Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Wahlkampf! Bayern. In 2?<2t)criT haben b:e Nationalsozialisten den Wahlkampf in großem Umsange ausgenommen. Nicht nur finden wöchentlich niehrmals in mehreren Städten Versammlungen mit der in Bayern allerorrs bekannten Rednergarnitur der Nationalsozialisten statt, sondern es wird eine intensive Wahlpropaganda, besonders aus dem platten Lande, durchgefüdrt. In kleinbäuerlichen Gegenden, besonders in Ghicrngau, wird von nationalsozialistischer Seite Planmäßig die Mis;- stinrmung unter den Bauern geschürt, und es braucht nicht hinzugefügt rverdeu, nach welcher Nichtung die Hetze besonders geht. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die nationalfozialisrische Agitation an Intensität und Eifer diejenige aller anderen Parteien Übertritt. In letzter Zeit hab-en eindeutige Berichte, dio wir erhalten haben, kcstlttig:. daß Hitler und seinem Kreis tatsächlich Gelder aus den Kreisen der r h e i n i s ch - w e st - f ü l i s ch e n I n d n st r i c. aber auch aus anderen Gegenden des Reichs zusließen. Mau soll also nicht meinen, daß dieser Partei die Mittel zur Forrsührung einer wirksamen Wahlkampagne ausgehen werden. Don seiten der anderen Parteien wird in bezug auf die Judenfrage ziemlich Reserve geübt. Auch die D e u t s ch n a t i o n a l e Bolkspartei hat sich bisher in dieser Richtung loyal verhalten. In der führenden Presse der Bayerischen Volksparier, inr „Bayerischen K u r i e r" und im „Regensburger Anzeiger" haben allerdings in letzter Zeit verschiedentlich in Berichten und kritischen Bemerkungen unfreundliche Andeutungen, die man als antisemitisch bezeichnen muß, Platz gesunden. Wir honen zuversichtlich, daß die leitenden Köpfe der Partei rechtzeitig solchen Entgleisungen abhelsen werden. Als Zugkandidatensind an erster Stelle im Wahlkreise Oberbayern-Schwaben von der Deutschen Dolkspartei S t r e s c m a n n, von der Teutschnationalen Dolkspartei Lettow-Borbcck ausgestellt worden. Tie Nationalsozialisten haben den Kampf gegen die Strestmann-Kandidatur bereits in Versammlungen und Prcne ausgenommen. So hat Hitler z. B. in München bereits anr 17. April einen Vortrag gehalten mit dem Thema „Strcscvranrr, der Kandidat von Frankreichs Gnaden". Ter Kamp? gegen den Spitzenkandidaten der Deutschnationalcrr Volks- Partei, Lcttow-Dorbcck, ist für die Nationalsozialisten sehr schwierig, weil sie aus taktischen Gründen den Kandidaten persönlich nicht bekämpfen lönncn. Man hört aber aus Einschaltungen und Nebenbcnrerlungen in ihrer Presse und in ihren Versammlungen deutlich die gegnerische Einstellung auch gegenüber der Teutschnaticnalen Dolkspartei heraus« Tie beiden völkischen Größen Hitler und Ludendorfs behandeln sich, seit Hitler nach seiner Entlassung aus der Festungshaft demonstrativ seinen ersten Besuch nicht aus der Ludwigshöhe bei Ludcndorfs machte, gegenseitig mit achtungsvoller Kühle. Auch seit der Kamps um die Reichstagsmandate begonnen hat, haben sich die Beziehungen^zwischen den beiden völkischen Bruderparteien nicht gerade verbessert. Ludcudorsss Organ, der „Völkische Herold", greift unter der höhnischen Ucberschrift „Die Retter Deutschlands" den nationalsozialistischen Spitzenkandidaten S br a s ser au. weil er sich für das durch und durch jüdische Aktiemvcsen und gar sür die verewigten Staaten von Europa ausgesprochen habe und wagt sich auch an Hitler selber heran, weil er mit Mussolini in Gedankenaustausch über eine Juteruabionale des Faschismus getreten sei. Ter Artikel schließt mit folgenden Sätzen, die fast ebenso geistvoll sind wie das sonst an solcher Stelle stehende Geschrei über jüdische Wcltmachtplüne: „Sill)er ist das eine: Hat Mussolini den Hitler am Halfter, dann hat ihn euch der Papst am Halfter, dann hat ihn auch der Jesuit am Holster, dann hat ihn auch das deutsche Zentrum, und die Bayerische Vvlksvartci am Halfter, dann hat ihn auch die bäuerische Negierung am Holster. Hitler kann so viel er will gegen die römische Psassenpolitik Wettern: Ter Theaterdonner ist nicht echt; wir glauben ihm nicht." Und das. nachdem Hitler in München erst mehrere große Versammlungen eigens gegen den „Bayerischen Kurier" und die Bayerische Dolkspartei abgeyalten hat! In der gleichen Nummer erklärt das Blatt auch, „worum man Le ttvw-V orbeck 1:123: wählen kann_", den, wie schon erwähnt, die Teutschnatwnalen als Spitzenkandidaten sür Oberbayern— Schwaben ausgestellt haben. Tie Antwort lautet, weil er (ebenso wie der vor vier Jahren in München gewählte Tirpitz) dem charalicrlosen Treiben der Parteibonzen nicht gewachsen wäre. denn, so fährt der Artikel wörtlich fort: „Um mit den berufsmäßigen Kuhhäudlcrn und ProZrammverleugnern in der Berliner Schwatzbude fertig zu norden, braucht man andere Eigenschaften als aus dem Schlachtfcldo. Je besser der Soldat, um so schlechter der Parlamentarier." Lu dendorfj galt immer sür einen guten Soldaten; sein eigenes Blatt stempelt ihn damit zum schlechten Parlamentarier; er hat aber doch vier Jahre lang die völkischen Belange als Reichstagsabgeordnerer gewahrt! Im großen und ganzen befinden sich die ganzen Wahlvorbereitungen noch im Stadium des Auftaktes. Tie großen Akkorde werden erst in den kommenden Wochen angeschlagen. Und in sie werden wohl auch, gerade in Bayern, sich genug Klange der Judenhctze mischen. T-'r C e n t r a l v e r e t n : 11 Bayern steht dem gegenüber aus der Wacht, und er kann wohl behaupten, daß er entscheidende Sicherungs- Maßnahmen getroffen und eine Unmenge Aufklärungsmaterial an wichtige Persönlichkeiten und Stellen versandt hat. Tie;e Maßnahmen aber könnten viel wirksamer gestaltet werden, wenn die Mitglieder in Würdigung der entscheidenden Arbeit des E. B. in starkem Maße Mittel für den WaYlfonds des Landesverbandes zur Verfügung stellen würden. Ostpreußen. Ueber die Verhältnisse in Ostpreußen und besonders über die entfachte Boykottpropaganda im südlichen Teil der Provinz haben wir bereits in Nr. 14 der „E. V.-Zcitung" eingehend berichtet. Inzwischen hat sich in Ostpreußen eine neue völkische Organisation ausgetan, die sich T e n t s ch e N o t w e h r nennt, und die besonders unter dem gewerblichen Mittelstand Anhänger wirbt. Vorsitzender dieser neuen völkischen Partei ist Rittergutsbesitzer Tr. K a r p 0 aus Dulack. Kreis F i s ch h a 11 f c 11. Teu Grüuduugsaufruf haben Kausleute, Landwirte. Handwerker und Angehörige der freien akademischen Berufe sowie Beamte aus der ganzen Provinz Ostpreußen unterzeichnet. Tie Vereinigung führt den Kampf gegen die Warenhäuser, Riescnfabriken, Konzerne, Trusts sowie gegen die Börse unb das Filialweseu. Sie fordert, daß die Presse nur im Besitz von Deutschen sein und nur von deutschblütigen Redakteuren geleitet werden dürfe. Weiterhin schreit die Deutsche Notwehr nach Bekämpfung der „sremdsräuunigen Rechtsverdreher" und ruft nach der Schaffung einer neuen a l l g e m e i n cn heiligen christlichen K irche des dritten Glaubensartikels. Als Kuriosum ist zu bemerken, daß sich unter den Unterzeichnern des Ausrufes auch ein Manu befindet, der den streng ..deutschstämmigen" Namen Markus führt. Auch der völkisch-nationale Block hat in den letzten Wochen recht erhebliche Anstrengungen gemacht, um am 20. Mai recht gut abz'.nchneiden. In einer großen Reihe von Orten wurde ferner ein Flugblatt der Deutschen E r n e u e r u n g s g e m e i n d e verteilt, in dem in widerlichster Weise die Inden als Ausbeuter des Volkes und als Teufel hingestellt werden. Das Flugblatt trägt die Ueberschrist „K 0 m m t c i n neuer Bauernkrieg?" und zeigt im Fettdruck die Bemerkung: „Bist du ein Bauernfreund oder ein Judcnfreund? Beides zugleich kannst du nicht sein." Sümmzwang durch Hopkott. „Vornehme" Wahlmethoden. Tie Tcutschnationale Volkspartei, Kreisverein Münsterbcrg, hat ein Flugblatt an die Parteimitglieder herausgegeben, in dem neben der Aussorderung zur Zahlung der Bcreinsbeiträge auch folgende Sätze stehen: „Wir aber, die wir in schwerster Stunde, gleich den Soldaten an der Front, unser Vaterland bis zum letzten verteidigen, werden den Lauen und Gleichgültigen durch wirtschaftlichen und gesellschaftliche u Boykott zeigen, das; uns nichts mit ihnen verbindet." Tie „Kölnische B 0 l k s z e i t n n g" vom 22. April 1929, die dieses Flugblatt verdientermaßen — nicht um seines Wertes, sondern seines Unwertes willen — veröffentlicht, knüpft hieran folgenden Komentar: „Wir sind vielleicht doch schon tiefer im Wahlkampf als wir geglaubt haben. Tenn aus dem Morast steigen schon etliche Sumpfblasen auf. W c n n d a s s o w c i t e r g c h t . . Wozu von unserer Seite zu bemerken ist, daßessoweiterg e h t u n b i 11 n 0 ch schlimmerer F 0 rm gerade gegen uns deutsche Juden w c i t e r g e h t. Gegen eine solche politische Gesinnung und ihre praktische Betätigung kann die Anstrengung aller für politische Sauberkeit Besorgten gar nicht groß genug sein. Und der il nter st ü tz u n g u ns eres Ccntral-Vereins gerade aus diesem Gebiete sind wir bei allen unseren Freunden gewiß.