Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 24 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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340 ri flüssig und gleichgültig wurde,' weil bereits Errungenes bloß noch gesichert, feierlich Verbrieftes bloß erhalten und bewahrt werden muß? Es war folgerichtig — nein, es war unumgänglich, daß Raphael Löwenfelds Flugschrift, die zur Gründung des C. V. den Anstoß gab, bewußt oder ahnungslos daran anknüpfte. Unter ihren, Leitsätzen, die begründeten, weshalb die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht wieder zu Schutzjuden herabsinken sollten, sticht die Versicherung hervor: Wir stehen fest auf dem Boden der deutschen Nationalität. Eugen Fuchs aber, den man neuerlich mit solcher Vorliebe (wogegen sich der Tote nicht wehren kann) als den Klassiker der C. V.-Jdee anrust, wenn es nämlich gilt, die Epigonen von heute zu beschämen — Engen Fuchs fügt 1895 (also noch zwei Jahre vor dem ersten Baseler Kongreß) jenem Satze den eindeutigen Kommentar an: Wir sind nicht zionistisch! So anerkennenswert Stolz und Selbstbewußtsein sein mögen, welche der zionistischen Bewegung ihren Hintergrund geben, so fehlerhaft erscheint die Grundanschauung dieser Partei. Es bleibt dabei, jedenfalls geschichtlich hat es hiermit sein Bewenden: von je war die unbeirrte Pflege deutscher Gesinnung, wie sie alsbald der Tendenzparagraph festlegte, ohne Vorbehalt und Abschwächung in unserer Bewegung gegeben. Sie lieferte ihr die seelische Unterlage, aus der sie ihren Bau errichtete. Dessen aufstrebende Festigkeit hing von der unerschütterlichen Tragfähigkeit des Grundsteines ab. Ruhte dieser nicht von vornherein in den Tiefen unserer Brust, so hätten ihn die Schläge des Gegners, der ans uns dreinschlug, zurechthauen und einhämmern müssen. Es steht nun einmal so—ob man es will oder nicht, ob es peinlich empfunden oder als sachlich erfordert hingenommen wird — es steht nun einmal so, daß jeder Kampf in Verteidigungsstellung das Gesetz seines Handelns sich mehr oder weniger vom Angreifer diktieren läßt. Er sucht die Angriffsflächen aus, wann und wo sie ihm belicken. Dort, wo er stürmt, muß der Wall erhöht, jeweils über das Bedürfnis der Festungsbewohner hinaus aufgetürrnt werden. Ueberfällt uns der Judenhaß wirtschaftlich, da muß ihm entgegengehalten werden, daß wir keine Ausbeuter, keine Schmarotzer, keine Schädlinge der Gesellschaft sind, daß wir zu ihrer. Entfaltung und Bereicherung Erhebliches beitragen. Verleumdet man uns religiös, da müssen wir aufzeigen, daß unser Gott sich nicht völkisch einschränkt, kein Gefallen hat an Übervorteilung und Unredlichkeit gegen den Fremden. Bricht aber wider uns der G e n e r a l a n g r i f f los — alles andere dient ihm ja nur zur Vorbereitung: der Judenhaß spielt im Grunde bloß die eine Melodie, die jeder sonst angeschlagene Ton nur leichthin abwandelt und untermalt —, holt man also zu der Beschuldigung aus, wir seien wurzellose Fremde, weltenweit von der Hingabe entsernt, die fraglos auf Gedeih und Verderb unsere Zukunft mit diesem Boden verschmilzt, dann sollten wir uns genügen lassen, höchstens formalistisch zu erwidern? Dann sollten wir vorlieb nehmen, gleichsam unsere Geburtsurkunden, unsere Paste herauszuholen, um durch sie den Gegner zu entkräften, der Hetze, mit der er die Masten aufreizt, wirksam zu begegnen? Und kam es leider immer noch nicht zu dem Anerkenntnis, daß die einzige Taufe, die zur Nationalität einige, das gemeinsam vergostene Blut der Schlachtfelder sei. sieht es so aus, als wären unsere Zwölftausend im Weltkrieg umsonst gefallen, da müsten die Lebenden — schon, um ihre Schändung zu verhüten — mit gedoppeltem Eifer für die Gesinnung der Toten zeugen. Sie dürfen sich nicht beikommen lasten, was in ihren Herzen an Verletztheit, Ingrimm und Kümmernis aufquillt, behutsam zu dämpfen, weil eine Verlautbarung von irgend jemand in unserer Mitte falsch bezogen oder verargt werden könnte. Ginge man jetzt dazu über, weil nicht einmal der Beweis der Tat verfing, an der Versicherung des Wortes zu deuteln und zu drehen, die G e s i n n u n g , die bisher warmherzig und blutvoll die Abwehr trug, nüchtern und bläßlich zu verdünnen, welch bessere, eindrucksvollere Unterstützung vermöchte sich der Gegner zu wünschen? Hoffentlich bedarf es keiner Erklärung, daß hiermit nicht blinde Abhängigkeit von seinen Wünschen, von seiner Gnade gebilligt, geschweige denn proklamiert wird. Aber wo er ausnahmsweise im Recht ist, dort bleibt er darin, auch wenn er ' tausendfach der verbohrte, unbelehrbare Feind ist. Stimmt unser Gewissen von sich aus ihm zu, insofern es vor der eigenen Unbestechlichkeit seine Anforderung bejaht, obschon er deren Beherzigung und Verwirklichung durch uns bezweifelt, wgrum sollte nicht der Wahrheit ihre gebührende Ehre widerfahren? Warum sollte aus trotzigem Widerspruche heraus geschwiegen und hinter dein Berge gehalten werden?. I DQ3 MSWT $mü®mge®etz behandelt Ismar Freund in seiner Schrift: Die Ree&tsteltaag der Ssrstsgogesagessaelsa&esa isi Psretisse3i imd die ReicSasvesrSassuaag Preis 3 Mark Philo Verlag und Buchhandlung, Berlin SW 66, Lindensfr. 13 Ganz gleichgültig, ob und was für-" ein Eindruck sich beim Gegner einstellt, benötigt die Abwehr an sich um ihret-, um unsertwillen die entsprechende Gesinnung. Nichts bietet im zeitgenössischen Bereiche der deutschen Judenschaft sich dar, was der hier zu vollbringenden Arbeit vergleichbar wäre an Ausdauer und Wachsamkeit, an Selbstentäußerung und Gutwilligkeit, an Unverzagtheit und Hossnungsstärke. Die Kleinlichkeit, in die sie verstrickt, der gegnerische Durchschnitt, dessen Zähigkeit, Niedrigkeit und Verbohrtheit sich nicht kleinkriegen lassen, Sumpf und Unrat, aus denen die Tücke der feindlichen Giftschwaden braut — alledem ist niemand auf die Länge gewachsen, der sogar an den Sinn der irdischen Dinge, an den schließlichen Triumph des Guten glaubt. Sich fort und fort ohne Ermattung, Verbitterung und Enttäuschung über Mißerfolg und Rückschlag hinauszuschwingen — dazu befähigt allein ein weiterer Krastquell. Man muß das Vertrauen in sich tragen, daß gewißlich die Aufgabe lösbar sei, lösbar dort/wo sie gestellt, wo ihre endgültige Bemeisterung versucht, gewollt und ersehnt wird. Noch keinem Kranken taugte ein Arzt, der ihm Arzneien und Mittelchen verschrieb, an deren Heilkraft er selbst nicht glaubte, zuinnerst davon - durchdrungen, es nütze ausschließlich die dauernde Versetzung unter einen anderen Himmel. So wird man der unentbehri lichen Spannkraft für die Abwehr, die heute und hier zu leisten ist, entraten, sieht man in ihr nur den winzigen Ausschnitt eines Kreises, der sich um einen wert entfernten Mittelpunkt dreht, betrachtet man sie als Teil einer umspannenden!, Frage, deren Beanwortuug höchstens ein anderer Erdteil ermöglicht. Wer etwa sachlich die Gegnerschaft damit erklärt und entlastet, sie sei eine Art Gespenstersurcht, nicht früher; zu beheben, bis unser ruheloser Geist in den Leib eines Volkes; auf eigener Scholle .zurückgebannt fei — wie kann ein solcher ' Betrachter selbst Auswüchsen sich entgegenwerfen? Beim besten Willen, der ihn teilweise zur Verfügung stellt, paßt er nicht in die Bewegung hinein, die nur ganze Herzen und! ganze Seelen brauchen kann. Sie nähert sich ihrem Ziele,! wofern sie kein Zweifel verwirrt, daß der Weg, den sie jetzt! beschreitet, naturgegeben und schrcksalsbestimmt, daß er gottgewollt ist, mit allem und jedem, was zu chm gehört. <! Diese Gewißheit, die erst eine Abwehr möglich und aufrecht macht, die ihr Atem, Puls und Dauer einhaucht, hängt gesinnungsmäßig ebenso wenig von ihr wie vom Judenhaß ab. Weder als Gegensatz von diesem erzeugt, noch von jener als Notbehelf und Zweckmaßnahme geboren, lebt sie in uns als Urtrieb und Grundkraft unserer Seele. Zumindest seit unserer Einbürgerung, die auf Moses Mendelssohns Bildungswerk das staatliche Siegel drückte, wurde dieser starke Wille, diese zarte Liebe zum Deutschtum ein Gemeingut der deutschen Judenschaft. Bis zum Aufflammen des neuzeitlichen Judenhasses, um noch einmal Eugen Fuchs sprechen zu lasten, wußte - man gar nichts anderes, als daß man deutsch denke und fühle, daß man deutsch in Haß und Liebe sei. So wahr eine Neigung nicht dadurch entwertet wird, daß man sie bekennt, eine Ueberzeugung nicht darunter leidet, daß man sie mit - Wort und Ausdruck versieht, so wahr durste die Grün- - düng des E. D., weithin sichtbar, keiner Mißdeutung ausgesetzt, die unbeirrte Pflege deutscher Gesinnung auf ihr Banner schreiben. Die Inschrift gab bloß wieder und sprach aus, was war. Sie stellte nichts hin, was mühsam und künstlich erst zu erwerben, allenfalls was zu erhalten, vor Trübung und Verflachung zu bewahren war. Sie dachte , ebenso wenig daran, es zur Parteisache herabzudrücken und * für sich zu beschlagnahmen. Daß sie nicht mehr als einen vorhandenen Befund umschreibt, der sozusagen eine Herzens¬ und Ehrensache ausmacht, seit langem und bis heute gegeben, für die Allgemeinheit der deutschen Juden gültig, räumen