Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 32 (10.8.1928)
- Date
- 1928-08-10
- Page
- Seite 447 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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447 Erfolgen des Prüfsteins ist aber, daß der sozialdemokratische Arbecker sich rasch zum Kamps gegen die Freimaurerei in seiner Führung aufrafftc, wenn auch vergeblich, daß aber die sogenannten Gebildeten r»es Bottes, zun. Beispiel in der Teutschuatioualen Partei, und die , Rechtsverbände" abseits stehen und den Anschluß an die Kampfs'ront versäumen. Ter Tag wird kommen, an dem diese Parteien und Verbände beschämt als Marschkranke hinter der „weißen Armee" herhumpeln. Die weiße Armee ist inr Wachsen in unserem Volke und den anderen Völkern der Erde. Die Presse der überstaatlichen Mächte verheimlicht es mühsam. Tenn außerhalb der in Parteien und Verbänden Geknebelten und durch falsche Treubegrisfe Festgchaltcnen steht die große cchar freier einzelner Männer und Frauen, Alter und Jugend, die heute schon weiß, in welche Front sie gehört. Aber auch in den Verbänden gärt es weit mehr, als ich vor einem Jahr für so kurze Zeit habe hoffen können. Tie Einsicht über das Wesen oder besser Unwesen ihrer Führung beginnt zu erwachen. Einzelne Verbände haben sich sogar schon geschlossen gegen einen Teil " der überstaatlichen Mächte ausgesprochen." Dem fünfzigjährigen Mfreö Döblin 10. August 1928. Zu seinem 50. Geburtstag schenkt Döblin seinen Lesern ein Buch, das ein wenig aus seiner Art schlägt. Er tischt Szenen aus seinem Vorleben und Werdegang auf und beginnt dreimal die Geschichte seiner Ettern. Er ist in Stettin zur Welt gekommen. in Berlin unter kleinen, komplizierten Verhältnisien ausgewachsen, er jst Jude nicht ohne eine gewisse jüdisch-gutbürgerliche Tradition und Pietät, und er ist Arzt. Taher hier der Zwiespalt, der Kampf nur Rücksichten und einer vielleicht falschen Lcham. Aber er führt alles zu Ende, was er beginnt, und dies Buch Töblins über Döblin wird zum Zeugnis für Len Menschen. dem sonst die große Welt nicht weit genug erschien, und der nun sein weißes Scheinwerferlicht auf den Winkel wirst, der seine kleine vcimat ist. Wenn für Töblin der Anlaß seines Jubiläums zum Gerichtstag seines Schaffens und Lebens wird, so ist jedenfalls oas letzte Ergebnis seiner Verhandlungen eine Freude und Erschünernng: „Ich wachse, auch als Mensch, auch mit denn Seist, mit meinem Willen, nicht anders wie ein Baum. Ich möchte mit Achseln vollhängen. Vögel sollen auf mir nisten. Im Winter will ich im Schnee stehen, die Engerlinge zwischen meinen Wurzeln. Und dies alles, obwohl ich nicht anders bin als du und du und du, du ein Bureauangestellter, du die Aufsicht in einem Warenhaus, du ein Schauspieler (ich kann keinen „Arbeiters nennen, pur den bin ich ein Bourgeois), ich ein kleiner Toktor in Berlin O, der an Schlaflosigkeit leidet und dem auch sonst nichts geschenkt wird. — ltnb nun ab je, Kinderchen, ab je Sic. Ich werde mich sachte auf die Strümpfe machen. Grüßen Sie mir Ihre Waschfrau. Und beißen Sie mich nicht, wenn ich Sie mal geärgert habe. War nicht so schlimm gemeint. . Sehen Sie, ich geh auch vorüber." — Jst. der dies geschrieben hat, nun ein anderer als der Dichter, der die phantastisch enormen' „Berge, Meere und G i g a n t c n" schrieb? Töblin ist „ein kleiner Doktor in Berlin Och ein unscheinbarer Mann mit einer dicken Brille, mit einem liebenswürdig ironischen Lächeln um die ein wenig ausgeworsenen Lippen. Sicht so, kann so ausseheu, wer in zwei gewaltigen Bänden vom „Wal len st ein"'das ganze Europa dos Dreißigjährigen Krieges auseinandertürmte? Aber es mag an unserem mangelhaften Änschauuugsvermögen liegen, daß wirFhn nicht erkennen würden, wenn er uns in einem der kleinen Gases am Aleranderplatz gcaenübersäße, nicht an ihm oder dem. der das Grandiose in diesem Menschen versteckte. Das Grandiose, besser das Vielfältige, denn man hat Töblin von vielen Seiten anzugehen, man hat sich mit Sorgfalt und Hingegebenheit an ihn hcranzupirschen, wenn man ihn stellen und'erkennen will. Vor mehr als zwanzig Jahren veröffentlichte er „Gespräche mit Kalypso über die M u s i kch vor wenigen Jahren eine .Meise in Polen", daun Betrachtungen „Das Ich über der Natur". Ten Philosophen Töblin, seine Weltanschauung aus diesen Tarstellungcn der Welt herauszuschälen, ist eine hohe, Helle Freude für den suchenden Geist, der an den antiken Religionen zunch Zweifler, am religiösen Mittelalter zum Atheisten wurde, und t»on* den neuen, naturwissenschaftlich einseitigen Theoremen nicht erlöst ist. Töblin ist zu wissend, um ein Mystiker, und zu wissend, um ein Rationalist zu sein. Er sieht die Welt als eine Fülle von Lebewesen, rmd jedes Ding noch, vom schweigenden Stein bis zum konstruierten Instrument seiner medizinischen Praxis lebt ihm, ohne da« cs ein Gespenst, ein Symbol, für. ihn wäre, und ohne daß er für dessen „tiefere Bedeutung" einen Aberglauben zu erfinden sich veranlaßt sähe. Tie Verbindung des Tausenderlei miteinander sieht Cr l?\ in. der Beseelung der Welt. Hat er also doch Götter, glaubt er an einen Gott? Er glaubt weder an euren Fortschritt, an die Teilung in Körper und Geist. Tie Materie ist zugleich gedudctcr Geist, und das Leben als alles in allem gleichzeitig und (u]q zertlos — dies ist sein Weltbild. r l Das ßesiiiisfgsser! Fachinger Versandstelle, Berlin SWJ], Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8260/61. Unter solchem Blickpunkt tritt nun die Welt seiner Epen in Erscheinung, die dem Oberflächlichen zuerst so ganz anders sich ausdrang. Diese Epen sind voller Heroik und Gewalt, voll vulkanischer Explosionen; was sind sie in Wahrheit? Töblin wurde mit dem Roman „Die d r e i S p r ü n g e des Wang-lun" berühmt. Tiefer Roman spielt in China, aber was weiß Döblin von China? Und dennoch kamen nachher die Fachleute und Sachkenner und sagten: es ist alles in Ordnung, das ist China. Kam es dem Dichter darauf an? Und warum gelang es ihm? Weil dieses China die Welt ist, weil er unter diesem Aspekte die Welt, „das" Leben, zeigt. Es ist die Geschichte vom Bunde der „Wahrhaft Schwachen", ein Roman vom Nichtwiderstreben. (Vom..Nichtwiderstreben, das in Ghandis indischer Gestalt dem britischen Imperium jetzt solche Sorgen macht.) Tie hier nicht widerstreben, sind ein Bund, und immer sind es in Töblins epischen Schöpfungen die Gemeinschaften, auf die cs ankommt, und immer ist es die Welt, die er spiegelt, die große, ewige, tausendfältige Welt, ob sie sich nun als indische Versantike, als deutsches Mittelalter oder als Ilebcrsturz der Zukunft gibt. ttnd immer und es die Bünde — es sei erlaubt, anstatt den Menschen und seine Menschlichkeit, den Dichter und seine literarhistorische Bedeutung zu registrieren, die zu diesem Tage viele Spalten deutscher und ausländischer Zerrungen und Zeitschriften füllen werden, anstatt diesen sei es erlaubt, den Menschen und das Werk von der Weltscite her anzusehen. Es gibt, von Hölderlin über Brunner bis Landauer, dichterische Sichtungen des Geistproblems, ohne die wir Döblin arm gegenüberstehen. Es gibt das Gesicht vom Geiste, der in hohen, guten Zeiten der Gemeinschaft in den Völkern wohnt und unmerklich, nahezu gleichmäßig in die Sammlung der einzelnen gegopcn ist. In niedersteigenden, schweren Volkszeiten aber, in den Epochen des Niedergangs, fehlt den Völkern der Geist, er rettet sich in wenige einzelne und erfüllt sie mit so gewaltiger Macht, daß die Menschen, die Geistmenschen, es kaum ^ertragen können und wie Krater werden,' vulkanische Geistmayen ausweisend. So sammle sich, künden die Visionen, und spreche der Seist des Volkes ans den großen Einzelmenschen in Zeiten des Niedergangs. Döblin hat dergleichen an sich, und daß unsere Zeit, seine Zeit, eine Epoche des Niedergangs ist, daran rönnen wir leider nicht zweifeln, ttnd es ist seltsam, wie mannigfaltig in Töblins Büchern die Welt lebt, wieviel Hunderte Figuren darin leben, wahrhaft lebendig sind, und wie der große Zug der Gemeinschaftlichkeit sie noch bewegt, wenn sie nur ein Nebeneinandersein zu führen scheinen. Wie wenig zeit- und raumgebunden ist feine Erde, und zugleich wie immcrgültig und überall wahr. Hat Töblin einen „Stil"? Welcher literarischen „Schule" ist er entkommen? Nichts davon, er kultiviert weder eine Kunstsprache, sondern seine Sprachkunst ist natürlich, ist aus ihm entwachsen roie Bäume aus dem Erdreich: noch ist er ein Epigone irgendeines Meisters, noch deffen Vollender. Er ist nichts weiter, nichts weniger als nur er selbst. Dies ist das Schönste, was man von ihm sagen kann: seine großen Dichtungen könnten für eine spätere Zeit so anonym sein wie etwa die Ilias und das Nibelungenlied für uns, so anonym, so typisch, so bedeutend. Und man soll sich nicht scheuen es zu sagen, solange er lebt. Gerade Töblin hat ein Recht darauf, da er oft genug für die Jugend, für die Freiheit und das Recht der Kunst und der Menschlichkeit in die Breschen gesprungen ist und es jederzeit tun wird, sei es nun in der offiziellen „Tichterakademic" oder bei Kundgebungen junger, bedrängter und begeisterter Menschen. Er bleibt mit fünfzig Jahren noch in der Opposition, weil er viel zu jung ist, um sich und uns abzusinden. Leo Hirsch (Berlin). Ein trftmderrrs Hirrvenörrrg - Interview. Das Wölfische Telegraphcnburrau teilt mit, daß das cnciMicIi einer Wiener Dame vorn N eich spräsi dk nten von H i u d c n h i< r g gewährte Interview über Antisemüisrnus erfunden sci. — Füe jeden Kenner der Verhältnisse war cs zw<iscllos. daß dieses Interview in der von der Presse verbreiteten Form nicht stattmsimdcn haben kannte, zumal nach der strengen Ausfassung des Reichspräsidenten von scincr völlig unpolriischen Haltung nicht anzunchmm war, daß er derartig ^eingehende Aeußerungen - über Kasfcnstaaen einer ausländischen Journalistin wachen würde. Wir sind daher auf dieses Interview, das durch einen Teil bei jüdischen Presst ging, in diesen Blättern überhaupt nicht cingcganrcn.