Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 24 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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33$ laßt, dem deutschen Vaterlande wertvolle Früchte dringen! # Der Widerhall, den unsere Iurrstentagung in Berlin wie im Reiche gesunden hat, ist überaus stark. Er beweist, daß einem von unseren juristischen Freunden empfundenen Bedürfnis Rechnung getragen worden ist. Aus rund 80 Städten. des Reiches liegen gegen 4M Zusagen von bekannten juristischen Persönlichkeiten vor, die einen erfolgreichen Ablauf der Tagung sichern. Alle juristischen Freunde aus dem Reiche, die Mitglieder unseres Vereins sind, find am 18. und 19. Juni bei der Tagung als Gäste willkommen. Wir veröffentlichen nachstehend nochmals die Tagesordnung: Sonnabend, den 16. Juni 1927: 4,10 Uhr: Eröffnung und Begrüßung. Justizrat Tr. Julius Drodnitz. Vorsitzender des Central-Dereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. 4,20 Uhr: Völkifche Rechts- und ^taals- ^ilosophie. Landgerichtsrat Dr. Jacgues Ltern (Berlin). 5,15 Uhx: Entwurf eines Allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuches. Justizrat Dr. Siegfried Lowenstem (Berlin). 6,20 Uhr: Aussprache. 9 Uhr: Bierabend mit Damen im Hotel „Der Kaiferhos" (Wilhelm-, Ecke Zietcnplah). Sonntag, den 19. Juni 1927: Vorm. 9,30 Uhr: Die Stellung der Rechtspflege zu Juden und Judentum. Rechtsanwalt Tr. Erich Eyck (Berlin). Vorm. 10,49 Uhr: Aussprache. Mittagspause von 1 bis 2,30 Uhr. Nachm. 3,40 Uhr: Der politische Prozeß. Rechtsanwalt Tr. Bruno Weil (Berlin). Nachm. 3.40 Uhr: Aussprache. # Das Frankfurter „Jüdische Wochenblatt" veröffentlicht in feiner 'letzten Nummer «inen unseren Juristentag behandelnden Aussatz von Rechtsanwalt Ludwig F o e r d e r (Breslau): „D er Kampf ums R c ch 1.- Der Dorsjude. Zur Frage: „GroWadt oderKleinstadt.« Ter von Georg Hermann in dieser Zeitung aufgeworfenen Frage: Großstädter oder Kleinstädter? ist ein drittes Glied anzufügen: Der Dorfbewohner. Da der Dorsjude immer mehr uuszu sterben droht, weil der Jude ebenso wie der Nichtjude von der iLaugwirkung der Städte erfaßt wird, so mögen einige Bemerkungen cm Platze fein, die nicht etwa die stürmische Entwicklung abschneiden und rückläufig machen können oder wollen, die aber vielleicht doch ein bißchen dazu beitragen, jene wenigen noch nicht von der GroßstadLkrankheit befallenen wertvollen Teile der jüdischen Bevölkerung in ihrer Errmdanschaunng zu stärken und den Unkundigen über Leben und Bedeutung des Dorfjuden aufzuklären. In unserem Kampfe gegen den Judenhaß spielt er eine gar nicht gering zu bewertende Rolle. Das haben unsere Gegner längst erkannt; denn so wie die völkische Bewegung in der Großstadt den Arbeiter, so will sie auf dem Dorfe den Bauern erfassen. Ein einziger Dorfjude vermag unter günstigen Umständen ein ganzes Dorf oder sogar mehrere Dörfer der näheren Umgebung vor der völkischen Flut zu schützen. Das lebendige Beispiel ist die beste Abwehr. Ta jedermann nur über die Erfahrungen berichten kann, die er Mst erlebt hat, so möge man verstehen, daß ich in folgendem etwas persönlich werden muß. Meine ganze Jugend, von der frühesten Kindheit an bis zur Studentenzeit und zum Eintritt in den badischen Staatsdienst, verlebte ich mit kurzen Unterbrechungen auf einem kleinen Dorfe im flachwelligen K r a i ch g a u i n B a d e n. Ich darf also wohl schon als einigermaßen Sachverständiger bei dem angeschnittenen Tcherna mitreden. Mein Vater, der gelernter Schreiner ist und lange Jahre hindurch in einer Dorfscheune hinter der Hobelbank stand, bewies, daß ein jüdischer Handwerker ebenso wie sein christlicher Fachkollege gute, pünktliche und saubere Schreinerarbeit zu fertigen verstehe. Daß in einem Torfe, welches vielleicht noch me einen jüdischen Handwerker gesehen hat. durch ein einziges Beispiel eine vollkommen veränderte Grundanschauung cintreten kann, ist begreiflich. Und in der Tat kamen fast jeden Abend, nach alter Torsfitie, die Nachbarn zur Schreinerscheune, wo bei munteren Reden und Scherzen das Gemeinsamkeitsgefühl sich immer mehr verstärkte und etwa vorhandene kleine Judenfeindschaft tötete. Diese gegenseitige Achtung, ja Liebe, hielt auch dann noch an. als infolge ungeheurer Schaffenskraft, Enthaltsamkeit und Sparsamkeit in der Familie aus der Schroinerscheune eine Möbelfabrik erwuchs, in der zeitweise 150 Arbeiter und Schreiner ihr tägliches Brot verdienten. Und heute noch, so oft mein Vater einem früheren Landsmann begegnet. da strahlen die Gesichter beiderseits in Erinnerung an dieses Feuerwehrfest. an jenes Sängerfest, an die Kirchweih und gar an die eigene oder Die Dorfhochzeit der Altersgenosien. In dieser Hinpcht hat nämlich der Dorfjude mancherlei Verpflichtungen, von denen der Städter nichts weiß. Würde er sich bei den ortsüblichen Festen ausschließen oder gar hochnäsig auf sie herabschauen, dann wäre es aus mit dem Gemeinschaftsgefühl, dann keimte der Judenhaß, zunächst unfichtbar, bis ein günstiger Regen ihn aufschießen läßt. Auch für die Kinder eines solchen Dorsjuden gibt es keine zimperliche. Zurückhaltung. Man geht beispielsweise in die von katholischen Schwestern geleitete Kinderschule, bei Wcihnachtscmfführungen spielt man mit, bei Straßenbalgereien ist man dabei und wird als Sieger des Tages gefeiert, weil man einen um einen ganzen Kopf größeren Jungen eines Nachbardorses durch Prügel zum Weinen und Davonlaufen gebracht hat. Arn Sonntag ist man als Erwachsener auf der Kegelbahn oder beim Kartenspielen in der Wirtschaft, und in jedem Jahre hilft man regelmäßig beim Hopfenzupfen und Tabekeinfädeln bei den Nachbarsleuten. Hat die Nachbarssrau einen Brustkatarrh, so holt sie sich bei S Iudd' s" etwas Gänsefett zum Einreiben, weil dies für solche Fälle in besonders hohem Ansehen steht. (Das Wort „Judd" ist eine tägliche Umgangsbezeichnung und hat in diesem Falle keineswegs den Beigeschmack eines Schimpfwortes.) Durch solche tägliche innige Berührung der Dorfbewohner, die auch die jüdische Familie mit einschließt, ift unseres Erachtens in dem harten Kampf gegen den Judenhaß ein wesentliches Stück Arbeit im stillen geleistet und ein kleines Sternchen beigetragen zur wahren Volksgemeinschaft. Die meisten Juden, die gleich mir auf dem Lande ausgewachsen sind, werden wohl ähnliches erlebt und in sich ausgenommen haben. Daß es auch Ausnahmen gibt, haben nur oben schon angedentet; im allgemeinen aber ist das Ansehen, das der Torfjude genießt, hoch, wobei allerdings die Achtung vor ihm rmd seiner Familie im wesentlichen von der Arbeitstüchtigkeit und Bescheidenheit der Familienmitglieder abhängt. Bubikopf, Lippenstift und Foxtrott stehen bei den Bauern wahrlich nicht allzuhoch im Kurs! Wer möchte wünschen, daß der hier kurz geschilderte Typ von Juden aus sterben soll? Sicherlich niemand! Wer aber ist in der Lage, Mittel anzugeben, dieses Aussterben zu verhindern? Wohl ebenfalls niemand. So wäre also unsere Erinnerung nichts als ein Grabgesang auf den Torsjuden?. Vielleicht aber auch nicht! Wir hoffen dabei auf die allgemeine Bevölkerungsbewegung. Tenn wir sind der festen Meinung, daß die Zusammenballung riesiger Menschenmafien in den Groß- und Weltstädten von einer rückläufigen Bewegung abgelöst werden wird, an der dann sicherlich auch die Juden wieder teilnehmen werden. Ob zu dieser Rückläufigkeit vorher ein „Untergang des Abendlands" notwendig sein wird, wie es Spengler meint, wollen wir dahingestellt sein lafien. Jedenfalls wäre zu wünschen, daß der Klein- und Großstädter dem T-orfjuden jenes Verständnis entgegenbrächte, das seiner kulturellen Bedeutung entspricht. Es hat im Leben noch keinen Juden geschadet, daß er aus dem Torfe stammte. Sowohl was Menschenkenntnis, Menschenschätzung und Achtung vor jeglicher Arbeit betrifft, hat der Dorfjude einen natürlicheren und gerechteren Maßstab. als der Großstadtmensch. Der Torfjude, der sich zum Städter entwickelt, gehört sicher nicht zu jenen Wurzellosen, von denen Georg Hermann sagt, daß „die wenigsten stark genug sind, ihr Verlorenes durch ein Neues zu ersetzen". Die Verbindung mit dem Volkstum ist bei dem selbst zum Großstädter gewordenen Dorsjuden nie und nimmer gänzlich auszulöschen. Profeflor Ludwig Basrrizli (Heidelberg). Die russischen Hinrichtungen. Auch ein Jude zum Tode verurteilt. Tie sowjetrussische Negierung hat in den letzten Tagen eine größere Zahl angeblicher Gegenrevolnüonäre hinrichten lafien. Tu die völkische Prefie bereits, wie üblich, von dem „Blutrausch Sowjetjudäas" schreibt und die bedauerlichen Todesurteile, die auch verschiedene hohe Adlige und alte Offiziere betroffen haben, a!s „Ehristenpogrome" hinstellt, sei sestgestellt, daß sich unter den Hingerichteten auch e i n I u d e befindet. Die .jüdische Tclegraplzeu- Ägentur" (JTA) meldet darüber: _ „Unter den 20 Hingerichteten in Rußland befand sich auch S a l o - mon Gurewitsch, der ^ohn eines jüdischen Kaufmanns in Moskau. Es wird von ihm behauptet, daß er während einer Versammlung in Moskau einen Schuß auf den Kommissar B u ch a r i n abgegeben haben soll. Später versuchte Gurewitsch ein Attentat gegen Stalin und Nykow. Bei diesem Versuche wurde er gefaßt und saß einige Wochen im Gefängnis. Jetzt, aus Anlaß dcr neuen Attentate, wurde er ohne Urteil hingerichtet." Die Darmstädter Ticrschutztagurig. Am 9. und 10. Juni wurde in Darmstadt der 18. Reichsverbandstag des D^e u tfchc n Tierschutz Vereins abgchalten. Dabei stand auch die Schächtsrage zur Debatte. Für ein Schüchtverbot sprach der Münchener Universität^ Syndikus, Tr. Einbausen, im versöhnlichen Sinne der Beniner Pfarrer Hecker. Rabbiner Dr. Munk (Berlin) legte sieben ausführliche Gutachten erster Autoritäten zur Frage der betäubenden Wirkung des Cchächtschnittes vor. ^rie äußern sich in genau der gleichen fchächtfreundlichen Weife wie die früheren zahlreichen Acußerungen weltbekannter medizinischer Fachleute. Rabbiner Tr. Horovitz (Frankfurt a. M.l führte in sehr eindrucksvoller Form entscheidende Beweggründe gegen ein Schächtverbvt an. Trotz eines Vermittlungsvorschlages des Obcrschulrates Jung (Darmstadt) blieb es bei der Frage: Ja oder nein? Ter Antrag: „Der Vorstand des Tierschutzvereins soll beauftragt werden, alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um im deutschen Reiche die Betäubung aller Schlachttiere zu erreichen", wurde schließlich mit 79 gegen 7 Stimmen angenommen. Wir behalten uns vor, auf diese Tagung noch zurückzukommen.