Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-05-10 · 19 (10.5.1929) · p. Seite 249

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
Seite 249 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277852--05235-2285951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

24<> SittlichkeiLsvergehen an höheren Schulen. Zu dem gleichnamigen Buche von Hofsmann nno Stern. Aus Veranlassung des preußischen Kultusministers Dr. Becker haben zwei Gelehrte, die Professoren H o f f m a n n und Stern, die § Protokolle, die an den preußischen höheren Schulen über Sittlichkeits- §f vergehen aus den Jahren 1921 bis 1925 vorhanden waren, geprüft k? und kritisch zu ihnen Stellung genommen. Diese Gutachten sind in einem BuchH der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht worden. In den jf Lehrerkreisen der - höheren Schulen hat dieses Buch große Erregung P und Verärgerung hervorgerusen; nicht mit Unrecht. Der Laie, der I oas Buch liest, wird den Eindruck gewinnen, daß die Behandlung sittlicher Vergehen an den höheren Schulen noch nach mittelalterlichen Methoden vor sich geht. Aus meiner Erfahrung, die ich in meiner J unterrichtlichen Tätigkeit in drei verschiedenen Großstädten gesammelt ff habe, nmß ich sagen, daß in all den Fällen, in denen Schüler durch ihr r.| unsittliches Verhalten die Schulleitung zu disziplinarischen Maßj] nahmen veranlagten, diese von den Lehrern und Direktoren in muster- I gültiger, vorbildlicher Weise vorgenommen wurden. Immer hat man alle strafmildernden, psychologischen Momente in Betracht gezogen, hat dort, wo man die Kinder aus der Schule verwies, es so getan, daß sie eine andere* Schule aufsuchen konnten. Natürlich muß die Schule einen Unterschied Zwischen Gefährdeten und Gefährlichen machen. Es wird sich nicht umgehen lassen, Kinder, die ihre Mitschüler gefährden, also gefährlich sind, von der Schule zu entfernen. Eltern werden auch stets verlangen, daß ihre Kinder von einem Mitschüler nicht in einer Weise | beeinflußt werden, die der seelischen Entwicklung ihres Kindes Schaden E bereitet oder sein sittliches Empfinden verletzt oder untergrübt. Wenn | Jugendliche straucheln, muß die Schule sie zu bessern suchen. Die | moderne Schule wird sogar nach einer gewissen Zeit Straferlaß eintreten lassen, wenn der Schüler oder die L-chülerin sich in der Probezeit gut führt. Die Schule wird also in derartigen Füllen ihren ' ganzen pädagogischen Einfluß auf den Jugendlichen geltend zu machen i suchen. Hierbei wird dem Geistlichen, bei jüdischen Kindern dem Rabbiner, eine besondere Seelsorge zufallen. Heute muß sich jeder 1 Rabbiner, jeder Religionslehrer mit diesem Problem befassen. Er muß sich das Vertrauen seiner Schüler zu erwerben suchen. Er ist auch II oie Persönlichkeit, die geeignet ist, in den jungen Menschen, die ge- | strauchelt oder gefährdet sind, sittliches Empfinden zu wecken. Der 3 Rabbiner muß daher bei sittlichen Vergehen seiner Schüler mit dem | Elternhaus, mit den Pädagogischen und medizinischen Fachleuten zu- "i sammen arbeiten. | Diese seelsorgerische Tätigkeit, die der Herr Kultusminister in * seiner Einleitung zu dem Buche für notwendig hält, übergehen die 5 beiden Gutachter. Beide stehen auch dem praktischen Schulbetrieb i fern, sonst Hütten sie den Lehrern weit mehr Gerechtigkeit angedeihen *) „Srttlichkeitsvergehen an höhere n Schulen und ihre disziplinarische Behandlung", Gutachten erstattet van W. Hoff m <r n n und W. Stern. (Verlag Quelle & Meyer.) I f Zum 12. Mai 1929. \ „Alles fließt", sagt ein alter hellenischer Weiser. Der Kern der I Menschheit ist aber heute noch der gleiche wie am Urbeginn: nur die N äußeren Erscheinungsformen wechseln. jj Wenn wir in einer stillen Stunde Rückschau halten, müssen wir festj stellen, daß sich in der Zeiten Lauf die Frau am meisten gewandelt ) hat. Ein tiefer Unterschied besteht zwischen der Jüdin des Ghettos und der deutschen Jüdin unserer Tage. Jene ruhte geschlossen in sich selbst und war — trotz aller Verfolgungen von außen — voll innerer Harmonie; unser Leben, das so viel bunter und bewegter ist 1 und früher ungeahnte Möglichkeiten gewährt, ist erfüllt von Kampf i und Konflikten. Jener Geschick vollzog sich innerhalb enger häus- - licher Grenzen; wir modernen Frauen stehen mitten im Ge- I triebe der großen Welt. j Eine Anschauung aber ist im Wandel der Zeiten unverändert ge- I blieben: noch immer wertet man die Frau als Persönlichkeit am höchsten, deren stärkster Zug ihre Mütterlichkeit ist. Gesegnet erscheint dem denkenden Menschen auch jetzt noch die | Frau, der Kinder beschieden sind; jedoch wir wissen heute, daß die j Kinderlose ebenfalls mütterlich empfinden und in größerem oder j kleinerem Kreise als Mutter wirken kann. Von jeher nahm die jüdische Frau eine hohe Stellung innerhalb der Gemeinschaft ein. Zwar durfte sie bei den religiösen Kulthandlungen im Gotteshause keine Rolle spielen, aber im Hause, in der f Familie, bildete sie den Mittelpunkt. Wir alle. Jüngere und Aeltere, Frauen und Männer, fühlen, wieviel Dank wir unseren Müttern für ihre große, sorgende Güte, für die vielen Opfer, die sie uns in selbstloser Liebe gebracht haben, schulden. Im lauten Getriebe des Alltags denken wir aber nicht immer. genügend daran. Deshalb begrüßen wir deutschen Juden auch in diesem Jahre wieder den „Muttertag" und wollen uns anschicken, ihn stimmungsvoll und würdig zu verleben. Gertrud Lichtenderg (Hannover). » Landschaftlich schönster Kurort in den baver. Alpen-Seit 60 Jahren bewohn ., bei: Asthma. Bronchitis Hals- Nasen-u.Kehlkopfleiden Die gesundheitlichen Nachwirkungen der Grippe werden durch. einen Aufenthalt in diesem heilkräftigen BadbeseiNgf. lassen. Ich will zugeben, daß die Protokolle, die den beiden Gelehrten Vorlagen, leicht zu einem falschen Urteil führen können. Alljährlich werden an den höheren Schulen sittliche Vergehen in einer so feinen pädagogischen Weise erledigt, daß nicht einmal alle Lehrer, die dem betreffenden Jugendlichen Unterricht erteilen, darum wissen. Betrachtet man die Grundlage, auf der die Gutachter bauten, fo muß man sagen, daß sie sehr schmal ist. Die Zahl der Fälle, die protokollarisch niedergelegt sind, ist sehr gering. Es find 138 Fälle iw Jahre, die bei mehr als 450 000 Schülern beobachtet wurden!! Diese Zahlen werden noch kleiner, wenn man sie auf die einzelnen Klassen und auf Knaben- und Mädchenschulen verteilt. Das Material ist also lückenhaft und einseitig. Schlüsse hätten nur gezogen werden können, wenn weit mehr Material zur Verfügung gestanden hätte. Die * in dem Buch cmfgezählten Fälle ergeben kein vollständiges Bild; es ist nicht gesagt, ob sie sich in einer Groß- oder Kleinstadt ereigneten, in welcher Uingebung die Kinder lebten, usw. Diese Mängel haben beide Verfasser gefühlt, und doch haben sie häufig zu allgemein geurteilt. Einzelne Mißgriffe, die in jedem Berufe Vorkommen, geben noch nicht die Berechtigung, es so darzustellen, als ob die Lehrer an den höheren Schulen mehr oder weniger versagt haben, wie es aus den Ausführungen Sterns häufig hervorzugehen scheint. Was bei beiden Gutachtern, insbesondere bei Stern, abgelehnt werden muß, ist die weltanschauliche E i n st e l l n n g. Sie schalten die Religion und ihren erzieherischen Wert aus. Beide, insbesondere Stern, legen den Hauptwert auf das psychologische Verstehen der Jugendlichen. Gewiß kann man ohne die psychologische Seite das sexuelle Problem nicht behandeln. Man wird den jungen Menschen in seiner seelischen Not nur helfen können, wenn man ihn richtig versteht, aber dieses Verstehen darf nicht dazu führen, daß mau alles verzeiht und entschuldigt. In der Beurteilung derartiger Fälle, die wir Sittlichkeitsvergehen nennen, stimmen beide Gelehrte überein. Nur drückt sich H o f f m a n n, wie überall, viel vorsichtiger aus. Seine Ansicht faßt er Seite 30 in dem Saß zusammen: „Das Sexualleben des Jugendlichen steht (streng genommen) niemals in Einklang mit unseren ethischen Normen." Stern geht viel weiter, er schreibt Seite 72: „Dort, wo eine erotische Beziehung schließlich bis zum Geschlechtsverkehr führt, ist dieser doch immerhin durch die Liebesbeziehung beider Partner veredelt. Es gibt viele junge Menschen von so starker Sinnlichkeit, daß sie der dauernden Keuschheit nicht fähig sind. Solche laufen Gefahr, sich in rein animalischer Weise an Dirnen zu befriedigen bzw. sich selber dirnenmäßig wahllos den Männern hmzugeben. Einem Abgleiten in diese Tiefen kann ein von wirklich körperlicher und seelischer Zuneigung getragenes Liebesverhältnis einen Damm vorschieben." Was Stern hier sagt, wird jeder Vater, wird jede Mutter voller Entrüstung ablehnen. Stern verlangt nichts anderes, als daß man die Jugendlichen gewähren lassen soll, wenn sie glauben, sie könnten sich nicht beherrschen. Gegen solch eine Auffassung muß im Namen des Judentums scharf protestiert werden. Sie vernichtet in jungen Menschen das Ideal der Reinheit und nimmt ihm damit einen der stärksten Antriebe, die geeignet sind, ihn aus seiner seelischen Not und aus seiner Gefährdung herauszuführen. Hosfmann geht nicht so weit wie Stern. H o s s m a n n lehnt, beeinflußt von Walter Flex, es ab, den sittlichen Verfall, den wir heute vielfach beobachten können, als Anzeichen einer neuen Ethik anzusehen. Trotz aller Verwahrlosung, die er als Jugendrichter einer Großstadt unter Jugendlichen gesehen, glaubt er an das Sehnen nach sittlicher Reinheit, gerade in dieser zum Teil irregeführten, hilflosen Jugend. Stern denkt ganz realistisch, er ist stark von Lindsehs „Revolution der modernen Jugend" beeinflußt. Er schaltet alles Religiöse bewußt aus und verzichtet gerade damit auf einen Hauptsaktor in der Erziehung. Die beiden Gutachten enthalten viel Wertvolles. Sie geben auch dem erfahrenen Pädagogen zahlreiche Anregungen. Man wird gern anerkennen, daß Stern eine wertvolle neue Terminologie geschaffen 4 **■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.