Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-01-28 · 4 (28.1.1927) · p. Seite 49

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
4 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
Seite 49 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277733--03444-2283961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

49 Sie Men in der Wohlfahrtspflege. Von Dr. rer. pol. A. Irrst, Psarrerin Breslau. Tie Beteiligung der jüdischen Bevölkerung an den Wohlfahrts- Bestrebungen des deutschen Volkes ist seit Jahrzehnten man kann fast sagen seit Jahrhunderten — allgemein bekannt und bedarf keines besonderen Nachweises. Die jüdische Religion lehrt die Pflicht der Hilfe für den in Not befindlichen Bruder. Es ist daher bedauerlich/daß auch dieses Gebiet vor Verdächtigungen und Angriffen der antijüdischen Kreise nicht verschont geblieben ist, und es kann den Deurteilern der deutschen Wohlfahrtspflege nicht erspart bleiben, die Stellung der Juden innerhalb der deutschen Wohlfahrt einmal näher zu beleuchten. Bis vor ganz kurzer Zeit war die Wohlfahrtspflege eine Betätigung und ein Liebesdienst der Begüterten für die in Not geratenen Mitmenschen; die Mithilfe aus diesem Gebiet seitens der weniger Begüterten war nur in Ausnahmefällen zu finden. Die neuere Zeit hat die Mitarbeit auch der einsichtigen Kreise der minderbemittelten Bevölkerung herbeigesührt. Aus den früheren Zuständen erklärt es sich, das; wir unter den Helfern der früheren Armendirektionen und der jetzigen Wohlfahrtsämter einen erheblichcn Prozentsatz Juden finden; denn diese waren vielfach in den Kommunen die Begüterten und fühlten als solche die Verpflichtung zur Unterstützung ihrer Mitmenschen. Dazu faim daß die jüdische Bevölkerung auch zumeist zu den Gebildeten der Geiamteinwohnerschaft gehörte und ihre Glieder dafür befähigt waren, anderen als Führer und Helfer zu dienen. Es ist nun die Frage, ob dieser Zustand in der Gegenwart als bedauerlich oder gar als gefährlich empfunden werden muß. seitens der deutschvölkischen Kreise wird die Befürchtung ausgesprochen, daß die Tätigkeit der jüdischen Helfer im Dienste der öffentlichen Wohlfahrt zu einer Beeinflussung bestimmter Volksschichten im jüdischen Sinne führen, ja sogar absichtlich benützt werden könne und deshalb unerwünscht sei. Auch wird seitens der Konfessionellen Kreise der christlichen Kirchen die Betätigung der jüdischen Mitbürger unter den armen Familien der betreffenden Retigionsgemcinschaften vielfach nicht gern gesehen, da man dadurch Störungen der deutsch-seelsorgerlichen Arbeit der Gemeinden befürchtet. Ter Besorgnis der deurschvöltischen Kreise dürfte irgendwelches Gewicht nicht beizulegen sein, da eine Beeinflussung der Wohlfahrtspsleglinge im jüdischen Geiste kaum erstrebt wird und sicher nicht erreichbar ist. Die Abneigung der konfessionellen Kreise hat ein Recht überall da, wo es sich um seelsoraertiche oder erzieherische Aufgaben handelt. Es wird daher die Betätigung jüdischer Helfer z. B. auf dem Gebiete der Jugendwohlfahrt, in evangelischen" oder katholischen Familien nach Möglichkeit zu vermeiden sein. Einsichtige ^jüdische Mitarbeiter habcnr das auch bisher schon selbst unterlaßen. Diese kleine Beschränkung des Tätigkeitsfeldes der jüdischen» Mitbürger dürste auch erträglich sein, da lwch genug Arbeitsgebiete sich den jüdischen Männern und Frauen, ofsenhalien. Auf der anderen Seite würde aber ein Fernbleiben der jüdischen Helfer als eine Beeinträchtigung und Verarmung der allgemeinen deutschen Wohlfahrtspflege anzusehen sein. Tie besonderen Gaben der Juden, schnelle Orientierung und klarer BIrck, sind gerade in der Gegenwart aus dem Gebiet der Wohlfahrtspflege sehr wertvoll. Tie Ermittlungen der jüdischen Helfer sind zumeist gut und fördern fast immer die Gescnntlage der bedürftigen Personen. Dazu kommt, daß die große Zahl der zur Wohlfahrtsarbeit willigen jüdischen Männer und Frauen ber ihrem Ausfall in der Schar der Mitarbeiter eine sehr große Lücke reißen würde. In vielen Orten würden die christlichen Konfessionen nicht in der Lage sein, diese Lücken auszufüllen und die genügende Anzahl bou Mitarbeitern zu stellen. Infolgedessen wird die Mitarbeit der jüdischen Kreise unentbehrlich sein. Dabei ist zu bemerken, daß auch die Synagogengemeinden in der Gegenwart ein sehr lebhaftes Interesse auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege bekunden und in ihren Kreisen eigene Wohlfahrtsämter eingerichtet habeil, durch die sie ihre Gemeindeglieder' schulen und für die großen Aufgaben der öffentlichen Wohlfahrtspflege gründlich vorbereiten können. Tie Not der Zeit gestattet nicht den Lurns, daß die öffentliche Wohlfahrtspflege auf so gründlich und zweckmäßig vorbereitete Mitarbeiter verzichtet. Die jüdischen Helfer stammen auch 311111 größeren Teil aus geschäftlichen oder industriellen Kreisen, was gerade bei ihrer Betätigung in der Wohlfahrtspslege einen besonderen Vorteil bietet. Einmal ist die Kenntnis der augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnisse sehr nützlich und fast unentbehrlich bei der Beurteilung der Notlage einer Familie und kann sehr oft zu einer wirksamen Hilfe -und Wicderaufrichtnng der sozialen Verhältnisse der Pfleglinge führen; sodann aber ist ja doch auch die Kernfrage aller Wohlfahrtspflege oft die Bereitstellung von Arbeit, und durch die Beziehungen der jüdischen Pfleger zu Handel und Industrie ist schon in vielen Fällen manchem Bedürftigen eine Arbeitsstelle zugewiesen worden. Endlich soll auch hier ganz offen mit Tank und Anerkennung ausgesprochen werden, daß die wohlhabenden jüdischen Kreise ihre Mitarbeit nie ohne eigene persönliche Opfer leisten. Die Notlage, die sie bei ihrer Mitarbeit in der Wohlfahrtspflege sehen, bewegt ihr Herz, und bei der meist außerordentlichen Knappheit der öffentlichen Mittel wird von den. Helfern sehr oft mit Opfern aus eigener Kasse ausgeholsen. Ter Oberbürgermeister von Breslau hat es erst vor kurzem wieder öffentlich anerkannt, daß bei einer von ihm vor wenigen Jahren eingeleiteten Sammlung für die Winter Notstände in Breslau stch die Kreise der jüdischem Logen als die opferwilligsten und hilfsbereitesten erwiesen haben. Das verarmte Deutschland kann es sich nicht leisten, die Mittel jüdischer Mitbürger dadurch zu verlieren. daß man ihre tatkräftige und bisher segensreiche Tätigkeit auf dem WvhGahrtsgebiete zurückweist und lahmlegt. Es kann nur der Ausfluß eines unverständigen Fanatismus sein, wenn auch auf das Gebiet der Wohlfahrtspflege Rassenhaß und Beligionsfeindsthaft verpflanz: werden. Gerade die Linderung und Abstellung der Nöte unserer Mitmenschen erscheint als ein Gebiet, auf dem die gemeinsame Arbeit aller Kreise möglich und unentbehrlich ist. Die versöhnende Liebe, die wir selbst haben müssen, um anderen Helsen zu tonnen, darf sich nicht nur den Bedürftigen zuwenden, sondern muß auch einmal ein Band der Gemeinschaft unter den Helfern selbst knüpfen. Bei gegenseitiger Achtung und bei freundlicher Berücksichtigung der berechtigten Einsprüche ist eine gemeinsame Arbeit durchaus möglich, und wir dürren hoffen, daß der deutschen Wohlfahrtspslege auch fernerhin dir Mitarbeit der jüdischen Mitbürger erhalten bleiben wird. Lucien Wolf. X Au seinem 70. Geburtstage. Engländer, Jude, Politiker, Schriftsteller, Journalist und siebenzig Jahre dazu — das ist heute Lucien Wolf; dabei aktiv, wie ein langes Leben hindurch, vorsichtig, klug und energisch; eine Gestalt gleich charakteristisch für englische Verhältnisse wie für das Judentum in England. Bis zum Rande der Neuzeit gab es Hofjuden; jüdische Menschen, die als Aerzte oder als wirtschaftliche Berater, sei es von Königen und Fürsten oder doch von mächtigen Persönlichkeiten, im Staate durch unmittelbare Einwirkung auf diese einzelnen Individuen für sich eine besondere, ganz eigenartige Stellung erworben hatten und diese Stellung alsdann benutzten — wenn sie Egoisten waren —. um für sich selbst Vorteile zu erringen, und wenn sie edel beonlagte Menschen waren, um die Lage der Gesamtheit ihrer Glaubensgenossen, die nom von der mittelalterlichen Gesetzgebung und von den mittelalterlichen Vorurteilen eingeengt und bedrückt waren, zu erleichtern, zu verbessern, wenigstens sür^ den Augenblick. Als die Schranken des barbarischen Mittelalters gefallen waren, verschwanden naturgemäß auch diese jüdischen Gestalten, die ein Erzeugnis unfreier Zeiten gewesen waren, und an ihre stelle trat der jüdische Politiker, der jüdische politische Schriftsteller, der die allgemeine Politik seines Landes zu beeinslusien suchte, und der, soweit es nötig war. auch die öffentlichen Jnteresien feiner Glaubensgenossen verteidigte und für die völlig durchgeführte Gleichberechtigung der Juden kämpfte. Diesen Typus des neuzeitlichen jüdischen Schriftstellers und Politikers gibt es überall in der Wett, wo es Juden gibt, und eine der ausgezeichnetsten Einzelpersönlichkeiten dieser Art ist Lucien Wolf, der heute die Siebenzig überschritten hat. Aus dem demütigen Hrxjuden der Vergangenheit ist der weitblickende, aufrechte jüdische Politiker unserer Tage geworden, der den Zusammenhang. erkannt hat zrvischen der allgemeinen Gleichheit vor dem Gesetz und dem allgemeinen Fortschritt und Aufstieg der Gesamtheit der Menschen.- In diese Kategorie von jüdischen Schriftstellern und Politikern gehört auch Lucien 'Wolf, ein englischer Politiker, der sein Land liebt und ein eifriger Jude ist, der gegen eine Versklavung der Juden in seinem Lande nicht zu kämpfen braucht, und der daher die ^unuiic seiner Kräfte der Hilfe kür Juden in fremden, meist barbarischen oder doch halbbarbarischen Ländern zuzuwenden in der Lage ist. Lucien Wolf hat das ein langes Leben hindurch getan in engster Fühlung mit den politischen Kreisen seines Landes und. wo es nötig gewesen, in engster Fühlung mit seinen Glaubensgenossen im Ausland. Bei kontinentalen Antisemiten wird aus solchen Tatsachen die internationale Verknüpämg des Judentums hergeleitet. Gewiß, die besteht für alle humanitären Aufgaben und nur für diese — und solche Verknüpfung besteht natürlich auch für Kat hol i k e n und P r 0 t e st a n t e n und für alle Kulturmenschen, rvemr irgendwo Teile der Menschheit von einem großen Unglück betroffen sind. Es gibt eine Solidarität der Kulturwelt — glücklicherweise — bei gewaltigen Schicksalsschlägen, die die Menschheit treffen; eine Institution für solche Ausgaben ist das Rote Kreuz; solche Institutionen haben Katholiken, Protestanten, Juden, und wenn solche humanitäre Hilfe der Menschen für Menschen, die über die Grenzen hinwegreicht, von den Antisemiten verdammt wird, um so schlimmer für die — Antisemiten, die freilich auch über die Grenzen himveg sich zu organisieren suchen, gewiß nicht zu Zwecken des menschlichen Wohlbefindens, wohl aber zu Zwecken der Untermiuierung allgemein menschlichen Zusammenwirkens. -Tcufelswerk und Himmelswerk durchziehen die gesamte Schöpfung. Zu den klugen, aufopfernden und erfolgreichen Mitarbeitern am Bau einer besseren Welt gehört auch Lucien Wolf, der Siebzigjährige; als einem Juden gehörte seine segensvolle Tätigkeit vor allem den Juden, aber nicht diesen allein. Mag ein gütiges Geschick diesem bejahrten Manne noch lange gestatten, daran hingebungsvoll und tlug zu arbeiten, daß die Welt immer menschlicher werde für alle, und so auch für die Juden. Paul Nathan.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.