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Central-Verein-Zeitung · 1927-09-02 · 35 (2.9.1927) · p. Seite 498

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
35 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
Seite 498 (sequence 2)
Language
German
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m auf diese Behauptungen emzugehen, und dieses Machwerk, eines Mannes zu erwähnen, der stolz darauf ist aus -dem „Dawes" das Akrostichon „Deutsche Arbeiter werden elende Sklaven" herausgelesen Zu haben, wenn es sich nicht um einen ordentlichen Professor an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg handelte. Dieser Mann wagt zu behaupten: „nach jüdischer^Auffassung gelte die Arbeit als Much", „das ist der Händlergeist, der heute noch das Judentum beherrscht und der es erklärt, daß man unter Handwerkern und Arbeitern kaum jemals einenJuden findet". Ter geniale Max Weber war es, der in feinen grundlegenden Aufsätzen zur Religionsfoziologie zuerst auf die engen Beziehungen zwischen Religion und Wirtschastsausfaffung hingewiesen hat. Wie Luther es war, der in dem Beruf des Menschen seine göttliche Berufung erblickte, so hat von allen antiken sprachen, wie Weber nachweist, nur diehebräifche Ausdrücke ähnlicher Färbung. „Wenn du die Mühe deiner Hände genießest, heil dir und wohl dir", heißt es im 128. Psalm. Aus Hunderten von ähnlichen Aussprüchen ließe sich Nachweisen, welcher Wertschätzung sich die körperliche Arbeit schon im alten Judentum erfreut hat, das in dieser Auffassung durchaus im Gegensatz zu den antiken Hellenen und Römern stand. Viele berühmte jüdische Männer waren Handwerker. So war ein Rabbi Josua Nadelschmied, Rabbi Jochanaan Schuster, Rabbi Jsaac Schmied, und die von ihnen überlieferten Sprüche beweisen immer wieder, welche Bedeutung sie dem Handwerk beimaßen. „Wer seinen 'Lohn kein Gewerbe erlernen läßt, hat ihn gleichsam zum Räuber erzogen", heißt es in den Kiödusclrin. Wie Georg Caro in seiner „Soziat- und Wirtschaftsgeschichte der Juden" nachweist, waren die Juden noch im späteren Mittelalter in vielen Handwerken geradezu führend. So waren in Süditalien die Färberei, in Griechenland die Seidenweberei und in Thrus die Glasbläserei spezifisch jüdische Gewerbe. In der großen Synagoge zu Alexandria liattc jedes Gewerbe seine besonderen Plätze: Gold- und Silberarbeiter, Nagel-, Nadel-, Hufschmiede und Weber saßen getrennt voneinander. Im Westgotenreiche besaßen die Juden Grundeigentum und übten solchen Einfluß im Ackerbau aus, daß König Erwig den Juden durch einen besonderen Erlaß verbieten mußte, an Sonntagen irgendwelche Landarbeit zu treiben oder Wolle zu spinnen. Noch zur Stauferzeit konnten die Juden an gewerblicher Tätigkeit nicht gehindert werden. Das Zunftwesen war aerade in der Entstehung begriffen, und erst als die Zünfte das Handwerk monopolisiert hatten, schloß man die Juden von ihm aus. Wir wollen hier keine jüdische Wirtschaftsgeschichte schreiben, aber es verlohnt sich doch, einmal darauf hinzmoeisen, daß es nicht Schuld der Juden war, wenn sie dann gezwungen wurden, sich vom Ackerbau und Handwerk aözuwenden und nur Handelsgeschäfte zu treiben. Niemals aber hat die hohe Schätzung, die die Juden dem Handwerk entgegengebracht haben, aufgehört. Auch heute noch oder heute wieder spielt das Handwerk im Erwerbsleben der Juden eine bedeutende Rolle. In Rußland nnd Polen stellen die jüdischen Handwerker noch heute das größte Kontingent unter allen jüdischen ErwerbstreibenLen, in New Jork sind fast 70 Prozent von der über eine Million zählenden Bevölkerung im Handwerk und verwandten Bernsen befchästigt. Aber a u ch i n Deutschland hat sich das Handwerk unter den Juden, nachdem die Ehettomauern gefallen waren, mehr und mehr verbreitet. Schon 1813 wurde in Berlin der erste „Verein zur Förderung des Handlvcrks unter den Juden" gegründet, dem die besten Männer des Judentums angehörten; ihm folgte eine Reihe anderer ähnlicher Vereine nach, die segensreich gewirkt haben. Wie Jakob S eg all in seinem bekannten Buche „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Inden in Deutschland" nachweist, gab es im Jahre 1907 ungefähr 90 000 Juden, die im Handrverk ihre Nahrung fanden, die Zahl der jüdischen Handwerker allein betrug damals 40 900; von ihnen waren 17108 selbständig. Aehnliche Ziffern über die Ergebnisse der letzten großen Berufs- und Betriebszählung vom 10. Juni 192ö liegen nicht vor, da jede konfessionelle jlnlerscheidung bei dieser Zahlung vermieden wurde. Der volkswlrtschaftliche Ausschuß des Reichstages hat noch unmittelbar vor den Sommerserien des deutschen Parlaments beschlossen, diese Berufs- und Betriebszählung so schnell wie möglich zu wiederholen. Man sollte sich deshalb in unseren Kreisen überlegen, ob es sich nicht empfehlen würde, zu beantragen, daß bei der nächsten derartigen Zählung doch wieder konfessionelle Erhebungen mit veranstaltet werden, damit man auch in jüdischen Kreisen eine Uebersicht über die Gestaltung der Erwerbstätigkeit der Juden selbst und damit auch der jüdischen Handwerker erhielte. Es ist merkwürdig, daß wir auch in jüdischen Kreisen besonders so viel Unkenntnis über die Bedeutung des jüdischen Handwerks finden. Allein in Berlin gibt es mindestens 4000 Handwerker in allen Zweigen. Die Leipziger jüdische Gemeinde z. B., die ungefähr 20 000 Köpfe zählt, hat 6 0 0 bis 700 Handwerker aller Berufszweige, von den 150 selbständigen Betrieben sind dort die meisten Kürschnereien, was in der Weltstadt des Pelzwareu- Handels nicht weiter verwunderlich ist. Aehnliche Zahlen liegen aus den anderen deutschen Großstädten vor. Das jüdische Handwerk steht Überalldur ch aus auf der Höhe und hat sich seit Jahren eine sehr rührige Organisation in dem .Lentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands" geschaffen, der 1908 gegründet, bereits 19 Ortsgruppen besitzt, von denen allein der Berliner jüdische Handwerkerverein mehr als 600 Mitglieder zählt. Der jüdische M i t t e l st a n d — darauf wurde schon vor längerer Zeit an dieser Stelle -hingewiesen — ist von der Neugestaltung der deutschen Wirtschaft vielleicht stärker bedroht als der christliche Mittelstand. Biele Existenzen sind zu völliger Umstellung genötigt, und die jüdische Jugend steht vor der schicksalsschweren Frage der Berufswahl. Dabei kommt -dem jüdischen Handwerk in diesem Augenblick eine Bedeutung zu, wie es sie in Deutschland noch nicht gehabt hat, um so mehr, als es, wie die Führer des jüdischen Handwerks mit Recht betonen, Möglichkeiten besitzt, die noch gar nicht ausgenutzt sind. Dem Handwerksmeister ist es heute vielfach noch leichter, sich zu ernähren, als dem Kleingewerbetreibenden und dem Kaufmann. Das Handwerk, das so oft totgesagt wurde, hat immer wieder neue E n t w i ck l u n g s m ö g l i ch - leiten gefunden, und wenn auch mancher Handwerkszweig eingeganaen ist, so sind dafür andere, bedingt durch die Veränderung der Technik, entstanden. In der Bau-Wirtschaft' besonders fehlt es an jüdischen Handwerkern, während andere Branchen, z. B. das Schneiderhandwerk, üBerfüHt sind. Tie jüdischen Handwerker beabsichtigen eine Zentralaröeitsvermittlungsstelle einzurichten, und sie treten dafür ein, die im Jahre 1924 gegründete Jüdrsche Darlehnskasse G. m. b. H., Berlin, wesentlich zu erweitern, um auf diese Weise den zusammengebrochenen Existenzen eine produktive Hilfe zu ermöglichen. Mit Recht weisen sie darauf hin. daß es im Allgemeininteresse liegt, statt Atmosenempfängern produktive Arbeiten zu schaffen. Für die Erhaltung des jüdischen Mittelstandes ist jetzt das Schicksal des jüdischen Handwerks von größter Bedeutung geworden. Sie wollen üas Elenö nicht sehen . . « Als Tageszeitung „für Volkskrast und Ständefricden" bezeichnet sich „Der Jungdeutsche', das Blatt des .Jungdeutschen Ordens. Wie paßt es aber zu diesem Ziel, wenn wir in einem Feuilleton dieses Blattes „Wir oder die anderen" lesen müssen: „Wißt Ihr, wieviel Inden »stempeln' — In der deutschen RepublikV Der anonyme Verfasser gibt die Antwort: „Ich will es Euch sagen: gar keiner!" Ein solches lUafj von Unwissenheit ist bei einem Mann, der ein richtiges Deutsch in einer Tageszeitung schreibt, nicht vorauszusetzen, es ist auch nicht vorauszusetzen, daß er diese Behauptung gutgläubig aufstellen konnte. Es kann also nur die Absicht politischer Hetze die Triebkraft dieser Aeußerung gewesen sein. Ter Verfasser dieses Feuilletons hätte sich bei einer verantwortungsvollen Schreibweise ohne Mühe von dem ungeheuren Elend überzeugen können, das in den dem früheren Mittelstand augehörenden Kreisen und in den großen Schichten des jüdischen Großstadtproletariats herrscht, ein Elend, das noch dadurch gesteigert wird, daß eine Reihe von Großbetrieben jüdische Arbeitnehmer gar nicht, oder nur ungern ein stellt. Der Autor des Feuilletons nennt sich „Loli". Es ist denkbar, daß in den neudcutschen Kreisen der Name „Loki" des häßlichen Beigeschmacks entkleidet ist, den er für uns aus unserer Schulzeit her besitzt: Loki, der falsche trügerische Gott, der dem blinden Hödur die Hand lenkt, uur Baldur zu töten. Auch hier in diesem Feuilleton das gleiche Bild: „dem ewig Blinden" wird von einem, der im Hinterhalt bleibt, der Sin:: gegen einen dritten Schuldlosen gelenkt.

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