Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 22 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 309 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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VII. Jahrgang ♦ Nr. 22 Einzelnummer 10 Pfennig Von Prof. Or. Lrik Nölting (Frankfurt a.M.). Wer eine längere Zeit hindurch im Abwehrkampf gegen den Antisemitismus prattische Erfahrungen sarmuelip tonnte, wird immer mehr der Ueberzeugnug zuneigen, daß auf nur intellektuellem Wege mit den Rütteln veruunstgcinäßer Widerlegung und Logischer Entkräftung eine restlose Bereinigung niemals gelingen kann. Das bedeutet keine Absage an irgendeine Form der Anfklärungsarbeit, die immer notwendig sein wird, um Zweifelnde und unsicher Gewordene von neuem zu festigen mit» um die Verbreiterung der Infektionsherde . abzudämmen. Darüber hinaus aber sind enge Grenzen gezogen, weil Vernunft nur wenigen Lrls. oberste Richtschnur gilt und weil der Brückenschlag von Vernunstserkenntnis zu. Gesinnung und praktischer Lebensführung nur feiten vollzogen wird. Ebensowenig wie der Antisemitismus entstanden ist durch das Aufkommen bisher unbekannter gegen den Juden zeugender Argumeute, wird er durch Belegstücke und Rachweisewou umgekehrtem Vorzeichen aus der Wett zu schaffen sein. Emporgewageu von einem bestimmten universellen Lebeusgefühl. must seiner Auflösung die Liquidation dieses Lebensgefühls voraufgehen. Im Weltbild der Austlärung fehlt dem Antisemitismus der Luftraum, im Weltbild der naturalistisch und biologisch vergröberten Spätromantik ist seine Geburt fast zwangläufige Konsequenz. Wenn die Rassenschnüffelei einsetzt, wenn alle Nationalismen überspitzt, wenn die Eigenart in abgöttischer Verehrung überbetont, das Entarten durch Ueberfremdung mit ständiger Sorge empfunden wird, bleibt der Jude notwendig auf der Strecke. Wo sein Blut als minderrassig beschimpft und seine Wesensart als destruktiv geschmäht wird, müssen sich alle Pfeile auf ihn richten. Er mag sich seiner Haut wehren, mag hie und da sogar eine Freundeshand und Unterstützung finden, immer wird er in Verteidigungsstellung gezwungen bleiben. Was chm früher als Selbstverständlichkeit zufiel, ein gesichertes, unauffälliges Leben in geborgener Volksmitte, wird auch bei größtem Kräfteemsatz restlos nie 311 erreichen feilt. Wenn das Recht auf nationale Zugehörigkeit in einem ständigen Prozeßverfahren vom Juden gegen die eigenen Volksgenossen durchgesetzt werden muß, wird die letzte Erfüllung stets ausbleiben, mag man noch so oft vor dem Kadi obsiegen und vor dem Buchstaben recht behalten. Was nur in Freiwilligkeit gedeihen kann, erzwingt kein Richtspruch. Darum ist eine großstrlige und erschöpfende Bereinigung nur von einem abermaligen Umschlag des allgemeinen Lebensgefühls zu erwarten, der vielleicht nicht mehr'so fern ist, da bereits mehrere Symptome darauf hindeuten. Die naturwissenschast- Uche Fundierung unseres Weltbildes ist nicht mehr zeitgemäß. Die weltanschauliche Führung ging wieder auf die Geisteswissenschafter^ über,- weshalb sich ja auch der Antisemitismus von den Rasfeuvorstcllungcn ablösen und kulturologisch um» fcirrai mußte, wodurch immerhin ein Abblasjeu seiner grellsten Farbtöne bewirkt wurde. Mit dem natunvisseuschastlichen Lebensgenchl schwindet jener Pftauchoden. auf dem da? Unkraut des Antisemitismus in geile Wachstumsfütte schoß. Damit läuft ein anderer Umstellungsprozeß parallel. Die N a t i 0 na l id e e beginnt ihren eigenen B a unkreis offen1' i eh 11 i cfj 3 u d 11 r ch b reche n. In 'schmerzhaften Zuckungen und hart am Todesrand enckeimte ein neues E u r 0 p a b e w u ß i s e i n. dem die heute Heranwachsende Jugendgeneration, deren Jugenderlebnis nicht durch den Krieg verschüttet und verborgen wurde, eine merkbare Aufgeschlossenheit entgegenbringt. (Der lärmende Widerspruch einzelner Jugendkreise ändert nichts an der gesamten Richtungstendenz.) Nietzsche, der sich resignierend als „letzten guten Europäer" fühlte, erhält unvermittelt Zuzug und Gefolgschaft. Dieses sich uns heute erschließende europäische Gemeinschaftsbewußtsein ist deutlich unterschieden von dem slachwurzlerischen Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts. Es negiert nicht Gegensätzlichkeiten, es überwölbtsie. Es ist ebenso fremd von allem geistigen Globelrottcrtum, wie es frei ist von jenem snobistischen Kulturdünkel, dem die Verwurzelung in bestimmter Landschaft, Kulturzone und Volkskreis nur verächtliche Beengung erscheint. Es erblühte auf keiner Trrunlphstraße, es erwuchs am Rande eines Golgathaweges aus Gtaubensinbrunst und Schicksatsnot. Es trügt keinerlei aggressive Züge und hält sich fern von allem herrischen Beglückuugswahn. Es wurde nicht nur durch Technik und Wirtschaft zusammengeschmiedet, so^ starke Bewegungsanstöße auch von diesen ansgiugen. '^ein Urgrund rst ein Gefühl kultureller Grcnzbedroh-heii durch a m e r i t a tt i f ch e Z i v 1 l i s a t i 0 n s i de a le aus der einen, durch r n s s i s ch e n B 0 l s ch e w i s m u s ans der anderen Seile. Beide Strönw branden mächtig heran, und gegen ihre gewaltige Auftutuug gilt es. die spezifische Geistigkeit Europas zu t>erteidigerr. Die Stunde der Rot läßt auch hier erst die letzten Gluten laugoerhaltener Liebe Hervorbrechen, und staunend wird man der mißachte! eu und geflissentlich übersehenen Gemeinsamkeiten gewahr. Die Gestaltwerdung Europas vollzieht sich vor dem inneren Bewußtsein. Alan entdeckt sich als Ausstrahlung und Auseinanderfächerung eines Eiuheitsgeistes und fühlt, sich der fa)jettenhaften Buntheit erfreuend, die in gemeinsamen Urgrund zurückführende Verbundenheit. Hangend an Volkstum und kultureller Sonderart. verspürt man ein seltsames Schweben über allen Grenzen. Man fühlt seine instinkthaste Liebe einem kleineren, seine schicksalhafte Liebe einem größeren Kreise und Gebilde! £'Kü tzsm OUAsls: | 1 Wege zur Wirklichkeit. Die Delcgierieniagung des Neutralen l I Iugendvcrbandes. — Lucken Wolf (London): Claude Monteßore. j 1 - AäöerWe. - tlnsere Leser schreiben. - Neue Bücher