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Central-Verein-Zeitung · 1927-10-14 · 41 (14.10.1927) · p. Seite 577

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
41 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
Seite 577 (sequence 1)
Language
German
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0 Lerlin, 14. Oktober 1H27 VL Jahrgang ❖ Nr. 41 / £5223l>33 *mh UZVÄWM 2E7/ tuijcmuuuner 10 Pfennig "'g BierteljahrsadonueMent 1.20 RM. (zuzüLl. Bestellgeld). Derlag u. Schriftleitung: Berlin SW 68, Sinfcenftr. 13. .:. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594.3555. .:. Postscheckkonto: Berlin 30472. .:. Bankkonto: Dresdner Dank. Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, und von Doldschinidt-Rothsch'.ld & Co., Berlin W S. , Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen.Cxpedltivn Nudoli Masse, Berlin SW 19. und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0.99 JiJi tüc die 7gespaliene neue nach ^udou wioiie» ' " " " ' ' - - - ' ' - - ' ins 0,45 JlJt., die W mm breite Reklamezerle 4.80 Normalzeilenmesser S&. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Slellenangebote) für Mitglieder des Centralvere «W vöüuüo I. Heber das Wesen und die Eigenart dos Judentums zur Klarheit zu gelangen, ist eine dringliche und unumgängliche Forderung; — denn diese Aufgabe ist nicht zur Hebung des Scharfsinns in der Studierstube eines lebensfernen Gelehrten ersonnen worden: sie ist ein echtes Problem, das von der Erfahrung gestellt ist und gebieterisch und ohne Entrinnen eine Entscheidung fordert. — Die Gebundenheit an die Erfahrung hat hier — wie überall — zur Folge, daß Antworten nicht in mathematischer Strenge erwartet werden dürfen. Nur wo der Zusammenhang mit dem Leben künstlich gelöst ist, mir wo es sich um „gemachte" Probleme handelt, ist eine endgültige Entscheidung durch unerbittliche Logik möglich. Eine richtig gestellte Schachaufgabe hat daher eine eindeutige Lösung; die Spielregeln sind hier willkürlich festgesetzt und deshalb restlos beherrschbar. — Wo aber ein „echtes" Problem austaucht, da hört die Alleinherrschaft der reinlichen Logik auf; die Dringlichkeit und Lebensnahe einer Frage steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer sicheren Eillscheidbarkeit. Dieser Sachverhalt muß gegenwärtig sein, wenn an Probleme herangegangen wird, die mit dem Judentum in Zusammenhang stehen. — Es gibt keine Möglichkeit, den etwaigen Gegner in diesen Fragen zur Einsicht zu zwingen: Es kann nicht nur an das logische Gewipen appelliert werden, — mit Notwendigkeit kommt die Diskussion an einen Punkt, wo der strenge Beweis aufhört und wo in freier Entscheidung Stellung genommen werden muß. Eine Reihe prinzipieller Standpunkte kann ausgezeigt werden, die logisch weder zu beweisen noch zu widerlegen sind, die nur durch Tat und Willen verteidigt werden können. Nicht der „B e weis" durch die Logik, sondern der immer erneute „Erweis" an der Erfahrung ist ausschlaggebend. Was folgt aus dieser Einsicht? Etwa ein müder Skeptizismus. der jede beliebige Meinung für gleichberechtigt hält? Wer diese Folgerung zieht und sich mit einem Problem nicht beschäftigen will, weil es keine haarscharfe, endgültige Lösung gibt, der gleicht dem Kinde, das eine Rechenaufgabe nur dann lösen will, wenn sie „ausgeht". Das Leben aber stellt nirgends solche „Schülerfragen", bei denen die Antwort von vornherein feslsteht. — An allen Punkten erfordert das Leben den Mut der eigenen Entscheidung und das Wagnis der schöpferischen Tat. —.Gerade weil die Probleme sich nicht von selbst lösen, weil die Logik im Kampf nicht ausreicht, ist der mnner erneute Einsatz aller Kräfte gefordert. Wo cs um lebenstüchtige Fragen geht, da ist die bequeme Gleichgültigkeit eine unwürdige Haltung. Wer erkannt hat, daß das deutsche Judeutum solche unabschließbare Aufgaben stellt, der wird nicht als Skeptiker beiseite stehen, — er wird vielmehr seine ganze Kraft und Mne denkerische Leidenschaft aufbieten, um seine Auffassung und seine Stellungnahme zu verteidigen; — aber er wird Gefeit fein gegen die Engherzigkeit des Doktrinärs, der jeden ^>egner^ von vornherein für einen unbelehrbaren Flachkopf und für einen verschrobenen Eigenbrötler hält. — Vor allem aber muß man hellsichtig sein gegen die Gefahr einseitiger Theorien, die das Leben zu vergewaltigen drohen. Den Zusammenhang mit dem Leben ausrechtzuerhatten, dem Leben zu dienen, das muß die Würde und den Stolz des Denkers ausmachen. Tie Begriffe und Theorien dürfen keine „Guillotinen" werden, die unbequeme Tatbestände^einsach köpfen, — sie sotten helfende Werkzeuge zur Ersasiung und Meisterung der Erfahrung sein. Es ist leicht, eine eindeutige Theorie aufzusrollen und sie dann starrköpfig festzuhalten, — aller Erfahrung zum Trotz: — es ist aber unendlich sch wer, der Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit gerecht zu werden. Das erste Verfahren hat immer die Schönheit der Konsequenz für sich, — das zweite kommt in den Verdacht des lauen Komvronüpeschlietzens; — das erste Verfahren besticht durch die Kühnheit des „entweder — oder", — das zweite führt zu einem weniger enthusiastischen „sowohl — als auch". — Aber txoU dieser verlockenden logischen Einfachheit, oder bester gerade deswegen, darf die Theorie nicht über die Erfahrung gestellt werden. Tie Erfahrung und das Leben sind jeder Theorie dimensional überlegen; — die Theorie hat sich vor der Erfahrung zu legitimieren, — die schönste und klarste Theorie mutz die Flagge streichen, wenn sie mit den Tatsachen in Konflikt gerät. II. Das Nachdenken über die Stellung des Juden hat in besonders reichem Matze einseitige, erfahrungsfremde Theorien gezeitigt. Ta schreiben Leute dicke Bücher über das Wesen des Judentums, ohne die einfachsten Sachverhalte zu kennen — und dann verlangen sie, daß das Leben sich nach ihrem Schema richten soll. — Andere kennen die Tatbestände, aber sie wollen sie nicht anerkennen; — weil die lebendige Wirklichkeit ihren Meinungen nicht konform ist, soll sich das Bestehende ändern; als könnte man das Leben auf das Prokrustesbett eines Schemas spannen! — Die Gefahren, die solche Theorien stiften, dürfen nicht unterschätzt werden! Sie richten mit Notwendigkeit heillose Verwirrungen an. Verwirrungen. die tief in die praktische Sphäre eingreifen. Tenn die Theorien sind Kampfmittel in dex praktischen Politik, sie werden zu gefährlichsten Waffen. Es braucht nur an die Wirkung der Rassentheorie erinnert zu werden, die — trotz ihrer wissenschaftlichen Unhaltbarkeit — unendlichen Schaden anricbtet. Sind die falschen Theorien von Juden gemacht, dann ss""" """" "-' ' -" .L “ - •***-» vi«.... ickIr -Lj uaaafriiaraaa» acragyanry I Oie Wahlergebnisse ln Hamburg und Königsberg. - L. E; - Oie Pogrome in der Ukraine. - Professor Charles C. Stange-! j land: Herman George Schcffaucr und fein Werk. - Adam j | Reeder, M. b. R.: Epilog. - Rudolf Kurtz: Oer Meister Lj von Nürnberg.

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