Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 2 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- Seite 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 14. Januar 19 VL Jahrgang ❖ Nr. WNM WNMiWk >J MWWSMWMSR Werttljahrsabonnement 1,20 NM. (zuzügl. Bestellgeld). Einzelnummer 10 Pfennig Verlag u. Cchriftleitung: Berlin SW G8, ßinöcnftc. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,35-5. PostscheckkonLo: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Dank, Wechselstube 6, Berlin 68. Lindenstr. 7, und von GoldschmidL-Rothschild L Lo., Berlin 8. , , . .. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mope. Berlin 8lV 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 6,50 JZJi für die lgespaltene Zerle nach Rudolf Moprs Nornalzeilenmeffer Nr. 4, Familienanzeigrn und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 0,45 die 96 mm breite Neklamezeile 4,80 31-M. msm Ein Beitrag zur mnerjüdischen Befriedung / Bon Dr. Felix Goldmann (Leipzig). Die Entgiftung des Politischen Kampfes kann unmöglich eine Entscheidung des bloßen Willens sein, denn Noch so gute Absichten werden nach kurzem Anlauf unweigerlich von der Macht der Tatsachen des Alltags Vernichter. Nur wenn dem Willen durch eine tiefere Einsicht in das Wesen der Differenzen eine kräftige Unterstützung zuteil wird, kann er Positive Arbeit im Interesse des Friedens leisten. Für wesentlich halte ich in den uns berührenden Fragen die Erkenntnis, daß man i n D e u L s ch l a n d den Zionismus ganz anders aussaßt, als es vor allem in Amerika geschieht, und daß es sich so erklärt, wenn man in nichtdeutschen Ländern von der Heftigkeit und Gehässigkeit der innerjüdischen Kämpfe unseres engen Kulturkreises nichts weiß. Und im Anschluß an persönliche Erfahrungen will ich dieser Sonderfrage des Eesamtproblems nähertreten. Den liberalen Weltkongreß, der im Juli in London abgehalten wurde, seinem Gegenstand nach in diesen Blättern zu bewerten, geht nicht an. Der Eentratverem, der bewußte Juden jeder religiösen Schattierung umfaßt, kümmert sich um die innere Entwicklung der einzelnen Parteien nicht. Er betont nur, was sie alle an Kräften und Hoffnungen eint. Wohl aber hat das Zusammentreffen von Juden aus den beiden großen jüdischen Zentren, die Ausgangspunkte und stete Förderer aller modernen jüdischen Arbeit sind, aus Amerika und Deutschland, den Delegierten Gelegenheit gegeben, aus lebendiger Anschauung bestätigt zu finden, was sie theoretisch durch das Studium von Büchern und Zeitungen nur unvollkommen erfaßt hatten. Und so ist den deutschen Vertretern insbesondere der Einblick in das Wesen der amerikanischen Zionisten und des amerikanischen Z i o n i s m u s von höchster Bedeutung gewesen. Die Unterschiede zwischen den amerikanischen Anschauungen und den deutschen sind so grundlegend, das daraus entspringende Verhältnis von Zionisten zu Nichtzionisten ist in beiden Ländern so absolut anders, daß eine Betrachtung auch an dieser Stelle nicht ohne Nutzen sein wird. Der amerikanische Liberalismus ist mit dem deutschen nicht zu vergleichen. Dieser würde mit seinem ausgeprägten historischen Sinn, seinem in der Hauptsache hebräischen Gottesdienste, der im Prinzip bejahenden Stellung zum Zereinonialgesetz drüben als beinahe orthodor gelten. Und es war mm zunächst für deutsche Anschauungen seltsam, daß die eifrigsten Zionisten, wie Stephen Wise, religiös einen Standpunkt Dertraten, gegen den die Berliner Reformgemeinde noch konservativ erscheint. Und ich erinnerte mich, daß ein hervorragender Berliner Zionistenfuhrer sich einst dahin ge« äußert hatte, die Reformgemeinde sei eine „abgesplitterte Sekte" (!). Der amerikanische Zionist ist in allen religiösen Parteien, er ist nicht nur orthodox, sondern auch liberal oder reformiert, und die Religion scheidet aus dem politischen Kampfe vollkommen aus. In Deutschland glaubt der Zionist, mag er persönlich religiös indifferent oder extrem fortschrittlich' sein, allemal der berufene Vertreter konservativer oder orthodoxer Forderungen zu sein, auch wo sie ihm ^nichts bedeuten, und er macht die religiösen Werte dadurch zu Teilen der Politik. Auch in den Kreisen der ernsten Orthodoxie empfandet man das Unbehagliche dieser Situation: denn sie hat dazu geführt, daß Natiönaljudentum und die gesetzestreue Richtung, so sehr sie sich innerlich unterscheiden, oft identifiziert werden. Wie anders man jenseits des Ozeans denkt, hat ' die Angelegenheit des Rabbiners W i s e bewiesen, der bekanntlich von der Kanzel herab die Juden ausforderte, den Stifter des Christentums besser zu würdigen und in ihm ein sittliches Vorbild zu sehen! Ter Zionist Wise ist von seinen amerikanischen Gesinnungsgenossen nicht angegriffen worden (von den deutschen übrigens aus guter Kameradschaft auch nicht). Ter Zionismus hat eben dort mit der religiösen Anschauung nichts zu tun. Mit gelindem Grausen aber denke ich daran, welch ein Orkan durch den deutschen zionistischen Blätterwald gerast wäre, wenn ein deutscher liberaler Rabbiner sich eine derartige Geschmacklosigkeit, um kein stärkeres Wort zu gebrauchen, geleistet hätte. Ter amerikanische Zionist denkt gar nicht daran, die Stellung des einzelnen zur Religion zu überwachen und bewerten, und ebensowenig hat er auch die O st j n d e n s r a g e in den Kampf der Meinungen hineinbezogen. Weder begegnet man der in deutschen nationaljüdischen Kreisen üblichen Verherrlichung alles Ostjüdischen, die es gewissermaßen zum Normaltypus des Judentums stempeln will, noch stößt man aus den Gedanken, daß die kulturelle Eigenart des eingcwanderten Lstjuden geschützt und erhalten werden müsse. Schon aus der Kampsesstellung, die der Hebraismus in Palästina dem „Jiddischismus" gegenüber einnimmt — in Tel Awiv gewährt man der ostjüdischen Kultur bestimmt nicht die Rechte, die man in Berlin für sie verlangt —, weiß man, daß diese Erscheinung keineswegs ein Bestandteil der allgemeinen nationaljüdischen Politik ist. 'Amerika beweist, daß sie sogar nur Deutschland eigentümlich ist. Tort drängt auch der Zionist auf Küliurassinnlation, uni> der Gedanke, daß mau deshalb ein besserer Jude sei, weil man ostjüdischer Abstammung ist und an seiner ostjüdischen Kultur festznhalten sich bemüht, würde auch in nationaljüdischen Kreisen als verkehrt Aus dem Znhult: LLLL" - I»r. jur. I. £<»»>: Johann Jacob:, alö Jude. — Dr. Alfred ©cid (Andernach): Der bcntralverein im Rheinland voran'. — B. 23. Segel: Achad Haain. — Ludwig Holländer: Reue Bücher.