Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 13 (30.3.1928)
- Date
- 1928-03-30
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Und dann mag inaller Zurückhaltung noch ein Wort gesagt fein. A11 ch u n sere jüdi s ch c n M itbürger slno sich der Wichtigkeit der ^ache und der Verantwortung der Stunde nicht i m m e r be - w u tz t. Oft scheint cs mehr der äußere Druck und die unmittelbare Gefahr zu sein, die sie zufammenschweißt. ^Aber nur ein dauernde^ und tiefgehendes Eindringen in alle Fragen des Judentums kann aus die Dauer Gewähr geben, day die E. D.-Bewegung nicht nur Abwehr bleibt, sondern auch schöpferisch wird und Ideale der deutschen Bockwerdnng mit herausarbeiten Hilst. Nur wenn unsere deutschen jüdischen Mitbürger das deutsche Schicksal so tief wie möglich erfassen, die deutsche Aufgabe so klar wie möglich sehen und alles Aeugerliche, Leere und Hohle zugunsten des Innerlichen überwinden, wird der E.-V. seinen notwendigen Weg gehen können. Das wird aber dann zugleich die beste, ja die einzig wirksame, weit positive Verteidigung des Judentums sein. Damit stehen wir schon mitten im Sachlichen; denn es muß die Frage entstehen, wie weit die Möglichkeiten der Einordnung des Judentums in die deutsche Volksausgabe wirklich vorhanden sind. Ta ivird man leider zunächst eine pessunistischeBetrachtnng nicht unterdrücken können. Ten Einladungen, die an christliche Geistliche, Lehrer und andere im geistigen Lebeix führende Persönlichkeiten ergehen, wird nicht m einem Maße entsprochen, wie es um der Sache willen wünschenswert wäre. Es Id^t sich nicht leugnen, daß viele von diesen Persönlichkeiten die jüdische Frage als unwichtig ansehen und daß die Neberzeugung von ihrer für das Volksgange entscheidenden Wichtigkeit noch nicht ins öffentliche Bewußtsein gedrungen ist. Und doch scheint es mir, als ob diesen Tatsachen auch hoffnungsvollere gegenüberstehen. Es mehren sich die Zeichen, daß man auch in gegnerischen Kreisen die Debatte aus einer höheren Ebene als bisher auskämpfen will. Es sei noch ein typisches Beispiel erzählt. In der Stadt H. versuchte ein deutschnationaler Amtsgerichtsrat in vornehmer Form den Nachweis zu führen, daß die Judenschaft im Grunde doch „international" sei, und als er die Hoffnung ausdrückte, daß doch einige noch den Weg zum „Nationalen" finden würden, da klang das recht betrübt. Es wurde ihm von mehreren Seiten in ebenso vornehmer Form geantwortet. Der Sinn der Antworten läßt sich etwa so zusammenfassen: Gerade die dem Redner nahestehenden Kreise hätten durch ihre exklusive Begrifssbestimmuug dessen, was national sei, durch ihre Ablehnung der Judenschast in jeder Hinsicht es dieser sehr schwer gemacht, sich zum nationalen Gedanken zu bekennen. Es wäre im Interesse des ganzen nur wünschenswert. wenn jene Kreise ihre" Haltung in dieser Hinsicht grundsätzlich änderten. Ich selbst führte dann noch eingehend aus, daß es nicht gelingen werde, meine Ausführungen, den Ausdruck meiner Ueberzeugungen, mit den Etiketten national oder international un ausschließenden Sinne zu versehen. Tenn nur, wo das „Nationale" ganz tief ernst genommen werde, entspreche man der gestellten Aufgabe und erlange die innere Berechtigung, an ein organisches Verbundensein der verschiedenen Nationen zu glauben und dafür zu wirken. Und umgekehrt falle von solch „internationaler" Einstellung, die freilich etwas grundsätzlich anderes sei, als die schon von jeher bestehenden Internationalen der Fürsten oder der Wirtschaft, ein klärendes Licht aus Sinn und Aufgabe der eigenen Volksgemeinschaft. Es ist kein Zweifel, daß durch solche Art der Diskussion das Verbindende mehr herauskommt und zu fruchtbarer Arbeit führt, während mau nicht weiterkommt, wenn man aufeinander losschlägt. Ter Appell an den guten Willen des Anderen hat fast noch nie geschadet und cs dürften deren nicht viele sein, bei denen jede Möglichkeit dazu erloschen ist. So steh en wir mitten in einer großen un d w ich t i g e n Aufgabe. Wir sind uns der Schwere bewußt, aber auch der tiefen Freude, wenn dadurch das Starre sich lockert und unser Volk dem wahren inneren und äußeren Frieden, der ihm so unendlich not tut, nähergeführt wird. * Die Ausführungen von Pfarrer Hartman n mit ihrer Ausjorderung, immer wieder in Aujklärungsversammluugcn der Lesfentlichkeit den ivahren Geist des Judentums zu zeigen, finden ihre Ergänzung in einem Aussatz des Leiters des Instituts für industrielle Psychotechnik au der Technischen Hochschule Berlin, P rose s s o r D r. W. M o e d e: „Kulturpropaganda" im „Berliner Tageblatt"?hv 141 vom 23. März. Das „Berliner Tageblatt" widmet eine Beilage der „Reklame" und überschreibt sie mit der treffenden Zeile: „Fort mit dem Aberglauben, daß kulturelle Ideen sich genau so gut ohne Werbung durchsetzen". In dieser Beilage zeigt Professor M o ed e die Notwendigkeit, nicht nur für geschäftliche, sondern auch für kulturelle Werte und für reine Ideen Propaganda zu machen, wenn man sie über die Welt verbreiten will. Wenn nur immer wieder und wieder seit Jahren in Wort und Schrift den Gedanken wiederholt haben, „Aufklärung tut not, nur wenn wir ständig von uns reden machen, kann sich unsere Idee durchsetzen", jo haben wir damit die Grundsätze, die Professor Moede für eine Kulturpropaganda entwirft, schon bis zu einem gewissen Grade in die Tat umgesetzt. Und nur finden jetzt die Bestätigung für die Richtigkeit unseres Vorgehens in den Ausführungen dieses hervorragenden Kenners eines neuen Wissenszweiges. Wir entnehmen ihm die folgenden Richtlinien: Ungehemmt durch irgendwelche theoretische Bedenken, hat die Reklame in mehrtansendjähriger Entwicklung ihren Weg genommen. Man kann wohl die Behauptung aufstetten, das; jedwedes Unternehmen, ideeller, tulturctler, zivilisatorischer und vor allen Dingen wirtschaftlicher Art, das seinen Bestand erhalten, das wachsen und gedeihen will, Werbetätigkeit anszttnbcn hat. Wenn man W i f f c n i m Volk verbreiten will, allgemeiner oder besonderer Art, und durch Wcrbevcranstaltnngen der verschiedensten Form Aufmerksamkeit und Interesse zu erregen versucht, so dient diese Propaganda ebenfalls einem k u f t lt r c 11 c n Zweck, keinesfalls einem Werte. Welcher A r t soll nun eine derartige Kollektivpropaganda sein? Allgemeine Rezepte lassen sich nicht ausstellen und sollten stets abgewiesen werden. Rur eine allgemeine Praktisch-wissenschaftliche Methode kann augeraten werden. Ter Kaufmann, der als Reklamefachmann einen Werbeseldzug entwirft und durchführt, muß zunächst den Markt analysieren. Er muß weiter seine Artikel aus das eingehendste kennen, seine Vorzüge und Nachteile in der Fabrikation und im Verbrauch, um die zweckentsprechende Form der Ankündigung zu finden. Er muß roeiter die typischen Konsumentenkreise kennen, um die Regeln zu finden, nach denen er auf die beste Weise ans sie einwirken kann. Er muß vor allen Dingen diejenigen Argumente studieren, die als Kaufmotive und Kaufgründe in Betracht kommen, um statt eines wertlosen Geredes bei seiner Werbung zielsichere Begründung und wertvollen Hinweis zu bringen. Tie Gegenargumente, die er ja oft von seinen Reisenden und seinen Käufern zu hören bekommt, muß er kennen, um durch entsprechende neue Argumente sie zu entkrüstigen. Will man für kulturelle Zwecke eine Werbung durchführen, so muß man den Ma r k t der geistigen Werte Ln ähnlicher Weise durchforschen und in lt ß sich eine eingehende Kenntnis von der psychologischen Erlebnis ge st alt des zu propagierenden Kultur w e r t e s im Bewußtsein typischer I n t eres s e n t e n g r u P P e n verschaffen, damit nun diejenigen zielsicheren und wirksamen Formen der Werbung gefunden werden können, die wirksam s i n d, b e i denen man sogar den Grad der erzielten Wirkung ungefähr v o r a u s z u s ch ü tz e n versucht. Ter Kulturpropagandist hat sich eine Rangtafel der Motive aufzustellcn, die besonders für den propagierenden Knlturwert bedeutsam sind, da sie in der Regel das streben nach diesen Werten begründen. Er muß weiter eine Tafel der Gewohnheiten, Gepflogenheiten, Gegenargumente besitzen, die für Hemmnisse teils aus Trägheit und Gewohnheit, teils aus intellektuellem und gefühlsmäßigem Widerstand der Verwirklichung der neuen kulturellen Werte cntgegcnstehen. Daß Propaganda für kulturelle Werte zu allen Zeiten und bei allen Völkern und zu allen möglicher; Anlässen bald bewußt oder unbewußt getrieben wird, ist eine feststehende Tatsache. Bedauerlich ist nur, daß man die Regeln einer planvollen w i s s e n s ch a s L l L ch e n A u Z g e st a l t u n g der Kultur- Propaganda vermißt und der Begabung, Initiative und dein Einfall einzelner behördlicher Vertreter oder hochstehender Persönlichkeiten die gesamte Werbearbeit allein üRwläßt. „Wahrheit und Ehrlichkeit bei allen Maßnahmen der Propaganda", ist die Hauptlosnng der Geschäftsreklame geworden. Jede ttebertreibung, die Falsches behauptet, straft sich selbst. Statt des Uoberredens und Beschwatzens sott man ans Einsicht und Zustimmung wirken-, damit der Willensentschlnß a u s U e b c r z e u g n n g 3m stände kommt ... . . . Warum sollte eine kulturelle Propaganda nicht zu 1 einer zielsicheren Wirkung befähigt sein, wenn sic auf breiter { psychologischer Grundlage das meuschlichc Bewußtsein an der Stelle packt und mit derrjenigen Mitteln, bei denen es erfahrungsgemäß kaum ein Ausweichen gibt?"