Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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AAA^ W!! .! * ■ 1 {! i I! Ü '■! j; j . ivVs^s>v>vUv^C: v'^v^JO '!U!|i ■ÜU'Ü< Bon Sr. Ludwig SoUänder - S^SlZanwalt Sr. Curt Alexander Nrefelö) - Sr. Martin Marx Frankfurt a. W -Alfred Behrens Hamburg). Hauptversammlungen großer Verbünde werden mit Recht verschieden beurteilt. Ganz zweifellos erfordern sie einen außerordentlichen Aufwand. Nach ihrem Ablauf wird regelmäßig die Frage gestellt: Was kommt heraus? Diese Fragestellung ist falsch. Mit der Elle lassen sich Verhandlungen und VerhandlungZergebnisse nicht messen. Ein Meinungsaustausch über lebenswichtige Fragen irgendeiner Gemeinschaft Wirker: nicht nur auf Verstand, sondern ebenso auf Wille und Gemüt. Tie große Gemeinsamkeit, der Geist, der von den einzelnen Teilnehmern an der Aussprache auf die Gesamtheit einströmt. die Folge der Anregungen, die großen Für und Wider, die Erweckung von Arbeitslust, die Zerstreuung von Gedanken, die nur in einer solchen gemeinsamen Aussprache erreicht werden können, sind entscheidende Umstünde für die Beurteilung einer solchen Zusammenkunft. Abgesehen davon muß man sich darüber klar sein, daß unter Umstünden eine einzige kurze Aussprachen reihe m i t ihren seelischen Eindrücken so wirken kann, daß die Kosten der Eesamttagung ausgewogen werden. Diese Gesichtspunkte sind meiner Meinung nach für die Beurteilung einer solchen Hauptversammlung maßgebend. Haben wir innerlich etwas gewonnen, werden wir in Zukunft klarer über die Probleme denken, wirksamer handeln, andere beeinflußen, einen stärkeren Willen zur Gemeinschaft und zu den Zielen der Gemeinschaft haben. Können wir hoffen oder müssen wir fürchten, können wir ruhig Zusehen oder müssen wir handeln? Das ist die Frage; darum kommt es nicht darauf an, möglichst viele Beschlüsse formalen Inhaltes zu saßen; nur der ParteibureaukraL sucht seine Schreine mit Beschlüßen und Resolutionen zu füllen, er wertet und versteht nicht den Geist einer Verhandlung. Unsere Lage verändert sich ständig, unsere Aufgaben verschieben sich. Indem wir einsehen, wie sehr wir von der Umwelt abhängig sind, wandelt sich die Praxis unserer Tätigkeit. Das sehen wir, wenn wir über den Geschäftsbericht sprechen. Man wird völlig neue Ausfaßungen über einzelne Gebiete hören. Man wird sich darüber klar sein, wie stark die großen wirtschaftlichen Sorgen des deutschen Judentums in den Vordergrund gerückt sind. Ihre Abhilfe ist nicht leicht, und gewiß nicht mit demonstrativen Phrasen zu erledigen. Wir muffen die W i r t s ch a f t s f r a g e n anpacken, obwohl riesige Schwierigkeiten zu überwunden sein werden, nur überhaupt über das Elementare hinauszukommen. Die Wahlen kommen. Was soll geschehen? Sollen die alten Methoden wieder angewandt werden, sind neue zu suchen und zi: finden? Wer bringt Geld, wer bringt Geist, wer bringt Arbeit? Hier gilt es, die Menschen zu erwecken und neue zu erfaffen, Kräfte auszulösen. Wir prüfen unseren i n n e r j ü d i s ch e n Standpunkt nach. Männer der Praxis wünschen vielfach die Ausschaltung aller innerjüdischen Erörterungen. Andere halten sie für wichtig, weil sie die Grundlage unserer Bewegung bilden. Sind sie wirklich diese Grundlage in unserer heutigen Zeit, die seelisch ganz anders eingestellt ist als in den Jahren vor dem Kriege? Nüchterne, leidenschaftslose Nachprüfung ist auch hier notwendig. Der Verein ist groß geworden, einflußreicher. Er stellt heute eine außerordentlich lebendige Organisation dar. Niemals darf auch nur eine Stunde daran gedacht werden, sie starr werden zu laßen. Darum wird man die Erneuerung der Satzungen, so langweilig sich deren Erörterung in einer Hauptversammlung gewöhnlich zu gestalten pflegt, vorlegen und beraten müssen. Die Redner werden soviel Disziplin haben, nichts Unnützes zu sagen. Ter Vorstand hat sich Mühe gegeben, die Hauptversammlung gut vorzubereiten. Er glaubt, aus eine Tätigkeit zurückzublicken, die, sicherlich zw großen Ausstellungen auch im einzelnen berechtigt, aber im großen ganzen wenigstens von einem Gesichtspunkt immer getragen wurde: „Fort von den Redensarten, zur Tat!* Zwei große Kundgebungen sind vorgesehen. Sie dienen der a l l g e m e r n e n W i l l e n s b i l d u n g. der Aufrichtung And der Aufklärung.. Wahrheit und Klarheit müssen ihre Leitsterne sein. Kundgebungen solcljer Art erheben uns, indem ihre Gedanken in unserer gemeinsamen Vereinigung auf uns wirken, sie mchaen uns stärker, sie machen uns besser, wenn das richtige Wort gefunden wird. Und das wollen wir hoffen! L. H. Die Hauptversa m m lung des C. V. wird eine grundlegende Aenderung der Organisation zu beschließen haben. Neben dieser wichtigen organisatorischen Umgestaltung des H a u P t v o r st a n d es sott auch mehr als bisher jüngeren Mitarbeitern der Weg in die Leitung des Vereins geöffnet werden. Vertritt man den Gedanken, daß junge Kräfte zur Verantwortung mit herangezogen werden müssen, so darf die Verwirklichung dieses Wunsches nicht beidem Hauptvorstand halt machen. Die Verantwortung liegt nicht allein bei ihm. sondern in einem sehr starken Maße auch bei den Landesverbänden und bei den O x tsgruppe n. Es war immer eine Stärke unserer Organisation, daß sie einmal die Kräfte ineiner einheitlichen und mit starken Machtbefugnissen versehenen Leitung zusammenfaßte, daß sie zum andern aber auch den Provinziellen und örtlichen Vertretungen die Mittel an die Hand gab, um da, wo die Stoßkraft des gesa n: t e n Vereins nicht nötig war. ihrerseits tntkräfig zu handeln. Diese Verbindung von Zentralisation und Dezentralisation, wie wiv sie in geradezu vorbildlicher Weise bei uns kennen, macht es aber zu einer Selbstverständlichkeit, daß die verschiedenen führenden Körperschaslen unseres E.B. vor allem gedanklich Zusammenarbeiten. Wünscht man also, daß grundsätzlich eine Stelle neue Kräfte mit frischen Gedanken aufnimmt, so ist es unerläßlich, daß auch die anderen Stellen in gleicher Weise Vorgehen. Jeder Landesverband und jede Ortsgruppe wird also zu prüfen haben, inwieweit eine Verjüngung der Vorstände erforderlich ist. Warum w i r d d i e s e Verjüngung verlangt? Sicherlich nicht deshalb, weil es sich bei dem Probten: um ein beliebtes Schlagwort, das vor allem in der Politik gebräuchlich ist, handelt. Wenn -immer jemand mit den Maßnahmen einer Organisation nicht einverstanden ist, und wenn vor altem jüngere Mitglieder Wünsche äußern, die ihrer Auffassung nach nicht berücksichtigt werden, wird der Ruf nach einer Verjüngung der Voreinstellung laut. Auf so billige Weise können wir aber unfern Wunsch nicht begründen. Ein politischer Zusammenschluß wie der Ecntralverein, sür den es keine Ruhe gibt, der in stets wechselnder Front zu kämpfen hat, muß sich äußerste Elastizität schassen. Vor allem seine geistigen Nüstmittcl mäßen den immer neuen Anforderungen angepaßt werden. Es sei beispielsweise daraus hingewiesen, daß . das antisemiti sch - v ö l k: s ch e P h ä n o in e n sich uns heute nicht mehr in derselben Gestalt repräsentiert wie vor einem Jahrzehnt. Ja nicht nur das. Bon einem Jahr zum andern mit* in noch kürzeren Zeitabstünden müssen wir mit anderen Begriffen arbeiten, wenn uns neue Erkenntnisse vermittelt werden. Tie wissewchaftliche Forschung aus den: Gebiet der Raffenfrage, die psxcho-analytischen Experimente beeinflußen in starken: Maße unsere Anschauungen über den Judenhaß. Die wirtschaftliche Entwicklung, die sich heute in einen: rasenden Wechsel vollzieht, schafft gleichfalls neue Methoden des Antisemitismus, die uns wiederum zu anderen Arten seiner Bekämpfung zwingen. Tie Politik im engeren Sinne bedeutet ein fortwährendes Kommen und Gehen von Parteiungen und einem in. ihnen sich vollziehenden ständigen Umschwung der Meinungen. Auch hier muß jedes neue Moment von uns erfaßt und, soweit es unsere Tätigkeit beansprucht, behandelt werden. Ebenso ist in den i n n e r j ü d i s ch e n P r o - blemen keine Beharrlichkeit. Auch sie werden von: Wandel der Zeiten, der Erscheinungen, der Meinungen beeinflußt. Tie Behandlung der Menschen in nnseru Reihen und außer unfern Reihen erfordert ewige Umstellung, dem: das hetzende Tempo unserer Zeit wirbelt die Menseln durcheinander und formt sie vielfach um. Wer also mit einem großen Kreis von Menschen umgehen und sie führen will, muß sich in den Strudel mit hineinziehen lassen und muß jegliches Rene alsbald erkennen. Deshalb, weil unsere Aufgaben so vielgestaltig sind, weil sie sich niemals endgültig zeitlich und räumlich begrenzen lasser:, müssen wir Menschen als Führer haben, die die Kraft haben, dieses Tempo einzu- Ijalteu. Sie müssen alle neuen Erkenntnisse in sich verarbeiten, und gelvillt sein, sich auf sie einzustellen, und sic müssen die Kraft haben, die anderen zur Bewältigung einer neuen Aufgabe oder einer alten Aufgabe in neuer Form mrtzureißen. Infolgedessen erfordert die führende Arbeit für uns einen Kräfte- und Nervenanswand allerschwerster Art. Wir erschöpfen uns an der Verwirklichung unserer Idee, weil sie unbegrenzt ist. weil sie in einen bestimmten "Rahmen, innerhalb deßen man sich nur zu bewegen hat, nicht preßen läßt. Das sei auch einmal denen gesagt, die immer glauben, iit Erhabenheit übev unsere Ausgabe spöttisch auf uns herabblicken zu können.