Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8-9 (18.11.1927)
- Date
- 1927-11-18
- Page
- Seite 17 (sequence 1)
- Language
- German
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Serlin, 1$. November 1927 Nr. $19 Jahrgang 3 <vyi*s?£\ rj£ \l [\ M -j; | ’■ - ri\?A A mv\prni\ V'v^Z *l <*} Von Werner RofensioL Sollen diese Blatter wahres Ausspracheorgander Jugend sein, so dürfen sie nicht nur der Erörterring allgemeiner Probleme, und mögen^ sie an und für sich noch so akut sein, dienen, sondern sie mü],en vor allen Trugen Bekenntnis ablegen von dem, was für die Jugend, und insbesondere für die in Bünden zusammeugeschlostene Jugend, heute in ihrer Arbeitsweise von direkter praktischer Bedeutung ist. Darum sei die Aufmerksamkeit auf eine Frage gelenkt, die unerkannt in vielen Kreisen vorhanden ist, weil man ihre Eristenz nur allzuoft im Trange der aktiven Kleinarbeit übersieht. Es handelt sich, ganz kurz gesagt, um den Wandel in den Voraussetzungen und Zielen der Jugendbewegung als solche. Tiefe Frage ist keine philosophischtheoretische Konstruktion, sondern sie ist von höchster praktischer Aktualität für weite Kreise der Jugendbünde, sowohl der allgemeinen als auch der jüdischen. Sie ist akut für die Bünde und Gruppen, in denen bereits ein oder zwei Führergenerationen das Fundament geschaffen haben und die nun, ausbauend aus diesem Fundament, zur positiven Erziehungsarbeit und ganz besonders zur Jüngerenarbeit übergegangen sind. — Wie bei jeder Bewegung, so beobachten wir auch bei der Jugendbewegung, daß es einer Generation Vorbehalten ist, den ersten Anfang zu machen und daß, nachdem diese erste Generation in ihrer Radikalität gradmäßig zurückgegangen ist, den Folgenden das Ziel der erpen zur Voraussetzung wird. Im Gegensatz zu anderen Bewegungen wurde jedoch in der Jugendbewegung dieser Anfang nicht einmal gemacht, sondern er nahm seinen Ausgang in v i e l e n Kreisen, unter verschiedenen Voraussetzungen. Und noch heute ist dieselbe Auflehnung, wie wir sie bei den Freideutschen 1013 und bei vielen unserer Gruppen vor fünf oder zwei^Jahren beobachteten, möglich. Wesentlich ist, daß der erste Schritt getan wurde, der sich jedoch in einem bestimmten Kreise nur einmal machen laßt. Worin bestand nun dieser „erste Anfangs? Er bestand in einer kritisckstm Betrachtung alles Begehenden, von Zivilisation und Gesellschaft, von Schule noch Elternhaus. Diese kritische Beschäftigung führte meistens zur Ablehnung dieser Institutionen in ihrer bestehenden Form. Man erkannte, wie gar vieles mechanisiert und morsch war, wie Ursprünglichkeit und Seelenleben verschüttet lagen. In der Ablehnung dieser Verfallserscheinungen fand man sich zu eigcnern Leben zusammen. Allgemeine Phrasen, wie „Kamps gegen die bürgerliche Gesellschasr", unter denen man sich nie so recht etwas vorstellcn konnte, führten zunächst zu einer Art „K u t t u r r e s s e n t i - men r. Man stand dein Beruf, der Technik und anderen an und für sich wesentlichen Erscheinungen skeptisch gegenüber, nicht etwa, weil man sie als solche für schädlich hielt, sondern weil man in ihnen die A u s d r u ck s f o r m c n einer abznlehn enden Ge s ell s ch a ftssch? ch t sah. Aber neben diese negative Ablehnung der Außenwelt trar eine intensive Arbeit an sich selbst. So entstanden die Bünde in ihrer qualitativen Stärke, in der wir sie heute sehen. Jnnner mehr westet sich in diesen Kreisen das Gesichtsfeld, immer mehr schwmdet das allgemeine Ressentiment, immer mehr tritt d:e positwe^Ansbanarbeit au Stelle des negativen, teils aktiven, teils pasiwen Widerstandes. Hierzu fommt, daß geh die Eindellung der Außenwelt zu den Bünden änderte, so daß auch hierdurch das Kämpferische stark in den Hintergrund trat. Hat sich somit die Methode in der Arbeit der Bünde gervandelt/ so bedeutet dies jedoch keineswegs ein Abweichen vom Ziel. Vielmehr muß der Wille, allem Bestehenden kritisch gegenüberzutreten, und bei Ablehnung den Mut zur Umstellung in der Lebensgestalkung auszubringen, unveränderbares Kriterium der Jugendbewegung bleiben. Ter eben kurz skizzierte Prozeß von der negativen Kampfgemeinschaft zur positiven Erziehnngsgemeinschast ist nicht etwa auf der ganzen Linie als abgeschlossen zu betrachten. Vielmehr läßt er sich heute noch vielfach in neuen ^Kreisen wiederholen. Problematisch dagegen ist dieser Entwicklungsprozeß für diejenigen, die durch ihn hindurchgegangen sind. Tenn das, was diese Menschen kennzeichnet, ist doch nicht die im Bunde geübte erzieherische Betätigung selbst, so erfreulich sie an und für sich sein mag, sondern die M o t i v e, aus denen sie zu dieser gekommen sind. So werden wir immer ohne psychologische Spitzfindigkeiten den Menschen erkennen, der durch die Entwicklungsstadien einer Jugendbewegung hindurchgegaugen ist, mag er nun in der Kleinarbeit stehen oder längst andere Tätigkeitsfelder für sich erschlopeu haben. Wie aber wird es mit denjenigen, die den Bund mit seinen Institutionen als Tatsache vorgefunden haben, deren Aufgabe also nicht darin besteht, absolut Neues zu schassen, sondern Ge schaffe nessortzu setzen? Tas, was für die Aetteren erreichtes Ziel bedeutet, ist doch für sie, die Jüngeren, selbstverständliche Voraussetzung. Gewiß', auch sie empfinden, daß die Lebensform, die ihnen der Bund gibt, schön und wertvoll ist, und sie sind sich der Unterschiede, die sie von anderen scheiden, wohl bewußt. Aber sie haben sich doch zur Erkenntnis dieses Unterschiedes nicht selbst durch - gerungen, sie haben sich doch nicht aus innerer Notwendigkeit heraus die neue Lebensform selbst geschaffen, für sw hat es also in ihrer Entwicklung zur Jugendbewegung kein Ltirb und Werde gegeben! Es wäre töricht, hieraus den Schluß zu ziehen, diese Jüngeren ihrem eigenen Schicksal zu überlasten, damit sie ohne bewußte äußere Einflüge (soweit solche überhaupt auszufchalteu sind) sich aus eigener Erkenntnis ein neues Fundament zimmern. Man würde dadurch unnötigerweise alles mit Mühe Ausgebaute zerstören. Auch Ware es unhistorisch, zu verlangen, daß dieser einmalige Vorgang in Bewegung, Bund uub Gruppen sich gewissermaßen aus Pietät in jeder Entwicklungsstufe neu wiederholen sollte. Aber ebenso zn verurteilen ist der entgegengesetzte Weg. der gerade in letzter Zeit vielfach begangen wurde. An Stelle des Revolutionären ist nämlich vielfach nicht das Kritische, sondern das Tatsachen m äßige gesetzt worden. Man lebt nett zusammen, beschäftigt sich mit allen knlturelleu Angelegenheiten, aber mehr in konstatierender, statt in kritischer Weise. Damit verwischen sich die Grenzen zur Umwelt vollkommen, und die Grundausgabe der Jugendbewegung tritt immer mehr in den Hintergrund. Diese L i q u i * bat ton wird sich nicht bemerkbar machen, solange noch die heutigen Führer in der Kleinarbeit bleiben. Sobald diese aber herausgehen, könnte sich zeigen, daß der Unterschied zwischen hündischer und nichtbündischer Jugend gar nicht mehr in der Aus dem Inhalt: Werner Noscrrsiock: Entwicklungsgang der Jugendbewegung. — Bernhard Z. Jacobson: Methoden der gesttzeArennr jüdischen Erziehung. — Alfred Wachsnrarm: Erziehung zum Juden. — Friedrich Brodnitz: „Der kleme Prophet."