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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1928-12-21 · 12 (21.12.1928) · p. Seite 38

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
4 (1928)
Issue
12 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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Z8 der glücklichen Lage, uns auf eine gewichtige Zahl von Werken stützen zu können, die den ganzen Komplex Judentum in neuem Licht zeigen. Es wird zu unseren Aufgaben gehören, den Mut zu stärken oder zu Wecken, daß sich auch Jüngere mit Büchern wie etwa Hermann C ohenS „Religion der Vernunft", Rosenzweigs „Stern der Erlösung", B u b e r s mehr philosophische Schriften oder Baecks „Wesen des Judentums", Guttmanns „Judentum und seine Umwelt" intensiv befassen. Denn nur dann wird sich unser Judesein so gestalten können, wie unsere Führer es heute erhoffen. In einem wird unsere Bildungsarbeit eine spezifisch centralverein s m äßige sein. Uns Jüngere hat das Problem beschäftigt, worin das „Jüdische" in uns zu erblicken sei. Die Bestimmung dieser jüdischen Position findet sich etwa in der von Cohn, Brodnitz und Tietz herausgebrachten Broschüre, in den vom A eltere n b u n d Kameraden über seine Bundestage in Oberhos und Dessau herausgegebenen Berichte, in einigen Bundesblättern des Wanderbundes Kameraden, im Bericht über die letzte Tagung des neutralen Jugendverbandes und nicht zuletzt in Abhandlungen in dieser Zeitung („Stimmen unserer Freunde"). Man kann dabei eine gewisse Uebereinstimmung seststellen, die auch zu gewissen gemeinsamen Folgerungen für die politische Haltung des C. V. führt. Wegen dieser Uebereinstimmung und um weiterer Klärung willen wäre eine erneute Bearbeitung dieser „Wesensfrage" in einer Broschüre erwünscht. Sie wird vielleicht die Ansicht des überwiegenden Teils der deutschjüdischen Jugend repräsentieren. Wichtiger ist jedoch die Vertiefung in Einzelsragen, weil ihre Kenntnis eine Diskussion über die grundsätzliche Einstellung in konkreterer und sachlicherer Weise ermöglicht. Tu/' tbi/7rAu/igs/?LrA6 ckie Lu/säkre in S/6, S unck 9) .Vac/r /änZerer /'auLe wir /reuie c/re /I ULLprac/re über Linr§rm§Lprob/em </er c/eulLc/r- /ückiLc/ren /ugenck/ork. Oer von Ornri kVo///, von uns ^c/r/n5rworL keoöLl'c/r/rKi, erö//ne/ <?urc/r Lerne ^e/r/uss/o/KerunAen, c/re 5r'e^er/r'c/r Llar/ten ^rc/erLpruc/r wec^e?r werden, wreLlernm che /l ULLprac/re unck lenHi rr'e in neue öo/rnen. Oie §e/rrr/i/er/unZ. Vo/r lVernds/'A fVe/ckr/r- Eine paradoxe Lage: Die antisemitische Umvx'lt sucht uus deutschen Juden unser Deutschtum zu bestreiten — und wir ringen um unser Judentum. Fühlen wir uns unseres Deutschtums sicher und unseres Judentums nicht? Diese Feststellung ginge fehl. Es geht nicht darum, ob wir Volldeutsche oder Volljuden sind; beides sind Lebens tatfachen, durch unmittelbare Erfahrung uns bewußt; es geht vielmehr darum, welcher geistige Weseusinhalt sich uns in Deutschtum und Judentum offenbart. Erst so wird verständlich warum wir nicht so sehr um unser Deutschtum als um unser- Judentum Zu ringen haben. Das Deutschtum offenbart sich uns täglich aufs neue in den verschiedenartigsten Gestalten: Sprache, Kultur, den vielfältigen Kulturerfcheimmgen, politischem Gemeinschastserleben und sozialer Verantwortung. In allen diesen' und ähnlichen Gestattungen ist das Judentum weithin sichtbar und durch die Masse ergreisbar unzweifelhaft heute nicht lebendig. Wohl gibt, es in unserem persönlichen Lebenskreis und im Kulturleben der Umwelt unzählige, vereinzelt liegende Quellpunkte jüdischen Lebens und Erlebens, aber an wahrhaft großen, geschlossenen Gestaltungen, an für die Masse ausnehmbaren Erlebnisinhalten fehlt es dem Judentum. Und nur aus diesem Grunde ist uns das Judentum in seiner geistigen Bedeutung Zum Problem geworden; die Naivität einer in sich selbst sicher ruhenden Gemeinschaft besitzen wir nicht mehr. Von den Einflüssen der Umwelt hart bedrängt, kämpft das Judentum um seine Existenz. Taufe und Mischehe heißen seine Gefahr — und im Endziel todbringende Gegner. Weil dem so ist, weil es um die Erhaltung des Judentums geht, werden auch — oder gerade — diejenigen, denen diese Erhaltung selbstverständlich ist, die das Judentum als gesicherten Eigenbesitz und nicht so sehr als Problem, sondern es vielmehr in lebensvoller Naivität als Lebensgrundlage, als konstitutives Element ihrer Individualität empfinden, vor die Frage gestellt: wie sage ich's den anderen, wie künde ich ihnen das Judentum, wie binde Ich die jüdischen Menschen an das Judentum, wie gebe ich dem Judentum werbende Kraft, durch welchen Sinn, welchen Wesensinhalt ist die Judenheit zu einigen und zusammenzuhalten? Denn eines wird jetzt von der Mehrheit anerkannt: die biologische Existenz des Judentums ist an seine innere Lebens- und Werbekrast gebundenist eine Frage seiner Bindungssähigkett-; es besteht hier ein funktionales Verhältnis im mathematischen Sinne. In welchem Sinne nun mögen die deutschen Juden eins werden, wie oll das Banner beschaffen sein, um das sie sich sammeln mögen? Ich Leone sogleich: im Hinblick aus den Ernst der Lage Ziele ich mit dieser Fragestellung mehr aus die Möglichkeit praktischer Werbekrast als auf theoretisch richtige Erkenntnisse, doch ist beides wohl miteinander vereinbar. Es ist zu begrüßen, daß die deutsch-jüdische Jugend es mehr und mehr als ihre Ausgabe erkennt, ein E i n h e i t s b a n n e r zu schassen, das den modernen jüdischen Menschen an das Judentum zu binden, ihn zu ihm zurückzuführen vermag. Nur möchte ich den Wunsch äußern, daß die Jugend sich mehr der praktischen Bedeutung ihrer Aufgabe bewußt werden, sich nicht m unfruchtbaren theoretischen Erörterungen verlieren, vor allem sich nicht mit Scheinproblemen belasten möge. Wenn ich z. V. m einem Aufsatz von Ernst Wolfs in Nr. 8 dieser Blätter lese, die Jugendbewegung müsse Klarheit gewinnen über die Probleme: Pazifismus oder Nationalstaat, Liberalismus oder Sozialismus, fv sehe ich darin ein etwas mattes Zurückgleiten in populäre Antithesen der älteren Generation, die, tiefer gesehen, längst überwunden sind Denn wie der Nationalstaat oder die Nation erst durch den Pazifismus, d. h. die föderative Gleichberechtigung der nationalen Sonderarten der Menschheit, in ihrem Bestände gesichert wird, so werden die liberalen Ideen von Freiheit und Gleichheit erst verwirklicht und gesichert durch die Praxis sozialer Gerechtigkeit. Ferner: Wenn aus der Erkenntnis der Aufgäbe, dem Judentum ein Einheitsbanner zu schassen, folgerichtig der Ruf nach Einigung der deutsch-^üdischm Jugend ertönt, so muß man vorerst die Frage nach dein Sinn und Inhalt solcher Einigung in: Hinblick aus ihre praktische Werbekrast Zu lösen versuchen. Die Schwierigkeit liegt darin, daß die Einheit des Judentums höchst Problematisch ist vermöge der Verbindung von Stammesgemeinschuft und Religion und einer aus das Diesseits gerichteten Fortschrttisethik. Hinzu kommt, daß innerhalb dieser Faktoren die geschichtlichen Wandlungen die verschiedenen Richtungen der nationalen Isolierung und der Weltmission der Diaspora, der Orthodoxie und des Liberalismus ausgelöst haben. Ueber alle diese Unterschiede aber spannt sich das den jüdischen Individuen immanente, allgemeine, undifferenzierte jüdische Bewußtsein, ein Phänomen, das sich am besten als jüdische Aktivität bezeichnen läßt. Mehr und mehr erkennt man, daß über alle Sonderungen hinweg diese jüdische Aktivität zur Quelle einer Neubelebung des Judentums werden muß. Will man dieser Aktivität eine konkrete Bestimmung geben, so kann sie weder aus der rein nationalen noch aus der rein religiösen Auffassung des Judentums entnommen werden, sondern nur aus einer umfassenden Anschauung, die beide in sich ausnimmt und überwölbt. Martin Buber hat als Elemente jüdischer Aktivität das Dreigestirn: Tat, Einheit und Zukunft herausgestellt. Was liegt darin anders als der Gedanke der sittlichen Diesseitssendung des Judentums, Zn der die Juden vermöge ihrer spezifischen Lebenskraft berufen sind. Die Einheit des Menschengeschlechts als des Trägers einer Zukunft des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit, hercmsgesührt durch die menschliche Tat. Vielleicht sagt man, diese Gedanken seien Gemeingut der Kulturmenschheit, daraus rechtfertige sich nicht die biologische SonderexistenZ des Judentums. Einmal aber ist die göttliche Zukunft der Menschheit eine Idealvorstellung, die wir immer nur annähernd verwirklichen können, deshalb muß es uns aber gleichgültig sein, ob dieser Gedanke Gemeingut der Menschheit geworden ist. Wenn ja, nun wohl, so machen wir uns vermöge jüdischer Lebenstrast zu seinen entschiedensten Vertretern und erhalten wir ihn im Wechsel der Generationen rein und stark. Dies rst, wie ich glaube, das rechte Einheitsbanner für die deutsch-jüdische Jugend und für die Judenheit überhaupt. Denn in dieser diesseitsethrschen Ausprägung, gleichviel ob in der Gestalt des religiösen Glaubens oder einfacher menschlicher Gesinnung und Tatbereitschast, vermag das Judentum den modernen jüdischen Menschen weithin an sich Zu binden. Die jüdischen Sonderrichtungen in ihrer historisch gewordenen Eigenart mögen dabei erhalten bleiben: darum auch bei der Jugend keine gewaltsame Ver'chmelzung, etwa durch Fusion der Führer, sondern föderatives Zusammenwirken. D/e 6KL/nLk/crF6/r Von IVokF sD/'S^kQrr) Unter dem Stichwort „Einigung der jüdischen Jugend" ist hier vor einigen Wackren die -Frage aufgeworfen worden, ob es heute einen gemeinsamen Kurs wenigstens für die deutsch - jüdische Iugend geben kann. Die meisten Beantworter haben es sich nicht allzu schwer gemacht. Als Mitte! gegen den rasch fortschreitenden Zerfall der Judenheit wird einfach empfohlen: „Dann muß eben treues Interesse für unsere jüdische Religion, unsere Geschichte, Literatur und Philosophie erweckt werden" (Kurt Steinhardt), oder: „Wenn alle in den Centralverein kämen und dort die jüdisch-politischen Fragen cmsgeschaltet würden, dann wären wir M einig" (N aLhanMar x), oder gar: „Wenn erst wieder eine echte, gefühlsmäßige, lebendige jüdische Gesinnung erweckt ist, kommt die gesamtjüdische Gemeinschaft bald, und dann ist das Judentum wieder gerettet" (Kurt Holzer). Dies hatte sich freilich schon früher her umgesp rochen. Aber ist der Allgemeinheit mit solchen frommen Wünschen ein Weg gezeigt? Die Zersalls.tendenZ des deutschen Judentums ist eine Tatsache. Von den Bindungen, die der Zionismus ihr heute entgegensetzt, kann in diesem Zusammenhang abgesehen werden; wir bezweifeln die Dauer seines Erfolges entschieden und sehen eine verstärkte Reaktion kommen. Für die deutschen Juden, die sich von ihm sernhalten, gilt im allgemeinen die Religion als das einzige.

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