Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 51 (23.12.1927)
- Date
- 1927-12-23
- Page
- Seite 725 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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x\’ uh Derlin, 23, Dezember 1927 U,iV'ü'-./ ‘Vv'JvU'- r i;h I' Mi^il! |: ä•■; hl i/11Hi 1 i/H11( i|!l- Ml ÜNffrlQ Don Felix Gsldmaim KrlUlg), mm Kehler Wrrlrn), Emin Barr (Sronfnirt n. £)!.). Das Verhältnis der älteren Generation zur Jugendbewegung ist in einen ruhigen Zustand getreten. Nur selten erfolgen Angriffe auf die Jugendbewegung, die auf die Erschütterung ihrer Grundlagen und Methoden abziclen. Die Feststellung dieser Tatsache an sich bedeutet l?cin Werturteil über die ältere oder die jüngere Generation. Man wird jedoch aus ihr auf der einen Seite schliesscn dürfen, dass nach den Stürmen der vergangenen Jahre gewisse Grundanschauungen der Jugendbewegung ah feststehend anerkannt worden sind. Auf der anderen Seite wiederum liegt der Gedanke nahe, dass dies auch durch das Auf hören des Sich-ständig-Auseinanderseizens innerhalb der Jugend erfolgt sein könne, es also ein Verschulden der Jugend selbst ist, die, nachdem sie gewisse Forderungen, insbesondere ihre Erziehungsmethode, durckgesetzt hat, wenig neue Ideen mehr hervorbringt und darum auch weniger zur Kritik herausfordert. Wenn deshalb ein Argument neuer Art gegen die jüdische Jugendbewegung zur Anwendung gelangt, so benutzen wir cs gern, um es zum Mittelpunkt der Betrachtung von den verschiedenen Seiten zu machen. Es handelt sich um das Problem, ob die jüdische Jugendbewegung mit dem Judentum überhaupt vereinbar ist. Zur Behandlung dieses Themas scheint uns die Beantwortung folgender Fragen notwendig zu sein; /. Beruht des Judentum auf dem Autoritätsprinzip? 2. f! ic wirbt sich das Autoritätsprinzip in der iüdiccJicn Erziehungsarbeit aus? 3. Welche Kreise der Jugend sind zur Jugendbewegung zu rechnen, und worin sind deren Ilauptkriterien zu erblicken? 4. In welcher Beziehung bzw. Welchem Gegensatz sicht die Arbeitsweise der Jugendbewegung zum Autoritätsprinzip des Judentums? Wir beginnen heute mit der Aussprache und veröffentlichen im folgenden die ersten vorliegenden Beiträge zum Thema, die, wie stets Diskussionsäusserungen in dieser Zeitschrift, die persönliche Ansicht der Verfasser enthalten. Die Schriftleitung. AMlner Se. Felix CslhmAM EetzzW rsm aus: Seit etwa fünfzehn Jahren hat sich die jüdische Jugendbewegung in Deutschland von den Formen und dein (leiste des „Wandervogels" und der von seinen Ideen beeinflußten sonnigen deutschen Jugendbewegung ins Schlepptau nehmen lauen. Die äußeren Ergeb nissesind nicht ü b e r m ä ß i g ermutigend. Den „Blau-Weiß" hat man auf zionistischer Seite amlöscn müssen, weit er — das dürfte die schlichte Wahrheit sein — seine Mitglieder nicht im Geiste der Gesamtbewegung erzog. Die „Kameraden" dürsten auch bei mildester Beurteilung kaum als eine Organisation gewertet werden, die für das Leben des deutschen Judentums von Bedeutung ist, zumal sie auch vereinzelt Nichtjuden aufzunehmen beginnt. Daneben bestehen in neuerer Zeit ins Leben gerufene andere Organisationen, wie die „Kadnuah" und die „Deutsch-Jüdische Jugendgemeinschast". Ueber sie läßt sich heute noch wenig sagen, aber es scheint, daß auch sie auf die jüdische Jugend eine nur schwache Anziehungskraft ausüben, und es umfayen — um. bei ben auf dem Boden des Centralvereins ftcT)enbeu Jugendlichen zu bleiben — Jnmcrßbcn* und D. I. I. G. nur einen ganz kleinen Teil der in Betracht kommenden jüdischen itiiafccit und Mädchen. Woran liegt es nun, daß die jüdische Jugendbewegung so offenbar bisher Schissbruch erlitten hat? Ter Gründe sind recht viele, aber sie rühren alle aus der Anlehnung an die Wandervogelbewegung her, wie wir sie kurz nennen wollen. Die deutsche Jugendbewegung hat ein doppeltes Antlitz. Sie hat auf der einen Seite die jungen Menschen zur Natur und zur Natürlichkeit zurückführen wollen, sie hat den Kampf gegen alles Konventionelle, gegen dir Heuchelei und die Unmoral des gesellschaftlichen Lebens ausgenommen, sie hat die jugendliche Seele zur Selbständigkeit und zur Verantwortlichkeit führen wollen. Und wenn die jüdische Jugendbewegung alle diese herrlichen Ziele ans ihre Fahne geschrieben hätte mit dem Streben, sie auf jüdischer Grundlage und im jüdischen Geiste zu verwirklichen, so wäre der Erfolg ihr sicher gewesen.. Die deutsche Jugendbewegung von heute hat aber noch eine zweite Seile. Ihre Forderungen fließen aus einem eigenen Geiste, den man kurz als die Forderung auf das Recht der jugendlichen Individualität charakterisieren kann, linb die Verwirklichung eines solchen Wollens im Ganzen des jüdischen Levens mußte darum Unstimmigkeiten Hervorrufen, weil dem sittlichen System des Judentums ein solcher Gedanke fremd ist. Das Judentum, beruht auf dem Prinzip der Autorität! Dieser Grundsatz soll nicht so ausgefaßt werden, als ob btznde Unterwerfung unter Gewalten, deren Recht auf Herrschaft niefjt geprüft werden kann, nicht nachgewiesen zu werden braucht, verlangt würde. Oberste Autorität ist Gott und sein im Thorage setz medergelegter Wille, und nur die Autorität hat Anspruch auf Geltung, die aus dem Geiste der Thora fließt. Eine^ Jugendbewegung. dte jüdisch bleiben null, hat daher wohl das Recht, ja die Pflicht, sich gegen falsche Autoritäten aufzubäumen, sic dar^ jede Autorität kritisch daraufhin prüfen, ob sie im Willen der whvra wurzelt; das Prinzip selber arlzweiseln bedeutet aber, daß der Boden der jüdischen Weltanschauung verlassen wird. Aus dent Amvritätsprinzip ergibt sich auch ein besonderer Weg oer jüdischen Erziehung. Sie seht als oberstes Ziel die Gern eins ch a s t ein, und die menschliche Individualität wird lediglich in Ansehung ihrer für die Gesamtheit nützlichen Werte betrachtet. Früh scheidet jüdische Erziehung zwischen den sozialen und den eigensüchtigen Elementen in der Menschenseele, sucht die enteren zu Pflegen und die letzteren zu unterdrücken. Nur jener Teil des Eigenwcsens hat Bedeutung, der den Zwecken des Ganzen sich fügt. Jüdische Erziehung ist zunächst gleichmacherisch, sie unterwirft ein jedes junge Menschenkind dem Zwange der G e m eint ch a f t. Sie verlangt freilich auch, daß keiner in der Masse nnsgche, daß jeder die in ihm schlummernden besonderen Aaben 31t entwickeln suche, wenn sie in der Richtnrrg der Gemelnschansausgabeu wirten. So erzieht das Judentum zur Persönlichkeit, die herrschen und Wege weisen darf, weil sie zuerst sich unterorduen lernte, die ihre Individualität nur insoweit betont, wie sie für die Gerneinschast nützlich ist. Darin liegt die höchste, die persönliche Ausgestaltung des jüdischen Sozialg c d a u k e n s! Und die deutsche Jugendbewegung, die bei der Gründung jüdischer Jugendoerbände geistig Pate stand, beruht aus der Anerkennung des Wertes der Individualität! Ihre Erziehung ist Jndividualitätspflege. sie ist etwas fatalistisch eingestellt und betont die Kraft des seienden. Der Wert des Menschen liegt in ihm selber und nicht in feiner Fähigkeit, seine antisozialen Triebe abzntöten und einem Ganzen zu dienen! Jugend wird an den Gedanken gewöhnt, das; sie in ihrer Individualität stark und daß diese rücksichtslos zu pflegen sei. co verliert die Zeit der Jugend ihren Charakter als Borbereitung für das Leben. Sie wird Selbstzweck mit eigenen Formen nnd Forderungert, mit einem positiven Eigenwert. Die soziale Gemeittschaft wird ersetzt durch die Gemeinschaft der Gleichgesinnten, der „Bund" gewinnt die Bedeutung der letzten Zusannttenfasstmg. Die Individualität wird die letzte Instanz der Prüfstein, auf dem altes Geschehen des Lebens sich rechtfertigen und bervährcn muß. In der Praxis aber wirkt sich diese geistige Grundlage dahin ans, daß die Problematik zur letzten Lebemwahrheit wird. Klare Selbstverstättdlichke'lt, einfache Lebellstatsaehe in ein Problem ztl verwandeln, wird höchste Weisheit und Lust, und das Resultat ist jene Freude an der Diskussion, au die jeder mit feinen individuellen Lösungsverstichen herantritt. Das Problem wird Selbstzweck, und in der Ileberspannung des Geistigen verkümmert der Geist, der in Praktischer Umformung Berwirtlichnng sucht. Der „Bund" wird AuSdenMhali: (Berlin), Erwin Bacr I u g c u d b e w e g u n g. zum Stolz. Rabbiner Dr. Felix Ooldmaun (Leipzig). Rabbiner Dr. Mar Köhler (Frankfurt a. M.P Judentum und — Berthold Weinberg: Erziehung