Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 19 (11.5.1928)
- Date
- 1928-05-11
- Page
- Seite 266 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Menschheit. Am 4. April iüforte ndi -,i:m zcbntcn i^alc dcr Todestag des großen jüdischen VllÜowrhcn Hermann (5 v ß e n. rer Lcrein zur Gründung und Crlulloung einer Akademie Tür d:e Wissenschaft des Judentums, Cohurs Gründung. reranstaltei am Sonntag. 13. Mai. n:n 11 Uhr vorrmnaes. im x.-racnhau?, Berlin, flkififnasc 10, Carcknmal, eine tyat^Lir^orl^:Gammlung, an bi: fid) um 1 '2 11 b r i:u Großen 3 aal eine (3 e d c nt? e i e t für Hermann Gehe n erM lief:! Wir verVAnUicbeu nachstehend zu diesem Tage eine Würdigung der geistigen Persönlichkeit Hermann (5o!icns, des Freumdes und Förderers des Centralvoreins, ri:~ der Feder von Rabbiner Tr. Löwcnstamm (Svandaw. Die S ch r i f i 1 e i t u n ß. Jede große Persönlichkeit prägt in ihrem Sein und Denken eine einzige Idee in allen ihren Ausstrahlungen aus. An ihr ist sie orientiert, sie ist ihr Blickpunkt und Richtungsweiser. Hermann Cohens leitender Gedanke ist die Menschheit. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als den ethischen Universalismus. Wahre Sittlichkeit ist nur in der Gemeinschaft, ja allein in der.letzten und uunanend'sten Allheit, in der Menschheit, zu verwirklichen. Der einzelne bat seinen Wert und seine Würde nur durch die Menschheit. Das Individuum empfängt seine Bedeutung nur in der Art und in dem Maße, wie es die Menschheit in sich repräsentiert und darstellt. Es ist ihr Symbol und ihr Träger. Mit dieser höchsten Idee, die identisch ist mit der 3ittlichkeit überhaupt, sind wir aus die Zukunft verwiesen. Niemals war die Vollendung des ethischen Gedankens in der Vergangenheit je erreicht. Die Religionen der Antike träumten vom goldenen Zeitalter, in dem die sittliche Harmonie unter den Menschen gewonnen war. Hier bedeutete die Geschichte ein Abgleiten von der Höhe, weil das Ideal bereits hinter den Menschen lag. Auf diesem Beden tonnte die Meusthhcitsidee nicht reifen. Sittlichkeit darf nicht in der Vergangenheit liegen, sondern ihr Wesen ist mit der Zutuntt verknüpft. So ist sic erst im Bereiche der Lebensansimt zum Durchbruch gekommen, die aus dem Gedanken vom einzigen Gott gegründet ist. Tie Propheten Israels sind ihre Schöpttr. Gott verkünde! nicht, was er selbst ist, sondern was der Mensch ist: er verkündet, was gut ist: Recht und Gerechtigkeit zu üben. Damit ist die Sittlichkeit zur Ausgabe hingestellt für die ganze Zukunft des Menschengeschlechts. Hier ist der Gedanke der Ewigkeit mit eingeschlossen. Tie Menschheit ist unvergänglich, weil ihr Wcg und ihr Ziel ewig ist. Sie darf nie zu Ende kommen mit ihrer sittlichen Arbeit, mit ihrer Arbeit an der Sittlichkeit. Ewigkeit ist dann kein Begriff des Mythos, sondern ununterbrochener, unendlicher Fortgang im schaffen des Guten. Dieses Fortschreiten ruht in der Hoffnung, daß die Ausgabe der Menschheit nch in immer stärkerer Schönheit entfalte, und in dem zuversichtlichen Glauben, daß die sittliche Weltordnung ans Erden zur Ausreisung kommen werde. Kein Weltgericht jenseits des irdischen Lebens hat das Menschengeschlecht zu erwarten, sondern die Weltgeschichte ist dieses Weltgericht, das die Menschheit sich selbst hier bereitet durch die Entwicklung zur ethischen Höhe oder durch das Hinabgleiten zu den Niederungen des rein Biologisch- Menschlichen.^ Dieser Weg zum Abgrund geht durch die Änsfassuug. daß die iKai’c das allein Wert- und -Richtunggebende ist, daß der Kampf ums Dasein auch die Geschichte der Menschheit erfüllt, daß die materialistische Lebens- und Geschichtsauffassung die einzige und ganze "Wahrheit ist. Wohl ist der Staat das mtturnonvendige und sittliche liebergaugsglied vom Menschen zur Menschheit. In ihm realisiert sich die ethische Idee durch das Rocht, das gleichsam die Mathematik der Ethik ist. Wohl ist er selbständig und sich selbst beherrschend, d. h. souverän. Aber es gibt auch ein Völkerrecht, das dem Staat die Menschheit als seine eigene moralische Verwirklichung Vorhalt. Er muß sich ausweiten zum Staaten- und Völkerbund, so wahr als der Mensch des Staates nicht der nur nationale, sondern der Mensch der Menschheit ist. Dieser ethische Internationalismus führt zum Weltfrieden, der das höchste Ziel aller We'ipolitik sein muß, weil die Sittlichkeit der Friede ist. Tie Harmonie im Staatsleben und im Loben der Nationen kann nur aus der Grundlage der sozialen Gerechtigkeit hergestellt werden, die in jedem Menschen die Menschheit sieht, ün Fremdling den Vertreter des Menschentums unter den Völkern achtet und der Raste das Urteil über den Vollwert des einzelnen verwehrt. Es gibt nur eine Sittlichkeit, darum nur eine Menschheit, deren Erlösung die Ausgabe des heiligen, einzigen Gottes ist. Sv ist die Idee der Menschlichkeit im tiefsten Grunde eine religiöse Idee, orientiert' an der Geschichte, losgelöst von der reinen Naturhastigkeit._ In diesem erhabenen Gedanken liegt die Einheit des Menschengeschlechts, der unendckche Entwicklungsgang zum Ideal des Guten, die^ Froheit sittlichen Schaffens, die ethische Zukunstshofsuuug, die Solidarität alles Menschentums, sich ausnsirkeud im Weltfrieden und Völkerbund. Prophetische Ideen sind es, die Hermann Cohen an die sein zentralen Punkt seiner Weltansich! d-arbietet. Gedanken eines Propheten, der Ewigkeitswerte neu begründet und Zutuns! kündet. Er hat den Begriss der Menschheit wieder in seine rechtmäßige Stelle für die Kultur des Individuums und der Völker einaestüt, nidem cr die Grundstimnumg der deutschen Klassik mit dem prophetischen Mcssia- Nlsmus des Judentums verband und zur Einheit brachte. Er kmrpjte an die hehrsten Traditionen de> deutschen Geistes an: an Leising, der die „Erziehung des MenscheniwschlechtM schrieb.. an Herder, dessen reifstes Werk die „Ideen zur Philosophie ^er ^Geschichte der Menschheit" sind, an Kant, dessen Begründung der Sittlichkeit vom Menschheitsgcdanlen genährt ist und dessen kategorischer Imperativ fordert: „Achte die Menschheit in deiner Person, wie in der Person eines jeden andern." Und Cohen ging aus die Gntdeamng der Meusthheitsidee durch die Propheten Israels zurück unb wies mit allem Nachdruck auf den Urgedanken dos ethischen Monotheismus hin, aus dein die wahre Humanität folgt. So erscheint er auch ru Mr Wurzel und im Ziel seines Denkens als der deutsche Jude, als der Irene Diener am Geiste des Deutschtums und Judentums. lener beiden Kutturmächte, denen er sein Philosopheukebeu geweiht Hab Cohen hat in klarer Erkenntnis um Ewiges gerungen. Darum muß ihn die Zukunft gehören. f Rabbiner Dr. Braunschweiger Rabbiner Dr. David Sraunschweiger zum Gedächtnis! Schmerzerntttt und tiesbewegt trauert der Landesverband Oberschlesien des E e n t r a l v e r e i n s um seinen langjährigen Vorsitzenden, Rabbiner Dr. B ra u n s ch w e i g e r. Sein allzusrühes Hinscheiden bedeutet für uns einen unersetzlichen Verlust. Er war uns ein unvergleichlicher Führer. Dr. B r a u n sch w e i g e r besaß außer tiefer Kenntnis der jüdischen Lehre und der Geschichte des Judentums eine gründliche allgemeine Bildung. Kein Gebiet der Geisttmoissenschasten war ihm fremd. Sein scharfer Verstand erfaßte die Probleme, durchdachte sie und nahm zu ihnen klar und bestimmt Stellung. Dazu kam seine besondere Gabe, seinen Gedanken in formvollendeter Weise Ausdruck zu geben, durch die Genmlt seiner Rede andere zu überzeugen und hinzu reißen, seine Energie, mit der er den einmal für richtig erkannten Weg ohne Rücksicht auf Hindernisse bis zum Ende ging — und alles dies wurde erfüllt von ehrlicher Begeisterung und einem warmen Herzen. Was Wunder, daß seine in sich geschlossene charaktervolle Persönlichkeit, die den C. V. - Gedanken als richtig erkannt hatte, fast mit Naturnotwendigkeit zum Führer unserer Bewegung in Qbersch'esien wurde. Denn unser Dr. Brauns ch w e i g e r begnügte sich nicht rnit der richtigen Erkenntnis der Dinge. Heilige Pfttcht seinen Glanbensbrüdern und seinem Judentum gegenüber war es ihm, für seine Ansichten allenthalben unerschrocken, selbstlos und mit Ueberzeugungstreue einzu treten. Tenn obgleich oder, vielleicht besser, weil er ein Verkünder des Gotteswortes war, stand er mit beiden Füßen ans dem Boden der Wirklichkeit, war cr ein Mann der praktischen Arbeit, scheute er nicht den Kampf, auch nicht den politischen, wenn er zur Ehre des I u d e n t u m s und z u r Wahrung unserer Rechte erforderlich war. Wer wie ich das Glück hatte, viele Jahre hindurch in engster Fühlung mit dem teuren Entschlafenen zu arbeiten, der bewunderte stets von neuem, welch schneidige Klinge cr in diesen! Kamps schlagen konnte und mit welch unnachahmlichem Geschick er sein Ziel so. wie er sich's vorgeuvmmcn hatte, zu erreichen wußte. Dabei half ihm die uh* ein,'eichrankte Hochachtung, die er bei Behörden, bei seinen jüdischen Mitbürgern. ja auch bei seinen Gegnern genoß. Tr. B ra u n sch w e i g er war kein geborener Oberschlcsier. Aus seiner schönen fränkischen Heimat war er zu uns gekommen. In drei Gemeinden, von denen ztvei im jetzt an Polen abgetretenen Gebiet liegen, hat er als Rabbiner viele Jahre segensreich gewirkt. Fragt seine früheren Schüler und Schülerinnen, von denen die älteren schon in gereiftem Alter stehen — seine Relimvnsstnnden waren ihnen die schönsten der Schule, sein Gottesdienst war ihnen Erlebnis. Mit derselben Liebe und Verehrung wie damals, als sie zu seinen Füßen saßen und cr ihr Kuidergernüt so gut verstand, hingen sie weiter an ihm, haben sie'tränenden Auges vor wenigen Tagen an dem offenen Grabe ihres unvergeßlichen Lehrers gestanden. Mit stolzer Freude dürfen wir geborene Oberschlcsier sagen, daß Dr. Braun schwel Her bei uns heimisch geworden ist. Nicht