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Central-Verein-Zeitung · 1927-09-02 · 35 (2.9.1927) · p. Seite 500

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
35 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
Seite 500 (sequence 4)
Language
German
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500 Erkennen und objektiven Ausd<utcn der Tatsachen radikal gehindert Huben. Und damit ist auch sachlich das Wesentliche gesagt. Nur um Pa ßverg eh en handelt es sich, und nicht um Mädchenhandel! Herr Tr. Kundt muß selbst zugeben, daß keine Bestrafung wegen Mädchenhandels in. Deutschland erfolgt i st! Und bei den fünf Fällen, in denen ihm auf polnischer Seite akteumäßig Bestrafungen wegen Mädchenhandels nachgerviesen worden sind^ verschweigt er leider die Namen! Oder paßten diese nicht in sein L-Ystern? Herr Dr. Kundt klammert sich daran, daß „ein nicht nabet rächtlsicher Teil der Schmuggelfätle auch weibliche Personen, darunter auch alleinreisende Ätädcheu, betraf". Er schließt daraus, „daß dies des öfteren zu unsittlichen Zwecken geschah". Soweit Jüdinnen rn Betracht körn men, ist der Schlich sehr weit hergoholt und sehr leicht- Iertig! Ohne bestreiten zu wollen, daß Eiuzelfälle dieser Air möglich ind, liegt es doch meist umgekehrt! Bei der entseßlicherr jüdichen Armut in Osteuropa, bei der Arbeitslosigkeit aus allen Gebieten, fürchten jüdische Mädchen der Prostitution anheimzufallen und wenden sich ins Ausland, um sich ehrlich durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren. Ta nun die Paßkosten in .Polen ganz ungeheuer hoch sind, kommen sie heimlich über die Grenze. Mir sind in meiner Fürsorgetätigkeit schon sehr viele Fälle dieser Art begegnet, und man darf sagen, daß sehr oft die illegale Grenzüberfchreitung eine Flucht vor der Un s rtt l ichkoi t bedeutet! Dem Deutschen NatLvnalkomiteeund seinem Sekretär kann aber der Vorwurf nicht erspart werden, Dinge vor den Internationalen Kongreß gebracht zu haben, die mit seinen Aufgaben nicht das allergeringste zu tun haben, nur Dinge, die Mißstimmung gegendce Juden, insbesondere die Ostjuden, erregen mußten. Dia jüdischen Teilnehmer cm Kongreß haben in Loudm^nicht in aller O-esseutlichkcit gegen das unerhörte Vorgehen des Deutschen Natioual'onütecs zur Bekämpfung des Mädchenhandels Stellung genommen. Im Bewußtsein, daß dw Beleuchtung einer solchen judenfeindlichen Gesinnung für deren Träger eine Schande bedeutet, haben sie im höheren Interesse der Ehre des deutschen Namens vor dem internationalen Forum und den Vertretern desAuslands geschwiegen. Sofort nach ihrer Rückkehr haben sie die jüdstchcn Organisationen in Deutschland veranlaßt, alle erforderlichen schritte zu unternehmen, und es ist gewiß nichts versäumt worden, wes zur Aufklärung des Falles und zur Richtigstellung bei den verantwortlrchen Stellen dienen kann. Wir hoffen, daß drese nunmehr Zur Rechenschaft gezogen werden. Im folgenöen wiSerlegt Uns Surch ihre amtliche Stellung mit öem Tatsachenmaterial besonders vertraute person- . lichkeit öen bericht km einzelnen: schon in der Einführung zu dem Bericht deS Herrn Dr. Kundt Mer seine Reise dom 23. bi-5 S0. November 1S26 wird darauf hrrr- Hermesen, daß die .Hauptsächlich über die Srenzs drängenden OstZuden, getriebne von der Not Hrcr Hckmattäuder. rrn-d in der Hoffnung, in LcuNchmird Geschäfte in machen, das Mittel der Bestechung rum Zwecke des lllcgecken Grongüöertritts in jeder Form anzuwenden verstanden und viele, teilweise neu ei umstellte Beamte in den schlveren Znslationsz eiten diesen Versuchungen unterlegen sind." krr Denchterstatter hat also wohl etwas von der Not der Juden in ihren Heimatländern gehört, aber trotzdem sind sie für ihn nur nach D-eustchland gekormnen. um hier Geschäfte zu machen. Von den ostjüdischen Arbeitern im -Ruhrgebiet. den ^ostjü ducken Landsrbeitcrn in der Uckermark, den ostjüdischen Schuhmachern und kchrwidern in den Städten hat er nichts gehört. Aber selbstverständlich ist c§ für ihn, daß „die Ostjuden" durch Bestechung von Beamten die Grenze überschritten haben. Um diese Behauptungen zu erhärten, bringt der Berichterstatter eine Anmerkung, die hier wörtlich wiedergogeben rocrden soll, weil sie charakteristisch für die leichtfertige Art ist, in der hier mrt Zahlen operiert wird, die langst als falsch widerlegt sind: „Nach der Denkschrift des Neichsminiitcckums des Innern an den Reichstag aus dem Jahre 1922 (Reichsdruckst6)e Nr. 4GS1, I. Wahlperiode 3920/22) sind in den Jahren 1918—3920 mindestes COOOö Ostjuden nach Deutschland gekornmen. Für das Jahr 1923 wurde von fachvorstmrdiger Seite ihre Gesamtzahl in Derttsihland auf 400000 an- Hec^'bcn, von denen mit Beginn der WAirrrnasstabilifferung ein sehr erheblicher Teil indessen dem sinkenden Franken, nach, hauptsächlich in der Richtung nach Belgien und Frankreich (etwa 3(0(00) und nach Aebersee (ottvo 90 600) wciterzogcn. In Berücksichtigung der häufigen Wwderei irre ist n und des nie m:fhörorrden Zuflusses aus dem Osten dürfte die Zahl von onnäl-:rnd 100 000 jetzt (1920) irr Deutschland besirck>lichcr Ostjeden die richtige sein. Tie Zahl der titwriötmclbct rar Jahre 1020 in Berlin wohncu-den Ost juden wurde damals von polstoiancklicher Seite mit 50- bis 70 00-1 angegeben. Daß der allergrößte Dock dieser Zuwanderung über die grüne Grerrz? oder sonst auf beut Wege des Men scheu schnurggc! s unberechtigt geschieht, ist bekannt/ Demzufolge sind also in dm Fahren 1913 bis 1920 mindestens 60 000 Ostchuden nach Deutschland gekommen, in Berlin allein aber sollen nach einer Auskunft von „polizeicnnilicher Seite" im Jahre 1920 500(30 bis 70000 Ostjud-en sich unangemeldet befunden Huben. Es wird dem Verfasser der Anmerkung schwer fallen, den Beweis für diese polneramtliche Behauptung zu erbringen, denn abgesehen davon, daß sich dann siimttrche, nach der Denkschrift des Raichs- Ministers des Innern gezählten Oftjuden unangemeldet in Berlin befunden haben müssen, wird doch niemand ernsthaft behaupten wollen, das; ein*; so große Zahl Menschen bei den im I a h r e 1 9 2 0 zienilich ft r c ii g durchgef ü h r t e n Nt e l bevor s ch r i f L e n für Ausländer sich u n a n g e m e £ D c t in Berlin c u11)alten konnte. Auf der gleichen Höhe der Sachkenntnis steht auch die Behauptuna. von „sachverständiger" Seide, daß sich int Jahre 192-3 490 000 Ost juden in Deutschland befunden haben. Davon sollen 300 000 nach Frankreich und Belgien' gegangen sein. Nun befinden sich nach Schatzungen der verschiedensten Säuen in Frankreich ungefähr 00 000 Ostjuden, in Belgien nur ein Bruchteil dicker Zahl. Wo sind also die anderen mindestens 225 000 Ostjuden bingekommen? Leben auch sie unangemeldet? Ein weiteres statistisches Kunststück ist die Behauptung. daß sich im Jahre 1926 in Deut'chtand'ungefähr 100000 Ostjuden befanden. Wie sieht diese Feststellung im Lichte des Ergebnisses der im Jahre 1925 stattgefundeueu Volkszählung aus? Ein osfeubar unbefanaener Beurteiler, Negierungsrat Dr. Karl Wagner (Berlin), berichtet darüber in der „Vossischen Zeitung" vom 7, August 1927: . „Ein inmehrfacher Hinsicht recht interessantes Bild ergibt die Entwicklung des jüdischen Vollsteiles. Die Gc'amtzahl der Israeliten ist von 555 000 ans 56-1000 oder um 29 0-00 gestiegen. Das entspricht einer Zunahme um 5,5 Prozent, beträft also mcrttich weniger als die Sesam tbevöt? erungszunahme (8 Prozent). . . . Die Zahlen zeigen aber, daß das Ausmaß der Zuwanderung von Ostjuden bisher osstnbar überschätzt worden ist. Wenn auch bekannt war, daß ein Teil der osisüdischen Einwanderer über die westlichen Grenzen. Deutschlands wertergewandert ist, so ist doll) die im Eudck'ekt auf tllechnung der Zuwcmderung zu setzende Vorstärkirng des füdi'chen Doltstcrls unerwartet niedrig. Bei der Bcurtcilung dicker Frage wird übrigens vielfach übersehen, daß die jüdischen Zuwo.irdcrer nich: nur aus Polen. Rußland und „Galizien/, sondern vor allem Wohl auch aus den abgeirctenen Ostvrovinzcn des Deutschen Nciches stimmen, die, wie bereits erwähnt, auch im übrigen das Hmlpt'ontingent der außeroidenllichen Zuwandeounü der Back kr ckgZ sichre stellten. Im Verhält rots zur (vesruntbevölkerung haben die Juden ihren für 1910 fest ge stellten Anteil von 0.9 Prozent ungefähr behauptet.'' Ragierungsrat Wagner stellt mit Neckst fest, daß ein Teil der jüdischen Zuwau derer aus den abgetretenen Gebieten stammt, daß cs sich also hier um Deutsche handelt, die ans ihrer Liebe zum Deutschtum ihre alte Heimat verlassen haben; oder zählt Herr Dr. Kundt auch d i e sie Pioniere des Deutschtums im Osten zu den eingewanderten O st juden? Den Hauptteil dieses Berichts — zwei volle Druckseiten — widmet bei- Berichterstatter den sogenannten Menschenschnmqgest Prozessen, die in den Jahren 1923 und 1924 in Qberschlesieir statt, gesunden haben, offenbar von dem Wahn befangen, daß der größte Teil der von ihm gezählten 400 000 Juden dank dieses Schmuggels über die Grenze gekonrmen ist. Diese Behauptung entkräften am besten die Ausführungen, die Dr. Paul Nathan in diesen Blättern (Nr. 9 vom 2Z. Februar 1924) zur Frage des Menschenschmuggeks machte: „Vor mir liegt ein Aktenstück, aus dein hervorgeht, daß bereits im Srvtember 1922 — also über fünfviertel IW,re vor dem Prozeß — die Polizei m ShnitTjen auf diesen Mer.'chensch muggel hrmzcwiesen worden ist. Von wem? Eüoa von Au ED rasten oder etwa imx dem Herrn Abgeordneten Ztegenborn? — O, nein! Wohl aber voir der Zweigstelle des Arbcitersürsorgoamtcs der jüdischen Organismionrn Dentschlarrds in Deuthen: c4]o deutsche Juden haben die deutschen Behörden auf diese Gcfehesverletzungen aufmerksam gemocht. Die dcutsitzcn Juden verlangen von den Behörden, daß man Juden wie jeden Menschen hmnan behandelt, aber sie fühlen sich zugleich verpflichtet, auf Gcsctzesvcrletzurdgen mit dem Finger nachdrücklich binzuweisorr, gleichviel, wer die Ileoertretungen begeht, ob Juden oder Christen/ Hieraus ergibt sich, daß es gerade jüdische Stellen waren, die die Behorderr zum Einschreiten gegen die Grenzschinuggler veranlaßt haben. Aber vielleicht ist Herr Dr. Nathan für Herrn Dr. Kundt nicht maßgeblich genug. Wir wollen also die Meinung der in den Mcnschenschmuggelprozessen die Anklage vertretenden Staatsanwaltschaft hören. In der Anklageschrift IV I 1092/23 findet sich folgender Absatz: . 4 „Es fei im übrigen hierbei erwähnt, baß aus den Angaben de8 Zeugen Krcritzbcrger <Geschästssührcr der Jüdischen ^lrlxitsfürforge Beuchen) ckwrxiudfroi hervorgcbt. d<lß bis Jüdische Ackx'ckerfürsorgrstelle in L^uthcn ii\ O bc r sacke sie n sich ständig bemüht hat. den Llleu-scheuschnuigglorn ihr Handwwrk zu legen. Sie hat nicht nur die Oberbchörd-.'n ständig auf dem Lausenden über bas Nrnvescu der Bst'nscheustll>umgglor gehalten, sonderrr auch der örtlichen Polizei in Berckch'n mchrsach Fingerzeige gegeben, die zur Ergreifung von Menschen Schmugglern geführt hätten, wenn nicht, loas bas Verfahren 9.1.907/23 der Staatscnnvaltfchaft gegen Lcrlms und Genossen ergeben hat, ein Teil der Deutlwner Kriminaivolizei mit den Menschenschmugglern insofern gemeinsame Sacke geumckt hätte, als sie gegen Entgelt über das Treiben der M e ich che n sitz rungg le r himvegsakzcn/ Was aber die Zahl der so über die Grenze geschmuggelten Personen betrisst, die ja nach Meinung des Dr. 5stmdt in die Hundert« tauscrrde geht, finden wir in der Antwort, die der Herr Reichsminister des Jrznern auf eine Anfrage dem Llbgeordnekcn Graes (Thüringen) rn dieser Sackw erteilt hat, und die wir der „Deutschen Tageszeitrmg^ vom 7. März 1927 entucchmeu: Es i[t richtig, daß an der peinisll -schlesischcn Grenze bis etwa Mitte ver-gongenen Jahres eine ziemlich starke ost-jüdische Einwande»

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