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Central-Verein-Zeitung · 1928-05-18 · 20 (18.5.1928) · p. Seite 283

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
20 (18.5.1928)
Date
1928-05-18
Page
Seite 283 (sequence 7)
Language
German
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2S3 fittuna und Kultur L-egenüber dem zweiten Gedanken zu betrackren. Stehen wir wirklich wieder au einer Zeitenwende, ist die %'it reif, um den Humanitären (Mmmcn ablösen zu lassen durch eine Lehre, die die Verschiedenheit, nicht die Gleichheit aller llNennl)en "predigt, die der einen Nasse den Vorzug gibt vor der andern, die im gleichen Staatsgefüge die Mensck>en nach ihrem Bluts- Herkommen werten will, die innenpolitisch die Entrechtung der Minderheit im Staat verlangt, die sich bald gegen die Juden, bald gegen die Katholiken, ein andermal gegen die Freimaurer, gelegentlich aeg-^n die Religionen überhaupt wendet, die mtt dein Gedanken der Errichtung der H-errschaft einer besonderen Blutsschicht im Staat den Nückiall in den Instand asiatischer Despotik vertritt? Hier kanndie Wahl nicht schwer fallen. Und wenn die Vorwürfe von dieser Seite gegen die Inden sich ganz besonders auf den Mangel an deutschen National» bewußtsein konzentrieren, so sei darauf hingewiescn, das; das deutsche Bewußtsein des großen Mittelalters unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges fast restlos untergegangen ist. Nicht in lautem patriotischen Geklingel, im Bewußtsein der Notwendigkeit des Aufbaues des dnrniederliegenden Vaterlandes müssen die deutschen Juden für alle Parteien cintreten, die die Erhaltung der Ordnung und bie Stärkung der Staatsgewalt wollen. Wir wollen eine unparteiische Richtergewalt; ' der Zugang zu allen Staatsstellen muß allen Würdigen offen 'stehen. Ausübung der gesetzgebenden Gewalten in Freiheit und Unabhängigkeit, Beseitigung von religiösen und allen andern Vorurteilen; Möglichkeit des Kennenlernens und -gesunde gesellschaftliche Beziehungen aller Schichten und Religionen untereinander. Indem es scheint, als ob wir bei diesen Forderungen eigene Interessen vertreten, nehmen wir gleichzeitig die Sache des ^Vaterlandes wahr. Auf dem Wege zu Ordnung, Aufbau und Freiheit mögen*uns die Wahlen 1928 ein erhebliches Stück lveiterbringen. Hierauf ergriffen in offiziellem Aufträge ihrer Parteien Landtagsabgeordneter Oberregiernnasrat Merten von der Deutschen demokratischen Partei, Herr Mar Wejrphal vom Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Dr. Dornte von dem Bezirksverband Groß-Berlin für die Zcntrumspartei und Reichstagsabgeordneter Reichsmlnistor a. D. Tr. v. Raumer für die Deutsche Volkspartei das Wort. Landtagsabgeordueter Oberregierungsrat Merten, der Vorsitzende der Berliner Demokratischen Partei, sprach von der tiefen Bewunderung und aufrichtigen Verehrung, die er für die hervorragende Leistung und den glänzenden Anteil der deutschen Juden an der Entwicklung der deutschen Kultur empfinde. Heber die Auswüchse des Antisemitrsmus im einzelnen verbreitete sich der Redner nicht weiter; er setzte voraus, daß sie durch die „G. V.-Zeitnng", deren Lektüre ihm immer große Belehrung bedeute, den Anwesenden bekannt seien. Die antisemitische Bewegung sei in den letzten Monaten in Berlin zweifellos wieder gewachsen. Es gilt, mit allen versapungstreuen Parteien zu kämpfen für jene freiherttiche, soziale und wahrhaft nationale Politik ans dem Boden der Republik zum Besten des großen deutschen Volkes. Mar Wcstphal, Mitglied dcs Parteivorstandes der Sozialdemokratischen Partei, erklärte ungefähr folgendes: Tie Sozialdemokratische Partei hat stets den Kampf für die völlige Gleichberechtigung aller Staatsbürger, auch der Arbeiter. geführt. Sie hat nie gefragt, ob es sich um'Inden oder Nichtjuden, sondern stets, ob es sich um arbeitende Menschen handelt und so den Beweis geliefert, daß sie sich für unbedingte Gleichberechtigung aller Staatsbürger, unabhängig von Religion und Rasse, einseßt. '„Die Sozialdemokratie hat sich in ihrem Kampfe gegen diew antisemitischen Destrebungeu niemals durch noch so bösartige Anwürfe beirren lassen." Der Redner schließt mit dem Wunsche, daß sich au dem f e st e n W a l l e s e i n e r P a r t e i auch fernerhin die Fluten des Antisemitismus brechen werden. Dr. Domke. der II. Vorsitzende der Berliner Z e n t r n in s Partei, führte ans: Das Zentrum begünstigt alle Bestrebuuaeu. di auf einen engen Zusammenschluß aller wahrhaft nationalen" Kraft mnzrelen. Gemeinsam ist uns mit den jüdischen Volksgenossen de Leidensweg, den wir auf Grund Unserer religiösen Ueberzeuanna z durchschreiten ^hatten. Und deshalb fordern wir enischiede _f . ... - -*-•*»* VWf> VUV l'liltlU l' <• iindj dein Weltkriege alle Kräfte braucht, die zu seinem Aufstieg n T.igaie Verkaufsstellen m allen grösseren Stadien Deutsthtends. Erhadlieh in allen Spezialg-esdiäften. Das Ü5W. Facliinger Yeraandstella. Berlin BW 11, Schcneberger Strafe LSi: Telefon: Lützow 8260/61 wendig sind. Daher begrüßen wir es, daß auch Sie zu uns Stellung nehmen, wie dies in erfreulicher Weise durch den Aufsatz des -Herrn Rabbiner Dr. L a e r w a l d in der „C. V. - Zeituna" zu den Vorgängen in Mexiko geschehen ist. Namens der Deutschen V v l k s P a r t e i erklärte Reichsminister a. D. v. Raumer folgendes: „Das Wesen jeder liberalen Partei ist, daß irgendein Unterschied zwischen den Staatsbürgern nicht gemacht wird/ Der Redner weist darauf hin, daß Männer ans jüdischen Kreisen hansig als hervorragende Mitarbeiter der Deutschen Bocksparrei gewirkt haben, erwähnenswert vor allem Gcheimrat Rießer, der Vizepräsident des Reichstags. Tie Deutsche Volkspartei lehnt den Antisemitismus ab. Ter 'Redner stellt dann fest, daß seinem Geiste der Gedanke des Antisemitismus völlig fremd sei. Er begreife ihn überhaupt nicht. Zn dieser Erkenntnis habe das Vertrautsein mit dem Seelenleben hervorragender Juden, wie zmn Verspiel Rathenau, beigetragen. „Wenn ich mich heute in Ihre Gedankengänge versetze, so ist die Frage, was ich denke und was heute in die Erinneruna des Menschen zurückgerufen werden muß. der Anteil des deutschen Judentums am Ausbau des Vaterlandes. Erinnern Sie sich stets mit. Genugtuung, daß einer der Ihrigen, Eduard v. S i m s o n, dem Könige Don Preußen einst im Namen des Volkes die deutsche Kaiserkrone antrug." Nach Dankesworten von Justizrat Brodniß führte der Vorsitzende des Landesverbandes Groß-Berlin des C. V., Dr. Bruno Glcrwrfcld, etwa jolgendcs aus: Wir sind im Landesverband Groß-Berlin über die Vorgänge in der Reichshauptstadt während dieses Wahlkampfes völlig unterrichtet. Tie N a t i o n a l s o z i a l i st e n treffen für die letzte Woche große Vorbereitungen. Sie wollten am Sonntag im Zirkus Busch demonstrieren, aber es scheint so. als ob der Zirkus, der durch die antisemitischen Schimpfereien des Bundes der Landwirte vor dem Kriege ein noenig in Verruf gekomnien war, sich durch Goebbels Scharen nicht völlig in Mißkredit bringen lasten will. So sieht es ans. als ob sich die Verhandlungen zerschlagen. Ich halte das für wünschenswerter, als wenn sich Kommunisten und Nationalsozialisten vor und nach dem Zirkus Busch gegenseitig die Köpfe zerschlagen. Besonders die Jugend ist als Sturmabteilung (S.-Ä.) der Nationalsozialisten für den Endkampf gut dressiert worden. Mir wurde einwandfrei berichtet, daß beispielsweise bei einem Marsch auf Potsdam am letzten Sonnabend Abend 79 Prozent aller uationalsozialini'chen Volksbeglücker noch nicht wahlberechtigt waren. Hierin liegt eine Hoffnung für die Wahlurne, aber eine Gefahr für die Straße. I ch bitte meine G r o ß - B e r l i u e r Freu n d e, sich nicht provozieren zu lassen und ruhig ihres Weges zu gehe n. Tie D e n t sch n a t i o n a Ie n gebrauchen den Antisemitismus in Berlin zunächst in homöopathischen Dosen, wahrend sie inr Lande draußen sich oft antisemitischer gebärden als die Völkischen selbst. Wir in Groß-Berlin wisten. daß wir in der Reichshauptstadt, in der der Wahlkampf sich in größtem Ausmaße auswirkt, doppelt auf dem Posten sein münen. Ich will nicht so unklug sein, unseren Feinden hier an dieser Stelle zu sagen, wie w i r den Endkampf führen werden. Die finanzielle Hilfe unserer Freunde werden wir gerade in den letzten acht Tagen sehr gebrauchen. Wir werden Kopf und Herz bis znm Wahltag und nachher in den Dienst dcs Berliner Judentums stellen. Die Reichshanptstadt der deutschen Republik muß mußergültige Arlxsit leisten, die Kulturschwach des Antisemitismus aus unserem deutschen Vaterlande für immer zu beseitigen. Frau Margarete Fried, die Vorsitzende der Berliner Frauengruppen des E. V.. äußerte sich folgendermaßen: Die politische Leistung der Frau wird nur dann eine Bewertung finden, wenn die Frau elivas leistet, was außerhalb des Arbeitsgebietes des Mannes liegt. Das ist der Kern der gestunken politischen Frauenarbeit. In den Lücken, die männliche 'Leistung läßt, muß Frauenarbeit ansetzen, um von hier aus füllend und ergänzend Einfluß zu gewinnen. Ans dieser Erkenntnis heraus ruht zunächst die politische Leistung dar Frau im Hanse, von hier ans nimmt sie ihren Weg in die Öesscutlichkeit. Der Ruf nach Gerechtigkeit, nach Freiheit und Gleichheit, er hat von jeher das Fundament unserer jüdischen Häuser erschüttert, er hat die jüdische Frau reif gemacht für ihre Knlturansgabe. Wir fühlen deshalb im E e u t r a lverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die Pflicht, in dieser Stunde auch die j ü d i s ch cn F r a u c n auf =■ Zurufen, rtm ihnen ans -Herz zu legen: Gebt eure Stimme am 29. M a i dem neuen Staate, der ja euch e r st die Stimme g e g e b e n h a t.

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