Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 12 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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was eine jüdische Zukunft gewährleisten kann: Aber von dieser satten die Massen, aus die cs hier.anknmmt, Wie^jeder sieht, täglich mehr ab. Schuld daran gibt man dem „modernen Geist", dem „modernen Leben", das mit dem naturwisienschastlichen Tanken die Gottesverneinung eingesührt hat, Nun wird vieleroM versucht, in den Kreisen der Jugend bewußt eine religiöse Gegenströmung Zu schaffen. Man kann von Missionsarbeit sprechen. Aber leider ist auch hier ein entscheidender Erfolg nicht zu erwarten. Man weiß seit nun zehn Jahren, wie die Versuche zur reiigiöserr' Erneuerung aus den eigenen Kräften der Jugend verlausen: Um einzelne von religiösem Pathos getragene junge Führer- Persönlichkeiten haben sich immer wieder arbeitende Kreise gebildet, denen es mit der religiösen Erneuerung des eigenen und des GesamtlMslebcns in hohem Maße ernst war. Die meisten von ihnen sind spurlos auseinandergeflogen. Ihre Mitglieder haben-, soweit sie nicht von Berufs wegen (als künftige Rabbiner und Lehrer) mit» der Religion verbunden blieben, oft den kurzen religiösen Aufschwung mit doppelter Erkaltung, bezahlen müssen. Wo Festes erhaltur blieb, war das einer rechtzeitigen Flucht in die ^hergebrachten Kult statten zu verdanken, wurde die alte Frage also nur neu gestellt. Die jetzt noch in Gang befindlichen Versuche sind wohl durchweg jüngeren Datums. Sie umfassen insbesondere religiöse Kreise, die von jungen — oft aus der Jugendbewegung hervorgegangenen — Rabbinern und Lehrern ins Leben gerufen worden sind. Diesen kommt zunächst die außerordentlicher Wirkung zugute, die sich aus der Vereinigung geistiger Autorität im Kreise der Erwachsenen mit der menschlichen Lebendigkeit des Jugendführers ergibt. Aber sie wie jeder, der heute religiöse Jugendarbeit betreibt, stehen vor schweren Fragen, in derenferneres Schicksal sie sich mit dem ersten Schritte unausweichlich verstricken: Wer der I u gend eine gesicherte religio s e Grundlage geben will, darf es einfach nicht wagen, sie rückhaltlos in die mächtigen antireligiösen Strömungen unserer Zeit eindringen zu lassen. Er kann die Religion durch Gespräch, Lehre, Predigt ohne alle Apologie vermitteln. Er muß aber auch für sie werben, zu ihr lockenmit ihr drohen — ja, auch diese Anwendungen der religiösen Wahrheiten aus das Einzelschicksal und tägliche Leben, das Setzen oder Verweigern der „Heilsprämie", muß er wieder vornehmen, wenn Gott dem jungen Menschen statt eines weltenfernen Prinzips wieder zum weltinnersten, täglich erlebterd Wesen werden soll; im Anfang war nicht der Sinn, sondern die Tat. Damit wäre es ganz unvereinbar, zugleich auch die Tat des Gegners, eine ebenso liebevolle Einführung Ln die Gott verneinenden Geistesrichtungen, zu tun. Diese Richtungen müßten vielmehr soweit als möglich abgedrängt,' im Prinzip eigentlich (wieder) verboten, werden. J e' größer der Einfluß des Führers auf die jugendlichen Seelen ist, um so besser wird ihm das gelingen. Je besseres i h m a b e r gelingt, um so tieser unterhöhlt er selb st sein ga n z esWe r k. Denn über seine Schützlinge bricht, wenn er sie ins Leben entlassen hat, nunmehr jene weltumfassende Geistesströmung mit um so stärkerer Wucht herein. Das ist kein Kinderschreck' — den Generationen vor uns und um uns ist es ja so ergangen. Die „religiös Erzogenen" müssen dann entweder fanatisch am alten festhalten und sich damit selbst vom freien Miterleben ihrer eigenen Zeit ausschließen, oder sie stoßen eilig und angstvoll alles ab, was an die Tradition erinnern würde, um nur ja, wenn auch verspätet, den Anschluß noch zu erreichen. Man kann die üblichen Formulierungen wie: „man könne sehr wohl die neuen Inhalte (Gedanken) in die alten Formen gießen" oder auch wenn es paßt, umgekehrt: „die neue Zeit bringe ja doch lediglich neue Formen für die alten ewigen Inhalte (Gedanken) hervor" — einmal beistite lassen. Der damit begonnene Disput, ob eine Idee Inhalt oder „nur" Form ist, kann an diesem Punkte nicht weiterhelfen. Die Röte des Liberalismus sagen genug. Materialistische und theokratische Geschichtsauffassung sind unvereinbare Gegensätze. Auskommende neue Ideen verlangen von einzelnen, der sie erfassen will, die ganze Leidenschaft der Person. „Stellung nehmen" genügt nicht; man muß sich selbst hingeben. Wie soll aber das Judentum erhalten werden, wenn die Juden selbst ihre ewigen Fahnen verlassen, abfallen, um dem Zeitgeist IU dienen? Diese Frage sollte wegen ihrer ungeheuren Schwere nur im größten Ernste und frei von aller Sucht, sich selbst sür besser zu halten als den weniger gläubigen Bruder, gestellt weroen. Alsdann ergibt sich, daß man sie nur so richtig beantworten kann, wie es auch unsere Väter in ihrer- Art (etwa nach der Zerstörung des zweiten Tempels) in beispiellos liberaler, großzügiger Erneuerungsfreude taten. Wenn man eingesehen hat, daß ein wesentlicher Teil unserer „Glaubensgenossen" aus innerster Ueberzeugung nicht mehr zu dem alten Gottesglauben halten kann, dann muß man darin eine neue Phase unseres Geschicks und unserer Geschichte zu verstehen lernen. Man muß ihre Bestrebung, Menschen einer freien, weltoffenen Gegenwart zu werden, ehrlich bejahen, ohne ihnen ihr Judentum abzusprcchen. Die SelbsterhaltungsLestrebung der anderen, religiösen Kreise kann davon unberührt bleiben (— wenn sie es kann!). Man muß den Kontakt mit jenen da suchen, wo ihr eigener Jndividualwille seiner fähig ist: in der allen gemeinsam eiuzuhämmernden Erkenntnis, daß alles, was sie an den Juden dev Welt sehen, sich an ihren eigenen Namen, jedenfalls aber an ihr innerstes Misten und Gewissen hängt, im Guten wie im Bösen. Statt religiöser Reimnistenzen muß das Bewußtsein wachaerüttelt werden, daß der assimilierte Deutschjude, gerade weil er die Assimilation grundsätzlich bejaht, so lange der Gemeinschaft treu bleiben muß, bis. sie auch im letzten Gliede so weit Vorwärtsgeschritten ist wie er, Neber die Gründe, ihr von da ab künftig treu zu bleiben, a! so ü ber d e n Inh a l t u n s erer jüdischen Zukunft, ist dann zum erstenmal Zeit und freie Sicht, zu reden. Ob wir das abwarten können, ist allerdings Glaubensfrage; aber sie ist eigentlich mit der Erkenntnis, daß dem religiösen Verfall . der Gegenwart nicht ausreichend gesteuert werden kann, dahin entschieden, daß wir eben abwar t e n m ü s s e n. Jnzwischeu können wir jedoch mit der. Zeit geben. —7 Jenes Muß wird dem Deutschjuden sogleich einleuchten, wenn er es als gerade Konsequenz seines eigenen Reinigungsstvebens (so dürfen wir den Assimnationswillen unserer Besten wohl auffassen, wenn wir uns von zionistischen Phrasen nicht beirren lasten) erkennt und seine eigenen innersten Zwecke darin wiederfindet. Nötig wäre freilich, ihn und seinesgleichen nicht einzeln dadurch vollends aus der jüdischen Gemeinschaft hinauszudrängen, daß man den Atheismus als impeckimentum cklrimons publicum, als Merkmal äußerster jüdischen Selbstverneinung hinstellt. Vielmehr ist die s 0 z i 0 l 0 g i sch e S e i L e nn s erer A ssimilati 0 n zur Tendenzzu erheben, was sie insbesondere den tätigen Liberalen längst geworden ist. Eine solche Tendenz, die eine Bereinigung des sozialen und kulturellen Deutschjudenproblems zum Ziele hat, wird zahllose wertvolle Kräfte halten, die jetzt der Lockung zum Austritt längst nicht mehr den Widerstand entgegensetzen, den sie im Innersten noch cus Pflicht empfinden. Diese Tendenz hat sich im liberalen wie im C. V.-Programm mir unwiderstehlicher Macht durchgesetzt und bildet von beiden praktisch bereits den besten Teil. Es ist nur noch ausZusprechen, daß auch ihre Bejahung verbunden mit dem Bekenntnis zur Erhaltungder jüdischen Vlutsgemeinschast (als der einzigen unveräußerlichen Grundlage jeder jüdischen Gemeinschastszukunst) auch den Atheisten zum vollen Juden macht. Wann wrrd dies an weithin sichtbarer Stelle mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden? ^/nMsc/re Lbu-e/rrarber?. . Das Fahrtenleben der Jugendbewegung stellt den Bünden der jüdis chen Jugendbervegung grundsätzlich keine spezielle jüdische Aufgabe. Das schließt jedoch nicht aus, daß es in seinen Auswirk u ngen sehr wohl auch bedeutsam für die jüdische Gesamtheit werden kann. Tie Unterhaltungen mit Menschen aus anderen Bünden in Jugendherbergen tragen viel zum gegenseitigen Verstehen Lei, da ja neben dem Trennenden in Abstammung und Religion von vornherein auch GcmeirrsamkeiLen durch das Bekenntnis zur Jugendbewegung vorhanden sind. Das Verhalten der Gruppen und ihre Art des Zusammenlebens können sür den Nichtjuden oft maßgebend und verallgemeinernd in seiner Einstellung zur Judenheit werden. Das kann gefährlich werden, wenn — wie unserer Geschäftsstelle leider nicht selten berichtet wurde — die betreffenden Gruppen ein Benehmen zeigten, das alles andere als vorbildlich war. Es kann aber auch von ungeheurem Werte werden, wenn sich die Bünde ihrem Derantwortungsbewußtsein der jüdischen Gesamtheit gemäß verhalten. Daß das meistens der Fall ist und daß hierin eine — positive — „Abweh r"-Arbeit der Jugend — eben durch eigene L e i st u n g — liegen kann, ist unsere feste Ueberzeugung. Wir finden sie bestätigt in einer an uns ergangenen Zuschrift: „Vor kurzer Zeit hatte ich Gelegenheit, hier uubemerkt zwei jüdische Wandergruppen zu beobachten ... Ich muß gestehen, ich hatte früher wenig übrig für die Wandervögel, nachdem ich aber diese beiden musterhaften jüdischen Wandergruppen gesehen habe, habe ich eine andere Meinung hierüber bekommen . . . Wenn das Judentum sich von den jüdischen Wandergruppen einen Vorteil versprechen will, dann müssen Jungen und Mädel schön, einfach und exakt angezogen sein." Die jüdischen Wandergruppen bedürfen, wie wir wissen, einer Aufmunterung zu Selbstverständlichkeiten nicht; aber die Anerkennung wird ihnen Freude und Genugtuung bereiten. 2 "sam/ne/rarbert über ckie Lank/e^a-renren /rrnans . . . Als Vertreter der oberschlcsischen Schulgruppen hatte ich Gelegenheit, an der Obleutetagung des Vereins für das Deutschtum im Ausland (V D. A.) in Goslar Anfang Oktober teilzunebm"n. Es war mir äußerst interessant, feststellen Zu können, daß die Leitsätze und Grundgedanken des Vereins, der in Goslar Jugendvertreter aus dem ganzen Reiche versammelte, vollständig frei von jeder politischen und konfessionellen Tendenz sind. Tie Ansicht, daß der V. D. A. antisemitisch und reaktionär eingestellt sei, wie gerade von jüdischer Seite oft behauptet wird, ist unwahr und scharf zu bekämpfen. Aus einer lebhaften Debatte ergab sich nicht ein einziger Widerspruch gegen die Aufnahme und Mitarbeit jüdischer Schüler, im G"gentei^ der Jugendleiter des Vereins sprach mir seine Freude darüber aus, daß auch ein Jude an der Tagung teilnehme und sehen könne, wie schr der Verein über den Parteien und Konfessionen steht. Gleichfalls wurde einstimmig beschlossen, Lei Festlichkeiten nur die Reichsfarben zu zeigen. Der V. D.. -A. ist kein Verein im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern eins Kulturwehr, eine Hilssgemeinschaft. die das deutsche Volkstum, seine Kultur und Sprache auß-rhalb der Neichsgrenzm erhalten will. Daß diese Hilfe den auslandsdeutsch^n Ji-dm ebenso zugnts kommt wie den deutschen Christen, ist selbstverständlich. Man darf auch nicht fälschlicherweise annebmen, daß die vielleicht rechtsgerichtete persönliche Einstellung einzelner Führer auch die Tendenz des V. D. A. beeinflußt. Zwei Millionen Deutsche vereinigt beMe der Verein für das Deutschtum im Ausland, Christen und Inden, sämtliche politischen Marteren mit Ausnahme der Kommunisten. Darum sott die -deutsch-jüdische Jugend dem V. D. A. beitreien und dazu beitragen, datzdas deutsche V 0 lksLum Lm A u s k a n d erhalten b l e i b t. Koiirad Bloch (Neiße).