Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 22 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
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310 3tuicu)cnM. So lebt man heimatgebunden un°d doch nicht he'Lmatbegrenzt, Sohn eines Volkes und geistiger Ahnherr eines Erdteils. Führte der alte Nationalismus zur Ausstoßung und Diffamierung des Juden, so ist seine Einschmelzung m dieses Zusammenhangsgefühl eine Selbstve r st ä ndl:chkeiL. Heiter auflachend und ein wenig beschämt wird man einander die Hände reichen. Was bedeutet Judentum innerhalb dieser Ausmaße? Ein Licht, ein Farbsleck, eine bunte Strähne mehr im lichtenden Gewirr. So sei es willkommen, und keiner rede von Fremdtum! Es geht um größere Konturen und Grenzziechmgem Wo alle Musemnslust verwehte, schwinde: auch der Ghettogeruch. Wir schrieben oben das Wort „Verteidigung Europas". Auch die ist gemeint ohne alle Feindseligkeit der Abwehr. .Nicht durch künstliche Dammaufschüttung, sondern durch Sicherung und Festigung des eigenen Wesens. Was seiner selbst so stark und geläutert inne wurde, das darf mit Nutze allen Stürmen und Fluten tzingetzalten werden, es hat aus sich heraus die Kraft, zu überdauern. Man achte daraus, wie still es geworden ist mit dein Gerede vom nahenden Untergang Europas. D i e Mode der Spenglerei ist v e r - x a ü s ch t u n d die Sie g Hastigkeit de s Le b e n s h a t einmal wieder gegen ii b er a I l e n lo desprophezei n n g e n recht behalten. Weder Amerika noch Asien wird uns verschlucken, wir werden weder Kolonie noch Anhängsel. Wir müssen uns nicht auflösen in bloßen lLporr, Zivilisationsgetriebe und chst-a^ock-ststioce-slust). Dazu fehlt uns die Kindlichkeit und Primitivität, dazu ist in uns zu viel Gehirn, zu viel Musik, zu viel Altersreife und Problemsüchtigkeit, zu viel Leben aus metaphysisch verdunkeltem -Hinter- Wegs Zur Wirklichkeit. Die Delegiertentagung des Neutralen Jrrgendverbau-es.. A« II Dresden, den 28. Mai 1928. Die 7. ordentliche Delegiertentagung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, die am 27. und 28. Mai in den schöricn — wenn auch leider akustisch höchst ungeeigneten — Raumen des Künstlerhauses in Dresden stattsand, bot das äußere Bild eines großen, strass geleiteten, in der Mitgliedschaft von seiner Idee erfüllten Verbandes. Von den rund 130 Ortsgruppen, die innerhalb von kaum drei Jahren, vor allem durch die Tatkraft des Rabbiners Tr. Klein (Düsseldorf), der bisher den Vorsitz iuuehatte, Zn neuem Leben wiedererweckt wurden, hatten über 120 Vertreter entsandt. Rund 300 Delegierte und mindestens die gleiche Anzahl Gaste stillte den Raum, als mit einem Cellovortrag und mit Rezitationen des von Herbert elsenthal gegründeten und geleiteten Sprechchores des üsseldorfer Bundes die Tagung begann. Rabbiner Dr. Wolf (Dresden) gab ihr mit Worten, die ans das eben zurückliegende Schewnaussest hinwiesen, religiöse Weihe und dein Leitinotiv „Unser Weg i st d i e W i r k l i ch h e i t" die Deutung, daß nur aus der Idee" und getragen von Idealismus wahre Wirklichkeit entspringen könne. Dann forderten Formalien in weitem Ausmaße ihr Recht: Verlesung der Begrüßungskundgebungen, u. a. des Eeutralvereins. Begrüßung der Ehrengäste, Wahl der verschiedenen Ausschüsse. Rechtsanwalt Dr. Salin ger (Dresden) hieß namens des Sächsischen Gerueindcverbandes und der Dresdener Gemeinde die Versammlung willkommen, Rabbiner Dr. Baeck sprach für die Großloge und die Zentralwohlfahrtsstelle gedantentiefe, durch ihre Klarheit auch dem VerständniZ der Jüngsten eingehende Worte von der Jugend, deren Wirklichkeit Zugleich ihre höchste Aufgabe, ihr Jungsein, vorstelle. Dr. Ludwig. T i e tz brachte die Wünsche des ReichsauHschusses der jüdischen Jugendverbände Deutschlands, dessen Vorsitzender er ist, Guttmann (Ehemnitz), der Vorsitzende des Sächsischere Landesverbandes des Neutralen Verbandes, Gruß und Wunsch des gastgebenden Verband es dar. Das Tagesprogramm gliederte das Leitmotiv nach Persönlichkeit und Aufgabe. Rabbiner Dr. Mar Wiener (Berlin) entwickelte „Die Verwirklichung der Persönlichkeit in der fachlichen Arbeit". Herbert Felsenthal entwarf ein umfassendes Programm der „Arbeit in den Bünden", Julius Herzseld (Essen) stellte für „Tie Arbeit der Jugend in der Gemeinde" eine Reihe von Forderungen, die wohl in gleichem Maße als Voraussetzung wie als Ziel der Mitar^oi-t der jüngeren Generation beobachtet werden können. Auf diese Referate soll, ebenso wie über einen sehr instruktiven Vortrag von Rabbiner Dr. H a h n (Essen) „Jüdische Jugend im Weltjngend. Lund" der die Tagung wirkungsvoll beschloß, in unserer Beilage grund. Auch Rußland-Asien hat eine andere seechch-geiftige Legierung als die unsere, wenn auch die Ausbauelementr dem Deutschen in mancher Richlrrng artverwandt sind. Tort lebt man näher am Heiligen und am Ruchlosen, dort wachst ein Menschentum phosphoreszierender und auslösender. Das gelbe Lachen der Kararuasows ist nicht das 'unsere. Ter Bück nach Asien ist für uns Blick ins Ehaos. nicht in Zukunft. Es bleibt das größte Datum unsere cheiuvoche, daß in NuPmrd ein ganzes Volk ausbrach, die Gerechngkeit zu suchest. Wir wünschen ihm Glück zu seinen: umdnnkelten Wegß wir wissen aber auch daß dieser Weg nicht der unsere ist. Wir sehen keine Zukunstsidlstw vor uns, sehr im Gegenteil. Wir sehen Auseinandersetzungen so großen Formats heraufzieneu, daß in ihrer Umklammerung der Antisemitismus stals wesenlose Nebensächlichkeit zergnencht wird. Erststirbt an seiner Uuzeitgemäßtzeit und Unerheblichkeit. Antiiernitismus ist Pausengesprach vor Beginn des großen Dramas, dessen erster Akt sich vor unsern Augen entfalten lvilt. Tie beste Methode, ihn zu'bekämpfen, ist die: dem neuen Geist zum Durchbruch zu verhelfen und das Geschehen in Fluß zu bringen. Alsdann darf er sich selbst imd der Ruhmlosigkeit seines Endes überlassen bleiben. Sind das alles nur phantastische Konstruktionen, runmüßige Hirngespinste einer stillen Schreibtischstunde? Wir glauben nicht. Neue Ideen utiD entscheidende Wandlungen werden immer zunächst nur in der Stille gesichtet, und nur ein verfeinertes Organ verspürt den veränderten Atmosphärendruck. Noch nieumls lag Zukunstswitteruug da, wo laut die Gasse lärmt, die immer nur abgespielten Themen ihre Wulstige und geräuschvolle Popularität verleiht. „Von deutsch-jüdischer Jugend", eingegangen werden, sobald sie im Truck vorliegen. Tie Generaldebatte, die den Spätnachmittag des ersten Verbandstages aussüllte. wurde am Vormittag des zweiten Verbandstages durch Satzungsänderung und Vorstandswahl unterbrochen. Bemerkenswert ist die Neufornmng des Tendenzparagraphen, der nicht inehr — entsprechend dem Wortlaut des Lo^en-statuts — von den Grundsätzen des Patriotismus spricht, sondern, in Anlehnung an die Reichsverfastung „Erziehung zu st a a t s b ü r g e r l i ch e r Gesinnung" fordert. Eine Anregung, die klar und daher begrüßenswert ist. Tie B o r st a n b s w ahI ergab die Wahl des Rabbiners Dr. Hahn (Essen) zum I. Vorsitzenden an Stelle des zurückireteudeu Tr. Klei n (Tüp.eldorf), dem Hahn unter Ovationen der Versammlung den Tank für seine Leitung anssprach. II. Vorsitzender blieb Herbert F els e n th a l (Düsseldorf). Dr. Klein gehört als Schriftleiter der Verbandszeitschrist „Ter Jugendbund" auch weiterhin der engeren Leitung an. Fritz Schwarzschild (Düsseldorf) wird zum geschäftsführenden Vorsitzenden wiedergewählt. Eine Vorfauunlung, die ans ihren Zuhorerbänten in bunter Reihenfolge Männer und Frauen aller Altersstufen'- neben Jungen und Mädels — die Jnnggruppenleute in frischer Pfadsiudertracht — auswies, von deren Rednertribüne reise Weisheitneben stürmischem Vonvärtsdräuacn unmittockvr nacheinander zu vernehmen war, kann naturgemäß keine letzten Erkeuntuisse bringen. Auch der überraschend schnelle -und große Aufschwung des Verbau,des ließ noch keine restlose Einheitlichkeit zürn Entstehen gelangen-. Segen und Gefahr liegen in diesen Tatsachen, die der Freund der Bewegung mit Besorgnis zum Ausdruck zu bringen sich verpflichtet fühlt. Tie innere Bewegtheit der jüngeren Kräfte wird immer und stets den neutralen Verband als Jugendbund wirksam werden lassen. Die Einfügung der -mitunter ftarfcn Temperamente innerhalb von der Führung gezogener Grenzer? des Verbandes ist nur Frage von Takt und Taktik, nicht des Prinzips. Prinzipiell bedeutungsvoll dagegen erscheint die Beobachtung, daß manche der Verbandsfreunde entsprechend denn alle Kresse umfassenden Ausbau des Verbandes auch alle Probleme des jüdischen Lebens in die Verbandsarbeit eiickezü-Ip-u möchten, und zrr-ar nicht nur zur neutralen Erörterung in den Bünden-, was zur geistigen und politischen ScbuAmg der Vtiiglieder gut und nötig ist. sondern auch zur praktischen. Verwirklichung in ganz bestimmter Richtlmg. Hier wird die Erfahrung der Führung eine Begriffsvenvischrrng. zwischen Neutralität des Standpunktes und Universalität der Ausgabeuvenoirklichung zu verhüten haben. Dorm es gäbt eine große Reihe von Gegen st äuden, die nicht allein dadurch, daß sie von Jugend behandelt^ werden, auch Gegenstand der Jugend werden». Und Inge n d bund zu blecken, ist die große und der jüdischen Oessentlichkeit gegenüber verantwortungsvolle Ausgabe des Neutralen Verbandes. Der Verlauf der Tagung enthält für die Entwicklung des Bundes in jeder Richtung Versprechungen. Wir hoffen, nach weiteren Zwei Jahren ihre Einlösung freudig umstellen zu können. Alle Voraussetzungen hierfür sind gegeben.