Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 1 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 „Herunter mit der Maske!" Schwere Anschuldigung eines Nationalsozialisten gegen Berliner Führer der N. S. D. A. P. Solange es antisemitische Parteien gibt, hören bei ihnen auch die Partetskcmdale nicht auf. Schon von jeher beschuldigten sich die Führer wechselseitig oder die eine Partei häufte Borwürfe ehrenrühriger Art gegen die andere. Das Kapitel „Antisemiten unter sich" ist ebenso alt wie umfangreich. Im allgemeinen waren diese Vorwürfe für die große Oeffentlichkeit belanglos, sie bienten nur zur richtigen Charakteristik der jeweiligen Erneuerer Deutschlands. Alle Niederträchtigkeiten, die man sonst den Juden in die Schuhe schob, warf man einander an den Kopf, wenn der Bruderzwist wieder emmal aufflackerte. Es wäre daher auch nicht nötig, von einer Enthüllungsbroschüre. die der fr ühere Reichs mu sik le i ter de r Nationalsozialistischen D e u t s ch e n Arbeiterp a r t e i. W L l h e l m H i l l e b r a n d, unter dem Titel „Herunter mit der Maske!" herausgegeben hat, Notiz Zu nehmen, wenn in ihr nicht mit zahlreichen aktenmäßigen Belegen die ungeheuerliche Beschuldigung ausgestellt würde, das; die Berliner Führung der Hitler- Bewegung Diebe, Ehebrecher und Knabenschänder in ihren Reihen nicht nur dulde, sondern sie zun; Teil in führenden Stellungen erhalte und ihre Untaten decke. Der Enthüller H i l l e b r a n d ist inzwischen zur Deutschvölkrschen Freiheitspartei hinübergewechselt, kann also als Renegat nicht eigentlich bezeichnet werden. Für seine Angaben trägt er natürlich die Verantwortung, da aber die nationalsozialistische Presse zu seinen sehr konkreten Angaben schweigt, so ist es publizistische Pflicht, die Partei zu einer Stellungnahme 51t nötigen Alrs der Broschüre interessiert nicht der Streit um finanzielle Tinge, mit dem sie zum großen Teil ausgesüllt ist, wenn es auch charakteristisch fein mag, daß nran einen unbequemen Mahner und Kritiker finanziell auszuhöhlen und wirtschaftlich zu ruinieren, ja ihn zum Betrüger zu stempeln versucht. Viel schwerer wiegt dagegen, daß der ehemalige Musikmeister zunächst gegen den Adjutanten Oberost, den Oberleutnant a. D. Eggerding, die Beschuldigung erhebt, er habe gelegentlich einer Uebernachtung bei einem Parteifreund dem Dienstmädchen des Hanfes 80 Mark und dem Gastgeber aus einer Kassette zehn Mart gestohlen. Der Verfasser behauptet, daß weiterhin nationalsozialistische Führer den Verdacht geäußert hätten, daß der gleiche Herr E g g e r d i n g auch der Dieb der Dr. Goebbels? chen Nhr gewesen sei, und das; er dem Hauptmann S L e n n e s ein goldenes Zigarettenetui gestohlen habe. Die Parteileitung habe dennoch nicht e i n g e g r L f s e n, weil irgendwelche „B i n d u n g e n" (Fortsetzung von Seite 2.) jemand cmsstehen, der die anderen belehrt, ist charakterisiert. Aber der Bankrott der Lüge wird immerhin einige Zeit dauern, lind bis dahin ist das Volk massenweise vergiftet. Wer infolgedessen der Jud en h ei t n ü tz en , lo e r nt i t i h r den Frieden i nt d e u t s ch e n V 0 l k s ch a f f e n, to er de m W icbererftarfen der d e u t - sch en Ge samtheit ein c n W eg tv eise n will, m ll h Kulturarbeit n a ch 11 u t en treiben. Die Ein z el s e ele zu e rfa f se n, die Gesaint h e i t von der W e r ti gk e i t ih r er einz einen Teile, a u ch ihres jüdis ch en Teiles, z;; ü der z eugen, innere Propaganda zu l e i st e n, d a s i st h e u t e die Aufgabe. Gewiß wird an der politischen Bekämpfung der Gegner ununterbrochen weiter gearbeitet werden müssen. Entscheidend ist aber die Aenderung der Gesamtstimmung. Wir werden diese Ausgabe hauptsächlich dadurch leisten können, daß wir die seelischen Voraussetzungen der Menschen auch in den kleinen und entlegenen Orten der Provinz kennen und wissen, welche Eingriffe nnd Vorstellungen auf sie wirken. Wer die judenfeindlichen Strömungen in der heutigen Zeit überwinden helfen will, der kann und darf sich niemals in der Defensive halten. Offensive besteht in einer großzügigen, von seelenkundlichen u n d gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen ausgehenden Aufklärung. Niemals hätten völkische Irrlehren nationalsozialistischer Verhetzung, das Jonglieren mit im Grunde genommen lächerlichen Wirtschaftstheorien im Volk solchen Eindruck machen können, wenn die deutsche Judenheit den Wunsch und die Kraft besessen hätte, die Offensive für ihre jüdische Ehre und für ihr Deutschsein zu ergreifen. Viel zu viel Organisatiöncheu, viel zu viel Quacksalbereien, viel zu viel Glauben an die Wirksamkeit persönlichen Einflusses haben die Wirklichkeit überschattet, die von uns für die Zukunft nachdrückliches Handeln und unermüdlichen Fleiß im einzelnen beansprucht. unter den einzelnen Führern bcftüubeu, die Hillebrand ganz unzweideutig ans gewisse homosexuelle Zusammenhänge zurückführt. So wird in der Broschüre eine eidesstattliche Erklärung wiedergegeben, in der Herrn Eggerding in mehreren Fällen gleichgeschlechtliche Handlungen vorgeworfen werden. Der Wortlaut dieser eidesstattlichen Erklärung ist, wie der Verfasser ausdrücklich erklärt, nicht wiederzugeben, da er sonst in ben Verdacht der Verbreitung unzüchtiger Schriften kommen würde. Es werden dann noch Briefe reproduziert, in denen Eggerding als „Hochstapler" und „Honrosexueller" von nationalsozialistischen Parteigängern bezeichnet wird. Daß Eggerding gleichwohl gebalten wurde, führt der Verfasser der Broschüre darauf Zurück, daß der Standartenführer für Berlin, Rittmeister a. D. Götti ng, sich gleichfalls schwere homosexuelle Vergehe;; habe zuschulden konrnr-en lassen. Herr Gotting wird von dem Verfasser als „Goebbels Vertrauter und rechte Hand" bezeichnet. Der Leiter des Gaues Oberost, Hauptmann a. D. Stennes, hat Herrn Dr. Straffer gegenüber erzählt, daß Gotting wegen Vergehens gegen § 175 von der Kadettenanstalt in Kichterfelde entlasten worden sei oder selbst gegangen wäre. Der Verfasser will auch fest gestellt haben, daß Herr Gotting einen Neger auf feinem Zimmer gehabt habe. Aus einem Protokoll wird dann mitgeteilt, daß der Rittmeister a. D. Gotting sich gelegentlich des dritten Märkertages in Berlin an einem jungen Nationalsozialisten K. W. aus Melsungen in Hessen in schwerer Weise homosexuell vergangen habe. Der junge Mann hatte kein Nachtquartier und Gotting nahm ihn mit in seine Wohnung, wo er ihm zu essen gab. Die weiteren Vorgänge schildert der junge Nationalsozialist in dern zitierten Protokoll in allen hier nicht wiederzugegebenden Einzelheiten. Der Verfasser Null nun besonders in diesem Falle versucht.häben, die Angelegenheit zu klären, und er beschuldigt insbesondere Dr. Goebbels, uüt allen Mitteln versucht zu haben, die Bekundungen des jungen Nationalsozialisten rückgängig zu machen und „fieberhaft alles zu unterdrücken". Er teilt noch mit, das; in diesem Falle bei der Kriminalpolizei gegen Götti ng Anzeige wegen widernatürlicher Unzucht und Verstoß gegen tz 175 erstattet worden sei. Einen nicht minder schweren Vorwurf erhebt Hillebrand gegen den Gauführer von Berlin, Herrn Jahn. Dieser habe die Ehe eines Majors a. D. von H.-Sch. zerschlagen. Jahn selber habe den Major ausgesordert, mit Jahns Frau „Ehebruch zu begehen, um so schuldlos geschieden zu werden". I a h n habe aber dann in der Ehescheidung des Majors die größte Rolle gespielt und dabei vor Gericht die Aussage verweigert. Den Gipfel der Anklagen bildet die Mitteilung, daß Jahn turnt jüdischen Bürger gleichfalls anfgefordcrt habe, mit seiner Frau Ehebruch zu begehen, was dieser jedoch ablehnte. H i l l c b x a n b gibt darüber auch einen Einschreibebrief im Wortlaut wieder, der folgendermaßen lautet: Sehr fjcct)xtcr Herr Jahn! Ihr Ansinnen, mit Ihrer Frau ein Hotel aufzufnchen, um sie somit des Ehebruchs zu überführen, muß ich hiermit oblehnen, da ich dieses mit meiner Ehre nicht vereinbaren kann! Ich nehme an, daß Sie mir dieses nicht übelnehmen ujn\ Mit bestem Gruß! gez. F. Auch I a T) n sei in der Führung geblieben und hätte sich dein Ring angeschtossen, der gegen H i l l e b r a n d arbeitete. Der Verfasser behauptet dann, er habe bis in die höchsten Instanzen der Hitler- Partei hinauf versucht, eine Reinigung der Partei durchzusetzen. Er hat auch an Herrn Hitler persönlich geschrieben. Aber alles sei ohne Erfolg geblieben. Ein Ehrengericht" habe die Angeklagten und ihre Freunde zu Richtern gemacht und die Leitung der Partei fei zu keinem eingreifenden Schritt zu veranlassen gewesen. Von dem Reichsvorsitzenden des NeichsnntersuchungZairsschnfses, dem nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Major Buch, der versprochen habe, sofort eingreifen zu wollen, aber nichts gehalten habe, erzählt der Verfasser dann noch folgendes: „Jetzt erzählt man mir unter Zeugen, daß er (Buch) 24 000 Mark durch Hitler verloren hätte im Jahre 11)23. Da Hitler ihm dies Geld nicht hätte zurückzahlen können, hat ihn Hitler ans die Neichstagsliste gesetzt, um so durch die Diäten wenigstens eine kleine Rückzahlung zu erhalten!" „Und das find die nationalsozialistischen Volksvertreter!" bemerkt der Verfasser zu dieser Mitteilung. In der Tat: man wird sagen muffen, daß, wenn auch nur ein Bruchteil dieser ungeheuerlichen Anschuldigungen den Tatsachen entspricht, die nationalsozialistische Parteileitung die Pflicht hat, diese schweren Vorwürfe völlig klarzustellen. Mit einseitigen Erklärungen nnd Bestreiten kann es hier nicht sein Bewenden haben. Die Partei mutz in einem ordentlichen Gerichtsverfahren diese Vorwürfe klären, in dem sie die so schwer beschuldigten Führer Zwingt, sich von den Hillebrand schon Vowürfen gerichtlich zu reinigen. Tut sie das nicht, dann ist sie gerichtet; dann ist es aber auch publizistische Pflicht der gesamten deutschen Preffe, von diesem unglaublichen Sumpf der großen Oeffentlichkeit Kenntnis zu gebenso sehr auch die ganze Sache himmelan stinkt. Otto Nnschke, M. d. L.