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Central-Verein-Zeitung · 1926-10-22 · 43 (22.10.1926) · p. Seite 565

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
43 (22.10.1926)
Date
1926-10-22
Page
Seite 565 (sequence 9)
Language
German
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565 Eröffnung der Freien Jüdischen Volkshochschule. Am 10. Oktober Sand im Vortragssaal der Synagoge Fasanenstraße, Berlin, die Eröffnungseier des neuen Semesters der Freien Jüdischen Volkshochschule statt, bei der ler Vorsitzende, Prediger Dr. Lehmann, in seiner Begrüßungsansprache auf die Daseinsberechtigung und Dafeinsnotwendigkeit der Freien Jüdischen Volkshochschule hinwies. Diese beruht zunächst darauf, daß sie Kenntnisse ver- Mittelt auf Gebieten, die von anderen Lehranstalten, hohen wie niedrigen, nicht berücksichtigt werden, aber von größter Bedeutung für die Erhaltung des Judentums sind. Ihre Daseinsberechtigung beruht aber weiter auf der jüdischen Tradition. Stets war die Lehre die Grundlage der jüdischen Gemeinschaft, und neben Lehranstalten für die Jugend bestand immer die Lehranstalt für die Erwachsenen, bas Beth hamidrasch. Die Lehre hat das Judentum in kritischen Zeiten erhalten. Als der Tempel in Jerusalem hinsank, erhoben sich die Lehryäuser in Iabne, Uscha und T i b e r t a s. Als vor hundert Jahren eine Renaissance des Judentums begann, folgte auf die Neuordnung des Gottesdienstes und des Wohlfahrtswesens auch die Neuordung der Bildungsstätten. Es wurden Rabbinerseminare errichtet, es entstand m der Akademie eine rchungsstätte für die Wissenschaft des Judentums. Als letztes Glied folgte Freie Jüdische Volkshochschule als wahre Volksbildungsstätte. Hier haben wir ein Gebiet, auf dem die gesamte Judenheit ohne Unterschied der Pmrteirichtung sich zu segensreicher Arbeit für das Judentum zusammenfindet. Kampfflieger Paul Künstler (Mannheim) ist infolge eines Unglücksfalles, 31 Jahre alt, aus dem Leben geschieden. Bei Ausbruch des Krieges tn England, glückte es ihm, mit dem letzten Schiff nach Deutschland abzufahren, wo er sich als Kriegsfreiwilliger zur Luftschifferabteilung meldete. Als im Juni 1915 das freiwillige Marinefliegerkorps gegründet wurde, ließ sich Paul Künstler zu dieser Abteilung versetzen, und durfte, als Bester des Kurses, den ersten Fernslug nach Hannover unternehmen. Nach einer weiteren kurzen Ausbildung als Führer für Wasserflugzeuge kam Künstler anfangs 1916 nach Flandern, wo er ununterbrochen bis Ende des Krieges als Kampfflieger tätig war und mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse ausgezeichnet wurde. Künstler scheute vor keiner Gefahr zurück und erhielt noch mehrere Auszeichnungen, darunter den Silbernen Becher von dem Chef der Flugzeugstreitkräfte, sowie die Go'kdene Tapferkeits- Medaille Badens, nachdem er neun Gegner besiegt hatte. Seiner Beförderung als Offizier stand trotz dieser Erfolge seine Zugehörigkeit zum Judentum hindernd im Wege; das Ansinnen seiner Vorgesetzten, sich taufen zu lassen, lehnte er entschieden ab. Groß war die Fahl derer, welche ihm die letzte Ehre erwiesen; die Nachrufe der verschiedenen Vereine gaben Zeugnis von der großen Beliebtheit dieses tatkräftigen jungen Menschen, der in der Ortsgruppe Mannheim des Neichsbundes jüdischer Frontsoldaten hervorragend tätig war. An der Bahre legte auch der ehemalige Chefarzt der Martneluftstreitkräfte in Flandern ein ehrendes Zeugnis für die treue und aufrichtige Kameradschaft ab, die der so früh Verstorbene mit den anderen Fliegern unterlM-t, und hob besonders feine Tapferkeit und Anerschrockenheit hervor. Zwei Siebzigjährige. yuftizrat Eugen Lustig (Gleiwitz). Unter Anteilnahme weitester Kreise der Bürgerschaft feierte der Ehrenbürger der Stadt Gleiwitz, Justizrat Eugen Lustig, der Vater des zweiten Vorsitzenden unseres Landesverbandes Oberschlesien, Rechtsanwalts Dr. Lustig (Gleiwitz), vor kurzem seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, der lange Jahre Mitglied des Ortsgruppen- Vorstandes des C. V. in Gleiwitz war, hat sich durch sein Lebenswerk die höchste Verehrung nicht nur der jüdischen Bevölkerung, sondern ebenso seiner christlichen Mitbürger zu erringen gewußt. Viele Jahre Stadtverordneter von Gleiwitz und Stadtverordnetenvorsteher, Mitglied des Kuratoriums der Oberrealschule, Abgeordneter im Prooinziallandtag, von 188si bis 1911 Mitglied des Jüdischen Repräsentantenkollegiums, in der Abstimmungszeit deutscher Vertreter im paritätischen Ausschuß, Ehrenmitglied des Kriegervereins u. a. m., hat Iustizrat Lustig Pflichterfüllung und Dienst am Allgemeinwohl unermüdlich ansgeübt. Wir wünschen dem verehrten Jubilar, dem, wie der „Oberschlesische Wanderer" schreibt, „vom echt deutschen Empfinden beeinflußten Manne" einen glücklichen Lebensabend, an dem es ihm vergönnt fein möge, weiter zum Segen der Menschheit zu wirken. Iustizrat Eugen Loewe in Löwen i. Schl., ein verdienstvolles führendes Mitglied unserer dortigen E. V.-Ortsgruppe, feierte kürzlich lernen 70. Geburtstag. Justizrat Loewe war mehrere Jahrzehnte hindurch Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Löwen, 40 Jahre Stadtverordneter, davon 20 Jahre Stadtverordnetenvorsteher, bis er vor zwei Jahren auf Betreiben der Deutschnationalen aus seinem Amte ausscheiden mußte. Auch im Krcisausschuß und Kreistage B r i e g war Iustizrat Loewe ein angesehenes Mitglied. Vor 30 Jabren gründete Justizrat Loewe den Männerturnverein in Löwen, der jetzt aus Anlaß seines 70. Geburtstages einen Fackelzug mit anschließendem Festkommers veranstaltete, an dem die Behörden der Stadt, Vertreter auswärtiger Turnvereine und des Gauturnrates des schlesischen Odergaues der Deutschen Turnerschaft teilnahmen. Justizrat Loewe hat durch sein Leben in hervorragender Weise für Deutschtum und Judentum gewirkt und zur Versöhnung aller Parteien und Konfessionen beigetragen. Wir wünschen dem verehrten Jubilar einen gesegneten Lebensabend. 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