Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 18 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- Seite 241 (sequence 1)
- Language
- German
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£crtin, 4. Mai 192$ VII. Jahrgang ♦ Nr. IS <inzelnummrr 10 pfc^rnig MAKT. WNKMÄSMWM. Bierteliahrsabonneurent 1,20 NM. (zuzilgl. BeUellgcld). Verlag MA2MWW j&mm ürs EÄMMssM» LmALZr-/ Allgemeine Zeitung des Judentums Alleinige ftornta ' ) <w WNßZKW Ueberblickcu wir bisher den Ablauf des Wahlkampfes, so füllt Zuerst auf, daß der Antisemitismus der Straße und der Nadau- Versammlungen sich ausfällig zurückhült. Ter Kampf gegen das Judentum ist — bis jetzt wenigstens — sozusagen Positiver geworden. Statt antijüdischer Sckftagwörter werden von den üblichen Trägern des Antisemitismus Begriffe wie „national", „vaterländisch", „deutsch" verwendet, deren Inhalt, wie „sie ihn verstehen", einen starken Teil Iudenfeindschast enthält. Wir begrüßen es in diesem Zusammenhänge als bedeutungsvoll jür diesen Wahlkampf, daß von kundiger Seite hier einer solcher unklaren Begriffe in seiner Unhaltbarkeit scharf beleuchtet wird. Die Schristleitung. 1. Das Wörterbuch der Politischen Irrungen und Wirrungen in Deutschland ist. um einen neuen Begriff bereichert worden; er heißt: „F r o n t g e ift" und witb vom Stahlhelm in Umlauf gesetzt. Bekanntlich hat der Stahlhelm es abgelehnt, sich geschlossen für den völkisch - nationalen Block ernzusetzen oder als neue Partei aufzutreten, und die Enttäuschung des völkisch-nationalen Blockes drückte sich alsbald in heftigen Vorwürfen, Verdächtigungen und Schmähungen aus. N)nen begegnet der Stahlhelm mit der Erklärung, er sei eben nicht auf dem Parteigeist, sondern auf dem Fron Lg eist aufgebaut, ihn als Partei zu formieren, wäre ein Erperiment des Wahnsinns, das einem Hinopfern gleichkäme: der Frontgeist gebietet, „den Stahlhelm als eine geschlosien schlagkräftige Organisation für wichtigere Ausgaben bereüzuhalten". Solckje Erklärungen der Abwehr und der Propaganda find Ausdrücke eines treffsicheren Blickes für die Erfordernisse einer psychologischen Taktik. Denn indem man den „Froutgeist" dem Parteigeist entgegenstellt, hebt man alle diejenigen, die dem vorn Frontgeist beseelten Bunde angehoren, über alle anderen Gruppen hinaus in eine imaginäre, aber darum um so mehr das Phantasieleben nährende und beglückende Ideal- und Kampfschicht, in der jeder Zugehörende sich als Hüter und Befreier fühlen darf, der sozusagen stets alarmbereit ist, um das „Deutsche" von allem „Ündeutschen" „schlagkräftig" zu erlösen. ' 6s ist kein Zweifel, daß diese, den Geltungstrieb aufs höchste anreizende Kampfstimmung insbesondere den jungen Menschen dem F r o n t g e i st viel geneigter macht als irgendeinem Par teiprograunn, und dies Rmgen um die Jugend, die in den letzten vier Jahren wahlberechtigt ward, plant die nationalistische Bewegung jeder Tönung auf das eindringlichste aufzunehmen. Jugend will Heldentum, will nicht Programm, sondern Entscheidung kurzerhand. Jugend ist Alarmzeit des Lebens, und darum ist es ihr liel>stes Bild, wenn der Trompeter im Morgengrauen zum Sammeln bläst und aus der Enge vor: Haus und Stall af(e, alle herzueileu zu Pferd und Fahne. So 'will man auch Politik sehen. So ist sie ein frischer, fester Spaß, und zu dem frischen, festen Spaß muß man den Wackeren die Gegner liefern, möglichst Erbfeinde, und die einfachste Methooe, schnell fertige Erbfeinde Zur Stelle Zu schaffen, ist von jeher der Antisemitismus gewesen, der solange den Juden zum SchuldLräger umwertet, bis er das einheitlichste, gehaßteste, unheimlichste Kampfziel des „Frontgeistes" ist. Der jüdische Deutsche ist schuld daran, daß es Sozialdemokraten und Kommunisten gibt, er ist schuld am Kwieg und schuld am Frieden, er hat die Arbeitslosen, die Banken, die Reichen und die Armen erfunden, er saugt mit seinen Hilfstruppen, den dunklen, überstaatlichen Mächten, das deustche Volk eigensüchtig aus und will, wie der Generalmajor von der Goltz kürzlich herausfand, trotzdem und höchst widerspruchsvollerweife eben dieses ihn nährende Volkstum zertrümmern — es ist also ersichtlich: deutsch sein heißt in Front stehen gegen d e n I u d e n. Er ist der Feindb Wenn er und seine Reserven geschlagen sind, wächst aus dem großen, deutschen Geiste frei und naturhast ein großes Deutschland. . Es nmß immer wieder betont werden: der Antisemitismus ist in seiner Wurzel viel weniger eine Gegebenheit des deutschen Geistes als vielmehr eine Bedarfs frage der politischen Propaganda, der er das Symbol des Erbfeindes liefert, mit desien Hilfe breite Masten, namentlich der jungen Generation, zu politischen Kcrmpfscharen unter dem Deckwort des überparteilichen, nur dem Deutschiein hingegebenen Frontgeistes geworben werden. Vom Standpunkt der politischen Psychologie aus wird die Wirkungskraft dieser antisemitischen Frsntgeistpolitik im Wahlkampf sehr genau zu beobachten sein: denn sie ist symptomatisch dafür, ob der deutsche Mensch innerhalb der letzten vier Jahre realpolitisch mündiger geworden ist oder nicht. Realpolitischer Wille stößt das Gewebe der antisenrtischen SymbolpoliLik zurück und wagt sich an die nüchterne Problematik der Weltpolitik, der Wirtschaft, der Kulturpolitik selbst heran. Aus dem Kampfwillen wird politischer Wille, d. h. aber: Arbeitswille. Aus dem „politischen Frontgeist" — der ein Widerspruch in sich ist — wird politischer AusoaugeisL, der nicht fragt, rvas der andere ist, i k r i j Spenden zum Wahlfonds bitten wir dem zuständigen l | Landesverband der Ortsgruppe oder der Centrale direkt j j zu überweisen. BeiZahlung nach Berlin bitten wir, sich J | folgender Konten zu bedienen: Dresdner Bank, Deposil | tenkasse G,Sonderkonto C.V., Berlin SW68, Lindenstr.7, L, . j oder Postscheckkonto Berlin 115 501, Sonderkonto,