Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 35 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- Seite 497 (sequence 1)
- Language
- German
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/ Berlin, 2. September 1927 Einzelnummer 10 Bverrrrlg. Gierteljahröaborrnement 1,20 MM. (au^üsv. Bestellgeld). Verlag u. Cchriftleitung: Berlin SW 68, ßinbenftr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff Z594, 8585. Postscheckkonto: Berlin 80472. Bankkonto: Dresdner Dank, Wechselstube 6, Berlin 8W 68, Lindenstr. 7, und von Soldschmidi>N.otbschild öa Co., Berlin W 8. - m v rr * Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen.Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. AnzUgenpreise: 0,90 JIM für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mo>!e» Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 JIM, die 90 mm breite Neklamezeue J^M. (r *x 5* Bll KU ty ■ksji-U-Ly /vv l/v V 4/4 4^-'S 5-J 4 Die deutsche Wirtschaftsgeschichte der letzten Zeit ist charakterisiert durch das entstehen der Riesenorganifationen. Es scheint so, als ob der Kapitalismus noch einmal gigantische Anstrengungen macht, um in neuen grandiosen Formen seinen letzten Trumpf auszuspielen. Private Trusts und Konzerne umfassen die ganze Wirtschaft. Der einzelne ist nichts, das Ganze dagegen alles. ~ Wo früher eine buntscheckige Vielheit bestand, herrscht heute die Macht eines einzigen Organismus. Daneben sind in den letzten Jahren die riesigen staatlichen Wirts'chaftsoetriebe entstanden, die den Gedanken der Sozialisierung viel schneller verwirklicht haben, als er je nach der Revolution Aussicht auf Erfolg zu haben schien. Die Ausführenden aber: Arbeiter und Angestellte, sind in Verbänden und Gewerkschaften zusammengeschlosien, die jeden Wirtschastsbetrieb ourchdringen. Ter Macht der wenigen Konzernleiter stehen heute die Millionen Arbeitnehmerbataillone gegenüber, die als gemeinsames. Ziel die Mitbestimmung im Wirtschafts- E)zeß zu erreichen suchen. Ter Kartellmagnat und der Werkschaftsführer stehen so am Steuer der Wirtschaft. Gibt es zwischen diesen beiden Polen nichts? Keine Mittelschicht? Noch ist sie da, und wenn sie nicht da wäre, müßte sie gebildet werden. Denn der Mittelstand ist der Nährboden der deutschen Kultur. Aber, wie keine andere Schicht vom Kriege und der Inflation entthront, beginnt er erst;etzt sich zu regen und seine Existenzberechtigung zu beweisen. Vor wenigen Monaten fand in Berlin eine Kundgebung des Res ch s a u s sch u sse s der deutschen Mittelschicht statt, der vom Neichsverband des deutschen Handwerks, vom Reichsschutzverband für Handel und Gewerbe, von der Hausgemeinschaft des deutschen Einzelhandels, vom Zentralverband deutscher Haus- und Grundbesitzer- Vereine und schließlich vom Schutzkartell deutscher Geistesarbeiter gegründet worden ist. Handwerker, Bauern, Gewerbetreibende und schließlich die Geistesarbeiter waren znsammengekommen, um zum Kampf gegen die U ober macht der Konzerne und Staatsbetriebe aufznrusen. „Uns verbindet die Erkenntnis/ so behauptete der frühere nationalliberale Reichstagsabgeorduete Dr. Otto E v e r l i n g, der Präsident des SHutzkartells deutscher Geistesarl>eiter, „die herbe Erkenntnis, daß der gewerbliche Mittelstand m i t den Trägern der aeLstigen Arbeit eine Schicksalsyemeinschaft bildet, weil sie beide durch Dermogensverlust, durch. Einkomnrensvermiuderung und durch Konsumeinschränkung tief geschädigt und teilweise ganz verarmt sind/ Noch hat man von dem Ergebnis der Gründung dieses Keichsausschusses der deutschen Mittelschicht, der politisch streng neutral zu sein versprach, nichts gehört, da tritt m diesen Lagen ein-e neue Reichsgemeinschaft der Handel- und Gewerbetreibenden, der Kleinindustriellen und der freien Berufe auf den Plan in der Absicht, „den Berufsparlamenten der Großindustrie, des Erotzagrariertums, der Hochfinanz und der Banken sowie des Grundbesitzertums ein mindestens ebenbürtiges Machtinstrument des großen gewerblichen MiUelftandes an die Seite zu stellen". Die Tendenz dieser neuen Arbeitsgemeinschaft ist noch nicht bekannt: zu den Männern, die in der Kundgebung des Reichsausschusses ihr Programm entwickelten, gehören manche, die vorher den jüdischen Deutschen nicht gerade freundlich gesinnt waren, und deren Mittelstandspolitik darin bestand, in reaktionärer Weise jede wirtschaftliche Entwicklung zu bekämpfen und überall „jüdische Intrigen/ zu wittern. Wenn aber eine Gruppe in Deutschland an der Erhaltung dieses Mittelstandes interessiert ist, dann ist es die der deutschen Juden, die ihm zu Tausenden und aber Tausenden angehören: all die vielen kleinen und großen Kaufleute aller Art, die Angehörigen des geistigen Mittelstandes und nicht zuletzt die Tausende von jüdischen Handwerkern. Sie müssen, um ihre Existenz zu erhalten, nach wirtschaftlichem Erfolg streben, sie müssen die Möglichkeit haben, zu sparen, um damit die Gefahr der Proletarisierung, aber auch die Gefahr, von den Konzernen verschlungen und ein Rad im Niesengetriebe zu werden, von sich abzuwend-en. Der Kamps um die individualistische Wirtschaftsführung, der Kampf gegen die Großbetriebe wird also christlichen und jüdischen Mittelstand stets in einer Front-finden. Die Großbetriebe werden aber von Prof. Dr.-Jng. M. Kloß in einer Schrift*) „Der sittliche Gehalt der Arbeit und die Entsittlichung der deutschen Arbeit durch M a r x i s m n s , V e r s a i l l e s und Dawes" für unsittlich erklärt: sie sind ihm natürlich ebenso wie die Weltwirtschaft eine „jüdische Erfindung". Es würde sich wirklich nicht lohnen, an dieser Stelle noch einmal *) Langensalza, Hermann Bcl)cr u. Söhne, 1926. r i i i r L 23 L Mädchenhandel - Menschenjckmuggel - Ostjudenfrage. - Henry Fords Enischuldi'gungöschrcibcri an die Juden. - Dr. Josef Well (Karlsruhe): Von völkischer Arbci! in Laden. - Dr.Frih Seifler (Vlcllh): Neue Vorgänge itn polnischen juktt* tum. - Rabbiner Dr. Hahn (Essen): Katholische Zcilsragcn.