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Central-Verein-Zeitung · 1927-07-08 · 27 (8.7.1927) · p. Seite 386

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
27 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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Die Antwort öee amerikanischen Negierung in der „bLebre^^Angelegenheit. Wie an dieser Stelle wiederholt berichtet worden ist, hat der Centralverein seit langem Schritte getan, um zu erreichen, daß die angebliche Verpflichtung auf den Fragebogen der amerikanischen Ernwanderungs» behörden, jüdische Deutsche haben sich in der Spalte „Rasse" oder „Volk" des Fragebogens mit „H e b r ä e r" (Hebrew) einzutragen, beseitigt wird. Im Verlauf dieses Vorgehens ist auch, wie ebenfalls hier mitgeteilt wurde, der Syndikus des Centralvereins, Herr Dr. Alfred Wiener, gemeinsam mit führenden Persönlichkeiten der Hamburg-Amerika-Linie und des Norddeutschen Lloyd von dem Botschafter der Bereinigten Staaten von. Nordamerika, Herrn Shurman, zu einer längeren Aussprache empfangen worden. Nunmehr hat der amerikanische Generalkonsul in Berlin dem Eentralverein das folgende Schreiben zugehen lassen: „In bezug auf Ihre Beschwerde gegen die Anwendung des Ausdrucks „Üebron" im Zusammenhang mit den von den Passagieren auszufüllenden Fragebogen teile ich Ihnen ergebenst mit, daß das Staatsdepartement das hiesige Generalkonsulat anweist, angezogene Beschwerde sei eine An gelegen heit, die von der deutschen Negierung durch den Botschafter in Washington vorzulegen ist. Ich stelle Ihnen daher anheim, sich an die Deutsche Negierung zur weiteren Veranlassung 31t luenben. Hochachtungsvoll Für den Generalkonsul, gez. A. W. K l i e f 0 t h, amerikanischer Konsul. Der Ceutralverein hat bereits entsprechende Schritte bei den zuständigen deutschen Stellen vorbereitet. Das Schächtverbot in Norwegen abgelehnt. Wie soeben bekannt wird, hat der norwegische Reichstag (Störung) mit 56 gegen 48 Stimmen beschlossen, die Frage eines Echächtverbotes nicht weiter zu behandeln. Damit ist die Gefahr des Schächtverbotes für Norwegen vorläufig beseitigt. handelt, die Stärke des eigentümlichen Nähegefühls zu begründen, in welchem wir deutsche Juden Zueinander stehen. Wir sind wenige, und unsere Geringzahligkeit rückt uns einander vor allem auch darum so nahe, weil wir viel früher als andere infolge Berns und Lebensschicksal aufgehört haben, den engbegrenzten Kreis von Stadt oder Gau, wo wir geboren wurden und unsere Kinderjahre verlebten, als die Hennstäite unseres ganzen Daseins zu sehen. Wir sind schliesslich Zumeist in der Großstadt gelandet; und bevor uns dieses Los traf, wurden wir dahin und dorthin verschlagen, oder nachdem wir endlich für unseren Lebensrest sesshaft geworden, werden so viele von uns durch die Art ihres Erwerbes hin und her geschleudert, daß die Gesamtheit des Staats- und Wirtschaftsgebietes als die eigentliche Heimat empfunden wird. Drese Tatsache wirkt sich in. allgemein-politischer Hinsicht dahin aus, daß wir Juden viel ferner als die Masse der anderen von regionaler Sentimentalität, mit Kopf und Herz Unitarier sind. In der österreich-ungarischen Monarchie waren um Beispiel die Juden bis Zuletzt nicht nur die treuesten, ondern wahrscheinlich die einzigen treuen Untertanen des Kaisers und Königs in Wien, der ihnen das Symbol staatlich Vaterländischer Einheit und Ganzheit war. In innerjüdischcr Beziehung aber bedeutet sie, dass wir, an sich und absolut geringzählig und noch dazu durcheinanderwirbclt und unaufhörlich in Berührung tretend mit unseren Glaubensgenossen aller Windrichtungen, doch so etwas Aehnliches bilden, wenigstens in deutschen Landen, wie eine einzige, massig grosse Stadt. Ja. wir Juden, zu fünf Sechsteln über ein paar Dutzend deutsche Großstädte zerstreut, haben in der Art und Weise, wie wir unsere innerjüdischen Geschäfte besorgen, viel von dem an sich, was den Typ des kleinstädtischen Bürgers bestimmt. Und der angeblich weltumspannende Internationalismus schrumpft bei Hellem Licht besehen, oft in ausgesprochene K rähwinkelei zusammen. Krähwinkelei ist ein pseudo-öffentliches Leben, dem die wahre Weite, die von Persönlichkeitsgefühlen freie und darum so fruchtbare Anonymität echter Sachgesinnung fehlt. Das Nähegefühl kann die altruistischen Instinkte im Menschen zu höchster wohltätiger, schlagkräftiger Wirksamkeit anfeuern; und wer wollte das goldene jüdische Herz leugnen, dessen Wärmestrahlen noch den Uebervetter fünften Grades umfangen! Die stete Nähe kann aber auch — und das eine schließt das andere nicht aus — die Folge zeitigen, daß die Nächstenliebe die schwierigste Liebe wird, und die Enge der Verwandtschaft, des zwangs-schicksalsmäßig geschlossenen Freundes- und Bekanntenkreises sich ungefähr so geltend macht wie in den alten Zeiten der Segelschiffahrt die seelische Atmosphäre innerhalb einer Schiffsmannschaft, die, — viele Monate lang genötigt, Stunde um Stunde dieselben Gesichter zu sehen — von solcher Reizbarkeit befallen ward, dass eilt Reisegenvsse den andern nicht mehr „riechen" konnte. Das Bild ist eine große Uebertreibung, aber gewiß nur Uebertreibung eines wirklichen Kerns. Weil wir so wenige sind, hinter denen nichts von dem steht, was eine Masse ist und die Resonanz einer wirklichen Oesfentlichkeit, weil — und das ist die Hauptsache — aus unserer kleinen jüdischen Gemeinschaft noch die meisten sich von aktiver Anteilnahme an jüdischer Arbeit und jüdischen Sorgen ausschließeu, weil uns der breite Boden mütterlichen Neulandes fehlt, aus dem das Wunder der Geburt immer neue Kräfte aus Licht der Welt trägt, empfinden wir als die eigentliche Signatur unseres jüdischen Lebens oft eine geradezu beängstigende Enge. Wir haben Verbände, Vereine, Organisationen, Arbeitsgemeinschaften, Parteien in unerhörter Fülle. Die meisten räumlich einander benachbart und durch Personalunion der Leitung und auch der Mitglieder faktisch identische Grössen, unterscheiden sich voneiliander nur durch ausgetüstelte Ni'rancierungen ihrer Programme und natürlich durch die da und dort erhobenen Mitgliederbeiträge. Alts keinem Gebiet sind wir gründlicher eingedeutscht als auf dem des Vereinslebens. Zwar ist ein unverhältnismäßig grosser Teil dieses „Lebens" reiner Leerlauf; denn schließlich ist der Mensch doch nicht nur Vereinsmitglied. Aber daß es gerade die Eigentümlichkeit eines kleinen Kreises ausmacht, in dem einer den andern täglich sieht und kennt, noch dazu eines Kreises höchst lebendiger, geistig, regsamer Menschen, immer tiefer in den Möglichkeiten organisatorischer und vorgeblich kultureller und sozialer Differenzierungen sich hineinzubohren, da wir — kritisch, wie wir sind — selbstbewußt und optimistischen Glaubens an die eigene beffere Fähigkeit, uns nie zufrieden geben, sind wir geneigt, immer aufs neue Programme, Ziele, Richtlinien,- Tendenzparagraphen aufzustellen, die zumeist nur den Fehler haben, zu ihrer Verwirklichung wohl einen Eeneralstab, aber keine in Reih und Glied marschierenden und gehorchenden Soldaten zn finden. Es ist der Fluch der Enge gesellschaftlichen Lebens, daß sie den Menschen verlernen läßt, zwischen persönlichsten Interessen — als da vor allem sind Eitelkeit, Großmannssucht, die Begier, um jeden Preis, sei es selbst im schmälsten Bezirk, eine Rolle zu spielen — und echter Sache klar und scharf zu unterscheiden. Mau hat uns als besonderen Fehler Eitelkeit und Rechthaberei nachgesagt. Ich glaube, mit Grund. Welch furchtbaren Schaden diese Untugenden in iiit[erem Gemeiuschafts- und nicht zum wenigsten in nuferem Gemeindeleben anrichten., das weiß jeder, der Gelegenheit hatte, mit einigem Verständnis für Menschen und ihre Motive sich in der jüdischen Welt mnzutun. Wenn es heutigentags leichter ist, im jugendlichen Alter deutscher Reichskanzler zu werden als in Kobyta-Gura Rcpräseutantenvorsteher-Stellvertreter, wenn nur vor allem das strenge Prinzip der Anciennität in der Besetzung von Gemeindeehreuämtern Hochhalten, so liegt das allein daran, dass es ja keinen Tüchtigsten unter uns gibt, sondern sich jeder für den Tüchtigsten hält. Auf das Leben unserer „großen" Parteien — von denen kaum eine viel mehr Wähler auf die Beine gebracht hat als die kleinste Partei im braunschlveigischen oder oldeuburgischcn Landtag --- färbt Kobola-Gura sehr ab. Aber würden wir hier in unmittelbare Lebensnahe rücken, so möchte leicht aus unseren Ausführungen eine spezielle Polemik werden, und die ist nicht beabsichtigt. In diesen Blättern ist von führender Seite des öfteren der Versuch gemacht worden, eine Art Burgfrieden durch Entgiftung der Kampfesweise im jüdischen öffentlichen Leben hcrbeizusühreu. Das beste Mittel zur Reinigung unserer jüdischen Oesfentlichkeit scheint nur das zu sein, überhaupt ci'jt einmal eine jüdische Oesfentlichkeit zu schassen. Solange wir nichts anderes sind als ein Gemenge von Grüpochen und Parteichen und Splitterchen, solange wir nicht eine Distanz von Personen Gemimten, um uns den Dingen, den wirklichen jüdischen Sachen, zu nähern, solange scheint mir eine FriedenZmahnnng aussichtslos, aus dem einfachen

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