Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 33 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- Seite 429 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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W «ntMl «r«in Witter für-rutscdtum unöTlwenMm Vierteliahrsabonnement -»M. (zuzügl. Bestellgeld). 2.S« RS Serlin, 1«. Hugust 1-2- VIll. Jahrgang * Nr. 33 Einzelnummer 2» Pfennig des Caitrnl-Vmins örutscker tsvüryerjüdtscken Maudens L« Allgemeine Zeitung des Judentums Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel- Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse. Berlin "SW löö, und dere'i/Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 H für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moss<O Normalzerlenmesser Rr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralveretns 0,45 die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JUL* Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. stude O, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. verfassungsfeiern in den Synagogen. Am 11. August wurde in allen Teilen des Deutschen Reiches das Bekenntnis zur deutschen Volksgemeinschaft erneuert. In Berlin und in allen anderen größeren jüdischen Gemeinden fanden jüdische Gottesdienste aus Anlaß des Versassungstages statt. Es würde sich lohnen, die Predigten, die bei diesen religiösen Verfassungsfeiern gehalten wurden, einmal zu sammeln; denn sie zeigen — was man uns immer abstreiten möchte —, mit welch unverbrüchlicher Treue die deutschen Juden an ihrem Vaterlande hängen. Selbstkritik. Ein wichtiger Schritt zum inneren Zrieöen. Gerechtigkeit ist die Voraussetzung für das Bei- und Miteinander leben der einzelnen wie der Gemeinschaften. Wenn unser öffentliches Leben kaum irgendwo in den Beziehungen der Völker, Konfessionen, sozialen Schichten, Parteien usw. etwas von wahrhaftem Gemeinschaftsleben erkennen läßt, dann ist die Ursache in der doppelten Moral zu suchen, die nicht nur die Beziehungen der Völker, sondern auch die der verschiedenen Gruppen innerhalb eines Volkes stört. Man mißt mit Zweierlei Maß: was dem einen recht ist, soll dem anderen nicht billig sein. Die Gesinnung und Handlung, die der einzelne sich selber dem anderen gegenüber niemals verzeihen würde, wird nur zu oft gültiges Recht, wenn sie dem Vorteil der Gruppe dient, und die Haltung, die bei einer anderen Gruppe als schreiendes Unrecht, als Heuchelei oder Egoismus gebrandmarkt wird, erscheint ethisch gerechtfertigt, sobald sie die eigene Gruppe beherrscht. Wir Juden haben die Answirkungen dieser doppelten Moral zur Genüge kennengelernt. Jetzt ist es Zeit, einmal zu untersuchen, ob wir Juden nicht etwa auch, vielleicht ganz unbewußt, den Fehlern der Zeit anheimgesallen und dadurch mitschuldig an manchen für uns unerfreulichen Zustünden geworden sind. Diese Frage wird in einer Aussatzreihe untersucht werden, mit der wir nachstehend beginnen. (Die Schriftleitung.) So hielt in der neuen Synagoge Oranienburger Straße in Berlin das Mitglied des Hauptvorstandes des Centralvereins Dr. Jsmar Freund die Festpredigt. Dr. Freund führte aus: ,,Die Reichsverfassung sagt in ihrer von Hugo Preuß im besten deutschen Geiste redigierten Präambel: ,Das deutsche Volk — einig in seinen Stämmen . . Sie setzt also selbst Stämme und differenzierte Stammeskulturen als Bedingung zur Förderung des gesellschaftlichen Fortschritts aus dem Boden inneren und äußeren Friedens voraus. Die Arbeit der Juden ist nicht hinwegzudenken aus der deutschen Geistesgeschichte. Nicht wegzuleugnen ist der jüdische Beitrag zu den Werken des Friedens und zu den Blutopfern des Krieges, zu allen geschichtlichen Ereignissen im Leben des deutschen Volkes. So feiern wir freudig den Jahrestag "der deutschen Verfassung, die Frieden und Fortschritt und Recht fördert." Die Feier schloß mit dem Orgelvortrag des Deutschlandliedes. Die Berliner Gemeinde Adas I i s r o e l veranstaltete einen Festgottesdienst, bei dem Rabbiner D r. Munk die Festpredigt hielt. Auch er gab ein freudiges Bekenntnis zu der Verfassung ab, die allen Weltanschauungen ihre Freiheit läßt. Zweierlei Maß. Von Mittelschullehrer Dr. H. Stern. Wir Juden sind die klassische Gemeinschaft der Tradition. Selbst der liberale Jude anerkennt als Basis der jüdischen Verbundenheit die Gemeinschaft des geschichtlichen Erlebens in der Vergangenheit und der religiös - sittlichen Werte, die ja die ältesten der heutigen Kulturmenschheit sind. Wir sind stolz auf unsere jüdische Vergangenheit, ohne uns durch die historische Kritik, die sie nicht immer wohlwollend behandelt, irremachen zu lassen. Wir freuen uns unserer Großen, und nicht nur derjenigen des Geistes, sondern auch eines Simson, einer Esther, der Makkabäer, eines Bar Kochba. Und selbst da, §wo mir die Tradition aufgeben, achten wir gewisse, ursprünglich mehr nationale Feiertage immer noch als ein Gut, das einmal seinen Wert gehabt hat. Sie bleiben uns neben ihrer ewig geistigen, reli- POGROM IN LITAUEN! (Seite 431) giösen Bedeutung immer noch ein historisches Gut. Leider läßt sich nicht behaupten, daß man innerhalb dieser traditionsstarken Judenheit überall dasselbe Verständnis für die historischen Werte der nichtjüdischen Geschichte, z. B. der deutschen, fände. Nicht nur, daß viele Inden Persönlichkeiten und Epochen dieser Geschichte mit ganz anderen Angen ansehen als die entsprechenden eigenen, sie beurteilen auch die Haltung der Nichtjuden zu diesen Werten ganz anders als die eigene zu den eigenen. Wo sie selbst romantisch sind, sollen die anderen kritisch sein. Gewiß waren die Staufen, war die Reformation, waren die Befreiungskriege, waren Luther, Friedrich der Große, Bismarck nicht so, wie sie nationaler Stolz und der ganz natürliche Hang nach Heldenverehrung zu sehen gewohnt sind; vielleicht waren auch unsere Helden und Heldenzeiten nicht ganz so, wie sie uns die Tradition zeigt. Aber warum sollen deutsche Romantik, deutsche Tradition, deutsche Treue gegen liebgewordene Vorstellungen weniger berechtigt oder gar gefährlicher sein als jüdische? Warum soll dort Chauvinismus, Nationalismus, Geschichtsfülschung heißen, was bei uns — jüdisches Selbstbewußtsein heißt? Gerade die Betrachtung der jüngsten Vergangenheit zeigt solch ungerechtes Messen uni zweierlei Maß in peinlichster Unbekümmertheit. Wir Juden haben den Weltkrieg mit denselben Augen angesehen, mit denselben Gefühlen begleitet wie die christlichen Mitbürger. Wir sind