brauchen wir ein neues Judentum, ist unser jüdisches Erleben, unsere jüdische Seele derartig gebrochen, daß wir, um sie für das Judentum zu retten, ein neues Judentum schassen müssen? Ich glaube, uns muß, uns kann das alte Judentum genügen. . . . Ist es wirklich so, daß wir Juden uns, in der Welt zerstreut, als heimatlos empfinden müssen? Nicht davon ist hier zu reden, daß wir mit Boden und Baum, mit Menschen und Leben, mit Kultur und Sprache unserer Heimat rein physisch verwachsen sind, daß wir unsere Seels nicht erneuern können, wenn wir diesen Teil ans ihr herausreißen. Ich will von den Starken sprechen, die dieses Opfer bringen könnten, das Zehntausende nicht bringen können und wollen. Fühlen wir Juden nicht, daß gerade jetzt trotz aller Kämpfe, die uns und unseren Kindern allüberall beschieden sind, fühlen wir nicht gerade bei diesen Kämpfen mit besonderer Stärke, daß wir sie führen müssen, weil wir in der Heimat bleiben müssen? Müssen wir nicht bleiben, weil wir nur dann für die Völker leben können, wenn wir in und mit ihnen leben? Und heißt es nicht, für die Völker leben, wenn wir als ganze Juden in Stadt und Land, in Partei und Gesellschaft laut verkünden, daß diese Zeit eine Zeit der Fruchtreise ist, der Fruchtreise von Keimen, die einst jüdische Menschen in den Saatboden der Weltseele gelegt haben? Ruppin hat davon gesprochen, daß es jüdische Pflicht ist, für den Völkerbund einzutreten: denn er ist jüdisches Erbgut. Das Gleiche aber gilt für die Frage des Selbstbestimmungsrechts der Völker, für die große Friedensfrage, die in voller Klarheit nur dann gelöst werden kann, wenn wir sie ihres politischen Beigeschmacks entkleiden und aus ihren religiösen Ursprung zurücksühren. Werden wir nicht die zahllosen sozialen Probleme, die diese vielgestaltige Zeit des Neuwerdens cmfgibt, die Frage des Freiwerdens von Frau und Jugend, die Neuwertung der Arbeit gerade dann im Sinne des Judentums lösen, wenn wir, statt ein Zentrum zu schaffen, dafür sorgen, daß jedes jüdische Haus, jede jüdische Gemeinde, jede jüdische Landsmannschaft ein Zentrum, eine Kraftquelle werde für die Arbeit jüdischer Menschen und für die Fortpflanzung unseres alten Judentums, das wahrlich nicht der Erneuerung, wohl aber der Nenentdeckung bedarf?" Interessant zu hören ist auch die Meinung der Araber i n B e r l i n über die Ereignisse. Wir hören darüber: Am Freitag, den 27. September, veranstaltete das arabische Bureau in Berlin-Friedenau eine Kundgebung „Das arabische Palästina", die gut besucht war. Die Anwesenden setzten sich aus den Mitgliedern der arabischen und türkischen Kolonie in Berlin, hauptsächlich Studierenden, ans einer Anzahl von Orientsreunden und aus Angehörigen der Zionistischen Organisation zusammen. Unter den vier Referaten ist das des aum Islam übergetretenen Deutschen, des Herrn M. H. Hofsmann, hervorzuheben, der es versuchte, dem Zionismus, wenigstens ideologisch, gerecht zu werden. Hossmann betonte, daß die Zionistische Bewegung durch die Balfour-Deklaration scheinbar eine Krönung, in Wirklichkeit aber eine Niederlage erfahren habe, denn sie sei jetzt nur reine Kolonisationsbewegung geworden und nicht mehr imstande, die Masse der Juden durch ihre Gedankengänge unter ihr Banner zu scharen. Falsch sei auch die Meinung, daß etwa hinter der zionistischen Bewegung oder gar hinter der Jewish Agency die gesamten Juden der Welt ständen. Die Mehrzahl der Juden, besonders in den westlichen Ländern Europas, lehnen eine „nationale" Kolonisation, wie sie der Zionismus bisher betrieb, durchaus ab. Die anderen Referate brachten heftige Anklagen gegen den Zionismus, den man beschuldigte, im Bunde mit England die Unruhen in Palästina wachgerufen zu haben und den man auch weiterhin für jede Feindschaft imt> für jede Unruhe in Palästina verantwortlich machte. Bemerkenswert, aber bedauerlich ist es, daß niemand von arabischer Seite von denjenigen arabischen Elementen abrückte, die z. B. in Hebron waffenlose Juden hingemordet haben. Dr. N a ch n nt Goldmann kritisierte scharf diese betrübliche Unterlassung, stellte verschiedene sachliche Jrrtümer, z. B. über die Beisanböden, der arabischen Redner richtig, und betonte zum Schlüsse, daß er und die maßgebenden Zionisten an eine Versöhnung mit der arabischen Bevölkerung, deren nationale Bestrebungen man durchaus verstehe trotz allem festhalten, da sie unbedingt kommen werde und kommen müsse. Endlich sei noch einer anderen Stimme Gehör gegeben, die wohl als die extremste innerhalb des Judentums t die Frage nach der Schuld an den Palästina-Wirren ganz eindeutig zuungunsten der Zionisten beantwortet. Dr. Max Naumann schreibt in Nr. 10 seines Mitteilungsblattes „Der nationaldeutsche Jude": „Die Schuld daran, daß diese Opfer fallen mußten, trifft in erster Linie die wirklichkeitsfremden Selbstbetrüger, die auf leere Versprechungen einer skrupellosen Kolonialmacht hin werktätige Jugend in Heimatlosigkeit und Pogrom lockten, — dieselben, die heute alle Schuld von sich weisen und nach dem Waschbecken des Pilatus greifen. Einen Strich unter die Vergangenheit. Wir Deutschen haben anderes auszubauen: unser unter Neparationslasten seufzendes deutsches Vaterland. Und vollends das Leben und die Arbeitskraft unserer deutschen Kinder jüdischen Stammes, die bei richtiger Anleitung dem deutschen Vaterland wertvolle Dienste leisten können, sind zu schade für dieses östliche Land der Pogrome und der Enttäuschungen, wie einst unserem Bismarck die .Knochen des Pommerscheu Grenadiers" sür den Balkan zu schade waren." Wir lassen diese Umschau mit der aus- Zugsweisen Wiedergabe aus einem Artikel von Professor Samuel Saenger aus der „Neuen Rundschau" Nr. 10 schließen und lassen damit eine Anschauung zu Worte kommen, die über die Tageserörterung hinaus wieder Zu Andere Stimmen. ■akL&m E2B«SE Nur Simson-Supra! 12/60 PS. Für Reise, Elgn« "^iiirAvSüS&ciflß WilflOfl V ßsitzig, offen Sport und Beruf. ÜGl i.lIVGSlCl&alJft» WdyvIlS und geschlossen. t— Waffenfabrifcen Simson 8 Co., Mtfiutomobilfabriken, Suhl i.Thür.