Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8-9 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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!8 Gesinnung, sondern nur noch in der Kleidung liegt, daß damit die große Ausgabe der Jugendbewegung iin« erfüllt geblieben ist. Ueber die Vermeidung dieser Gefahr, die ja in nichtjüdischen und jüdischen Bünden in gleicher Weise vorhanden ist, lassen sich keine a l l g e m e i n g ü l t i g e n Regeln aufstellen. Dazu ist die Entwicklung in den einzelnen Bünden und Gruppen zu stark differenziert. Nur eins sei ganz allgemein erwähnt: Das Durchringen zur F o r m der Jugendbewegung und des Jugendbundes ist einmaliges Erlebnis, das sich nicht von Generation zu Generation konservieren läßt. Damit ist aber nicht gesagt, daß jegliches Durchringen zu einer Auffassung innerhalb der Bünde „erledigt" ist. Und hier gilt es, Aenderung zu schaffen. Der Führer darf nicht autoritärer Vertreter von Anschauungen sein, zu denen er die Gruppe gleichsam überredet, sondern seine Hauptarbeit muß darin bestehen, den Geführten auf das Problem hinzulenken. Von diesem ersten Anstoß an jedoch ist seine Mission zunächst erfüllt, und er muß sich in eine mehr beobachtende Stellung zurückziehen. Dadurch wird der Geführte vor die Notwendigkeit gestellt, mit sich selbst die Dinge abzumachen und sich selbst zu einer Anschauung durchzuarbeiten. Diese wird um so fester sein, je größer die Schwierigkeiten des Weges waren, und gerade in dem ständigen Prozeß von Verneinung zur Bejahung liegt der Hauptwerk einer gesunden Entwicklung. Nur durch eine derartige Auflockerung des Führervolkverhältnisses ist eine wirklich gesunde Entwicklung des einzelnen Menschen gewährleistet. Schallet man das Probldrnatrschv" vollkommen aus, so ist ein u n geistiger Jugendbund die Folge, und überlaß: man die Lösung der Probleme zu großen Teilen dem Führer, so wird den Geführten das Wesentlichste in ihrem Entwicklungsprozeß, das „Stirb und Werde", vorenthalten. Auf diese Gefahrenquelle sollte aufmerksam gemacht werden. Es sollte ferner gezeigt werden, daß die Bünde, die Jüngerenarbeit leisten, sich über die entwicklungsmäßig verschiedenen Voraussetzungen der Aelteren und der Jüngeren klar werden müssen. Aber wenn auch die Jüngeren aus anderen Motiven in der Bundesarbeit stehen als die Aelteren. wenn auch das revolutionäre Element der positiven Kleinarbeit Platz gemacht hat, so darf deshalb keinesfalls eine Verwischung der Grenzen eintreten, sondern die Jugendbewegung muß sich klar sein, daß sie eine Etappe ihres Weges zurückgelegt hat. daß sie aber noch lange nicht an jenem Ziel ist, das Gertrud Säumer dahin formuliert hat, „in dem schicksalsvollen Entscheidungskampfe zwischen Menschentum und Zivilisation die Wagschale zugunsten des Menschentums sinken zu lassen"! Don Bernhard S. Jacobson (Hamburg). Mihsöm der MtzMemn Dieser Aufsatz wurde uns von seilen der Agudah-Iugend Zur Verfügung gestellt. Durch ihn rundet sich das Bild ab. das wir in diesen Blättern von der Erziehung junger Menschen zu Juden durch Darstellung der Arbeit in den Bünden zu zeichnen versucht haben. Dis Schristleitung. Die Geschichte der Erziehungswissenschaft ist die Geschichte der Erziehungsziele und der Wege zu ihrer Verwirklichung. Gerade das 20. Jahrhundert, gekennzeichnet durch das Schlagwort ^Jahrhundert des Kindes", hat eine nie gekannte Hinwendung der Wiyenschaft und des Staates zu Fragen der Erziehung und Seelenkunde des Kindes gebracht. Das gesetzestreue Judentum, bei aller Aufgeschlossenheit für die Fragen der Zeit, kann Anregung und wirkliche Förderung nur gewinnen aus der Beschäftigung mit der Methodenfraae, da das Erziehungsziel in seinen Hcmptlmien durch Lehre und jahrtausendjährige Geschichte fest Umrissen ist. Eine Schilderung der Methoden der gesetzestreuen jüdischen Erziehung der Gegenwart in Deutschland und damit verbunden Hinweise auf gleichlaufende Richtungen der pädagogischen Strömung unserer Tage dürste daher nicht ohne Anreiz sein. ' Methoden. Wege können nur aufgezeigl werden, wenn das Ziel klar gekennzeichnet wird. Für den überzeugungstreuen Juden, für den Offenbarung am Sinai, Wunder und Propheten unumstößliche religiöse Gewißheiten bedeuten, heißt Erziehen: Ten Willen des jugendlichen Menschen an die Erfüllung der göttlichen Gesetze gewöhnen und ihn befähigen, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, das Gemütsleben neben der Empfänglichkeit für die allgemeinen Eemütswerte besonders zu bilden für die religiösen, wie Andacht. Demut und zugleich Verantwortlichkeit der sittlichen Persönlichkeit vor Gott, und endlich den Geist aufnahmefähig zu gestalten für die geistige Welt des Judentums, wie sie sich widerspiegelt in Bibel und Talmud, in dem reichen Schrifttum einer fast dreitausendjähriaen jüdischen Kultur. Für den deutschen Anden, oder richtiger den Juden unserer Zeit, kommt noch eine besondere Dildungsaufaabe hinzu, die Schaffung der geistigen Möglichkeit, jüdische und mchtjüdische (besonders europäische) Kultur zu vereinigen. Wie wird diese große, gewaltige Erziehungsaufgabe gelöst, welche Wege werden eingeschlagen? Tie Erziehungsbedingungen sind an äußeren und bewußten: Elternhaus. Schule und Gemeinde, an imbcwußtcn: die vielfachen Umgebungseinflüsse, und an inneren: die seelischen Beschaffenheiten des jugendlick-cn Menschen. Ein Erziehungswerk hat im allgemeinen in dem Maße Erfolg, als es gelingt, die Ec- Aiehungsbedingungen bewußt im Sinne des Zieles zu gestalten und die unbewußten auf ein Mindestmaß zu beschränken. In dieser Erkenntnis liegt das unabweisliche Lebensrecht der Bekenntnisschule und in erhöhtem Maße das einer jüdischen gesetzestreuen, da das gesetzestreue Judentum mehr als ein Bekenntnis ist, es ist eine rcligivs-kuturelle Lebensform. Wir gesctzcstreue Juden brauchen iüdiscl^e. weltliche Schulen (im Gegensatz zu Religionsschulen) nicht vornehmlich, uni ausgedehntere Kenntnisse der jüdischen Wissenschaften zu vermitteln, sondern vor ollem, um die Schale, neben dem Elternhaus die wichtigste Erziehung?* bedingung. nach den Erfordernissen unseres Erziehungszieles in allem zu gestalten, und um ihr nach Möglichkeit jeden störenden Einfluß jernzuhalten. Tie Wichtigkeit dieser Forderung, der Gestaltung der Erziehungsbedingungen auf Grund des Zieles, wird von den Forderungen der modernen Pädagogik kräftigst unterstützt, man denke nur an Landerziehungsheime, Schulaemeindcn, wie Wickersdorf. Die Bildung des Willens beginnt bei der jüdischen Erziehung schon im zarten Kindesalter, und bis zum letzten Lcbenstage hat der gesetzestreue Jude seinen Willen zu stählen und zu bewähren, um in allen Lebenslagen ein treuer Hüter des Gesetzes zu sein. Für diese Willenserziehung in früher Jugend hat die hebräische Sprache einen besonderen Begriff geprägt: chinmich, Gewöhnung. Weihe, Rüstung. Der Talmud (Kidduschin 30 a) sieht in der heiligen Schrift in einem Weisheitsspruckx Salomos die Pflicht dieser Gewöhnung im frühen Kindesalter ausgesprochen: „Gewöhne den Knaben am Beginn seines Weges, so wird er nicht davon im Alter abweichcn." (Spr. 26; 6.) Ist die Sprechsühigkeit des Kindes einigermaßen entwickelt, so lehren Vater und Mutter es in hebräischer Sprache: „Tie Lehre hat uns Mosche anbefohlen als Erbgut für die Gemeinde Jakobs" (3. B. M. Kap. 33, Vers 4) und den ersten Vers des Schemahgebetes (Talmud, Lukka 42a). Man hat oft gegen diese Erziehung zu Pflichten in einem Alter, da der kindliche Geist den tieferen Sinn der Pflichten noch nicht begreifen kann, den Einwand erhoben, sie sei sinnlos und schädlich und führe zu einem gedankenlosen, gewohnheitsmäßigen religiösen Verhalten. Eine der bedeutendsten Erkenntnisse der neueren Seelenforschung gibt uns eine wertvolle Handhabe, diesen Einwand zu entkräften. Tie Arbeiten Freuds lenken unsere Ausmerksamkeit auf das Unbewußte und seine Bedeutung für die Erziehung. Tie religiösen Pflichten mit ihren Tatzeicken gestalten die forrmähige Seele des Kindes, geben eine Verankerung mit den tiefsten 'Grundkräften, die im Unbewußten schlummern, die sich wirksamer erweist als die ausschließliche Beziehung auf die erkennende Kraft des Geistes. Den wertvollsten Dienst neben der rein religiösen Bedeutsamkeit leistet diese Gewöhnung an die religiösen Pflichten der allgemeinen Erziehung zum charaktervollen Menschen. Wir erinnern nur an die Speise- und Sabbatgesctze, die als selbstverständliche Folge eine Beherrschung des E ß - und Erwerbstriebes mit sich bringen. Im jungen Juden soll das Bewußtsein geweckt werden, daß die Juden aller Länder durch gemeinsames Schicksal, gleiche Abstannmmg und religiöse Pflichten eine unauflösliche Gemeinschaft bilden. „Klalbewußtsein" soll gepflegt werden. Wiederum ist cs das jüdische Pflichtenlebcn, die Methode, der Weg. Das Bewußtsein der gemeinsamen Sabbat- und Festesseier von Millionen Juden, die noch so räumlich getrennt leben mögen, lehrt eindringlichst die Idee der Einheit des jüdischen Volkes. Durch die Synagoge tritt das Kind ans dem engen Kreis der Familie in den weiteren der Gemeinde, der K e h i l l o. Die altjüdische Gastfreundschaft, für die die kalte Spende des Geldes nicht das einzige Mittel des Wohltun s ist. läßt noch heute in gesetztcstreucn Häusern'den Gast, den aurceh, besonders am Sabbat ein Mitglied der Tafelrunde sein, so erführt das Kind in lebendiger Schilderung von der Rot seiner Stammesbrüder im Osten und in Palästina, das Gefühl des Mitleidens wird wach, in Erkenntnis, daß jeder zur Hilfeleistung verpflichtet ist. So weitet sich das durch die Synagoge geweckte Vcrbundenheitsgesnhl für die Gemeinde zur Erkenntnis der Zugehörigkeit zur Religionsnation Israel. Gerade bei der Wecknna des Gemeinschaftsgefühls muß hingewiesen werden auf den großen Anteil, den die unbewußten, d. h. nicht so kontrollierbaren Erziehungsbedingnngcn wie Zeitungen, Bücher und Ex spräche ansüben. Im letzten Jahrzehnt pflegt in vielen gesetzestreuen Kreisen die Erziehung zur Gemeinschaft besonderen Jngendbünden. wie Agudahs-Jisroel-Jugendorganisation, dem Misrachi, der Esra und anderen zuzufallen. Für das Gemüts leben ist die wichtigste erziehende Methode das Vorbild. Mehr als alle Belehrung wirkt das von der Kindesseele ausgenommene Bild ' des Vaters, der mit heiliger Andacht seine religiösen Pflichten erfüllt. Es ist hier nicht der Nahmen, über das Wesen der religiösen Gefühle abznhandeln, es muß hier nur sestgestellt werden, daß die jüdisck>e Weltbetrachtung und Lebcnsgestaltung aus dem Vorhandensein religiöser Gefühle beruht. Zumeist sind es Störungen von außen (wie „Auf-