Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-06-01 · 22 (1.6.1928) · p. Seite 312

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
22 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
Seite 312 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277803--04513-2285133
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

3 n Von Sucictt Wolf (London). Am 6. Z uni vollendet dcr Führer bet englischen liberalen Juden, Claude Montefiore, seinen siebzigsten Geburtstag. Wir freuen uns. aus diesem?ln!atz nachstehend eine Würdigung seiner Persönlichkeit aus dcr Feder seines Mitarbeiter? Eueren Wolf, des Direktors des Joint Foreign Committee in London verösfcntlichcn zu können, ohne das; wir uns die sich aus Wolfs eigener Stellung innerhalb der jüdischen Strömungen ergebende Bewertung der seinen Ansichten entgegengesetzten Richtungen 31» eigen machen. Tie Schristleitung. Am 6. Juni wird die ganze englisch-jüdische Gemeinschaft mit ausrichtirer Verehrung, ja sogar mit größter Begeisterung und Liebe den siebzigsten Geburtstag Claude Monteswres feiern. Dieser Tag wird einen bemerkenswerten Triumph für den dauernden Wert eines einzigartig vortrefflichen Charakters bedeuten. Es hat Zeiten gegeben, lvo Claude Montefi ore die meist geschmähte Persönlichkeit in unserem öffentlichen Leben darstellte. In einer Gemeinschaft, die, im ganzen gesehen, die strenggläubigste westlich der Weichsel ist, verkörpert er eine Richtung, die innerhalb der „zerstörenden Reformbewegung" als die radikalste gilt. In einem Lande, das das Hauptquartier des offiziellen Zionismus darstellt, und dessen Regierung es unternommen hat, das jüdischnationale Heim in Palästina wiederherzustcllcn, ist er der ausgesprochenste und unbeugsamste Antizionist und Antinationalist. Diese Meinungsverschiedenheiten mußten Gegnerschaft und sogar heftige Angriffe nach üch ziehen. Und doch: Heute schwinderr sie alle dahin vor dem menschlichen Empfinden an diesem siebzigsten Geburtstag. Tie Gemeinde sieht heute nur den vornehmen Charakter dieses Mannes, die Schönheit seines Lebens, die lange und erfolgreiche Geschichte seink.-r öffentlichen Wirksamkeit, feine ausgezeichnete Gelehrsamkeit und den Ernst und den Mut, mit denen er in seiner Sendung ausgeharrt hat, die selbst, wenn sie irrgläubig ist, tief aufrichtig ist und getragen von dem Streben nach dem größeren Ruhm für das Judentum. Claude Montefiore ist in einer Atmosphäre geboren worden, die noch voll war von Erinnerungen an das Schisma von 1840. Die hervorragendsten Gestalten in diesem Streit waren sein eigen Fleisch und Blute Sein Großvater mütterlicherseits, Sir Jfaac Lyon Goldsmid, und sein begabter Onkel, Sir Francis Golds mid, waren die hauptsächlichsten Vorkämpfer der Reformbewegung, und einer seiner Großonkel, Sir Moses Montefiore, war die Hauptstütze des orthodoxen Widerstandes und der stärkste Verfechter der Politik der Ausschließung. Bon allen jedoch erbte er in gleicher Werse die hohe Ueberlieferung. sich dem Judentum und dem Dienste an der Judenheit hinzugeben. In diesem Geiste beschloß er im jugendlichen Mannesalter, sich dem Amt eines Geistlichen an der Reformgemeinde zu widmen. Nachdem er Oxford verlassen hatte, ging er nach Berlin, um Theologie zu studieren. Bald jedoch erkannte er, daß die Reform, wie sie von der Gemeinde. zrr der er und seine Familie gehörten, verstanden wurde, seine Auffassung von einem wirklich neuzeitlichen und fortschrittlichen Judentum bei weitem nicht zu befriedigen vermochte. Mit ihrer „karäcrhasten" Betonung der Autorität und Göttlichkeit des Pentateuch und ihrer Zurückweisung der sogenannten mündlichen Ueberlieferung schien sie ihm, wie er selbst erklärte, noch weit mehr der Gefahr einer Versteinerung ausgesctzt als die damalige Orthodoxie. Für ihn handelte es sich nicht um eine Entscheidung zwischen Moses und den Rabbinen. Einzeln und zusammen bedeuteten sie ihm nur ein begrenztes Gebiet. Er aber wollte ein Judentum von gleicher Ausdehnung wie die sich immer mehr weitenden Gesichtskreise jüdischen Denkens, ein Judentum, das fähig wäre, sich in Harmonie mit moderner Wipenschast und modernen Lebensbedingungen zu entwickeln. Aber es mußte ein jüdisches Judentum sein, auf der Grundlage aller großen hebräischen Eottestehren, die man ehrerbietig von überflüssigem Beiwerk reinigte. Und es sollte durchs das. geschichtliche Bewußtsein der Kinder Israel und ihre freudige, Teilnahme au den religiösen Gebräuchen neu belebt werden. So gelangte er schließlich zu derjenigen religiösen Schule, die man seither als liberales Judentum kennt. In England machte die neue Lehre zunächst nur langsame Fortschritte. Montefiore widmete sich theologischen Studien und daneben in starkem Umfange der Tätigkeit in der Gemeinde. In dieser Zeit war es, daß er durch seine H i b d e r t-Vorträge über „Ursprung und Entwicklung dcr Religion der alten Hebräer", sowie später durch feine Jowett-Vorträge über „Die religiöse Lehre Jch'u" und durch seine „Synoptischen Evangelien" seinen Ruf als wissenschaftlicher Theologe ersten Ranges begründete. Zur gleichen Zeit gab er dcr jüdischen Wissenschaft einen starken Antrieb durch die- Gründung der Jewish Quarterly Review und durch die Errichtung eines Lehrstuhles für tatmudische und rabbinische Literatur an der Universität Cambridge, für den er nacheinander seine ausgezeichneten Freunde und Kollegen Salomon Sch echter und Israel Abrahams ernannte. Auch als Publizist war er nicht untätig. Im Jahre 1002 unternahm eine kleine Gruppe seiner Schüler den ersten Schritt zu einer praktischen Auswirkung seiner Lehre durch Gründung des Jüdisch-religiösen Vereins für die Forderung des liberalen Judentums und durch die Organisation eines entsprechenden Gottesdienstes. Seitdem machte die Bewegung bemerkenswerte Fortschritte trotz der Feindschaft der orthodoxen Rabbiner und der jüdischen Presse. Monte-, fiores fesselnde Darstellung des liberalen Judentums, seine Beredtsamkeit und sein Fleiß als Prediger, seine Mäßigkeit und vor allem sein starker jüdischer Geist mußten eine weitreichende Wirkung erzielen. Bald entwickelte fid) der Gottesdienst zu einer regelrechten Synagoge, und im Jahre 1925 wurde diese schon in imposantem Maßstabe ausgebaut. Heute ninunt diese Synagoge die größte Gemeinde des Vereinigten Königreiches ans und ist mit sämtlichen komplizierten Einrichtungen eines großen religiösen Zentrums ausgestattet. Bor zwei Jahren versammele sich in ihr die internationale Konferenz liberaler Juden, die zu der Bildung eines Weltverba n d e s d 0 s fortschrittlichen I u dent u m s führte, zu dessen Präsident C t a u d e M 0 n t e f i 0 r e berufen wurde. ^0 breitete sich der geistige Einfluß dieses hervorragenden Mannes über ganz Europa und Amerika aus, und überall hat dieser Einfluß Gutes gewirkt. Aber Montefiore hat nicht nur für das Judentum gearbeitet', er hat auch in Weisheit und wundervollem Gemeinsinn für seine jüdischen Brüder gewirkt. Leit fast fünfzig Jahren ist sein Name mit jeder sozialen Bewegung in der Gemeinde verbunden, und auch über Zeit und Arbeit hinaus war er großmütig im Geben. Dieses Werk, an dem er mit unendlicher Zartheit und Aufopferung geschaffen hat, hat ihm in höchstem Maße die Liebe der jüdischen Allgemeinheit gewonnen. Als Prophetdes liberalen I u d e n - tu ms wird er sicherlich einen bedeutenden Platz in der jüdischen Geschichte finden; aber als F r e u n d d e r Ä r m c n und aller derer, die leiden, als der unermüdliche 'Arbeiter für die Erhebung dcr jüdischen Massen und für die Reinigung des jüdischen Lebens und als der aufmerksame Wächter jüdischer Ehre hat er sich einen sicheren Platz in den Herzen seiner jüdischen Brüder errungen. Seine Tätigkeit hat sich nicht nur ans sein Vaterland beschränke. Als Präsident der Anglo-Jewish Association und des Joint Foreign Committee ist er für eine ganze Generation hindurch eine der treibenden Kräfte in dem großen Hilfswerk gewesen, durch das die Bsesijudenheit die Ostjuden von Bedrückung, Elend und Unwissenheit befreien will. Obgleich er den jüdischen Nationalismus ablehut, läßt ihn doch nichts unbewegt, was das Haus Israel betrifft. Ebenso, wie er ein religiöser Universalist ist, ist er eilt Universalist in Nächstenliebe und Wohltätigkeit. Er ist ein großer Jude und ein treuer, unerschüncrlicher Engländer. Trauerfeier für Rabbiner Dr. Vraunschwer'ger. D-er Landesverband Oberschlesicn veranstaltet für feinen verewigten Vorsitzenden Rabbiner Dr. Brarrnschwcigcr, Mitglied Des Hauptvorftandes, Sonntag, den 10. I uni d. I., v or mittags 11 Uhr, m Oppeln, in der Aula der städtischen Oberreal s ch u l e (Vogtstraße), eine Trancrfeicr, bei der Direktor Dr. Ludwig Holländer (Berlin) die Gedenkrede halten wird. Alle die, die sich in der Trauer um den so früh Dahingeschiedenen vereint suhlen, sind zu der Feier herzlich erngeladen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.