Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 10 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- Seite 129 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, -fcrHläcj 1928 VII. Jahrgang Hr> IP' Einzelnummer 10 pferzrnz J^S ' *'^rs> ^y' <^*w y '<->■ <•.' ■ E3ZS /äpLZM , o ,75; ks^lD ^. /H v j 1: jV -v> V. /0*>> T jS?«*s/;nnM?T? 1» -,.0-. .'y^^-v. £•& _ a . ZWMWZWN Sicrieiiabrsabonnement \ O^e Allgemeine Zeirun£ des Oudenrums 1,20 ms». ÜuzUül. Bestellgeld). _^ Verlag u. Lchriftleitung: SJciIin SW C3, fiinbcufit. 13 .:. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3591, 3595. .:. Postschectlonto: Berlin 30472. .:. Dankkonto: Dresdner D^u?, Wechsel. ftubc G, Berlin SV.' GS, Lindenstr. 7, und von GoldschmidUNothschU) L Co., Berlins 8. . .. r Slßctn{(ti* Anzmaena'.nmhme: Annoncen-Erpednion RudeU' Mosse, Berlin SW 15, unb deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 für die /ge,p2ltene .^euc nacy Nn^o^s Moffe; Normalzeilcnmesser?ir. 4, Familienanrcigen und Sicllencnsuche (nicht Eicllenclngcbo te) für Mitglieder d. Cenrralocrcins 0,45 Jl-M, die 90 mm breite Rekbamezei.e 4.80 ML v. v-?. e II i li ]fu KfO'!?<> Innerhalb der Problerne, die der Judenhaß verwendet, scheint sich eine erfreuliche Wandlung zu vollziehen. Man hört seltener die naiven Ammenmärchen und die blutrünstigen Geschichten, die man in der ersten Zeit nach dem Kriege über die Juden zu verbreiten pflegte.^ Die Welt ist ruhiger geworden, und wenn Agitation verfangen soll, muß sie schon kühler, nüchterner, sachlicher betrieben werden. Der Heerbann, der sich in den Wirren der Inflation um die gewerbsmäßigen Antisemiten scharte, ist zusammengeschmolzen. Dem Häuflein, das übrig blieb, müssen die „geistigen" Führer der antisemitischen Bewegung etwas bieten; wenn man es bei der Stange halten null, man darf nicht mehr nur schreien, man muß auch beweisen oder wenigstens so tun, als ob man beweisen kann. Die „neue Sachlichkeit" im Antisemitismus verdient, wie gesagt, alle Anerkennung. Wir verzeichnen gern, daß jetzt nicht nur aufgeregte Politiker, sondern auch ruhigere Herren aus dem antisemitischen Lager darzulegen suchen, was sie gewiß im Innersten bewegt. Als eine solche Aeußerung sehen wir die Arbeit an, die der Handelsschuldirektor Fritz Reinhardt im zweiten Heft der -„Nationalsozialistischen Bibliothek" über „Die Herrschaft der Börse" veröffentlicht hat. Wenn man die Fülle von Ziffern und Paragraphen betrachtet, die, zum überwiegenden Teil übrigens richtig, in dieser Schrift zitiert sind, so darf man gewiß nicht an dem ernsten Willen dieses „Direktors der Deutschen Fern-öandelsschule" zweifeln, die Menschen zu bessern und zu belehren. Er will sic von der Verderbtheit der Börse überzeugen, wobei ziemlich stillschweigend, und jedenfalls nicht naher bewiesen, unterstellt wird, daß Börse und Judentum ein und dasselbe sind. Wenn Reinhardt die Börse einer sehr scharfen Kritik unterzieht, so können wir dabei ein gutes Stück mit ihm gehen. Man mag die Volkswirtschaftliche Bedeutung der Börse so hoch oder niedrig einschätzen, wie man will: man wird in je d e m Fall d i e Au s n> ü ch s e der B ö r s e^n s p e k u l a - tion verurteilen und Hausse- und Baipebewegnngen von einem Ausmaß, wie wir cs in deu letzten Jahren erlebt haben, als höchst'ungesund und schädlich bezeichnen müssen. Wir gehen aber auch noch einen Schritt weiter. Die gewaltigen Kurssteigerungen und Kursstürze der letzten Jahre mochten Uebergangserscheinnngen und Kinderkrankheiten einer noch nicht stabilisierten Wirtschaft gewesen sein. Möglich, wahrscheinlich sogar, daß die Börse allmählich auch wieder aus deu Stand der Vorkriegszeit znrückfindet, wo die gutfundierten Wertpapiere im Laufe eines Jahres gewöhnlich nicht größeren als zehn- bis zwanzigprozentigen Schwankungen unterworfen und in der Regel nur minderwertige Spekulationspapiere großen Pendelausschlägen ausgesetzt waren. , Die Gefahr ist jedoch nicht wegzuleugnen, daß die lieberspitzungen der Kurse nach oben tmb unten im Börsenhandel größer sind als bei der Preisbildung auf anderen Märkten, denn jede Börsenvewegung, ob Hauste oder Baisse, hat nun einmal die Tendenz, sich zu überschlagen. Die jeweilige Stimmung der berufsmäßigen Börsenspekulation wird ausgefangen und verstärkt von den viel zahlreicheren Amateursvekulauten. von den breiten Kreisen des Publikums, die einmal ihn Glück an der Börse versuchen wollen und es nicht selten gerade dann versuchen, wenn sie auf anderen Gebieten Unglück gehabt haben. Die Publikumsspekulation ist gewissermaßen der Resonanzboden für die eigentlichen „Börsianer". Darin aber liegt die Gefahr, denn das spekulierende Publikum, das nicht unmittelbar an den Börsenbewegungen teilnimmt und sie sofort ausnutzen kann, kommt, wenn schon nicht mehr einen Postlag. so doch etliche Stunden zu spät. Es hinkt immer hinterher, und da Stunden und selbst Minuten an der Börse sehr viel Geld kosten können, so setzt sich der Amateurspekulant einem weit größeren Risiko aus als der berufsmäßige Börsenbesucher. Wenn irgendwo, so gilt an der Börse der Satz, daß den Letzten die Hunde beißen, und eben diese Letzten sind die Amateurspekulanten. Man geht sicherlich nicht in der Annahme fehl, daß weitaus der größte Teil der Gewinne, die an der Börse gemacht werden, auf den entsprechenden Verlusten der Publikumsspekulation beruhen. Wahrscheinlich würde es einen Börsenhandel mit allen seinen spekulativen Chancen und Gefahren auch dann geben, wenn nur ein beschränkter Kreis von Börsenbesuchern sich am Geschäft beteiligen könnte. Denn der passionierte Spekulant wird sich von der Börse genau so schwer trennen können wie der passionierte Spieler vom Spieltisch. Aber man denke den Gedanken einmal theoretisch zu Ende: Wenn nur noch hauptberufliche Börsenbesucher untereinander spekulieren könnten, so würden sie sich einander bald wirtschaftlich aufreiben. Die einen würden zwar jeweils gewinnen, was die anderen verloren haben, aber da beide, die Gewinner und die Verlierer, vorausgesetzt, daß sie keine anderen Einnahmequellen haben als die Börse, ja von der Börsenspekulation leben müssen, so würde sich das rotierende Kapital immer mehr verkleinern. Denn das ist ja ein Charakteristikum der Börsenspekulation, das nur zu oft übersehen wird: an der Börse und durch die Börse entsteht kein neues Geld. Das Geld, das dort eingesetzt wird, kann immer nur aus der einen Tasche in die andere wandern. Um die Maschinen in Gang zu halten, ist also notwendig, daß von außen immer neues Geld zugeleitet wird, und diese Zuleitung besorgt zum weitaus größten Teile die Publikumsspekulation. So sieht, von der einen Seite aus gesehen, die Börse aus, und wenn sie nur so aussehen würde, müßte man sich, allerdings die Frage vorlegen, warum nicht schon längst die Börsensäle geschlossen sind oder wenigstens die Spekulation mit Lörsenwerten für das breitere Publikum unterOuiibcu wird. Die Antwort daraus ist sehr einfach: d i e B ö r s e h a t innerhalb des k a p t1 a I i ft ische n Wirtschaftssystems zur eifellos w i ch t i g e v o l k s w i r t s ä; a f t - l i ch e Aufgaben zu erfülle n. Ohne die Börse wäre es höchstwahrscheinlich den großen Jndnstrieunternehnumgen, deren Produktivität doch auch von den Nationalsozialisten nicht angezweiselt wird, unmöglich, sich das nötige Kapital zu /