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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-06-21 · 6 (21.6.1929) · p. Seite 20

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
6 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 Das Zug scharen-Jugendhaus Von Friedrich Georg Lennhoff Die Zug scharen sind eine interkonfessionelle Gruppe. Ihr Gründer und Führer, der Verfasser dieses Aufsatzes, kommt jedoch aus der deutsch-jüdischen Jugendbewegung. Deshalb, und wegen der Bedeutsamkeit dieser Art von. Jugendarbeit, veröffentlichen wir diesen Beitrag. Die Schriftleitung. Die Gemeinschafts- und Gruppenbildung zur Gestaltung einer möglichst schönen Freizeit und Eigenkultur ist wesentliches Merkmal der Jugendbewegung. Ist die Gruppenbildung zustande gekommen und hat sich in ihr ein Eigenleben entwickelt, so schließt sie sich von der Außenwelt ab. Jeder „Eindringling" wird mit gewissem Mißtrauen beobachtet und erst nach vorsichtiger Prüfung in die Gemeinschaft ausgenommen. So schön solche kleine Eigenstaaten für den einzelnen sind, so sehr vergessen diese Gruppen, daß ein solches Ausleseprinzip die Jugendbewegung immer mehr von einer Volksbewegung abbringt. Diese Gefahren erkennend, wollen die Z u g f ch a r e n , Arbeitskreis für I u g e n d h i l f e e. V., die Jugend mit dem Geist der Verantwortung Zum hilfsbedürftigen Altersgenossen erfüllen. Sie hoffen, durch ihre ständigen Einrichtungen — Kindergarten, Kinderhorte, Ausbildung freiwilliger Helfer, Ferienkolonien und Jugendgruppen — der Jugend aller Weltanschauungskreise Anregung einer gesunden Selbsthilfe Zu geben. So sind die Zugscharen keine Organisation im Sinne der bündischen Jugend. Diese Tätigkeit, die nicht nur durch das Beispiel der Hilfe eines verhältnismäßig kleinen Kreises junger Menschen an gefährdeten Jugendkameraden in eigenen Heimen geleistet wird, sondern die systematischen Ausbildungskurse, die das Verständnis zum hilfsbedürftigen Altersgenossen in jedem Sinne wecken, sollen gleichzeitig Kenntnisse über Jugendnot und Jugendhilfe vermitteln. Durch solche Arbeits¬ und Aussprachenveranstaltungen glauben die Zugscharen, einem großen Kreise von Jugendführern praktisch die Notwendigkeit der Aufnahme gerade gefährdeter Jungen und Mädchen in ihrem Kreise verständlich 31t machen. Die Zugscharentätigkeit zeigt, daß zur Erziehung der Gefährdeten eine feste, kameradschaftlich eingestellte Gruppe das beste Mittel ist. Bisher hatten die Zugscharen ihre ständigen Kinderhorte in kleinen, oft unzureichenden Räumen. Mit vieler Mühe und großen Opfern entstand das Zugscharen-Jugendhaus, Berlin 4, Bergstraße 77, mit feinem Kindergarten und zwei Kinderhorten. Es ist versucht worden, jeden Raum vorbildlichst in hygienischer und wirtschaftlicher Beziehung einzurichten. Die Waschräume mit dem fließenden Wasser, Dusch- und Bademöglichkeiten, die Hellen, freundlich eingerichteten Tagesräume mit geschmackvoller Einrichtung, geschmückt mit guten klassischen und modernen Bildern, sotten im Kinde und Jugendlichen das Empfinden für Schönheit des Wohnens wecken. Die Küchen ohne Küchentische und -schränke sollen den Bewohnern den Sinn fürs Praktische nahebringen. Die Werkstatt, eingerichtet mit allem, was der Laie zum Basteln braucht, soll gleichzeitig den Ernst der Arbeit klarmachen. In den Abendstunden finden in den Räumen Veranstaltungen von Jugendgruppen der Zugscharen, Gymnastik- und Ausbildungskurse statt, lieber den Geist, der in diesen Räumen herrscht, kann man schwer schreiben. Es gibt dort nur die Autorität, die erzeugt wird durch Liebe und Achtung dem Kameraden gegenüber, jeder soll in unserem Kreise „zu Hause sein". Die Kinder bilden ihren Heimstaat, der sich mit den anderen Staaten und Gruppen der Zugscharen znsammenschließt. Jeder, der dieses kameradschaftliche Leben und Treiben, die selbstverständliche, gegenseitige Hilfe einmal im Zugscharen-Jugendhaus miterlebt hat, der wird den Geist, der die Zugscharen beseelt, verstehen und verpflanzen helfen, Scharen von Hilfsbedürftigen zu sich zu ziehen, um dann Scharen von Helfern ausschicken zu können. TAGUNGEN ■ v. J. J. G. Begonnen wurde Pfingsten mit einer Arbeitsgemeinschaft über das Problem „Judentum u n d Sozialismus". Diese Frage ist insofern für den Bund akut, als für jeden seiner Menschen die Notwendigkeit besteht, sich neben den jüdischen Verpflichtungen mit den Fragen und Aufgaben unserer Zeit auseinanderzusetzen. Hierbei werden viele zum Sozialismus und zu sozialistischer politischer Betätigung getrieben, ohne daß jedoch die sozialistische Gesinnung damit zum unverzichtbaren Vundesprinzip erhoben wird. Es kam nun in der Arbeitsgemeinschaft darauf an, die Leiden Faktoren Judentum und Sozialismus in eine richtige Beziehung zueinander zu fetzen. Die Diskussion war keineswegs eine rein theoretische, sondern sie ist von ungemein praktischer Bedeutung wegen der Konsequenzen, die sich für die Arbeit innerhalb und außerhalb des Bundes ergeben, ohne daß jedoch die verschiedenen Wege einander innerhalb des Vundeslebens, das ja seine Wurzeln viel tiefer hat, ausschließen. Am Nachmittag fand ein Führerrat, auf dem die wichtigsten Fragen der Innen- und Außenarbeit behandelt wurden, statte Der Abend vereinigte die Gruppen am Feuer zu einer kurzen Feier, deren Kern eine Szene aus Feuchtwangers „Thomas Wendt" bildete. — Auf einer weiteren Arbeitsgemeinschaft setzte man sich mit Fragen der Jugendbewegung und der Lebensgeftaltung auseinander. Noch einmal vereinigt das Wettsingen alle Gruppen. Ein Zirkus, auf dem die Bundesfragen und die Ereignisse des Lagers einmal von der heiteren Seite betrachtet wurden, bildete den Abschluß. Abschluß, und Zugleich neues Programm. Tenn der Verlauf des Lagers gab einen Neberblick über den augenblicklichen Stand des Bundes und wies Aufgaben für die Arbeit der nächsten Zeit. Es zeigte sich, daß die Gruppen zum größten Teile in sich gefestigt sind und daß die einzelnen Ortsgruppen zu einem organischen Bunde Zusauunengewachsen sind. Wichtig aber ist vor allem, daß man das Organisatorische völlig überwunden hat und daß so genügend Energien auf die wirklich geistige Auseinandersetzung und die Vertiefung und Sinngebung der Erziehungsarbeit frei sind. Als Allerwichtigstes aber ist 3U verzeichnen, daß die Unterschiede, die sich aus der Verschiedenheit des Milieus innerhalb des Bundes notwendigerweise ergaben, endgültig überwunden sind und daß so die Berliner Ortsgruppe eine unzerstörbare Einheit darstellt. Damit hat der Bund etwas erreicht, Was in vielen Bünden der jüdischen Jugendbewegung noch nicht einmal versrrcht worden ist, nämlich die verschiedenen Schichten der jüdischen Jugend auf einer gemeinsamen Lebensbasis zu vereinigen und sich nicht mit einer kulturellen Höherzüchtung eines — kraft elterlichen Wohlstandes besonders begünstigten — Teiles derselben Zu begnügen. Noch nichts Abschließendes läßt sich über das nunmehr auch im Bunde aufgetauchte G e n e r a t i 0 n e n P r 0 b l e m sagen. Der Schwerpunkt des Vundeslebens verschiebt sich allmählich mehr und mehr auf die Generation der Mittleren <17- bis 18jährigen). Die Aelteren haben alle noch Kontakt 3U den Gruppen, ohne jedoch durchweg noch regelmäßig Gruppcnarbeit leisten zu können. Sie sind ferner innerhalb des Bundes als regelmäßig arbeitender Aelterenkreis Zusammengefaßt. Darüber hinaus betätigen sich die einzelnen Aelteren an den verschiedensten Stellen jüdischen und politischen Lebens, so daß dadurch die Brücke zu dem, was der außerhalb der Jugendbewegung Stehende einzig und allein als „Wirklichkeit" bezeichnet, geschlagen ist, nicht ohne fruchtbringenden Gewinn für den Aelterenkreis als ganzen und damit für den Bund überhaupt. Denn daß, wie schon einmal festgestellt wurde, in der Einheit zwischen bündischer Erziehung und politischer Aktivität das Spezifikum des Bundes liegt, zeigte das Bundeslager mit starker Deutlichkeit. W. R. Junggruppen im Verbände der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands Zu Pfingsten kamen im Odenwald unweit G a i m ü h l e bei Eberbach die Jung gruppen des Verbandes der I. I. V. D. zu ihrem ersten Bundestag zusammen. Der Verband selbst war durch den Geschäftsführer Fritz Schwarzschild vertreten. Der Bundestag gab ein Bild vom Ringen und Streben der Jüngsten im Jugendverband. Es zeigte sich deutlich, daß es die Liebe zum Gesamtjudentum, die „gesamtjüdische Haltung" ist, die die Arbeit der Junggruppler in derselben Weise bestimmt wie die des Verbandes. Ausdruck dieser Grundeinstellung war das Referat von Leo E s ch e l b a ch e r (Düsseldorf) über die „B u n d e s i d e e". In zahlreichen Arbeitsgemeinschaften brach sich der Wille Bahn, nicht im Sinne einer parteipolitischen Einstellung, sondern, von der primären Tatsache des Judeseins ausgehend, an der Erhaltung des Judentums zu arbeiten. Einen wesentlichen Raum nahm in der Auseinandersetzung die Stellung des Junggruppenbundes zur Jugendbewegung in. ihren heutigen Formen ein. Kam man auch hier nicht zu Resolutionen und Entschließungen, so dürste doch der Wille des Bundes und der Führerschaft von Leo Eschelbacher richtig wiedergegeben worden sein, wenn er von Erziehung im Sinn der n e u e n Jugendbewegung sprach, die nicht in starrer Opposition zu der älteren Generation, sondern, ihr Werk sortsetzend, in jugendgemäßer Form ihr Ziel erreichen will. Die künftige Entwicklung des Bundes wird zeigen, wie weit er die Psadsinderei in seinen Gruppen üben will; aus dem Bundestag ging eine einheitliche Stellungnahme nicht hervor. Ein zweites Referat hielt Manfred A l 1 m a n n (Trier) über „I d e e und Tat im Judentu in", der eine Deutung des jüdischen religiösen Gedankens und seiner Verwirklichung im Alltagsleben gab. Das Bundeslager, in herrlicher Umgebung gelegen, vereinigte.nn zwei Tagen über 350 Jungen und Mädel bis Zu ungefähr 20 Jahren, frische, jüdische Pfadfinder, aus ganz Deutschland, denen das erste gemeinsame Tressen eine Menge persönlicher Bindungen, das Gefühl einer Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft gab — für viele sicher ein Erlebnis, dessen Eindruck Martin Seligmann (Chemnitz), der dritte Bundesleiter, in seinen Worten am Lagerfeuer zu stärken wußte. Organisation ist eine Sache der Erfahrung, die diesen jungen Führern abgehen mußte, die Empfindung eines starken und ehrlichen Wittens dieser Junggruppler wird aber wohl jeder von ihrem ersten Bundestag mitgenommen haben. Fritz Falk (Heidelberg). Die schlesische Ilis Am 2. Juni trafen sich in stattlicher Anzahl Mitglieder der jüdischliberalen Jugendvereine von Breslau und Ratibor in Oppeln. Auch aus Liegnitz, Gleiwitz und O h l a u waren Vertreter der jüdisch-liberalen Jugend erschienen. Am Vormittage fand in den Räumen der Loge eine Aussprache statt. Referate hielten Religionslehrer Davids0h n (Breslau), Vulkan (Breslau), Dr. Jeimann (Ratibor). Alfred Berger (Breslau) überbrachte die Grüße des Hauptvorstandes der Liberalen Vereinigung. Rechtsanwalt Dr. Möllmann die des Vorsitzenden der Gleiwitzer Synagogengemeinde. Die jüdischen Frauen Oppelns bewirteten ihre jugendlichen Gäste. Die Tagung war in vorzüglicher Weise von Oberstudienrat Dr. Freund (Oppeln) vorbereitet worden. Rabbiner Dr. Lubasch, der Nachfolger Dr. Vraunschweigers, gab durch einen zu Herzen gehenden Jugendgottesdienst, den er am Nachmittage abhielt, der Tagung die religiöse Weihe. Es wurde ein jüdisch-liberaler Jugend verein Oppeln gegründet, dem sofort eine Anzahl interessierter Mitglieder beitrat. Ein Ausflug in die nähere Umgebung Oppelns unter Führung von Oberstudienrat Dr. Freund beendete die in allen Teilen gelungene Veranstaltung, deren Hauptgedanken in die Worte zusammenzufasien sind: Gedenken der großen jüdischen Vergangenheit, inniges Bekennen zum deutschen Vaterlande, Mitarbeit an den Aufgaben jüdischer Gegenwart, positive Einstellung zu sozialer Arbeit und znm Weltsriedensgedanken. Erstreiten einer besseren Zukunft. F. H. Oster Sternfahrt deutscher Jugend Vraunschweig und Wolfenbüttel hatten die deutsche Jugend zu eiuer Ostersternfahrt in die Goethe- und L e s s i n g - Städte gerufen. Es galt, zweien unserer größten Deutschen zu huldigen, der zu gedenken gerade jüdischer Jugend ziemt. Doch nur die „Arbeitsgemeinschast jüdisch-liberaler Jugendvereine" hatte offenbar zur Beteiligung aufgerufen; denn außer den Magdeburger und Frankfurter Ilis war keine jüdische Jugend erschienen. Eine Gelegenheit, der nichtjüdischen Jugend zu zeigen, wie stolz wir ans unser Deutschtum sind, wurde versäumt. Es würde zu weit führen, hier alle Veranstaltungen zu schildern. Eine Tatsache steht fest: die Fahrt w a r u n s allen ein Erlebnis. Bei der nächsten Zuscnnmenkunft deutscher Jugend werden hoffentlich die deutsch-jüdischen Jugendvereine zahlreicher erscheinen. a R. Sünvermann (Frankfurt a. M.). Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend": Dr. Alfred Hirschberg (Berlin-Charlottenburg). Druck von Rudolf Mosse, Berlin SW100,

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