Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S2 WM M fei'&i! . . . ..Ihr Dörfeujudeu und Händler!" . . . Mit diesen und ähnlich schmückenden Benoorten veröffentlichte vor kurzer Zeit der Redakteur eines antisemitischen Blättchens in Worms ein Inkassorundschrciben unseres Landesverbandes Hesteu-OUHsau und Hessen, das rhm „ein günstiger Wind aus den Tisch geweht hatte". In den: S trafvcrfahren imegen Beleidigung, das mit seiner Verurteilung zu einer Geldstrafe von 100 Mark und Publikation in seinem eigenen Blatt und der ,,\J. V.-Zeitung" endete, brachte der Redakteur zu seiner Rechtfertigung vor, er habe nicht die Unterzeichner und Adressaten l.die Ortsgruppenvorsitzeudeu) des Rundschreibens persönlich treffen, sondern mir die Leser seines Blattes ans die G e l b m ad) t und ä a p i t a l £ r a f t des Eentralvcreins aufmcrffant machen wollen. Daß ' dieser Glaube an die Fnmuzkrast unseres Vereins bei unseren politischen Gegnern besteht, kann uns gleichgültig lassen. Leider müssen wir aber auch von unseren eigenen Freunden hören, daß unser ständiges Drängen pünktlicher und regelmäßiger Einzahlung der ordentlichen Mitglieds- Verträge, und vor allcur unsere Hinweise auf Zahlung einmaliger Spenden, verstimme, weil wir, an der Zahl unserer Mitglieder 'gemessen, über beträchtliche Mittel verfügen müßten, die zur Erfüllung unserer Aufgabe ausreichend seien. Wie liegen die Dinge in Wirklichkeit? Tie Inflation und die seitdem eigentlich ununterbrochen bestehende wirtschaftliche Depression, die die jüdischen Landbewohner — die Mehrzahl der Gcsarntmitglieder des Vereins — besonders schwer trafen, haben den einzelnen zwangsläufig veranlaßt, alle überflüssigen Ausgaben zu vermeiden oder zu kürzen. Daß hierzu in erster Linie Vereinsbeiträge aller Art rechnen, ist eine offenkundige Tatsache, unter der selbst Wohlfahrtsinstitute, die die sichtbare Not zu lindern haben, außerordentlich leiden. Toppelt schwer aber müssen wir als politische Organisation diele Kürzung des Ausgabe- Posten „MiUzliedsbeiLräge" empfinden, die ohne Ueberlegung und leichteren Herzens von unseren Mitgliedern vorgenommen wird, weil man in vielen Fällen „vom Antisemitismus nichts spürt" und infolge des Nachlassens des N a d a u antisemitismns die uns drohenden Gefahren verkennt und übersieht, daß in Wirklichkeit das unsichtbare Hakenkreuz die Scheidung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen immer erkennbarer herbeiznführen bestrebt ist und uns in ein w i r t s ch a f t l i ch e s , g e s e l L s ch ältliches und geistiges Ghetto z u r ü ck d r ü n g e n m öchte. So haben Politische Kurzsichtigkeit und persönliche Notlage dazu geführt, daß heute ein beträchtlicher Teil unserer Mitglieder den festgesetzten MitgliedsbeiLrag nur in verminderter Hohe oder überhaupt nicht entrichtet, ohne daß die Ausgaben des Vereins selbst infolge der Fülle der von ihm zu bewältigenden Aufgaben eine Kürzung vertragen könnten. Ter Ansgleich ist bisher in mühevoller Kleinarbeit von den einzelnen Landesverbänden dadurch versucht worden, daß inan verständige Mitglieder zur Zahlung regelmäßig Wiederkehr e n d c r e r h ö h t e r M i t g l i e d s b e i t r ä g e heranzog. Tie Zahl dieser gebefreudigen Mitarbeiter verringert sich aber zusehends. Dabei spielt — das muß endlich einmal mit aller Deutlichkeit, ausgesprochen werden — ein cgoi st ische r Charakterz u g eine nicht unerhebliche Nolle. Junner wieder müssen wir es erleben, datz^Nitglieder, besonders in kleinen Landgemeinden, wo einer über^ die Lebenshaltung des anderen genauestens unterrichtet ist, trotz ihrer wirtschaftlichen Kraft einzig und allein deshalb ihre Beiträge verweigern oder nicht voll entrichten, weil die zuständige Stelle des Vereins einem anderen Mitglied am gleichen Wohnsitz mit Rücksicht auf besten schlechte Vermögenslage einen Nachlas; zngebilligt hat. Daß ein solches Verhalten nicht nur die Tätigkeit des Gesamtvereins schädigt, sondern vor allem das Interesse und die Arbeitssreudigkeit unserer Vertrauensmänner, die bei der Durchführung des Inkassos oft mit Vorwürfen überhäuft und mit nichtssagenden Redensarten abgespeist werden, erlahmen läßt, bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber wie können wir diesen Z w r e s P a l t überwinden und lösen? Gerade diejenigen Gemeinden, die den Verein finanziell am wenigsten stützen, obwohl sie vielfach dazu in der Lage wären, und deren Vertrauensmänner daher auch den schwierigsten Stand haben, wollen jährlich einmal wenigstens durch Redner des Vereins über die Politische Lage und unsere Tätigkeit unterrichtet sein, bedenken aber nicht, daß die Vortragsreisen mehr Unkosten verschlingen als der betreffende Ort gewöhnlich an Mittzliedsbcitrügcn insgesamt einbringt. Wird der durchaus berechtigte Wunsch nach einem auswärtigen Redner mit dem Hinweis aus den schlechten Eingang der Gelder abgelehnt, so stellt entweder der Vertrauensmann sein Amt zur Verfügung oder eine Anzahl von Mitgliedern erklärt den Austritt; findet aber die gewünschte Versammlung statt, so freut man sich zwar der Erkenntnis, daß die verantwortlichen Organe des Vereins in Berlin und in den Landesverbänden auf dem Posten sind, beruhigt aber damit gleichzeitig das eigene schlechte Gewissen ob der bisherigen Gleichgültigkeit und Untätigkeit — und alles bleibt beim alten. Vielfach müssen wir auch hören, der Verwaltungsapparat sei zu groß, man solle das Personal im Berliner Bureau verringern, mehrere Landesverbände zusammenfasteu usw.; bleibt aber einmal die „E. V.- Zeitung" aus, dann regnet cs Entrüstungsbriese wegen der „schlechten Organisation", verzögert sich die Beantwortung einer Anfrage wegen der Abwesenheit des zuständigen Dezernenten oder anderweitiger notwendiger Nachforschungen, so „kümmern wir uns um nichts, nehmen aber die Gelder der Mitglieder", und wenn n>ir gar die Ncberuahme der Kosten des Rechtschutzcs ablehnen in Fällen, die die Allgemeinheit nichts angeheu und nur private und selbstverschuldete Streitigkeiten betreffen, „so möchte man wissen, wozu wir eigentlich da sind und die hohen Beiträge erheben". Während wir also unaufhörlich das Höchstmaß an Propagandaarbeit in eigenen Reihen zur Vermeidung des Mitgliedervcrlustcs entfalten müssen, ohne daß mit der Intensität dieser Tätigkeit die Einnahmen gleichen Schritt halten, w a ch s e n d i e e i g e n t l i ch c n Aufgaben, die wir als P o l i t i s ch e Organisation zn bewältigen haben, ins Gigantische. Tie Einmonatsausgabe unserer Zeitung, deren segensreiche Wirkung gerade ans dem flachen Lande sich überall bemerkbar macht, bedarf noch weit größerer Verbreiterung als bisher, die Schriften, die das Verhältnis des Judentums zn seiner Umwelt darstellen und klären, wie das tiefgründige Werk von G u t t m n n n , müßten Gemeingut aller gebildeten Kreise werden, das Märchen von dein Uebergewicht der „jüdischen Wirtschaftsmacht" müßte in öffentlichen Versammlungen und kurzen Handbüchern schärfer als bisher beleuchtet werden und vieles andere mehr. Aber es fehlt am 0t otwendigft c n : am Geld. Wir haben die Genugtuung, daß die Experimente. die wir zur Lösung unserer Aufgaben unternommen haben, als geglückt bezeichnet werden dürfe!!, aber tuir müssen mit schmerzlicher Resignation es bei diesen Experimenten belassen, weil die Mittel nicht vorhanden sind, um das .Heilmittel gegen die Mikroben des Judenhasses, die wir erkannt haben, in solchen Olten gen herzusteilen, bereitzuhalten und unter die Masse zu bringen, daß sie immun wird. Das W a h l j a h r 1 9 2 8 bedeutet auch für den Geutralvcrein eine Kraftprobe. Schon rüsten die politischen Parteien und wirtschaftlichen Verbünde zn den Vorbereitungen für den Wahlkampf. Wenn auch nur in den nächuen Tagen und Wochen an unsere Freunde in Stadt und Land herantreteu, so haben wir die feste Zuversicht, daß keiner znrückstehen und jeder zn einem besonderen Opfer bereit sein wird. Dr. Marx (Frankfurt a. M.) Mitglieder, mehr Snteffs! Aus allen Reden, die bei der Hauptversammlung gehalten werden, wird die feste Ueberzeugung klingen, daß jeder an seiner stelle nach bestem Können für unsere ^ache gewirkt und gearbeitet hat, getreu den Traditionen vergangener Jahre. Jeder? So möchte ich fragen! Hat wirklich ein jeder seine ganze Kraft und sein -Können eingesetzt für unsere Ziele? Für die Personen, die in selbstloser, hingebender Arbeit, amtlich und ehrcnaintlich, die Geschicke unseres Vereins leiten, die immer zn haben sind, wenn inan ihres Rates und ihrer Hilfe bedarf und die das Wort „Indisferentismns" nicht zu kennen scheinen, trifft dies zu. Hat aber auch das Gros unserer Mitglieder seine Pfuchtcn gegenüber unseren! Verein immer und überall erfüllt? Unter Pflichten verstehe ich nicht lediglich die Zahlung des geringfügigen obligatorischen Beitrages, ich verstehe darunter vielmehr, daß unsere Mitglieder sich den Geist, der ans diesen Blättern spricht, zu eigen machen, daß sie überall die Synthese von Deutschtum und Judentum auch in der Oessentlichkeit vertreten und die Vereinsleitung nach jeder Richtung hin unterstützen. Wie können unsere Mitglieder ihr Interesse an unserer Arbeit beweisen? Das kann und muß geschehen durch eine stärkere finanzielle Unter st ü tz u n g u n s e r e x A rbei t. Und weiter durch Werbung neuer Mitg lieber in ihrem Freundeskreise! In dieser ^Beziehung wird leider viel zn wenig getan. Unsere Freunde mögen Außenstehenden oftmals die „E. B.-Zeitnng" geben, damit sie einen Einblick in die Vielfältigkeit unserer Arbeit gewinnen und sehen, nne wir uns auf allen Gebieten verteidigen; sie müssen ansgefordert werden. zn unseren Versammlungen und Vorträgen zn kommen; darin können unsere ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder in den Ortsgruppen nützliche Arbeit leisten. Aber auch s ü r unsere A r b e i t selb ft m ü ß t e n u n s e r e Mitglieder mehr I n t e r e s s e z e i g e n. Sie müssen ihrem Landesverband oder der Zentrale alle Vorkommnisse. die uns interessieren, sofort melden, sie müssen von sich aus au der notwendigen Aufklärung der christlichen Uunoelt. durch Aufgabe von Adressen, an welche unsere Monatsausgabe gesandt werden kann, mitlvirken, und sie müssen schließlich mehr als'bisher persönliche Beziehungen zu allen Berufs- und kommunalen Vereinen anknüpfen, dam.it ihre christlichen Mitbürger sie auch lenncnlernen. Tann wird manches falsche Urteil über uns korrigiert werden. —- Und schließlich: sie müssen unsere „G. V.-Zeitung" lesen! Lesen heißt in diesem Sinne studieren, denn jeder Artikel ist lesenswert und beleuchtet die uns interessierenden Fragen von irgendeiner Seite. Unsere Mitglieder verschaffen sich damit selbst das Rüstzeug, welches sie zur Abw-ehr oder Aufklärung bedürfen. Und mit dein Lesen dieser Artikel wächst alsdann das Interesse, ohne welches ein Verein luic der uuserige nicht bestehen kann, denn gerade bei uns muß jeder einzelne an dem Erfolg unserer Arbeit beteiligt sein. Darum noch einmal >' Mitglieder, zeigt mehr Interesse an der Arbeit, die wir für unser Judentum u nd n n | e r Deutscht u nt lei st c it! 2(lsrcd Behrens (HambnrgV