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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-19 · 29 (19.7.1929) · p. Seite 377

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
29 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
Seite 377 (sequence 1)
Language
German
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enfool unvIrweMum Serlin, 19. Juli 1929 VIII. Jahrgang ♦ Ar. 29 Einzelnummer 20 Pfennig —Ä VMlter sür-eutscbdM^ vryan des Lnlrrü-Vereius dcrmcker Strmtsvüryer iüölscken olmivens^v. S^Utzel^eir^s Zeitung des Gudenrums Bierteliahrsabonnement 2,50 RM. (suzügl. Bestellgeld). , Verlag und Schriftleitung: Berlin 8W68, Lrndenstr. 13. Amt Dönhoff 8594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel. ö wuu b -y stube G, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin SW 8. _ rr Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Expedition Rudolf Moffe, Berlin 8W 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: O,9O für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmeffer Nr. 4, Familienanzergen unü Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvererns 0,45 JIA, die 62 mim breite Reklamezerle 3,50 Julius Golöftrin zum Geöächtnis Der Mensch. Die Kunde von dem frühen Ableben unseres Freundes Julius Goldstein hat in allen, die ihn kannten, die Erkenntnis reisen lassen: Hier hat ein Mensch uns verlassen, der für das gesamte deutsche Volk und somit auch für die deutschen Juden von einer Bedeutung gewesen ist, die den Verlust besonders schmerzlich macht, ein Mensch, der in mancher Beziehung unersetzlich ist. Seine lebendige Religiosität hat ihn mit Angehörigen aller Religionen innerlichst verbunden. Sie haben einen Künder wahrhaftiger Religiosität verloren. Und die Juden betrauern in ihm einen Mann, der sich Vertiefung und Verbreitung jüdischer Religiosität und ihres Gedankengehalts besonderst zur Aufgabe gesetzt hat. Diese Seite der Bedeutung Goldsteins beruht nicht nur in dem Gehalt seiner Schriften. Die Zahl der Bücher Goldsteins ist beschränkt. Die Zahl der Aussätze und Vorträge, die er dem Druck übergeben hat, ist viel größer. Die Einwirkung, die er durch das lebendige Wort aus die vielen Tausende seiner Hörer gewonnen hat, überwiegt beides bei weitem. W. H. Riehl Pflegte in der Vorlesung über Staatswissenschaft und Politik, die er bis zu seinem Tode an der Universität München hielt, daraus hinzuweisen, daß in seiner Jugendzeit nur der als wahrhafter Gelehrter angesehen war, der ein eigenes „System" geschrieben hatte. Darin erblickte Riehl das Kennzeichen einer überwundenen Zeit. Er wies darauf hin, wie verfehlt es sei, einen Gelehrten danach zu beurteilen, ob er dickleibige Werke versaßt habe. Es komme vielmehr darauf an, Gedanken zu finden, die die Welt bewegen, diese in die Herzen der Menschen eintragen und so . eine bleibende Wirkung hinterlassen. So war Julius G o l d st e i n Anreger und. Versöhner, ein Mann, der, selbst klar und wahr, die Gegensätze des Lebens verstehen lehrte und zeigte, wo und wie Gegensätze Ausgleich und Versöhnung finden konnten. Der Wohlklang seiner Rede, seine sprachliche Gestaltungskraft haben in seltener Weise seinen lauteren Gedan- / von vr. Ludwig Holländer. ken und feiner wahrhaftigen Gesinnung in Erkenntnis der Zeit, ihrer Bedingungen, ihrer Nöte, ihrer Krankheiten, ihrer Forderungen stärksten Nachdruck gegeben. Er war ein wahrer Philosoph, insofern man unter einem Philosophen einen Menschen versteht, der sich die Zusammenfassende Betrachtung der Welt und ihres Sinnes als Aufgabe setzt, der die Erforschung der Grundsätze des Seins, der Erkenntnis und des Handelns der Menschen zu seinem Berufe macht. Der Umstand, daß Goldstein unter den größten Schwierigkeiten seinen Beruf ergriff und ihn immer unter Opfern, die vielfach einen tragischen Charakter Zeigen, jahrzehntelang durchgeführt hat, beweisen seine wirkliche Liebe zur Erkenntnis, zur Weisheit im besten Sinne des Wortes. Diese Weisheit ist ihm wehr wert gewesen als Geld und Gut, das er reichlich hätte erlangen können, wenn er Unabhängigkeit und Ueberzeugung ausgegeben hätte. Goldstein hat niemals für eine Sache gewirkt, von deren Gerechtigkeit er nicht innerlich überzeugt gewesen wäre. Hat er die Gedanken und die Arbeit unseres C. V. so maßgeblich beeinflußt, so hat er es getan aus seinem Weit- und Weltblick heraus, aus der Erkenntnis, daß alle Arbeit im Sinne unserer Gemeinschaft getragen sein muß von dem Streben nach der Erkenntnis des Seins, nach Hebung dieses Seins zu dem Höchsten und Letzten, was Menschen adelt und verschönt. In dieser Nummer schreiben: Rabbiner Dr. Dienemann, Gffenbach Prof. D. vr. Heinrich Frick, Marburg Dr. Ludwig Holländer, Oerlin Dr. Julie Meper. Nürnberg Dr. <£. Mierendorff, Darmstadt Franz Rofenzweig, Frankfurt a. M. Dr. Jacques Stern, Oerlin Prof. vr. G. wendt, Hamburg. Der Gelehrte. Der Philosoph schasst sich ein Weltbild zu einer Anschauung vom Menschen, vom Leben, vom Weltall, vom Wollen und Wirken, vom Fürchten und Hofsen. Die wechselnden Eindrücke sucht er in sich zur Einheit und Wahrheit zu verarbeiten. Welt und Menschen verändern sich. Naturkrüfte werden erschlossen, der Menschen werden mehr. Kampf entsteht, vieles vergeht in' die Ewigkeit, der Wechsel wirkt entscheidend, und darum kann es nicht wundernehmen, wenn e i n Weltbild nicht für alle Zeiten ansreicht. Goldstein stand vom Eintritt in die wissenschaftliche Laufbahn an im Gegensatz zu der Lehre, welche den Stoff als das eigentliche Wesen der Dinge ansieht. Er, der Lehrer an einer Technischen Hochschule, wußte gewiß die Bedeutung des Stoffes zu schätzen. Er hatte eine Jugend zu unterrichten, die gerade die Kunst der Stosfbearbeitung an. der Hochschule lernen wollte. Da er erkannte, daß der Stoff und die Bedeutung des Stoffes nicht das Letzte ist, lag es zunächst in seiner Aufgabe, die Bedeutung des Geistigen in der Welt zu würdigen und zu verbreiten. Das Geistige nicht in dem Sinne, daß man die Welt nur von dem Gesichtspunkte von Ursache und Wirkung ansieht, sondern daß man sie auch betrachte vom Gesichtspunkt des menschlichen Verlangens nach Erkenntnis des Sinnes und der Bedeutung des Lebens. Es gibt geistige Kräfte, die nicht meßbar und nicht wägbar sind. Weil Goldstein von der Existenz und der Bedeutung des Geistes überzeugt war, hat er die Lehren E u ck e n s , dessen Schüler er war, die Lehren von W i 11 i a m James und von Henri Bergson, des deutschen, des amerikanischen und des französischen Gelehrten, in einer besonders bedeutsamen Vermählung seiner eigenen Lehre zugrunde gelegt. E u ck e n hat eine Sinndeutung des Lebens aus seinem geistigen Inhalt und eine persönliche Lebensgestaltung angestrebt, die nicht leidet, sondern handelt, als Grundsatz unseres inneren Lebens zur Lehre erhoben. Goldstein selbst charakterisiert diese Lehre in seinen „Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart, Seite 155 ff., folgendermaßen: „Der idealistischen Philosophie am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts war dieses Pro- ' blenr noch nicht in aller Schärfe ausgegangen: ihr lag Geist und Natur ans einer Linie. Die Naturstvurde angesehen als „erstarrter, noch gebundener Geist". Daher brauchte man nicht über die Natur hinauszugehen, um zum Geistesleben zu gelangen. Natur und Geist erschienen

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