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Central-Verein-Zeitung · 1928-04-04 · 14 (4.4.1928) · p. Seite 192

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
14 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
Seite 192 (sequence 8)
Language
German
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selbo Erwägung, die uns als Christen Geborene von allem zurückhält, was „freie Gemeinde" und so weiter heißt. Das begreifen Sie und ich und sonst noch manche, aber nicht viele; eine ins Allgemeine wirkende Propaganda kann darauf nicht gegründet werden, und das Publikum im ganzen, das doch bei solcher Agitation allein in Betracht kommt, wird immer in der dummen Verwunderung stecken bleiben, wie Sie und ich dazu kommen, Stöckers Geschäfte zu besorgen. Daß der stille Fortschritt in diesem Sinn, der bisher schon in den Edelsten der Juden sich vollzog, durch den wüsten Antisemitismus schwer geschädigt ist, ist eine seiner leidigsten und seiner unbestreitbarsten Konsequenzen. Sie haben gut sagen, daß es Feigheit sei, wenn der Jude, der sonst übergetreten wäre, es dieser Schandwirtschaft gegenüber Zu tun sich weigert. Man kann das einräumen; aber von dieser Feigheit sind auch die Tüchtigsten nur ausnahmsweise frei, und wir müssen nicht mit abstrakten ^griffen, sondern mit den Realitäten rechnen. Als ich meine paar Worte in dieser traurigen '^ache schrieb, sah ich das alles wohl ein; ich hätte über diesen Punkt am . liebsten geschwiegen, denn nützen konnte das Reden davon nicht, wohl aber schaden. Allein nach meinem Aussatz liegt allerdings die'auf den Juden lastende Verschuldung in letzter und höchster Instanz eben darin, daß sie sich gegen das in der Anerkennung des Christentums sich ausdrückende Bekenntnis der vollen Nationalität bornieren, und ich wollte mich nicht derjenigen Unwahrheit schuldig machen, die man durch Verschweigen begeht. Deshalb deutete ich meine innerste Ueberzeugung so leise und kurz Wie nwglich, aber doch an. Ich habe es vorausgewußt und später bestätigt gesunden, daß dies durchgängig mißverstanden worden ist, und ich fürchte. Sie werden dieselbe Erfahrung machen. Ich meine nicht Angriffe und Vorwürse; nach diesen frage ich nicht. Aber auch die im ganzen und großen mit uns gleich Lenkenden verstehen dies meistens nicht, und das ist schädlich. Können Sie irr der Tat, Sie, der Sie doch jüdische Kreise kennen müssen, erwarten, daß Ihr Aufruf praktischen Erfolg hat? And wenn nicht, ist dann nicht jeder solcher Appell, der von der Pfanne blitzt, ein Schaden für die Sache? Ich lasse dabei die Form Ihrer Schrift ganz beiseite, obwohl ich nicht verbergen will, daß ich auch dagegen große Bedenken habe. Sie ist nicht bloß doktrinär und im größeren Publikum unverständlich, sondern sie räumt auch in betreff der Juden mehr Beschuldigungen ein, als ich für begründet halte, und wie sehr gerade Sie damit der Sache'schaden würden, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Das Bestreben, dem Antisemitismus gegenüber möglichst gerecht zu verfahren, die Momente, die als mildernde Umstande für ihn geltend gemacht werden können, möglichst anzuertennen, hat Sie oft zu Behauptungen geführt, die Sie in den Schriften der Gegner als Konzcsiionen wiedersinden und bedauern würden! Kann ein Appell dieser Art überhaupt Erfolg haben, so darf er nicht von einem einzelnen ausgehen. Wäre es denkbar, daß eine Anzahl namhafter und geachteter Juden in diesem Sinne sich erklärten — einerlei, ob sie selbst übertreten oder nur ihre Kinder dem Christentum zusühren —, so könnte das wohl Gewicht haben. Warum gehen Sie nicht zunächst, wie jeder Propagzndamacher, an Ihren eigenen Kreis, bevor Sie Ihre Kuchen ins Wasier werfen? Ich lebe der Hoffnung, daß in Deutschland wenigstens die schlimmste Gefahr vorüber ist, vor allen Dingen, weil die unverschämte Barbarei in Rußland es jedem gezeigt hat, wohin unsere (relativ wenigstens) verschämte steuert. Ter Antisemitismus ist ja damit nicht tot; aber wir wissen auch alle, daß er das vor seinem - akuten Ausbruch ebenfalls nicht war. Wahrscheinlich werden wir, wenigstens wenn die liberale Opposition nicht gänzlich überwunden wird, wieder zu dem statu3 guo ante gelangen, der nicht gut und nicht gefahrlos, aber doch erträglich und nicht hoffnungslos war. Eine wirkliche Besserung freilich kann erst eintreten, wenn einerseits die bürgerliche Gleichberechtigung nach allen Seiten hin, insbesondere auch in der'Armee, eine Wahrheit wird, anderseits die Juden mehr und mehr ihre innerliche Opposition gegen unsere Nationalität aufgeben. Ich werde von beiden: nichts sehen; Sie sind ein junger Mann und können vielleicht die Anfänge besserer Zeiten erleben. Ganz der Ihrige M o m m f c n. Charlottenburg. 13. August 1882. . Mommsen vertrat zeitlebens den Standpunkt, daß so ivemg, wie die Nachkommen der französischen Hugenotten in Berlin in Deutschland geborene Franzosen sind, „elumsowenig sind .ihre jüdischen Mitbürger e t w a B ander e^s alsDeuts ch cck. „Wie sie (die Schwiftstcllcr jüdischen Glaubens) sind, Lrefslich, mittelmäßig, widerwärtig, sie haben keine Fühlung unter sich, und der deutsche Israelit steht ebenso mitten im deutschen literarischer! Leben wie der englische mitten im englischen/ Für Mommsen sind die Juden ein Bolksstamm wie die Hannoveraner,^ Hessen, Holsteiner; die Vorsehung habe „weit besser als Herr Stöcker begriffen, warum dem germanischen Metall für seine Ausgestaltung einige Prozent beizusetzen waren". Gewiß, den Gefallen können wir diesem großen Judenfreunde nicht tun, unseren „Solcherart nach bestem Vermögen abzutun"; und wenn wir, feinem. Wunsche entsprechend, die Schranken zwischen uns und den „übrigen deutschen Mitbürgern" niederzureißen trachten, so wird dies nimmermehr unter Preisgabe unseres ehrwürdigen jüdischen Glaubens geschehen! /lrnolö Zweigs „Streit um öen Sergeautsn Grischa". Von Robert Neumann (Wien). Die Fabel: Grischa Jljitsch Paprotkin, russischer Sergeant, kriegsgesangen, ahnt — 1917 — die neue Zeit, die drüben in seiner Heimat herauszieht, suhlt, daß er fort muß.^ortlaufen, nach Hause zu Weib und Kind. Er durchschneidet den ^tacheldraht, er verbirgt sich in einem Wagen mit Schnittholz, von dem er weiß, daß er frontwärts, ostwärts rollt (durch die Front wird er schon irgendwie kommen), und liegt zwei Tage und drei Nächte unter den Ballen. Nun, denkt er, ist er knapp hinter der deutschen Front. Er verläßt sein Bersteck. findet sich in einem großen Wald, findet Kumpane, Deserteure, Freibeuter — und erfährt, daß die Front noch ein paar hundert Kilometer weiter vorne liegt. Eine Weite lebt er mit diesen Ausgestoßenen. Ihre Kommandantin, Babka, eine derb-klug-tatkräftige. Bauerndirne (furchtbares Erlebnis hat der Vierundzwanzigjährigen das Aussehen einer Bettel gegeben), wird für diese Zeit im Wald seine Gefährtin. Dann, da cs ihn nicht länger halt, da er weiter will, gibt sie ihm Papiere und Erkennungsmarke eines sicheren Bjuschew, russischen Sergeanten, der zu den Deutschen überlaufen wollte und in ihren Armen verschieden ist. Hat Grischa Unglück und greifen sie ihn letzt auf, so wird er sich Bjuschew nennen, sagen, er komme als Ueberläuser von drüben, dann kann ihm nicht viel geschehen. Grischa Paprotkin geht also werter, wird aufgegriffen und nennt sich Bjuschew. Das ist in Merwinsk, dem Stabsquartier des Korps General v. Lychow. Und da dieser Bjuschew dabei bleibt, sich nun schon ein paar Wochen hinter der deutschen Front herumgetrieben zu haben, und da eine Verordnung besteht, russische lieber* läufer, die sich nicht binnen dreier Tage bei einem Kommando melden, wegen Spivnageverdachts zu erschießen, kann der Kriegsgerichtsrat des Korps Lychow, ein Dr. P o s n a n f f i, Jude und in Zivil Rechtsamualt in Berlin, trotz aller Bemühung nicht anders und muß diesen Bjuschew zum Tode durch Erschießen verurteilen. Grischa erfährt dieses Todesurteil, ist verzweifelt und — lieber ein paar Jahre Kerker für fern Entspringen, als unter fremden: Namen erschossen werden — stellt unter Beweis, er sei nicht Bjuschew, sondern Paprotkin. Das ist der Rechtsfall. — Ter General, alter preußischer Junker, aber besten Formats, und sein Kriegsgerichts rat sind froh, das ungern gefällte Todesurteil zurückziehen zu können, und ersuchen unter Darlegung des Falles das Oberkommando Ost, Generalmajor v. Schiefscuzahn, das zur Aburteilung des entsprungenen Kriegsgefangenen Paprotkin zuständige Gericht zu ermitteln. Und erhalten zw ihrer Verblüffung, Zu ihrer Empörung den Bescheid: eine Reagumierung des gegen Bjuschew gefällten Todesurteils wäre geeignet, das Ansehen der deutschen Justiz herabzusetzen; man ordne deshalb au, daß das nun einmal gefällte Todesurteil ohne weitere. Untersuchung über die Identität des Verurteilten unverzüglich vollzogen werde. General v. Lychow ist entrüstet über diese Zumutung, nicht zuletzt auch über diesen Eingriff Schiefsenzahns in seine Gerichtsbarkeit, Dr. Posnanski, doppelt engagiert, weil ja er es rvar, der das irrtümliche Todesurteil gefällt hat, sieht Recht und Gerechtigkeit, die Grundlagen seiner sittlichen Existenz, erschüttert, und diese beiden nehmen also den Kampf auf gegen den allmächtigen S ch i e f f e n z a h u — in dessen Porträt wir eine noch heicke samt Gattin in Antisemitismus reisende Persönlichkeit nicht verkennen können. Um es kurz zu machen: Lychow u n d P o s n a n s k r v e r l i e r e n d i e P a r t i e, und der Sergeant Grischa wird erschossen. lieber dieses erschütternde, spannende, leidenschaftliche Buch ist mancherlei zu sagen. Der hier dargestellte Gang der Hauptbandlunq — Nebenhandlung gibt es eigentlich nicht — wäre für ein Buch von 552 Seiten ein RU NN Lu.Kil.lßii K- (0 jttÄ f C S® P®*"0 ß{0löwre ^eri,os -33

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