Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- Seite 50 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Wilhelm Herzbergs 100. Geburtstag. SV. Januar 1927. „Wenn Sie glauben, das; <Bk einen Mann, der bislang von einer staatlichen Stellung cmsgejchloyen wurde, nur weit er den Glauben seiner Baker nicht verleugnen wollte und durfte, in Ihren Diensten verwenden lönnen, so bitte ich, über mich zu verfügen." So schrieb Wilhelm Herzberg an den deutschen Konsul in Jerusalem, v. Münchhausen, als er im April 1878 durch die Ungunst der Verhältnisse seine Stellung als Direktor der Ackerbauschule Mikweh- Israel bei Jaffa verloren hatte. Herzberg. am 30. Januar 1827 in Stettin geboren, hatte nach Beendigung seiner Universitätsstudien eine Oberlehrersteüe am Gymnasium in Bromberg erhalten. Als cs sich aber um eine endgültige Anstellung handelte, ward ihm der Bescheid, daß er sich taufen lassen müßte. Herzberg kehrte nach Berlin Zurück und widmete sich dem Studium der jüdischen Literatur und Geschichte. Dazu hatte er in Berlin in den fünfziger Jahren reichlich Gelegenheit; denn Michael Sachs hatte die Schönheit der hebräischen Poesie auch denen zugänglich gemacht, die nicht an der Quelle studieren konnten, und Leopold Z u n-z hatte aus dem „Mabbul" (Sintflut) des Kultur- Vereins die Wissenschaft des Judentums gerettet. Diese Studien hat Herzberg in Hamburg fortgesetzt. In Hamburg entstand sein Buch üdische Fainilienpapiere" oder „Die Briese eines Missionars". Was Herzbergs „Jüdische Familienpapiere" auszeichnet, ist, daß sie im Gegensatz zu den Verteidigungsschriften, an denen die Generationen seit der Mendelssohnschcu Zeit reich sind, die Vorzüge und Ueberlegenheit des Judentums dartuu. Er geht von der Verteidigung seiner Zeitgenopen und Vorgänger zum Angriff über. Ebenso wie Moses Mendelssohn, sieht er das Wesen des Judentums im Tun, im Leben, in der Religion. Wie Hellas seine künstlerische Idee, so hat Israel seine Gottesidee in seinem Leben ausgeprägt. In den Familienpapieren werden in 29 Briefen die Erlebnisse eines Missionars erzählt. Samuel, so heißt der Missionar, hatte als fünfjähriger Knabe seine Eltern in einer Provinzstadt in England an einer Seuche verloren. Ein englischer Edelmann ließ der Waise eine sorgfältige ch r i st - liche Erziehung angedeihen. Er ließ Samuel Hebräisch studieren und ihn mit allen Kenntnissen ausrüsten, die ihn befähigen sollten, Missionar seiner Stammesgenossen zu werden. 25 Jahre alt, begibt sich Samuel nach Deutschland in das Haus seines Onkels, des gelehrten Rabbi Nachman. Er gibt sich als der Brudersohn zu erkennen, verschweigt aber, in welcher Absicht er gekommen ist. Das Leben im Hause seines Onkels, der Wohltätigkeitsnuu und die moralische Einstellung geben ihm zu denken. Er null seine Missionsarbeit zunächst an dem jüngsten ^ohu des Rabbi Nachman, dem achtzehnjährigen Benjamin, versuchen. Aber selbst der.aufgeklärte Benjamin, der sich in die alten Formen nicht mehr fügen will, macht sich die christliche Lehre nur soweit zunutze, als er seine Liebe zu einer Schauspielerin dadurch zu rechtfertigen glaubt. Rabbi Nachman hat den Kummer bereits erlebtt den älteren Sohn Simeon, den es nach einer staatlichen Stelle und nach Wohlstand verlangte, durch Abfall zu verlieren. Er würde es nicht überleben, wenn der zweite Sohn den gleichen Weg ginge. Nun kommt der dramattsche Höhepunkt der Erzählung. Rabbi Nachman erscheint im Hause der Schauspielerin. Sie ist tief ergriffen von der Erscheinung und der Rede des alten Rabbi. Er will nur die Erinnerung des letzten Abschieds, die letzten Worte seines verlorenen Sohnes mit nach Hause nehmen. Und Julia, die Schauspielerin, entscheidet: Niemals, ehrwürdiger Vater, werde ich den zweifelhaften Gewinn meiner Freuden mit dem sicheren Bewußtsein erkaufen, ein edles Haupt für inuner gebeugt zu haben. Benjamin kehrt in das väterliche Haus zurück und auch Simeon findet in der Verzeihung des Vaters den Seelenfrieden wieder. Samuel aber, der Missionar, hat eine tiefe Neigung zu seiner Base Rahel gefaßt. Er will in Zukunft für seine Brüder wirken; anders aber, als er sich vorgenommen hatte. Er will ihnen die Angen offnen über ihr herrliches jüdisch-religiöses Besitztum. Das Buch, das heute im Buchhandel vergriffen ist, wurde im Jahre 1866 in Hamburg unter dem Pseudonym Gustav M ein* Hardt herausgegeben. In die Oeffentlichkeit kam es erst 1872. David Kaufmann soll der erste gewesen sein, der auf das Buch aufmerksam machte. Zacharias Frankel und Grntz nannten es den deutschen „Kusari", Smolenski das Hohe Lied des Judentums. Es'hat einige Zeit gedauert, bis man den wahren Verfasser aus seinem bescheidenen Versteck hervorgeholt hatte. Auf den Vorschlag von Grätz nahm er 1877 die Stelle eines Direktors der Ackerbauschule dli^welr-Israe; bei Jaffa au, mußte sie aber schon nach einem Jahr Tätigkeit aufgeben. Er bewirbt sich in dem eingangs wiedergegebenen Briese um eine Anstellung im Jerusalemer Konsulat. Aber inzwischen stellten Freunde von ihm und Freunde des Heiligen Landes Mittel zur Erziehung von Waisenkindern aus den Geldern des neugegründeten „Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" ihm zur Verfügung. Er siedelte mit seiner Familie nach Jerusalem über. .Herzbergs Reise im Jahre 1336'87 nach Europa hatte den Erfolg, daß die Zahl der Zöglinge im Waisenhaus, in welchem auch seine Frau hingebungsvoll wirkte, erhöht werden konnte. Meine erste Begegnung mit Wilhelm Herzberg war in: Februar 1887 im Hause von Henry Franklin in London. Dort hatte er verschiedene Desprechnugen über die Gestaltung der Jerusalemer Schute. Die Derschmelzung der kleinen Waisenhausschule mit der alten Lämel- Stiftung war durch die wirksame Unterstützung des hervorragen, den Frankfurter Rabbiners Dr. Marens Horovitz gesichert. Die Lämel-Schule sollte ihre Wiederauferstehung feiern. Herzbergs Abreise aus Palästina im April 1891 hinterließ eine Lücke, denn wir alle standen dem seinsinnigen Denker, Dichter und Gelehrten, nahe. Der Kreis der Intellektuellen, welche sich um ihn scharten, umfaßte Adelmann, Pines, Frumkin, Luucz, Ben Jchuda. Jawitz. Die Lauterkeit seines Charakters, der Ernst seines Willens, seine Selbstlosigkeit und Vornehmheit seines Wesens verfehlten nicht, ihren wohltuenden Einfluß auf die weitesten Kreise auszuüben. Anläßlich seines 70. Geburtstages, den er am 30. Januar 1897 in Brühe! beging, wo er seit 1891 feinen Wohnsitz hatte, beschloß die Jerusalemer Lage Bnc Brith die Herausgabe der „I ü d i f cf) c n Familien- Papiere" in hebräischer Sprache. Tie von Pines begonnene Arbeit wurde von Brainin vollendet. Eine englische Uebersetzung von Perera Mendes erschien bereits in den achtziger Jahren. Herzberg verstarb am 20. April 1897 in Brüssel, wo seine 76jährige Witwe noch heute lebt. Sie hat während 27 Jahren dem edlen Manne in geradezu aufopfernder Hingabe zur Seite gestanden. Ephraim Cohn - Reiß. Das Iuöentum in öer Musik. Von Adam Nöder (Karlsruhe). Tiefen ausfälligen historisch gewordenen Titel trügt ein merkwürdiges Buch von Heinrich Berl, einem jungen Schriftsteller, der auf allerhand Seitenpsaden der Belletristik zur Geltung zu kommen sucht. Eineu solchen SeiteuPfad wandelt auch die vorliegende Schrift, in der der Berfaper sich zu zweierlei Auffassungen bekennt: zum Hyper- Erpressionismus in der Musik mit seinem Fanatismus gegen die Harmonie der Klassik und zu der zweiten Anschauung, die uns hier besonders interessieren soll, daß dem Judentum nur im Blut und in der Raffe verhaftete Musikanschauung erhärtet sei. die ans asiatischem Weltgefühl geboren werde. Dieses Jüdisch-Asiatische sieht Berl in der Melodie und in einer PolyPhonie. die im anarchischen Tonbild der Schönbergschen Musik gipfelt. Grundthema ist der „Klang", wie ihn Paul Becker in seiner bekannten Musiktheorie zum Ausgangspunkt hypermodernster Musikästhetik gemacht hat. Paul Becker ist darum auch das Berlsche Buch gewidmet. Wir haben in der letzten Zeit an allerhand Munkanarchischem viel erlebt: die „Philosophie der Musik" von Ernst Bloch und das „Schicksal der Musik" von Wolf und Petersen, von vielen anderen Schriften minderen Grades abgesehen. Unsere Zeit ist eben nicht nur in ihrem Denken, fast noch mehr in ihrem Gefühl zersetzt, pessimistisch. skeptisch, anarchisch; so kann es nicht wundern, daß wir auch in der Musik die „Umwertung aller Werte" erleben, um so weniger erstaunlich, da wir gerade auf musikalischem Gebiet den Mangel schöpferischer Gestaltung feststellerr müsien. Solche Epochen künstlerischer Sterilität sind immer mit philosophischen Streifzügen ins Dickicht des Pessimismus und der ästhetischen Verzweiflung verknüpft. . Je größer der Mangel an schöpferischer Originalität, desto „geistreicher" und „tiefer" die Kritik, desto schärfer die Analyse, desto brünstiger der Schrei nach Reform, desto größer und brutaler die Respektlosigkeit vor der Tradition. Bernhard Diebold hat kürzlich in seiner „Frankfurter Zeitung" das köstliche Wort geprägt, daß die deutsche Moderne wahre Genies der Respektlosigkeit hervorgebracht habe, im Dichten freilich merke man von den Genies nichts. Es ist hier nicht der Ort, auf diese Erscheinungen, die die j ü d i s ch e W e l t an sich im b. ö ch st e n Grade interessieren und au denen sie aus die Tauer nicht Vorbeigehen kann, ohne Stellung zu nehmen, speziell und ausführlich eiuzugchen. Aber gestreift müssen sie doch werden, weil sonst das Thema Berks gar nicht zu verstehen ist. Dieses Thema, das Heinrich Berl in seiner Schrift behandelt, ist eben ein Teil jener hypermodernistischen Skepsis, die. immer neu aufwühlend, nach neuen Wundmalen unserer' abendländischen Kultur sucht, auch vor der gewagtesten und abwegigsten Hypothese des Revolutionären und Zersetzenden nicht zurückscheut. Nach dieser Auffassung ist das, was wir im Abendland seit Zweitausend Jahren Musik nennen, dem Untergang verfallen. Als Friedrich N i e tz sch e in den Vorstudien der Gchirnparalyse die Entdeckung machte, daß lediglich unser Intellekt Tiefe und Bedeutung in die Musik h i n e i n g e l e g i habe, au sich sei Musik weder tief noch bedeutungsvoll, fornmlicrte er das Thema, nach welchem seit drei Jahrzehnten der Untergang der traditionellen Musik vorausgesagt wird. Vertreten Wolf und Petersei; die Auffassung. daß die Musik überhaupt verschwände, weil sie keine Position der Intelligenz sei, so sehen die Neueren, soweit sie dem F a ch angehören, die Zukunft der Musik in einer ins Ungeheuerliche gesteigerten Polyphonie jenseits des Melodischen und Harmonischen, auf einem Gebiet, auf dem der metaphysische Klang an sich, zu neuen und gewaltigen Rhythmen geformt, eine neue Welt des Ausdrucks schasst. Das wäre — soweit das mit zwei Worten gesagt werden kann — die Paul Beckersche Aesthctik des Klangs in der neuen Musik, zu der Mahler und Schreker unbewußt, Hindemith itnb Schönberg bewußt die Wege ebnen. Ich bin zwar überzeugt, daß der „geneigte Leser" die ^ache nicht verstanden hat — sie ist ja im Grunde auch nicht zu verstehen —,