Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-04-12 · 4 (12.4.1929) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
4 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9221535-9549029-9549041--15-2285884
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

12 Elternabende der D.J.J.G. Vor der Einigung — Klarheit A. Ii. Neben dem Werbewerte, den Elternabende unter Umständen haben können, sind sie die einzige Möglichkeit, den Eltern Rechenschaft abzulegen über die geleistete Arbeit. Nur das rechtfertigt ihr Dasein, gegen das sonst genügend stichhaltige Einwände vorhanden wären, und deren Berechtigung, die beiden Veranstaltungen, von denen hier berichtet wird, wiederum dargetan haben. So z. B., daß die Eltern das eigentliche Gruppenleben doch nicht sehen. Sie sehen etwas, das mit wehr oder weniger Liebe für sie zurechtgemacht ist. Eine Gruppe in ihrer unbeschwerten Selbstverständlichkeit und Eigenwüchsigkeit kann man nicht auf der Bühne vorexerzieren. Aber selbst angenommen, das sei möglich, ginge es bestimmt nicht mehr in dem Augenblick, in dem ein Fremder im Saal wäre. Wäre das nicht so, hätten wir es mit keiner Gemeinschaft zu tun, die auf der unmittelbaren persönlichen Bindung aller untereinander beruht. Eine solche Gemeinschaft ist aber die Gruppe. So mutz man sich eben darauf beschränken, durch Allegorien ein ungefähres Bild zu geben. Der Feinfühlige hat an der Art, wie das geschieht, einen sicheren Matzstab für die Intensität der geleisteten Arbeit. An den Veranstaltungen der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft in Dresden und Berlin ist diese Feststellung praktisch und theoretisch nachprüfbar. Dresden: Am 17. März veranstaltete die Deutsch-Jüdische Jugendgemeinschnst, Ortsgruppe Dresden, anläßlich ihres dreijährigen Bestehens einen Elternabend. Nack einer kurzen Begrüßung durch Alice A P t richtete Rabbiner Dr. Wolf an die Eltern die Bitte, Verständnis und Entgegenkommen für die Arbeit der Jugendgemeinschaft, deren Wert in jüdischer und erzieherischer Beziehung er stark betonte, zu zeigen, lieber die Zielsetzung des Bundes sprach Peter V l a ch st e i n- In sachlich und formal ausgezeichneter Weis» behandelte er das Jugendlcben in den Gruppen und die jüdische Aufgabe des Bundes. Er betonte in diesem Zusammenhang den starken Willen der Jugend, auf ihre „eigene, frische Art" am jüdischen Gegenwartsleben aktiv teilzunehmen, wandte sich gegen die Bedenken, die man in Dresden noch vielfach gegen eine Verjüngung des C. V. hegt, und faßte den Willen der Aelteren, ^m C. V. mitzuurbeiten, in die Worte zusammen: „Erkennt unsere frische freie Art an, wir sind zur Mitarbeit bereit!" Den zweiten Teil des Abends bildeten Darstellungen, wie sie in ihrer Art auf Elternabenden selten zu finden sind. Denn im allgemeinen werden bei derartigen Gelegenheiten Chöre, Sprechchöre und Theaterszenen gebracht, die nur dadurch für die Bünde spezifisch sind, daß sie von ihnen dargestellt werden- Hier aber war der Versuch einer gewissen Originalität, die Eigenes schaffen will, unternommen. Unter dem Gesichtswinkel des Pazifismus wurden Gruppen nach Bildern und Drucken von Käts Kollwitz, Mafereel u. a. gestellt, die von Chören und Sprechchören begleitet wurden. — Am Schluß wurden Aufnahmen von der Winterfahrt der D. I. I. G. projiziert. Der Abend hinterließ einen starken Eindruck von dem festen Gemeinschaftsleben und der schöpferischen Leistungsfähigkeit der Gruppe. —ck. Berlin: Ein erfreuliches Bild bot beim Elternabend der Berliner Ortsgruppe am 24. März der von etwa 700 Menschen gefüllte Festsaal des B r ü d e r v e r e i n s h a u s e s, erfreulich nicht nur wegen der großen Beteiligung von Eltern und Mitgliedern anderer Bünde, sondern auch wegen des Beweises, daß sich hier Angehörige der verschiedensten Schichten der Gesellschaft, verbunden durch die Gemeinsamkeiten ihrer Kinder, zu ersprießlichem 'Kennenlernen finden konnten. Sie alle — mit Ausnahme einiger weniger, die mit einem schwer verständlichen Willen zum Kritisieren gekommen sein müpen — folgten mit großer Freude den abwechslungsreichen Darbietungen. Prächtig klingende Chöre und Kanons, Schattenspiele, eine mit Humor und ernster Absicht gespielte Revue „So oder so", eine Szene aus „Paulus" von Franz Werfel suchten — mit den obenerwähnten Vorbehalten behaftet — ein Bild zu vermitteln vom Leben der Ortsgruppe. Es blieb nachhaltig der Eindruck, daß hier ernst und bewußt aus das Ziel hingearbeitet wird, das Werner R o s e n st o ck als das Eigenartige für die D. I. I. G. bezeichnete: Einheit zwischen b ü ndischem Erleben und politischen! Wirklich keitssinn, zwischen allgemeiner Persönlichkeitserziehung und jüdischem Berantwortungsbe w u ß t s e i n. vi. Deutsch-jüdische .Arbeitsgemeinschaft Chemnitz. Bor einem Kreis von etwa 30 jüngeren männlichen und weiblichen Mitgliedern der Ortsgruppe Chemnitz des C. B. sprach am 7. April Alfred Hirschberg (Berlin) über: „Die deutsche Iudenheit der Gegenwart" und entwickelte im Anschluß an das Referat die Gesichtspunkte, unter denen eine deutsch-jüdische Arbeitsgemeinschaft gebildet werden könne- Die Aufgabe dieses Kreises müßte sein, die Probleme des C. B. in ihrem gesamten Umfange an einer Reihe von Abenden gemeinsam durchzuarbeiten und zu durchdringen und darüber hinauseingehend diejenigen Fragen kennenzulernen, mit denen der junge jüdische Deutsche vertrant sein müßte, wenn er in den allgemeinen jüdischen Körperschaften unsere Anschauungen mit Sachkenntnis zur Geltung bringen wolle. Nach eingehender Aussprache kam es zur Bildung der Arbeitsgemeinschaft, die ohne jegliche organisatorische Bindung aus dem freien Willen der Anwesenden heraus, die sich zur Teilnahme schriftlich verpflichteten, den vom Referenten ausgearbeiteten Arbeitsplan im Laufe dieses Sommers zur Durchführung bringen wird. Die Initiative, die Herr Georg M e ck l e n b u r g in dieser Angelegenheit entfaltet hat, ist dankbar zu begrüßen. Im Jüdischen Jugerrdburrd Berlin sprach im Nahmen eines Dortragszhklus Alfred H i r s ch b e r g über: „Deutsch-jüdische Welt- ÄNschau u rt g." An das Referat knüpfte sich eine angeregte Aussprache, die zur Klärung grundlegender Fragen innerjüdischer Diskussionen beigetragen hat. Ein Beitrag zur Aussprache über die „Einigungsfrage“ von Erich Vulkan (Breslau) Durch die von Wolfgang Matzdorff geäußerten Worte geht wenigstens einmal ein erfreulicher Zug jugendlicher Frische und Entschiedenheit. Bei näherer Betrachtung wird man jedoch auch seinen Ausführungen einiges hinzusügen müssen. Er spricht von dem Judentum, das auch in unseren Lagen nicht inhaltslos werden darf, und verlangt als brennendstes Gebot der Stunde: die Verantwortung, Jude zu sein. Darum auch Kampf gegen die Geruhsamkeit der Jugend. Eine Forderung, die gewiß jeder junge Mensch gern unterschreiben wird. Es erhebt sich aber die Frage, ob man Verantwortungsbewußtsein für etwas überhaupt besitzen kann, das ja inhaltlich gar nicht vorhanden sein soll (siehe die „gemachte" Religion). Und eine weitere Frage: Wie kann man denn junge jüdische Menschen aus ihrer Geruhsamkeit ausrütteln, wenn man die Kraft der jüdischen Religion heutigentags von vornherein zumindest für zu schwach, wenn nicht gar für erledigt ansieht, des weiteren ein nationales Judentum ablehnt? Zwischen den beiden heute bestehenden Grundaussassungen vom Judentum: Religion—Nation etwas Neues zu finden, dürfte schwer fallen. Jedenfalls ist ein klarer Weg hier noch nirgends gewiesen. Das bloße „Trutzjudentum" kann keinen vollwertigen Ersatz bieten, es ist letzten Endes inhaltslos, da man lediglich auf äußeren Bindungen beruhendes Judentum (wohin auch die Nur- Stammesgebundenheit gehört) nicht als inhaltserfüllt ansehen kann. Legt man also auf einen jüdischen Inhalt Wert, dann wird man sich innerhalb der heute bestehenden Situation entscheiden und dort auch im weiteren Wirken ansetzen müssen. Eine klare Entscheidung liegt somit, nach Ablehnung des nationaljüdischen Begriffes, vor uns. Erst dann läßt sich auch eine Einbeziehung neuer Gebiete und Probleme in den Bereich der jüdischen Religion erörtern. Die heute ja von allen Angegebene ungünstige Stellung des Judentums in weiten Kreisen der deutschjüdischen Jugend liegt jedoch weniger an der jüdischen Religion selbst, als vielmehr — natürlich neben vielen anderen Ursachen — auch an der teilweise unjugendlichen und verwirrenden Unentschiedenheit mancher deutsch-jüdischen Jugendbünde gegenüber der jüdischen Religion. Daß die Möglichkeit besteht, die jüdische Religion, wo nötig, in neuem Geiste und neuen Formen zu erleben und für sie zu wirken, ist nur durch den Einfluß entgegenstehender Strömungen noch nicht allgemein bekannt. Darum mühen sich jedoch beispielsweise innerhalb der großen religiös-liberalen Bewegung mit Erfolg die jüdisch-liberalen Jugendvereine, ohne dabei die vom C. B. vertretene Shnthese von Deutschtum und Judentum auch nur irgendwie zu beeinträchtigen- Würden alle diejenigen Jugendlichen, die aus Erneuerung und Verinnerlichung aus sind, aus dieser Linie mit- und Weiterarbeiten, dann wäre der Zukunft des Judentums besser gedient als durch ausgedehnte, dis Köpfe nur verwirrende Diskussionen- Wie schon bemerkt: Unentschiedenheit ist nnjugcndlich, eine entschiedene Stellungnahme erforderlich. Es sei zugegeben, daß ein Jugendlicher hierzu noch fähig ist. Das gesunde jugendliche Einfühlungsvermögen wird aber bald den richtigen Weg von selbst finden. Steht jemand in einer gesinnungsmäßig gebundenen (nicht neutralen) Bewegung, sei es die liberale, orthodoxe oder zionistische, so wird es ihm, noch verstärkt durch die zunehmende Erkenntnis, um so leichter sein, sich über eine bestimmte Ideenwelt Klarheit zu verschaffen, die eine oder andere Richtung zu beurteilen und sich ihr gegebenenfalls anzuschließen. Genügend Beispiele für dieses überzeugungsgerechte Hinüberwechseln find vorhanden. In einem neutralen Kreise kann man sich wohl Klarheit über alle möglichen Probleme des Judentums verschaffen: sür diese in einer bestimmten Richtung verlaufende Klarheit danach in dem nämlichen Kreise überzeugend und erfolgreich) weiterzuwirken, verbietet die zu wahrende Neutralität. Hat man aber auf dem erstgenannten Wege für sich ein klares Bild vom Judentum, ganz gleich welcher Art, gewonnen, dann weiß man erst, was das bedeutet: Verantwortung, Jude zu sein. Dann ist auch ein Inhalt gesunden, für den man eintreten und mit dem man selbst andere begeistern kann. Die Forderung Wolfgang Matzdorffs erhält damit ihren vollen Sinn und kann das gemeinsame Bindeglied aller sein: Einigkeit im Kampf gegen die Geruhsamkeit der Jugend. Die „Nepirblikarnfcheri Pfadfinder" über das Judentum. Das Bundesblatt des Deutschen republikanischen Pfadfinderb u n d e s" : „Des neuen Deutschlands P f a d f i n d er" bringt in seiner Dezember nummer einen Artikel: „Zur I u d e n f r a g e." Dieser bezeichnet den Antisemitismus, der leider auch in einen Teil der Jugendbewegung eingedrungen ist, als „eine der übelsten Angewohnheiten". Der Deutsche republikanische Pfadfinderbund halte sich davon frei: „Jeder deutsche Junge kann in seinen Reihen stehen. Sein Deutschtum entscheidet, nicht seine Rasse. Den Antisemiten gegenüber gebrauchen Nur die Waffe des Wissens. Tie alte Kultur des deutschen Judentums, deren Fundamente noch heute wesentliche Teile unserer Volks- und Menschheitskultur tragen, darf uns nicht unbekannt sein." Es wird weiterhin der Führerschaft empfohlen,sich mit diesem Gebiete zu beschäftigen. Ein dazu geeignetes Buch wird folgendermaßen beurteilt: „Das kulturwidrige Treiben der Antisemiten wird vernichtend gekennzeichnet. . . Diese Erklärung ist von unserem Standpunkte aus sehr zu begrüßen. U. K. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend": Dr. Alfred Hirschberg (Berlin-Charlottenburg). Druck von Rudolf Mosse, Berlin SW 100. 8 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.